War es nicht gerade wie damals in Israel, wo Elias beschworen wurde, die 
weiland Baalspfaffen zu vertreiben? Und als er nun kam, der große Teufels- 
banner, wie verstummte da auf einmal all die laute, schamlose Denunziation, 
all das wüste Toben und Schreien, damit nur ja kein Wort verlorengehe 
von der neuen Offenbarung! Wie zogen sich die tapfern Helden von der 
„evangelischen“ und „Allgemeinen Berliner Kirchenzeitung“, vom „Lite- 
rarischen Anzeiger“, von der Fichteschen Zeitschrift #9 bescheiden zurück, 
um dem Sankt Georg Platz zu machen, der den greulichen Lindwurm der 
Hegelei, dessen Odem Flammen der Gottlosigkeit und Rauch der Ver- 
finsterung war, erlegen sollte! War nicht eine Stille im Lande, als sollte der 
heilige Geist herniederfahren, als wollte Gott selbst aus den Wolken reden? 

Und als der philosophische Messias nun seinen hölzernen, sehr schlecht 
gepolsterten Thron im Auditorium maximum bestieg, als er Taten des 
Glaubens und Wunder der Offenbarung versprach, welch jubelnder Zuruf 
scholl Ihm aus dem Heerlager der Positiven entgegen! Wie waren alle Zun- 
gen voll von ihm, auf den die „Christlichen“ ihre Hoffnung gesetzt hatten! 
Hieß es nicht, der kühne Recke werde allein, wie Roland, auf feindliches 
Gebiet gehen, im Herzen des feindlichen Landes seine Fahne aufpflanzen, 
die innerste Burg der Verruchtheit, die nie bewältigte Feste der Idee in die 
Luft sprengen, daß die Feinde ohne Basis, ohne Zentrum, in ihrem eignen 
Lande keinen Rat, keine sichere Stätte mehr finden könnten? Proklamierte 
man nicht schon den bis zu Ostern 1842 erwarteten Sturz des Hegelianis- 
mus, den Tod aller Atheisten und Unchristen? 

Alles ist anders gekommen. Die Hegelsche Philosophie lebt nach wie 
vor auf dem Katheder, in der Literatur, in der Jugend; sie weiß, daß alle 
bis jetzt gegen sie geführten Streiche ihr nichts anhaben konnten, und geht 
ruhig Ihren eignen innern Entwicklungsgang fort. Ihr Einfluß auf die Nation 
ist, wie schon die vermehrte Wut und ‚Tätigkeit der Gegner beweist, in 
raschem Steigen, und Schelling hat fast alle seine Zuhörer unbefriedigt 
gelassen. 

Das sind Tatsachen, gegen die etwas Stichhaltiges einzuwenden selbst 
den wenigen Anhängern der neuschellingschen Weisheit unmöglich sein 
wird. Als man merkte, daß die in bezug auf Schelling gefaßten Vorurteile 
sich nur zu sehr bestätigten, war man anfangs etwas verlegen, wie man die 
Pietät gegen den Altmeister der Wissenschaft mit jener offenen, entschiede- 
nen Zurückweisung seiner Ansprüche, die man Hegeln schuldig war, ver- 
einigen sollte. Er tat uns indes bald den Gefallen, uns aus diesem Dilemma 
zu befreien, indem er sich über Hegel in einer Weise aussprach, die uns 
von jeder Rücksicht gegen den angeblichen Nachfolger und Überwinder 

Schelling und die Offenbarung 175 

desselben entband. Darum wird man auch mir es nicht verübeln können, 
wenn ich ein demokratisches Prinzip in meiner Beurteilung befolge und 
ohne Ansehen der Person rein auf die Sache und ihre Geschichte mich 
beschränke. 

Als Hegel im Jahre 1831 sterbend seinen Jüngern das Vermächtnis seines 
Systems hinterließ, war ihre Zahl noch verhältnismäßig gering. Das System 
war nur in jener zwar strengen und starren, aber auch gediegenen Form 
vorhanden, die seitdem soviel getadelt worden ist, die aber nichts andres 
als eine Notwendigkeit war. Hegel selbst hatte, im stolzen Vertrauen auf die 
Kraft der Idee, wenig zur Popularisierung seiner Lehre getan. Die Schriften, 
die er veröffentlicht hatte, waren alle in einem streng-wissenschaftlichen, 
ja fast dornigen Stile geschrieben und konnten, wie die „Jahrbücher für 
wissenschaftliche Kritik“, wo seine Schüler in derselben Weise schrieben, 
nur auf ein geringes, noch dazu präokkupiertes Publikum von Gelehrten 
rechnen. Die Sprache durfte sich der im Kampf mit dem Gedanken er- 
worbenen Narben nicht schämen; es kam fürs erste darauf an, alles Vor- 
stellungsmäßige, Phantastische, Gefühlige entschieden abzuweisen und den 
reinen Gedanken in seiner Selbstschöpfung zu erfassen. War diese sichere 
Öperationsbasis erst gewonnen, so konnte man einer späteren Reaktion der 
ausgeschlossenen Elemente ruhig entgegensehen und selbst in das unphilo- 
sophische Bewußtsein herabsteigen, da der Rücken gedeckt blieb. Die 
Wirkung der Hegelschen Vorlesungen blieb immer auf einen kleinen Kreis 
beschränkt, und so bedeutend sie da auch gewesen ist, so konnte sie doch 
erst in späteren Jahren Früchte tragen. 

