[„Neue Rheinische Zeitung“ 
Nr.93 vom 3.September 1848] 

** Köln, 2. Sekbe Der konstitutionelle Musterstaat Belgien hat einen 
neuen glänzenden Beweis für die Vortrefflichkeit seiner Institutionen gelie- 
fert. Siebzehn Todesurteile aus Veranlassung der lächerlichen Geschichte von 
Risquons- l out!!?! Siebzehn Todesurteile, um die Schmach zu rächen, die 
einige Unbesonnene, einige hoffnungsvolle Toren!?’* der prüden belgischen 
Nation angetan, als sie einen kleinen Zipfel ihres konstitutionellen Mantels 
zu lüften versuchten! Siebzehn Todesurteile — welche Brutalität! 

Man kennt die Geschichte von Risquons-Tout. Belgische Arbeiter taten 
sich in Paris zusaininen, um eine republikanische Invasion in ihr Vater- 
land zu versuchen. Belgische Demokraten kamen von Brüssel und unter- 
stützten das Unternehmen. Ledru-Rollin förderte es, soviel er konnte. La- 
martine, der „edelherzige“ Verräter, der schöne Worte und erbärmliche Taten 
für die fremden nicht minder wie für die französischen Demokraten hatte, 
Lamartine, der sich rühmt, mit der Anarchie konspiriert zu haben wie der 
Blitzableiter mit der Wetterwolke, Lamartine unterstützte zuerst die bel- 

gische Legion, um sie später desto sicherer zu verraten. Die Legion zog aus. 
 Delescluze, Regierungskommissar im Norddepartement, verkaufte die erste 
Kolonne an belgische Eisenbahnbeamte; der Zug, der sie führte, wurde durch 
Verrat auf belgischen Boden mitten in die belgischen Bajonette geschleppt. 
Die zweite Kolonne, angeführt von drei belgischen Spionen (ein Mitglied der 
Pariser provisorischen Regierung hat es uns selbst gesagt, und die Prozedur 
bestätigt es), wurde von ihren verräterischen Anführern in einen Wald auf 
belgischem Gebiet geführt, wo die geladenen Kanonen in sicherm Hinterhalt 
ihrer warteten; sie wurde zusammengeschossen und größtenteils gefangen. 

Diese winzige, durch die vielen Verrätereien und durch die ihr in Belgien 
gegebenen Dimensionen komische Episode der Revolutionen von 1848 diente 
. dem Brüsseler Parquet zur Leinwand, um darauf die kolossalste Verschwörung 

Die Antwerpner Todesurteile | 379 

zu sticken, die je stattgefunden. Der Befreier Antwerpens, der alte General 
Mellinet, Tedesco, Ballin, kurz, die entschiedensten, die tätigsten Demo- 
kraten von Brüssel, Lüttich und Gent wurden hineinverwickelt. Herr Bavay 
würde sogar Jottrand von Brüssel hineingezogen haben, wenn nicht Herr Jott- 
rand Dinge wüßte und Papiere besäße, deren Veröffentlichung die ganze bel- 
gische Regierung, den weisen Leopold nicht ausgeschlossen, aufs schmäh- 
lichste kompromittieren würde. | 

Und warum diese Verhaftungen von Demokraten, warum die monströseste 
aller Prozeduren gegen Leute, die der ganzen Sache ebenso fremd waren wie 
die Geschwornen, vor die sie gestellt wurden? Um der belgischen Bürger- 
schaft Furcht zu machen und unter dem Schutz dieser Furcht die über- 
mäßigen Steuern und Zwangsanleihen einzutreiben, die den Kitt des glor- 
reichen belgischen Staatsgebäudes bilden und mit deren Zahlung es sehr 
schlecht aussah! | 
| Genug. Man stellte die Angeklagten vor die Äntwerpener Geschwornen, 

vor die Elite jener flämischen Faronaturen!, denen der Schwung des fran- 
zösischen politischen Devouements ebenso Se ist wie die ruhige Sicher- 
heit des großartigen englischen Materialismus, vor jene Stockfischhändler, 
die im kleinbürgerlichsten Nützlichkeitskram, in der kurzsichtigsten, schreck- 
haftesten Profitmacherei lebenslänglich dahinvegetieren. Der große Bavay 
kannte seine Leute und appellierte an ihre Furcht. 

In der Tat, hatte man in Antwerpen jemals einen Republikaner gesehen? 
Jetzt standen zweiunddreißig dieser Ungeheuer vor den erschreckten Ant- 
Parteihaß; und die bebenden Geschwornen, zusammen mit dem weisen Ge- 
richtshof, überliefern siebzehn der Angeklagten der Milde der Artikel 86 und 
folgende des Code penall!, d.h. dem Tode. 

