Der dänisch-preußische Waffenstillstand” 

[,Neue Rheinische Zeitung“ 
Nr.99 vom 10.September 1848] 
** Köln, 9. September. Wir kommen nochmals auf den dänischen Waffen- 
stillstand zurück — die Gründlichkeit der Nationalversammlung, die, statt 
rasch und energisch zu beschließen und neue Minister zu erzwingen, die Aus- 
schüsse in aller Gemächlichkeit beraten läßt und die Beendigung der Minister- 
krise dem lieben Gott überläßt -, diese Gründlichkeit, die „den mangelnden 
Mut von unsern lieben Bekannten“!? nur schlecht verhüllt, gibt uns die 
Zeit dazu. | | 
Der Krieg in Italien!” war bei der demokratischen Partei stets unpopulär 
und ist selbst bei den Wiener Demokraten seit geraumer Zeit unpopulär ge- 
worden. Die preußische Regierung vermochte den Sturm des öffentlichen 
Unwillens über den posenschen Vernichtungskrieg!”! durch Fälschungen 
und Lügen nur um wenige Wochen zurückzuhalten. Der Prager Straßen- 
kampf! erregte, trotz aller Bemühungen der nationalen Presse, im Volk Sym- 
pathien nur für die Besiegten, nicht aber für die Sieger. Aber der Krieg in 
Schleswig-Holstein! ist von Anfang auch im Volk populär gewesen. Woher 
kommt dies? | Ä 
Während die Deutschen in Italien, in Posen, in Prag die Revolution be- - 
kämpften, haben sie in Schleswig-Holstein die Revolution unterstützt. Der 
dänische Krieg ist der erste Revolutionskrieg, den Deutschland führt. Und 
darum haben wir uns, ohne dem meerumschlungenen bürgerlichen Schoppen- 
enthusiasmus die geringste Stammverwandtschaft zu bezeigen, von Anfang an 
für energische Führung des dänischen Kriegs erklärt. | 
Schlimm genug für Deutschland, wenn sein erster Revolutionskrieg der 
komischste Krieg ist, der je geführt wurde! 

1 Siehe vorl. Band, S. 80-82 und 108/109 

394 Karl Marz/Friedrich Engels - „Neue Rheinische Zeitung“ 

Zur Sache. Die Dänen sind ein Volk, das in der unbeschränktesten kom- 
merziellen, industriellen, politischen und literarischen Abhängigkeit von 
Deutschland steht. Es ist bekannt, daß die faktische Hauptstadt von Däne- 
mark nicht Kopenhagen, sondern Hamburg ist, daß die dänische Regierung 
alle Vereinigte-Landtags-Experimente der in den Barrikaden entschlafenen 
preußischen ein ganzes Jahr lang nachmachte, daß Dänemark alle seine lite- 
rarischen Lebensmittel, ebensogut wie seine materiellen, über Deutschland 
bezieht und daß die dänische Literatur - mit Ausnahme Holbergs - ein matter 
Abklatsch der deutschen ist. 

So ohnmächtig Deutschland auch von ieher war, es hat die Genugtuung, 
daß die skandinavischen Nationen und namentlich Dänemark unter seine Bot- 
mäßiigkeit geraten sind, daß es ihnen gegenüber sogar noch revolutionär und 
progressiv Ist. | - 

Wollt ihr Beweise? Lest die Polemik der skandinavischen Nationen unter- 
einander, seit die Idee des Skandinavismus aufgetaucht ist. Der Skandinavis- 
mus besteht in der Begeisterung für die brutale, schmutzige, seeräuberische, 
altnordische Nationalität, für jene tiefe Innerlichkeit, die ihre überschweng- _ 
lichen Gedanken und Gefühle nicht in Worte bringen kann, wohl aber in 
Taten, nämlich in Roheit gegen Frauenzimmer, permanente Betrunkenheit 
und mit tränenreicher Sentimentalität abwechselnde Berserkerwut. 