Als aber Hegel gestorben war, begann seine Philosophie erst recht zu 
leben. Die Herausgabe seiner sämtlichen Werke, besonders der Vorlesun- 
gen, machte eine unermeßliche Wirkung. Neue Pforten taten sich auf zu 
dem verborgenen, wundervollen Schatze, der im verschwiegnen Berges- 
schoße lag, und dessen Herrlichkeit nur für wenige bisher geschimmert 
hatte. Klein war die Zahl derer gewesen, die den Mut hatten, auf eigne 
Faust sich in das Labyrinth der Zugänge zu wagen; jetzt war eine gerade, 
bequeme Bahn da, auf der das märchenhafte Kleinod erreicht werden 
konnte. Zugleich nahm die Lehre im Munde der Schüler Hegels eine 
menschlichere, anschaulichere Gestalt an, die Opposition von seiten der 
Philosophie selbst wurde immer schwächer und bedeutungsloser, und all- 
mählich hörte man nur noch den theologischen und juristischen Schlen- 
drian sich über die Impertinenz beklagen, mit der ein Unberufener sich in 
seine Fachgelehrsamkeit eindränge. Die Jugend bemächtigte sich des dar- 
gebotenen Neuen um so begieriger, als inzwischen in der Schule selbst ein 

176 Schelling und die Offenbarung 

Fortschritt eingetreten war, der zu den bedeutungsvollsten, auf die Lebens- 
fragen der Wissenschaft wie der Praxis sich beziehenden Diskussionen an- 
irieb. 

Die Schranken, in die Hegel selbst den gewaltigen, jugendlich auf- 
brausenden Konsequenzenstrom seiner Lehre eindämmte, waren teils von 
seiner Zeit, teils von seiner Persönlichkeit bedingt. Das System war in 
seinen Grundzügen vor 1810 fertig, die Weltanschauung Hegels mit 1820 
abgeschlossen. Seine politische Ansicht, seine im Hinblick auf England 
entwickelte Staatslehre tragen unverkennbar das Gepräge der Restaura- 
tionszeit, wie ihm denn auch die Julirevolution in ihrer welthistorischen 
Notwendigkeit nicht klar wurde. So fiel er selbst seinem eignen Ausspruch 
anheim, daß jede Philosophie nur der Gedankeninhalt ihrer Zeit ist. Ändrer- 
seits wurden zwar seine persönlichen Meinungen durch das System ge- 
läutert, aber nicht ohne auf die Konsequenzen desselben zu influieren. So 
wäre die Religions- und Rechtsphilosophie unbedingt ganz anders aus- 
gefallen, wenn er mehr von den positiven Elementen, die nach der Bildung 
seiner Zeit in ihm lagen, abstrahiert und dafür aus dem reinen Gedanken 
entwickelt hätte. Hierauf lassen sich alle Inkonsequenzen, alle Wider- 
sprüche in Hegel reduzieren. Alles, was in der Religionsphilosophie zu 
orthodox, im Staatsrecht zu pseudohistorisch erscheint, ist unter diesen 
Gesichtspunkt zu fassen. Die Prinzipien sind immer unabhängig und frei- 
sinnig, die Folgerungen - das leugnet kein Mensch - hier und da verhalten, 
ja illiberal. Hier trat nun ein Teil seiner Schüler auf, hielt sich an die Prin- 
zipien und verwarf die Konsequenzen, wenn sie sich nicht rechtfertigen 
konnten. Die linke Seite bildete sich, Ruge schuf ihr in den „Hallischen 
Jahrbüchern“ ein Organ, und über Nacht war der Abfall von der Herr- 
schaft des Positiven erklärt. Aber noch wagte man nicht, alle Konsequenzen 
offen auszusprechen. Man glaubte, selbst nach Strauß noch innerhalb des 
Christentums zu stehen, ja, man pochte, den Juden gegenüber, auf die 
Christlichkeit; man war sich über Fragen wie die von der Persönlichkeit 
Gottes und der individuellen Unsterblichkeit selbst noch nicht klar genug, 
um ein rückhaltloses Urteil fällen zu können; ja man war im Zweifel, wenn 
man die unausbleiblichen Konsequenzen herannahen sah, ob die neue 
Lehre nicht esoterisches Eigentum der Schule und für die Nation ein Ge- 
heimnis bleiben müsse. Da trat Leo mit den „Hegelingen“ auf und erwies 
seinen Gegnern dadurch den größesten Dienst; wie denn überhaupt alles, 
was auf den Untergang dieser Richtung berechnet war, zu ihrem Vorteil 
ausschlug und ihr aufs deutlichste bewies, daß sie mit dem Weltgeiste Hand 
in Hand geht. Leo hat den Hegelingen Klarheit über sich selbst verschafft, 

