[„Neue Rheinische Zeitung“ 
Nr.66 vom 5. August 1848] 
* Paris, 3. Asa: Wir ne vorgestern Proudhons Rede nur stückweise 
geben können. Wir werden jetzt in eine genaue Erörterung derselben ein- 
gehen.?°*] Herr Proudhon fängt damit an, zu erklären, daß die Februar- 
revolution weiter nichts sei als das Heraustreten des Sozialismus, der in 
allen folgenden Ereignissen, in allen folgenden Phasen dieser Revolution sich 
zur Geltung habe bringen wollen. 

„Ihr wollt mit dem Sozialismus fertig werden: nun gut, seht zu; ich will Euch hülf- 
reiche Hand dazu bieten. Der Erfolg des Sozialismus hängt keineswegs von einem 
einzelnen Manne ab; der gegenwärtige Kampf ist keineswegs ein Kampf zwischen mir 
und Herrn Thiers, sondern zwischen der Arbeit und den Privilegien.“ 

Statt dessen weist Herr Proudhon nach, dad Herr Thiers nur sein Privat- 
leben angegriffen und verleumdet habe. 

„Wenn wir uns auf dieses Terrain stellen, so sage ich zu Herrn T'hiers: Laßt uns 
beide beichten! Bekennt Eure Sünden, ich will die meinigen bekennen!“ 

Die Frage, um die es sich handle, sei die Revolution; das Finanzkomitee 
sehe die Revolution als ein zufälliges Ereignis, als eine Überraschung an, er, 
Proudhon, habe sie ernstlich genommen. Im Jahre 93 habe das Eigentum seine 
Schuld an die Republik bezahlt, indem es ein Drittel Steuer zahlte. Die 
Revolution von 48 müsse in einem „Proportionalitätsverhältnis“ bleiben. Die 
Feinde im Jahre 93 waren der Despotismus und das Ausland; im Jahre 48 
ist der Feind der Pauperismus. „Was i ist dies droit au travail“, das Recht auf 

Arbeit? 

„Wäre die Nachfrage nach Arbeit stärker als das Angebot, so brauchte man keine 
Versprechungen von seiten des Staates. Aber das sei nicht der Fall; die Konsumtion 
ginge sehr schwach; die Magazine seien voll von Waren und die Armen nackt! Und 

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doch, welches Land ist geneigter zu konsumieren, als Frankreich? Gäbe man uns statt 
10 Millionen 100, d.h. 75 Francs]! per Kopf und per Tag, so würde man sie schon 
zu konsumieren wissen.“ (Heiterkeit im Saale.) 

Der Zinsfuß sei eine Grundursache des Ruins für das Volk. Die Errich- 

ng einer Nationalbank von zwei Milliarden, die ihr Geld ohne Interesse 

uelichn und den Gebrauch des Bodens und der en. gratis einräume, 
würde unendliche Vorteile gewähren. (Heftige Unterbrechung .) 

„Wenn wir daran halten werden (Gelächter), wenn der Fetischismus des Geldes 
durch den Realismus des Genusses verdrängt sein wird (neues Gelächter), dann exi- 
stiert die Garantie der Arbeit. Laßt den Zoll auf die Arbeitsinstrumente wegfallen, und 
Ihr seid gerettet. Diejenigen, weiche das Gegenteil sagen, mögen sie Girondins oder 
Montagnards heißen, sind keine Sozialisten, sind keine Republikaner (oh, oh!)... 
Entweder wird das Eigentum die Republik zu Boden schlagen, oder die Republik 
schlägt das Eigentum zu Boden.“ (Man ruft: Schluß) 

Herr Proudhon verwickelt sich nun in lange Entwickelungen über die 
Bedeutung des Zinses und wie der Zinsfuß auf Null reduziert werden könne. 
Solange er sich auf diesem ökonomischen Standpunkte hält, ist Herr Proudhon 
schwach, obgleich er in dieser Bourgeoiskammer unendlichen Skandal erregt. 
Wenn er aber, durch diesen Skandal gerade aufgeregt, sich auf den Standpunkt 
des Proletariers stellt, dann ist's, als geriet die Kammer in nervöse Zuckungen. 