Der Skandinavismus und die meerumschlungene schleswig-holsteinische 
Stammverwandischaft!*°! tauchten zugleich in den Ländern des Königs von 
Dänemark auf. Sie gehören zusammen; sie haben sich gegenseitig hervor- 
gerufen, bekämpft und dadurch am Leben erhalten, 

Der Skandinavismus war die Form, in der die Dänen an die Unterstützung 
der Schweden und Norweger appellierten. Äber wie es der christlich-ger- 
manischen Nation immer geht: Sogleich erhob sich der Streit, wer der echte 
-Christlichgermane, der wahre Skandinavier sei. Der Schwede erklärte den 
Dänen für „verdeutscht“ und entartet, der Norweger den Schweden und den 
Dänen, der Isländer alle drei. Natürlich, je roher eine Nation, je näher ihre 
Sitten und Lebensart der altnordischen, desto „skandinavischer“ war sie. 

Vor uns liegt das „Morgenbladet“:*"] von Christiania vom 18.November 
1846. Dies anmutige Blättchen enthält in einem Artikel über Skandinavismus 
folgende heitere Stellen: | | 

Nachdem es den ganzen Skandinavismus als einen bloß von den Dänen 
in ihrem Interesse hervorgerufenen Bewegungsversuch geschildert, sagt es 
von den Dänen: | | 

„Was hat dies muntere, lebensfrohe Volk mit der alten, düstern und wehmuts- 
vollen Kämpenwelt (med den gamle, alvorlige og vemodsfulde Kjämpeverden) zu 

Der dänisch-preußische Waffenstillstand | 395 

schaffen? Wie kann diese Nation mit ihrer - wie ein dänischer Schriftsteller selbst zu- 
gibt - lenksamen und sanftmütigen Willensbeschaffenheit glauben, in Geistesver- 
wandtschaft zu stehen mit der alten Vorzeit derben, kraftvollen und energischen Män- 
nern? Und wie können diese Menschen mit der südlich-weichen Aussprache sich ein- 
bilden, eine nordische Zunge zu sprechen? Und obwohl es ein Hauptzug unserer und 
der schwedischen Nation wie auch der alten Nordbewohner ist, daß die Gefühle sich 
mehr ins Innerste der Seele zurückziehen, ohne sich näher im Äußern zu zeigen, so 
glauben doch diese gefühlvollen und herzlichen Menschen, die so leicht zu verwun- - 
dern, zu bewegen, zu bestimmen sind, deren Geistesbewegungen sich so rasch und 
deutlich in ihrem Äußern abdrücken, daß sie in einer nordischen Form gegossen, daß 
sie von verwandter Natur sind mit den beiden andern skandinavischen Nationen!“ 

Das „Morgenbladet“ erklärt nun diese Entartung aus der Verbindung mit 
Deutschland und der Verbreitung deutschen Wesens in Dänemark. Die 
Deutschen hätten zwar 

„ihr heiligstes Eigentum, ihr nationales Gepräge verloren; aber so kraftlos und matt 
die deutsche Nationalität auch ist, so gibt es doch eine in der Welt, die noch kraftloser 
und matter ist, nämlich die dänische. Während die deutsche Sprache im Elsaß, Waadt 
und an der slawischen Grenze zurückgedrängt wird“ (!! damals blieben die Verdienste 
der Netzbrüder noch im stillen), „hat sie gegen die dänische Grenze reißende Fort- 
schritte gemacht.“ 

Die Dänen hätten nun den Deutschen eine Nationalität entgegenstellen 
müssen und hätten zu diesem Zweck den Skandinavismus erfunden; die dä- 
nische Nationalität sei widerstandslos gewesen, 

„denn die dänische Nation war, wie gesagt, obwohl sie die deutsche Sprache nicht an- 
genommen, doch wesentlich verdeutscht. Der Verfasser hat selbst in einem dänischen 
Blatte anerkannt gesehen, daß die dänische Nationalität von der deutschen nicht wesent- 
lich verschieden sei.“ 

Soweit „Morgenbladet“. | 

Allerdings, es läßt sich nicht leugnen, daß die Dänen eine halbweg al 
sierte Nation sind. Unglückliche Dänen! 

Mit demselben Recht, mit dem die Franzosen Flandern, Lothringen und 
Elsaß genommen haben und Belgien früher oder später nehmen werden, mit 
demselben Recht nimmt Deutschland Schleswig: mit dem Recht der Zivili- 
- sation gegen die Barbarei, des Fortschritts gegen die Stabilität. Und selbst 
wenn die Verträge für Dänemark wären — was noch sehr zweifelhaft ist -, 
dies Recht gilt mehr als alle Verträge, weil es das Recht der geschichtlichen 
Entwickelung ist. 