Schelling und die Oskar 177 

hat in ihnen den stolzen Mut wieder erweckt, der die Wahrheit bis in ihre 
äußersten Folgerungen begleitet und sie offen und verständlich ausspricht, 
mag daraus kommen, was da wolle. Es ist ergötzlich, jetzt die damals gegen 
Leo erschienenen Verteidigungen zu lesen, wie die armen Hegelinge zappeln 
und sich gegen Leos Schlüsse verwahren und verklausulieren. Jetzt fällt es 
keinem von ihnen ein, die Anklagepunkte Leos abzuleugnen; so hoch ist 
ihre Frechheit seit drei Jahren gestiegen. Feuerbachs „Wesen des Christen- 
thums“, Strauß’ „Dogmatik“ 4%! und die „Deutschen Jahrbücher“ zeigen 
die Früchte, die Leos Denunziation getragen hat; ja die „Posaune“ 108] 
weist die Konsequenzen, auf die es ankommt, schon bei Hegel nach. Dies 
Buch ist schon darum für die Stellung Hegels so wichtig, weil es zeigt, wie 
oft in Hegel der unabhängige, kühne Denker über den tausend Einflüssen 
unterworfenen Professor gesiegt hat. Es ist eine Ehrenrettung der Persön- 
lichkeit des Mannes, dem man zumutete, nicht nur da,:wo er genial war, 
über seine Zeit hinauszugehen, sondern auch da, wo er es nicht war. Hier 
ist der Beweis, daß er auch dies getan hat. 
So hat es denn die „hegelingische Rotte“ kein Hehl mehr, daß sie das 
Christentum nicht mehr als ihre Schranke ansehen kann und will. Alle 
Grundprinzipien des Christentums, ja sogar dessen, was man bisher über- 
haupt Religion nannte, sind gefallen vor der unerbittlichen Kritik der Ver- 
nunft; die absolute Idee macht Anspruch darauf, die Gründerin einer neuen 
Ära zu sein. Die große Umwälzung, von der die französischen Philosophen 
des vorigen Jahrhunderts nur die Vorläufer waren, hat ihre Vollendung im 
Reiche des Gedankens, ihre Selbstschöpfung vollbracht. Die Philosophie 
des Protestantismus, von Descartes an, ist geschlossen; eine neue Zeit ist 
angebrochen, und es ist die heiligste Pflicht aller, die der Selbstentwicklung 
_ des Geistes gefolgt sind, das ungeheure Resultat ins Bewußtsein der Nation 
überzuführen und zum Lebensprinzip Deutschlands zu erheben. 
Während dieser innern Entwicklung der Hegelschen Philosophie blieb 
ihre äußere Stellung auch nicht unverändert. Der Minister Altenstein, 
durch dessen Vermittlung der neuen Lehre eine Wiege in Preußen bereitet 
war, starb; mit den folgenden Veränderungen hörte nicht nur alle Be- 
günstigung jener Lehre auf, sondern man bestrebte sich auch, sie allmäh- 
lich vom Staate auszuschließen. Es war dies die Folge der sowohl auf Seite 
des Staats als der Philosophie stärker hervorgehobenen Prinzipien; wie 
‚diese sich nicht scheute, das Notwendige auszusprechen, so war es auch 
ganz natürlich, daß jener seine Konsequenzen bestimmter geltend machte. 
Preußen ist ein christlich-monarchischer Staat, und seine welthistorische 
Stellung gibt ihm ein Recht auf Anerkennung seiner Prinzipien als faktisch 

12 Miarx/Engels, Werke, EB2 

178 Schelling und die Offenbarung 

gültiger. Man mag sie teilen oder nicht, genug, sie sind da, und Preußen ist 
stark genug, sie nötigenfalls vertreten zu können. Zudem hat die Hegelsche 
Philosophie keine Ursache, sich darüber zu beklagen. Ihre frühere Stellung 
warf einen falschen Schein auf sie und zog ihr scheinbar eine Menge An- 
hänger zu, auf die in Zeiten des Kampfes nicht zu rechnen war. Ihre fal- 
schen Freunde, die Egoisten, die Oberflächlichen, die Halben, die Un- 
freien, sind jetzt glücklich zurückgetreten, und sie weiß jetzt, woran sie ist 
und auf wen sie zählen kann. Zudem kann es ihr nur lieb sein, wenn die 
Gegensätze sich scharf hervorheben, da ihr endlicher Sieg doch gewiß ist. 
So war es denn ganz natürlich, daß als Gegengewicht der bisher vor- 
herrschenden Tendenzen Männer von der entgegengesetzten Richtung 
berufen wurden; der Kampf gegen jene wurde wieder angefacht, und als 
die historisch-positive Fraktion wieder einigen Mut bekommen hatte, 
wurde Schelling nach Berlin berufen, um dem Streite den Ausschlag zu 
geben und die Hegelsche Lehre auf ihrem eignen philosophischen Gebiet 