„Meine Herren, mein Ideengang ist ein anderer als der Eurige; ich stehe auf einem 
anderen Standpunkte als Ihr! Die Liquidation der alten Gesellschaft ist den 24. Fe- 
bruar eröffnet worden zwischen der Bourgeoisie und der arbeitenden Klasse. Diese 
Liquidation wird auf heftigem oder auf friedlichem Wege zustande kommen. Alles 
hängt von der Einsicht der Bourgeoisie, von ihrem größern oder geringern Wider: 
stande ab.“ | 

Herr Proudhon geht nun auf die Elauterung seiner Idee „über die Ab- 
schaffung des Eigentums“ über. Er will das Eigentum nicht auf einmal, son- 
dern allmählich abschaffen, und deshalb habe er in seinem Journalel2°°! ge- 
sagt, daß die Grundrente ein freiwilliges Geschenk der Erde sei, das = Staat 
allmählich einziehen müsse. 

„Ich habe demnach einerseits der Bourgeoisie die Bedeutung der Februarrevo- 
lution denunziert, ich habe dem Eigentum aufgekündigt, damit es sich bereit halte zur 
. Liquidation, und die Eigentümer verantwortlich für ihre Weigerung gemacht würden.“ 

Donnerrollen von mehren Seiten: Wie verantwortlich? 

„Ich meine, wenn die Eigentümer nicht gutwillig liquidieren wollen, so werden wir 
zur Liquidation schreiten.“ 

1 Im Sitzungsprotokoll: 7 fr. 05 centimes 

On IonE Rede gegen Thiers : 307 

Mehrere Sn Wer, wir ? 2 Ä 
Andere Stimmen: Ins Narrenhaus nach ERER mit ihm. (F ee 
Aufregung; ein wahrer Sturm mit Donner und Windbrausen.) | 

„Wenn ich wir sage, so identifiziere ich mich mit dem Proletariat und Euch mit a 
Bourgeoisie!“ | 

Herr Proudhon geht sodann in eine Spezifizierung seines Steuersystems 
ein und wird wieder „wissenschaftlich“. Diese „Wissenschaft“, die jedesmal 
Proudhons schwache Seite war, wird gerade in dieser bornierten ne seine 
stärke Seite, indem sie ihm die Keckheit verleiht, mit seiner reinen, lautern 
„Wissenschaft“ die unreine Finanzwissenschaft des Herrn Thiers zu be- 
kämpfen. Herr Thiers hat seine praktisch-finanzielle Einsicht bewährt. Die 
Staatskasse hat unter seiner Verwaltung ab-, dafür sein Privatvermögen zu- 
genommen. 

Als die Kammer Proudhons weiterer Auseinandersetzung wenig Aufmerk- 
sarnkeit schenkt, erklärt er ihr geradezu, daß er noch wenigstens ?/, Stunden 
zu sprechen habe. Als die Kammer dann sich zum großen Teil anschicken 
wollte, fortzugehen, geht er wieder direkt auf Angriffe des Eigentums über. 

„Durch die alleinige F ebruarrevolution habt Ihr das Eigentum abgeschafft!" 

Man möchte sagen, daß der Schrecken die Leute auf ihren Sitzen gebannt 
hält, jedesmal wenn Proudhon ein Wort gegen den Besitz fallen läßt. 

„Indem Ihr in der Konstitution das Recht auf Arbeit anerkennt, habt Ihr die An- 
erkennung der Abschaffung des Eigentums ausgesprochen.“ 

. Larochejaquelein fragt, ob man das Recht zu stehlen habe. Andere Be 
tierten wollen Herrn Proudhon nicht fortfahren lassen. 

„Ihr könnt die Konsequenzen der faits accomplis“ (des Geschehenen) „nicht ver- 
nichten Wenn Schuldner und Pächter noch zahlen, so tun sie es, weil sie gerne wollen.“ 
(Furchtbares Getöse. Der Präsident ruft den Redner zur Ordnung: Jedermann sei ver- 
pflichtet, seine Schulden zu zahlen .) 
| „Ich sage nicht, daß die Schuldverpflichtungen abgeschafft sind, aber diejenigen, 
welche sie hier verteidigen wollen, vernichten die Revolution... 