. Solange die Meise Bewegung eine rein bürgerlich-fried- 
liche, gesetzliche Philisteragitation blieb, erregie sie nur die Begeisterung 

396 Karl Marx/Friedrich Engels - „Neue Rheinische Zeitung“ 

wohlmeinender Kleinbürger. Als daher vor der Februarrevolution der jetzige 
Dänenkönig bei seiner Thronbesteigung für seine Gesamtstaaten eine frei- 
sinnige Verfassung mit gleicher Zahl Abgeordneter für die Herzogtümer wie 
für Dänemark versprach und die Herzogtümer dagegen opponierten, trat der 
kleinbürgerliche Lokalcharakter der schleswig-holsteinschen Bewegung un- 
angenehm hervor. Es handelte sich damals nicht so sehr iim einen Anschluß 
an Deutschland - wo war damals ein Deutschland? - als um Trennung von 
Dänemark und Konstituierung eines kleinen selbständigen Lokalstaats. 

Aber die Revolution brach herein und gab der Bewegung einen andern 
Charakter. Die schleswig-holsteinsche Partei mußte entweder zugrunde gehen 
oder selbst eine Revolution wagen. Sie wagte die Revolution, und sie hatte 
recht: Die dänischen Zusagen, vor der Revolution sehr günstig, waren nach 
der Revolution ungenügend; der Anschluß an Deutschland, früher eine Phrase, 
konnte jetzt eine Bedeutung erhalten; Deutschland hatte eine Revolution, 
und Dänemark machte sie, wie immer, auf kleinstädtischem Fuße nach. 

Die schleswig-holsteinsche Revolution und die aus ihr hervorgegangene 
provisorische Regierung hatte anfangs selbst noch einen sehr spießbürger- 
lichen Charakter. Aber der Krieg zwang sie bald auf demokratische Bahnen. 
Schleswig-Holstein hat durch diese Regierung, in der lauter altliberale Bieder- 
männer, ehemalige Geistesverwandte von Welcker, Gagern, Camphausen 
sitzen, demokratischere Geseize erhalten als irgendein anderer deutscher Staat. 
Von allen deutschen Versammlungen ist die Kieler Landesversammlung die 
einzige, die nicht nur auf allgemeinem Stimmrecht, sondern auch auf direkter 
Wahl beruht. Der ihr von der Regierung vorgelegte Verfassungsentwurf ist 
der demokratischste, der je in deutscher Sprache abgefaßt worden. Schleswig- 
Holstein, bisher politisch von Deutschland ins Schlepptau genommen, ist 
durch den Revolutionskrieg plötzlich zu fortgeschritteneren Institutionen ge-. 
kommen als das ganze übrige Deutschland. 

Der Krieg, den wir in Schleswig-Holstein führen, ist also ein wirklicher 
Revolutionskrieg. | e | 

_ Und wer ist von Anfang an auf Seite Dänemarks gewesen? Die drei 

kontrerevolutionärsten Mächte Europas: Rußland, England und die preußische 
Regierung. Die preußische Regierung hat, solange sie konnte, einen bloßen 
Scheinkrieg geführt - man denke an Wildenbruchs Notel!°", an die Bereit- 
willigkeit, mit der sie auf englisch-russische Vorstellungen hin den Rückzug 
aus Jütland befahl, und schließlich an den zweimaligen Waffenstillstand! 
Preußen, England und Rußland sind die drei Mächte, die die deutsche Revo- 
lution und ihre erste Folge, die deutsche Einheit, am meisten zu fürchten 
haben: Preußen, weil:es dadurch aufhört zu existieren, England, weil der 

Der dänisch-preußische Waffenstillstand 397 

deutsche Markt dadurch seiner Exploitation entzogen wird, Rußland, weil die 
Demokratie dadurch nicht nur an die Weichsel, sondern selbst bis an die Düna 
und den Dnjepr vorrücken muß. Preußen, England und Rußland haben kom- 
plottiert gegen Schleswig-Holstein, gegen Deutschland u gegen die Revo- 
lution. 