[QA: garble stripped 2026-06-23]
uftreten in Berlin mußte allgemein Spannung erregen. Er hatte 

in der Geschichte der neueren Philosophie eine so bedeutende Rolle ge- 
spielt; trotz aller von ihm herrührenden Anregungen hatte er indes nie ein 
fertiges System gegeben und seinen Abschluß mit der Wissenschaft immer 
noch hiinausgeschoben, bis er jetzt endlich diese große Abrechnung über 
seine ganze Lebenstätigkeit zu geben versprach. Er übernahm es auch wirk- 
lich, die Versöhnung von Glauben und Wissen, von Philosophie und Offen- 
barung zustande zu bringen und was er weiter in seiner ersten Vorlesung 
aussprach.!”! Ein andres, wichtiges Moment, das erhöhtes Interesse für ihn 
einflößte, war seine Stellung zu dem, den er zu besiegen gekommen war. 
Freunde und Stubengenossen schon auf der Universität, lebten beide Män- 
ner nachher in Jena so vertraut zusammen, daß es bis auf den heutigen Tag 
unentschieden bleiben muß, welchen Einfluß sie aufeinander hatten. Nur 
dies ist gewiß, daß Hegel es war, der es Schelling zum Bewußtsein brachte, 
wieweit er bereits, ohne zu wissen, über Fichte hinausgegangen war*. Nach 
ihrer Trennung indes begannen ihre bisher parallel laufenden Entwick- 

* Wenn Schelling wirklich die „Geradsinnigkeit und Offenheit“, mit der er sich 
brüstet, besitzt, wenn er seine Behauptungen über Hegel wirklich aufrichtig meint und 
Grund dazu hat, so beweise er das durch die Herausgabe seines Briefwechsels mit 
Hegel, den er besitzen soll, wie es heißt, oder dessen Veröffentlichung doch nur 
von ihm abhängt. Aber da liegt der wunde Fleck. Verlangt er also Glauben an seine 
Wahrhaftigkeit, so rücke er heraus mit diesem Beweise, der alle deshalb erhobenen 
Streitigkeiten lösen würde. 

Schelling und die Offenbarung 179 

lungsbahnen bald auseinander zu gehen. Hegel, dessen tiefinnerliche, ruhe- 
lose Dialektik erst jetzt sich recht zu entfalten anfing, nachdem Schellings 
Einfluß zurückgetreten war, tat 1806 in der „Phänomenologie des Geistes“ 
einen Riesenschritt über den naturphilosophischen Standpunkt hinaus und 
erklärte seine Unabhängigkeit von diesem; Schelling verzweifelte immer 
mehr daran, auf dem bisherigen Wege zu den erstrebten großen Resultaten 
zu gelangen, und versuchte bereits zu jener Zeit, sich des Absoluten auf 
unmittelbare Weise durch die erfahrungsmäßige Voraussetzung einer höhe- 
ren Offenbarung zu bemächtigen...Während Hegels gedankenschaffende 
Kraft immer energischer, lebendiger, tätiger sich zeigte, versank Schelling, 
wie schon eine solche Annahme beweist, in eine träge Ermattung, die sich 
auch in seiner bald einschlummernden literarischen Tätigkeit äußerte. Er 
mag jetzt immerhin selbstzufrieden von seiner langen, verschwiegnen philo- 
sophischen Arbeit, von den geheimen Schätzen seines Pultes, von seinem 
dreißigjährigen Krieg mit dem Gedanken sprechen, es glaubt ihm das kein 
Mensch. Wer alle Anstrengung seines Geistes auf einen Punkt verwendet, 
wer die Jugendkraft noch in Anspruch nimmt;die einen Fichte überwand, 
der ein Heros der Wissenschaft, ein Genie ersten Ranges sein will - und 
nur ein solches würde Hegeln stürzen können; das muß jeder zugeben -, 
der sollte dreißig Jahre und mehr gebrauchen, um einige unbedeutende 
Resultate zutage zu fördern? Hätte Schelling es sich nicht so bequem mit 
demPhilosophieren gemacht, würden da nicht alle Stufen seines Gedanken- 
ganges der Welt in einzelnen Schriften vorliegen? Ohnehin hat er von jeher 
in dieser Beziehung wenig Selbstbeherrschung gezeigt und alles Neue, das 
er fand, gleich ohne viel Kritik in die Welt geschickt. Fühlte er sich noch 
immer als König der Wissenschaft, wie konnte er ohne die Anerkennung 
seines Volkes leben, wie konnte ihm die armselige Existenz eines abgesetz- 
ten Fürsten, eines Karl X., wie konnte ihm der längst verschlissene und 
verbleichte Purpur der Identitätsphilosophie genügen? Mußte er nicht alles 
daran wagen, sich in seine verlornen Rechte zu restituieren, den Thron, 
den ein „später Gekommener“ ihm geraubt, wieder zu erobern? Statt dessen 
ließ er die Bahn des reinen Gedankens liegen, vergrub sich in mythologische 
und theosophische Phantastereien und hielt, wie es scheinen muß, sein 
System zur Verfügung des Königs von Preußen!, denn auf dessen Ruf war 
das nie Vollendete sogleich fertig. So kam er denn her, mit der Versöhnung 
von Glauben und Wissen im Koffer, machte von sich reden und stieg end- 
lich aufs Katheder. Und was war das Neue, das er brachte, das Unerhörte, 