Was sind wir hier, Repräsentanten? Nichts! gar nichts; die Macht, die uns die 
Macht verliehen, ermangelte des Prinzips, der Grundlage. Unsere ganze Autorität ist 
Gewalt, Willkür, die Macht des Stärkern. (Neuer Ausbruch des Sturms.) Das all- 
gemeine Stimmrecht ist ein Zufall, und damit dasselbe eine Bedeutung erlange, muß 
ihm eine Organisation vorangehen. Was uns regiert, ist nicht das Gesetz, ist nicht das 
Recht; es ist die Gewalt, die Notwendigkeit, die Providenz ... Der 16. April, der 15.Mai, 
der 23., 24. und 25.Juni sind Fakten, weiter nichts als Fakten, die sich in der Ge- 
schichte legitimieren. Wir können heute alles machen, was wir wollen; wir sind die 
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Stärkern. Sprechen wir daher nicht von Aufrührischen; die Aufrührischen sind die- 
jenigen, die kein anderes Recht als das des Stärkern haben, aber dieses Recht bei den 
andern nicht gelten lassen wollen. Ich weiß, mein Antrag wird nicht angenommen 
werden. Aber Ihr seid in einer Lage, daß Ihr nur dadurch dem T'ode entgehen könnt, 
daß Ihr meinen Antrag annehmt. Es handelt sich von der Kredit-, von der Arbeits- 
frage! Das Zutrauen wird nie mehr zurückkommen - nein, es ist unmöglich, daß es 
wiederkehrt...“ (Schauderhaft!) „Ihr mögt immerhin sagen, daß Ihr eine honette, 
moderierte Republik machen wollt: Das Kapital wagt sich nicht zu zeigen unter einer 
Republik, die Demonstrationen zugunsten der Arbeiter machen muß. Während daher 
das Kapital auf uns wartet, um uns zu liquidieren, warten wir auf das Kapital; um es 
zu liquidieren. Der 24. Februar hat das Recht zur Arbeit aufgestellt. Streicht Ihr dieses 
Recht aus der Konstitution, so stellt Ihr das Recht zur Insurrektion auf. 

Setzt Euch auf ewig unter den Schutz der Bajonette, verlängert auf ewig den Be- 
lagerungszustand: Das Kapital wird doch noch Furcht haben, und der Sozialismus hat 
die Augen auf es gerichtet.“ a | 

Die Leser der „Kölnischen Zeitung“!!* kennen Herrn Proudhon von 

alters-her. Herr Proudhon, der, wie es in der motivierten Tagesordnung heißt, 
die Moral, die Religion, die Familie und das Eigentum angegriffen, war vor 
nicht langer Zeit noch der gepriesene Held der „Kölnischen Zeitung“. 
Proudhons „sogenanntes sozialökonomisches System“ wurde in Korrespon- 
denzartikeln aus Paris, in Feuilletons und in langen Abhandlungen ausführ- 
lich verherrlicht. Von Proudhons Wertbestimmung sollten alle sozialen 
Reformen ausgehen. Wie die „Kölnische Zeitung“ zu dieser gefährlichen 
Bekanntschaft kam, gehört nicht hierher. Aber merkwürdig! Sie, die damals in 
Proudhon einen Retter erblickte, hat jetzt der Schmähworte nicht genug, um 
ihn und seine „lügenhafte Partei“ als die Untergräber der Gesellschaft zu be- 
zeichnen. Ist Herr Proudhon nicht mehr Herr Proudhon? 

Was wir in Herrn Proudhon angegriffen, das war die „utopistische Wissen- 
schaft“, mit welcher er den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit, zwischen 
Proletariat und Bourgeoisie ausgleichen wollte.!?°% Wir werden darauf zu- 
rückkommen. Sein ganzes Banksystem, sein ganzer Produktenaustausch ist 
weiter nichts als eine kleinbürgerliche Iliusion. Jetzt, wo er zur Ausführung 
dieser blassen Illuston genötigt ist, demokratisch aufzutreten gegen die ganze 
Bourgeoiskainmer und ihr gegenüber diesen Gegensatz schroff ausdrückt, 
schreit letztere über ein Vergreifen an Moral und Eigentum. 

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