Engels an Levin Schücking 


in Münster 


babe He Sn DE Jun 

Nochmals meinen herzlichen Dank für Ihre freundliche Aufnahme und 
für das schöne „Andenken an Münster“ 911! Ich habe es in Osnabrück in 
einem Zuge und mit großem Genusse durchgelesen und beneide die Dich- 
terin um ihre originellen und zarten Naturbilder, um die vielen versteckten 
Herrlichkeiten, um die Verwandtschaft mit Byron, die Sie, wenn ich nicht 
irre, damals in Ihrer Kritik auch hervorhoben!"*], Es ist eine Schande, daß 
diese Gedichte ohne allen Eindruck vorübergegangen sind, aber was soll diese 
Innigkeit auch dem flachen Lesepublikum unsrer Tage? Ich werde bei erster 
Gelegenheit dem Buche öffentlich Gerechtigkeit widerfahren lassen.” - Wo 
gibt es eine in ihrer Art schönere Ballade als „Der Graf von Thal“? 

Was nun unsren Shelley-Plan'?! betrifft, so besprach ich mich gleich 
gestern mit Schünemann; bei den zehn Talern Honorar fuhr er wie blitz- 
getroffen zurück und sagte gleich, er könne sich darauf nicht einlassen. Er 
kommt eben von der Messe zurück, wo er seine unzähligen Krebse aller 
Art, Pietistenromane, Schilderungen aus Belgien, spanische Lesebücher 
und andern Schofel selbst besichtigt hat; dazu hat er die Toorheit gehabt, 
über theologische, welt- und literarhistorische Schriften in Leipzig zu 
billigem Honorar zu kontrahieren, so daß er alle Hände voll zu tun hat. Das 
dumme Buchhändlervolk meint, bei einem Kommentar über die Briefe 
Johannis, der vielleicht 2 Taler Honorar kostet und schlecht ausgestattet, 
aber auch vielleicht von 20 Studenten höchstens gekauft wird, weniger zu 
riskieren, als bei Shelley, dessen Ausstattung und Honorar vielleicht ver- 
hältnismäßig das Dreifache kostet, an dem aber die ganze Nation teilnimmt. 
Soeben war ich wieder bei Schünemann, um aus seinem Munde die defini- 
tive Erklärung zu vernehmen, daß er sich zu diesen Bedingungen darauf 


! Siehe vorl. Band, S. 74 


30 - Engels an Levin Schücking - 18. Juni 1840 445 


nicht einlassen könne; ein Bogen Gedichte enthalte nur den vierten Teil 
eines Bogens Prosa, so daß der Bogen eigentlich 40 Tlaler] Honorar zu 
stehen käme. Ich sagte ihm, es sei kein Kinderspiel, den Shelley zu über- 
setzen, und wenn er’s nicht wolle, so mög” er’s in Gottes Namen bleiben- 
lassen; er stehe sich übrigens selbst im Licht. Er: Wenn wir nur vorher eine 
kleine Probe geben wollten, die wolle er drucken; und dann könne man 
sehen, was zu machen sei. Ich: Schücking’ünd Püttmann seien keine Leute, 
die sich auf Proben einließen, und was bei andern Proben das tue bei diesen 
der Name. Wollen Sie oder nicht? Er: Unter diesen Bedingungen nicht. — 
Muy bien!, Betteln war unter unsrer Würde, so ging ich. - Ich bin nun der 
Ansicht, daß diese fehlgeschlagene Hoffnung uns ganz und gar nicht ent- 
mutigen soll, tut’s der eine nicht, so tut’s der andre. Püttmann, der den 
ersten Gesang der „Queen Mab“ übersetzt hat, hat ihn an Engelmann in 
"Leipzig geschickt, und wenn der akzeptiert, so wird er leicht zur Annahme 
des Ganzen zu bringen sein. In andrem Falle wären wohl Hammerich in 
Altona und Krabbe in Stuttgart die ersten, an die wir uns zu wenden hätten. 
Wir haben übrigens jetzt, gleich nach der Ostermesse, einen sehr ungünsti- 
gen Zeitpunkt für unsre Anerbietungen bekommen. Wären wir im Januar, 
ich bin sicher, Schünemann hätte mit beiden Händen zugegriffen. Ich will 
doch noch einmal zu ihm gehn und ihn spaßeshalber fragen, was für Be- 
dingungen er uns stellen kann. 

Freund Schünemann hat sich 'neinen Besuchen durch die Flucht ent- 
zogen; er ist auf einer Landpartie. Er würde wahrscheinlich fünf Taler 
Honorar geboten und seine Lieblingsgrille, eine kleine Probe von drei bis 
vier Bogen im voraus, ausbedungen haben. An der ganzen Geschichte ist 
niemand schuld als der Pietist Wilh. Elias in Halle, an dessen bei Sch[üne- 
mann] herausgekommenen Romane „Glauben und Wissen“ dieser gegen 
2000 Taler verliert. Wenn ich den Kerl zu packen kriege, fordr’ ich ihn auf 
krumme Säbel. | 

Was sagen Sie nun dazu? An Püttmann schreib’ ich gleich heute. Mir 
scheint das Unternehmen zu schön, als daß man es so ohne weiteres sollte 
fahrenlassen. Ein nur einigermaßen gebildeter Buchhändler (der Sch[üne- 
mann] ist ein Dummkopf) wird den Druck mit Vergnügen übernehmen. 

Ihrer Ansicht von der Sache sehe ich mit Verlangen entgegen und emp- 
fehle mich inzwischen Ihrem freundlichen Wohlwollen bestens! 


Achtungsvoll 
Friedrich Engels 


2 Nun gut 


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Was sagen Sie zu Gutzkows Herausforderung der „Hallischen Jahr- 
bücher“ im „Telegraphen“ > 457] Gfutzkow] scheint Menzels und Müllners 
kritischen Terrorismus erneuern zu wollen; er mag sich hüten, daß die 
Jüngeren ihm nicht über den Kopf wachsen! 


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