1 Friedrich Wilhelm IV. 
12° 

180 Schelling und die Offenbarung 

womit er Wunder wirken wollte? Die Philosophie der Offenbarung, die 
er „seit 1831 ganz in derselben Weise“ in München vorgetragen hatte, und 
die Philosophie der Mythologie, die „aus noch früherer Zeit her sich 
datiert“. Ganz alte Sachen, die seit zehn Jahren in München fruchtlos ver- 
kündigt waren, die nur einen Ringseis, einen Stahl zu kapern imstande 
waren. Das also nennt Schelling sein „System“! Da liegen die welterlösen- 
den Kräfte, die Bannsprüche für die Gottlosigkeit, in dem Samen, der in 
München nicht aufkeimen wollte! Warum hat denn Schelling diese seit zehn 
Jahren fertigen Vorlesungen nicht drucken lassen? Bei all dem Selbst- 
vertrauen und der Zuversicht des Erfolges muß doch noch etwas dahinter- 
stecken, muß irgendein geheimer Zweifel ihn doch von diesem Schritte 
abhalten. 

 Indem er vor das’ Berliner Publikum trat, stellte er sich allerdings der 
“Öffentlichkeit etwas näher als bisher in München. Was dort leicht eso- 
terische Geheimlehre bleiben konnte, weil kein Mensch sich darum küm- 
merte, muß hier ohne Gnade ans Tageslicht. Keiner wird in den Himmel 
eingelassen, ehe er durch das Fegefeuer der Kritik gegangen ist. Was hier 
in der Universität heute Auffallendes gesagt wird, steht morgen in allen 
deutschen Zeitungen. So mußten Schelling alle Gründe, die ihn vom Druck 
seiner Vorlesungen abhielten, auch von der Übersiedelung nach Berlin 
zurückhalten. Ja noch mehr, denn das gedruckte Wort läßt kein Miß- 
verständnis zu, während das einmal flüchtig gesprochene, eilig nachgeschrie- 
bene und vielleicht nur halb gehörte allerdings falschen Auffassungen aus- 
gesetzt sein muß. Aber freilich war nun kein andrer Rat; er mußte nach 
Berlin, oder er erkannte durch die Tat seine Unfähigkeit an, den Hegelianis- 
mus zu besiegen. Auch zum Druck war es nun zu spät, denn er mußte etwas 
Neues, Ungedrucktes nach Berlin bringen, und daß er nicht noch andere 
Dinge „im Pulte“ hat, zeigt sein Auftreten hier. 

So trat er denn zuversichtlich, und gleich von vornherein seinen Zu- 
hörern das Ungeheuerste versprechend, aufs Katheder und begann vor fast 
vierhundert Menschen aus allen Ständen und Nationen seine Vorträge. 
Aus ihnen werde ich nun, meine eignen mit andern möglichst treuen 
Heften verglichenen Notizen zugrunde legend, das mitteilen, was zur 
Rechtfertigung meines Urteils nötig ist. 

Alle Philosophie hat es sich bisher zur Aufgabe gestellt, die Welt als 
vernünftig zu begreifen. Was vernünftig ist, das ist nun freilich auch not- 
wendig, was notwendig ist, muß wirklich sein oder doch werden. Dies ist 
die Brücke zu den großen praktischen Resultaten der neueren Philosophie. 
Wenn nun Schelling diese Resultate nicht anerkennt, so war es konsequent, 

Schelling und die Offenbarung 181 

die Vernünftigkeit der Welt auch zu leugnen. Dies geradezu auszusprechen, 
hat er indes nicht gewagt, sondern es vorgezogen, die Vernünftigkeit der 
Philosophie zu leugnen. So zieht er sich denn zwischen Vernunft und 
Unvernunft auf einem möglichst krummen Wege durch, nennt das Ver- 
nünftige a priori begreiflich, das Unvernünftige a posteriori begreiflich, 
und weist das erste der „reinen Vernunftwissenschaft oder negativen 
Philosophie“, das zweite der neu zu begründenden „positiven Philoso- 
phie“ zu. | | | 