Auch in der Schreckenszeit von 1793 haben Scheinprozesse stattgefunden, 
sind Verurteilungen vorgekommen, denen andere Tatsachen zum Grunde 
lagen als die offiziell vorgebrachten; aber einen so durch plumpe Unver- 
 schämtheit des Lügens, durch blinden Parteiihaß ausgezeichneten Prozeß hat 

selbst der Fanatiker Fouquier-Tinville nicht geführt. Und herrscht etwa in 
Belgien der Bürgerkrieg, steht halb Europa an seinen Grenzen und konspi- 
riert mit den Rebellen, wie dies 1793 in Frankreich geschah? Ist das Vater- 
land in Gefahr? Hat die Krone einen Riß bekommen? - Im Gegenteil, nie- 
'mand denkt daran, Belgien zu unterjochen, und der weise Leopold fährt 
noch täglich ohne Eskorte von Laeken nach Brüssel und von Brüssel nach 

Laeken! 

1 Glücksspielernaturen 

380 Karl Marx/Friedrich Engels - „Neue Rheinische Zeitung“ 

Was hatte der alte 8ljährige Melliinet getan, daß ihn Jury und Richter zum 
Tode verurteilten? Der alte Soldat der französischen Republik hatte 1831 den 
letzten Schimmer der belgischen Ehre gerettet; er hatte Antwerpen befreit, 
und dafür verurteilt ihn Antwerpen zum Tode! Seine ganze Schuld bestand 
darin, daß er einen alten Freund, Becker, vor den Verdächtigungen der bel- 
gischen offiziellen Presse schützte und ihn, auch während er in Paris konspi- 
rierte, nicht aus seinem freundlichen Andenken ausschloß. Mit der Konspi- 
ration hatte er nicht das geringste zu tun. Und dafür wird er ohne weiteres 
zum Tode verurteilt. 

Und Ballin! Er war ein Freund Mellinets, er hatte ihn häufig besucht, er 
war mit Tedesco in einem Estaminet' gesehen worden. Grund genug, ihn zum 
Tode zu verurteilen. 

Und Tedesco vollends! Wie, war er nicht im deutschen Krbsterseiäin ge- 
wesen, stand er nicht mit Leuten in Verbindung, denen die belgische Polizei 
Theaterdolche untergeschoben hatte? Hatte man ihn nicht mit Ballin in einem 
Estaminet gesehen? Die Sache war bewiesen, 'Tedesco hatte die Völkerschlacht 
von Risquons-Tout provoziert — aufs Schafott mit ihm! 

Und so mit den andern. 

Wir sind stolz darauf, mehr als einen dieser „Verschwörer“, die aus keinem 
andern Grunde zum Tode verurteilt wurden, als weil sie Demokraten sind, 

unsern Freund nennen zu dürfen. Und wenn die feile helgische Presse sie mit 

Schmutz bewirft, so wollen wir wenigstens ihre Ehre vor der deutschen Demo- 
kratie retten; wenn ihr Vaterland sie verleugnet, so wollen wir uns zu ihnen 
bekennen. 

Als der Präsident das Tai über sie Arad brachen sie in den 
stürmischen Ruf aus: „Es lebe die Republik!“ Sie haben sich während der 
ganzen Prozedur wie bei Verkündigung des Urteils mit echt revolutionärer 
Unerschütterlichkeit benommen. I 

Und nun höre man dagegen die Sprache der En belgischen Presse: 

„Der Urteilsspruch“, sagt das „Journal d’Anvers“, „macht nicht mehr Benson 
in der Stadt als der ganze Prozeß, der fast gar kein Interesse erregte. Nur in den arbei- 
tenden Klassen“ (lies: Lumpenproletariat) „ist ein den Paladinen der Republik feind- 
liches Gefühl zu entdecken; die übrige Bevölkerung kümmert sich kaum darum; für sie 
scheint die Lächerlichkeit des Revolutionsversuchs nicht einmal verwischt durch ein 
Todesurteil, an dessen Vollstreckung ohnehin niemand glaubt.“ 

Natürlich, würde den AntParteihaß das interessante Schauspiel gegeben, 

1 kleines Kaffeehaus oder Restaurant 

Die Antwerpner Todesurteile Ä 381 

siebzehn Republikaner, den alten Mellinet, ihren Retter, an der Spitze, 
guillotinieren zu sehen, dann würden sie sich schon um den Prozeß) kümmern! 
Als ob nicht gerade darin die Brutalität der belgischen Regierung, der 

belgischen Geschwornen und Gerichtshöfe bestände, daß sie mit Todes- 
urteilen spielen! 

„Die Regierung“, sagt der „Liberal Liegeois“, „hat sich stark zeigen wollen, sie hat 
es nur bis zur Brutalität gebracht.“ 

Und das ist allerdings das Los der flämischen Nation von jeher gewesen. 

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