Der Krieg, der möglicherweise jetzt aus den Beeklisen in Frankfurt ent- 
stehen kann, würde ein Krieg Deutschlands gegen Preußen, England und Ruß- 
land sein. Und gerade solch ein Krieg tut der einschlummernden deutschen 
Bewegung not - ein Krieg gegen die drei Großmächte der Kontrerevolution, 
ein Krieg, der Preußen in Deutschland wirklich aufgehn, der die Allianz mit 
Polen zum unumgänglichsten Bedürfnis macht, der die Freilassung Italiens 
sofort herbeiführt, der gerade gegen die alten kontrerevolutionären Alluerten 
Deutschlands von 1792 bis 1815 gerichtet ist, ein Krieg, der „das Vaterland 
in Gefahr“ bringt und gerade dadurch rettet, indem er den Sieg Deutsch- 
lands vom Siege der Demokratie abhängig macht. | 

‚Die Bourgeois und Junker in Frankfurt mögen sich keine Illusionen dar- 
über machen: Beschließen sie, den Waffenstillstand zu verwerfen, so be- 
schließen sie ihren eigenen Sturz, geradesogut wie die Girondins in der ersten 
Revolution, die am 10.August tätig waren und für den Tod des Exkönigs 
stimmten, damit ihren eigenen Sturz am 31. Mai vorbereiteten!”'”. Neh- 
men sie dagegen den Waffenstillstand an, so beschließen sie ebenfalls ihren 
eigenen Sturz, so begeben sie sich unter die Botmäßigkeit von Preußen und 
haben gar nichts mehr zu sagen. Sie mögen wählen. 

Wahrscheinlich ist die Nachricht vom Sturz Hansemanns noch vor ade 
Abstimmung nach Frankfurt gekommen. Vielleicht wird sie bedeutend auf 
die Abstimmung influieren, besonders weil das erwartete Ministerium Wal- 
deck und Rodbertus bekanntlich die Souveränität der Nationalversammlung 
anerkennt. 

Wir werden sehen. Aber wir wiederholen est: Die Ehre Deutschlands ist 
in schlechten Händen! 

! Siehe vorl. Band, S. 389 

2 

Die Krisis und die Kontrerevolution””” 

[„Neue Rheinische Zeitung“ 

Nr. 100 vom 12.September 1848] 
*# Köln, 11.September. Man lese unsere nachfolgenden Berliner Korre- 
- spondenzen und sage, ob wir die Entwickelung der Ministerkrisis nicht ganz 
richtig vorhergesagt haben. Die alten Minister treten zurück; der Plan des 
Ministeriums, sich durch Auflösung der Vereinbarungsversammlung, durch 
Martialgesetze und Kanonen zu halten, scheint den Beifall der Kamarilla 
nicht gefunden zu haben. Die uckermärkische Junkerschaft brennt vor Be- 
gierde nach einem Konflikt mit dem Volk, nach einer Wiederholung der 
Pariser Juniszenen in den Straßen von Berlin; aber sie wird sich nie für das 
Ministerium Hansemann, sie wird sich für das Ministerium des Prinzen von 
Preußen schlagen. Radowitz, Vincke und ähnliche zuverlässige Leute, die 
der Berliner Versammlung fremd stehen, die ihr gegenüber ungebunden sind, 
werden berufen; die Creme der preußischen und westfälischen Ritterschaft, 
zum Schein assozilert mit einigen bürgerlichen Biedermännern der äußersten 
Rechten, mit einem Beckerathe und Konsorten, denen man die prosaischen 
kaufmännischen Geschäfte des Staats überträgt - das ist das Ministerium des 
Prinzen von Preußen, womit man uns zu beglücken gedenkt. Inzwischen 
sprengt man Hunderte von Gerüchten aus, läßt vielleicht Waldeck oder Rod- 
bertus rufen, führt die öffentliche Meinung irre, macht inzwischen seine mili- 
tärischen Vorbereitungen und tritt offen heraus, wenn es Zeit ist. 

Wir gehen einem entscheidenden Kampf entgegen. Die gleichzeitigen 
Krisen in Frankfurt und Berlin, die letzten Beschlüsse der beiden Versamm- 
lungen zwingen die Kontrerevolution, ihre letzte Schlacht zu schlagen. Wagt 
man es in Berlin, das konstitutionelle Prinzip der Herrschaft der Majorität 
mit Füßen zu treten, stellt man den 219 Stimmen der Majorität die doppelte 
Anzahl Kanonen gegenüber, wagt man es, der Majorität nicht nur in Berlin, 
sondern auch in Frankfurt durch ein Ministerium hohnzusprechen, das.