Hier ist die erste, große Kluft zwischen Schelling und allen andern 
Philosophen; hier der erste Versuch, Autoritätsglauben, Gefühlsmystik, 
gnostische Phantasterei in die freie Wissenschaft des Denkens hineinzu- 
schmuggeln. Die Einheit der Philosophie, die Ganzheit aller Weltanschau- 
ung wird zum unbefriedigendsten Dualismus zerrissen, der Widerspruch, 
der die welthistorische Bedeutung des Christentums ausmacht, zum Prinzip 
auch der Philosophie erhoben. Gleich von vornherein also müssen wir gegen 
diese Spaltung protestieren. Wie nichtig sie außerdem ist, wird sich zeigen, 
wenn wir den Gedankengang verfolgen, mit dem Schelling seine Unfähig- 
keit, das Universum als Vernünftiges und Ganzes zu begreifen, zu recht- 
fertigen sucht. Er geht von dem scholastischen Satze aus, daß an den Din- 
gen das quid und das quod, das Was und das Daß zu unterscheiden sei. 
Was die Dinge seien, lehre die Vernunft, daß sie seien, beweise die Er- 
fahrung. Wolle man diese Unterscheidung durch die Behauptung der Iden- 
tität von Denken und Sein aufheben, so sei das ein Mißbrauch dieses 
Satzes. Das Resultat des logischen Denkprozesses sei nur der Gedanke der 
Welt, nicht die reale Welt. Die Vernunft sei schlechthin impotent, die 
Existenz von irgend etwas zu beweisen, und habe in dieser Beziehung das 
Zeugnis der Erfahrung für genügend anzunehmen. Nun habe sich die 
Philosophie aber auch mit Dingen beschäftig, die über alle Erfahrung 
hinausgingen, z.B. mit Gott; es frage sich also, ob die Vernunft für die 
Existenz derselben Beweise zu liefern imstande sei. Um diese Frage beant- 
worten zu können, läßt sich Schelling auf eine lange Diskussion ein, die 
hier ganz überflüssig ist, da obige Prämissen keine Antwort zulassen als ein 
entschiedenes Nein. Dies ist denn auch das Resultat der Schellingschen 
Erörterung. So folgt denn hieraus nach Schelling notwendig, daß die Ver- 
nunft im reinen Denken sich nicht mit den wirklich existierenden Dingen, 
sondern mit den Dingen als möglichen zu beschäftigen habe, mit ihrem 
Wesen, nicht mit ihrem Sein; so daß wohl Gottes Wesen, aber nicht seine 
Existenz ihr Gegenstand sei. Für den wirklichen Gott müsse also eine 
andre als die rein vernünftige Sphäre gesucht werden, es müssen Dinge die 

182 Schelhng und die Offenbarung 

Voraussetzung der Existenz erhalten, die sich erst später, a posteriori, als 
möglich oder vernünftig und als in ihren Folgen erfahrungsmäßig, d.h. 
wirklich zu erweisen haben. 

Hier ist der Gegensatz gegen Hegel bereits in seiner ganzen Schärfe aus- 
gesprochen. Hegel, in jenem naiven Glauben an die Idee, über den Schel- 
ling so erhaben ist, behauptet, was vernünftig sei, das sei auch wirklich; 
Schelling sagt aber, was vernünftig ist, das ist möglich und stellt sich da- 
durch sicher, denn dieser Satz ist bei der bekannten Weitschichtigkeit der 
Möglichkeit unumstößlich. Zugleich aber beweist er schon hierdurch, wie 
sich später zeigen wird, seine Unklarheit in Beziehung auf alle rein logi- 
schen Kategorien. Ich könnte zwar gleich jetzt die Lücke in der obigen 
Schlachtordnung von Schlüssen aufzeigen, durch die der böse Feind der 
Abhängigkeit sich in die Reihe der freien Gedanken stahl, aber ich will es 
auf spätere Gelegenheit versparen, um mich nicht zu wiederholen, und so- 
gleich zum Inhalt der reinen on en übergehen, wie ihn 

Die Vernunft ist die unendliche Potenz des Erkennens. Potenz ist das- 
selbe wie Vermögen (Kants Erkennungsvermögen). Sie scheint als solche 
ohne allen Inhalt, doch hat sie allerdings einen solchen, und zwar ohne 
Zutun, ohne Aktus von ihrer Seite, denn sonst hörte sie ia auf, Potenz zu 
sein, da Potenz und Aktus sich gegenüberstehen. Dieser, notwendigerweise 
also unmittelbare, angeborene Inhalt wird, da allem Erkennen ein Sein ent- 
spricht, nur die unendliche Potenz des Seins, entsprechend der unend- 
lichen Potenz des Erkennens, sein können. Diese Potenz des Seins, dies 
unendliche Seinkönnen ist die Substanz, aus der wir unsre Begriffe ab- 
zuleiten haben. Die Beschäftigung mit ihr ist das reine, sich selbst iimma- 
nente Denken. Dieses reine Seinkönnen ist nun nicht bloß eine Bereitschaft 
zu existieren, sondern der Begriff des Seins selbst, das seiner Natur nach 
ewig in den Begriff Übergehende, oder im Begriff, ins Sein überzugehen, 
Seiende, das vom Sein nicht Abzuhaltende und darum vom Denken ins 
Sein Übergehende. Dies ist die bewegliche Natur des Denkens, wonach es 
nicht beim bloßen Denken stehenbleiben kann, sondern ewig ins Sein über- 
gehen muß. Doch ist dies kein Übergang ins reale Sein, sondern bloß ein 
logischer. So erscheint anstatt der reinen Potenz ein logisch Seiendes. Indem 
nun aber die unendliche Potenz als das Prius dessen sich verhält, was im 
Denken selbst durch Übergehen ins Sein entsteht, und der unendlichen 
Potenz nur alles wirkliche Sein entspricht, so besitzt die Vernunft die 
Potenz als ihr mit ihr verwachsener Inhalt, eine apriorische Stellung gegen 

Schelling und die Offenbarung 183 

das Sein anzunehmen und so, ohne die Erfahrung zu Hülfe zu nehmen, zum 
Inhalt alles wirklichen Seins zu gelangen. Was in der Wirklichkeit vor- 
kommt, hat sie als logisch notwendige Möglichkeit erkannt. Sie weiß nicht, 
ob die Welt existiert, sie weiß bloß, daß, wenn sie existiert, sie so und so 
beschaffen sein muß. 

Daß die Vernunft Potenz ist, nötigt uns also, den Inhalt derselben auch 
für potenziell zu erklären. Gott also kann nicht unmittelbarer Inhalt der 
Vernunft sein, denn er ist etwas Wirkliches, nichts bloß Potentielles, Mög- 
liches. In der Potenz des Seins entdecken wir nun zuerst die Möglichkeit, 
ins Sein überzugehen. Dies Sein nimmt ihr die Herrschaft über sich 
selbst. Vorher war sie des Seins mächtig, sie konnte übergehen und auch 
nicht; jetzt ist se dem Sein verfallen, in seiner Gewalt. Dies ist entgei- 
stetes Sein, begriffloses, denn Geist ist Macht über das Sein. In der Natur 
ist dies begrifflose Sein nicht mehr anzutreffen, es ist schon alles von 
.der Form in Beschlag genommen, aber es ist leicht zu sehen, daß diesem 
ein blindes, schrankenloses Sein vorausging, als Materie zugrunde liegt. 
Nun aber ist die Potenz dies Freie, Unendliche, das ins Sein übergehen 
kann und auch nicht, so daß sich zwei kontradiktorische Gegensätze, 
Sein und Nichtsein, in ihr -nicht ausschließen. Dies Auch-nicht-über- 
gehen-Können ist, solange das erste in der Potenz bleibt, diesem gleich. 
Erst wenn das unmittelbar Seinkönnende wirklich übergeht, wird das 
andre von ihm ausgeschlossen. Die Indifferenz beider in der Potenz hört 
auf, denn jetzt setzt die erste Möglichkeit die zweite außer sich. Dieser 
zweiten wird das Können erst gegeben durch die Ausschließung der ersten. 
Wie in der unendlichen Potenz das Übergehen-Können und das Nichtüber- 
gehen-Können sich nicht ausschließen, so schließen sie auch das zwischen 
Sein und Nichtsein Freischwebende nicht aus. So haben wir drei Potenzen. 
In der ersten ein unmittelbares Verhältnis zum Sein, in der zweiten ein 
mittelbares, erst durch die Ausschließung von der ersten sein Könnendes. 
So haben wir also 1. das zum Sein sich Neigende, 2. das zum Nichtsein 
sich Neigende, 3. das zwischen Sein und Nichtsein Freischwebende. Vor 
dem Übergange ist das dritte von der unmittelbaren Potenz nicht unter- 
schieden und wird so erst dann ein Sein werden, wenn es von den ersten 
beiden ausgeschlossen ist; es kann erst zustande kommen, wenn die beiden 
ersten ins Sein übergegangen sind. Hiermit sind alle Möglichkeiten ge- 
schlossen, und der innere Örganismus der Vernunft ist in dieser Totalität 
der Potenzen erschöpft. Die erste Möglichkeit ist nur die, vor welcher nur 
die unendliche Potenz selbst sein kann. Es gibt etwas, das, wenn es den Ort 
der Möglichkeit verlassen hat, nur eines ist, aber bis es sich hierzu ent- 

184 Schelling und die Offenbarung 

schieden hat, ist es instar omnium, das zunächst Bevorstehende, auch das 
Widerstehende, das dem andern, ihm zu folgen Bestimmten, Widerstand 
leistet. Indem es aus seiner Stelle weicht, überträgt es seine Macht einem 
andern, dieses zur Potenz erhebend. Diesem andern, zur Potenz Er- 
hobenen, wird es sich selbst als relativ Nichtseiendes unterordnen. Zuerst 
tritt hervor das im transitiven Sinne Seinkönnende, das daher auch das 
Zufälligste, Unbegründetste ist, das seinen Grund nur im Folgenden, nicht 
im Vorhergehenden, finden kann. Indem es sich diesem Folgenden unter- 
ordnet, gegen es ein relativ Nichtseiendes wird, wird es hierdurch selbst 
erst begründet, wird erst etwas, da es allein nur das Verlorene wäre. Dies 
erste ist die prima materia alles Seins, selbst zum bestimmten Sein ge- 
langend, indem es ein Höheres über sich setzt. Das zweite Seinkönnend& 
wird erst durch die obige Ausschließung des ersten aus seiner Gelassenheit 
gesetzt und in seine Potenz erhoben; das an sich noch nicht Seinkönnende 
wird jetzt Seinkönnendes durch die Negation. Aus seinem ursprünglichen 
Nicht-unmittelbar-seinkönnen ist es gesetzt als das gelassene ruhige Wollen 
und wird so notwendig dahin wirken, dasjenige, wodurch es negiert wurde, 
selbst zu negieren und sich in sein gelassenes Sein zurückzuführen. Dies 
kann nur dadurch geschehen, daß das erste aus seiner absoluten Entäuße- 
rung in sein Seinkönnen zurückgebracht wird. So erhalten wir ein höheres 
Seinkönnen, ein in sein Können zurückgebräachtes Sein, das als ein Höheres 
ein seiner selbst mächtiges Sein ist. Da nach dem unmittelbaren Seinkönnen 
die unendliche Potenz nicht erschöpft ist, so muß das zweite, was in ihr 
liegt, das unmittelbar nur-nicht-sein-Können sein. Aber das unmittelbar 
Seinkönnende ist schon über das Können heraus; daher muß die zweite 
Potenz das unmittelbar Nicht-Nichtseinkönnen sein, das ganz reine Sein, 
denn nur das Seiende ist nicht das Seinkönnende. Das reine Sein kann 
allerdings, mag es auch noch so widersprechend scheinen, Potenz sein, denn 
es ist nicht das wirkliche Sein, es ist nicht wie dieses a potentia ad actum! 
übergegangen, sondern actus purus?. Unmittelbare Potenz ist es freilich 
nicht, aber daraus folst nicht, daß es überhaupt nicht Potenz sein könne. Es 
muß negiert werden, damit es verwirklicht werde; so ist es nicht überall 
und durchaus Potenz, kann aber durch Negation Potenz werden. Solange 
das unmittelbar Seinkönnende bloß Potenz blieb, war es selbst im reinen 
Sein; sowie es sich über die Potenz erhebt, verdrängt es das reine Sein aus 
seinem Sein, um selbst Sein zu werden. Das Reinseiende als actus purus 
negiert, wird so Potenz. So hat es keine Freiheit des Willens, sondern es 

1 2 

von der Potenz zum Aktus - * reiner Aktus 

Schelling und die Offenbarung 185 

muß wirken, seine Negation wieder zu negieren. Auf diese Weise könnte es 
allerdings ab actu ad potentiam! übergehen und so außer sich verwirklicht 
werden. Das erste, das schrankenlose Sein, war das Nichtgewollte, die 
Hlyle, mit der der Demiurg zu ringen hat. Es ist gesetzt, um sogleich durch 
die zweite Potenz verneint zu werden. An die Stelle des schrankenlosen 
Seins muß ein gefaßites treten, es muß stufenweise ins Seinkönnen zurück- 
geführt werden und ist dann ein sich besitzendes und auf der höchsten 
Stufe selbstbewußtes Können. So liegt also zwischen der ersten und zweiten 
Möglichkeit eine Menge abgeleiteter Möglichkeiten und Mittelpotenzen. 
Diese sind schon die konkrete Welt. Ist nun die außer sich gesetzte Potenz 
ins Können ganz zurückgebracht, zur sich besitzenden Potenz, so wird auch 
die zweite vom Schauplatz abtreten, weil sie nur da ist, um die erste zu 
negieren und in dem Negationsakt der ersten sich selbst als Potenz auflöst. 
Je mehr sie das Entgegenstehende überwindet, vernichtet sie sich selbst. Hier 
kann nun nicht stehengeblieben werden. Soll im Sein das Vollendete sein, so 
muß an die Stelle des durch die zweite Potenz ganz überwundenen Seins 
ein drittes gesetzt werden, dem die zweite Potenz ihre Macht ganz über- 
trägt. Dies kann weder reines Seinkönnen noch reines Seinsein, sondern 
nur das, was im Sein Seinkönnen und im Seinkönnen Sein ist, der Wider- 
spruch von Potenz und Sein als Identität gesetzt, das zwischen beiden frei 
Schwebende, der Geist, eine unerschöpfliche Quelle von Sein, die ganz frei 
ist und nicht aufhört, im Sein Potenz zu bleiben. Diese kann nicht unmittel- 
bar wirken, sondern nur durch die zweite verwirklicht werden. Da nun das 
zweite das Vermittelnde zwischen dem ersten und dritten ist, so ist das 
dritte gesetzt durch das vom zweiten überwundene erste. Dies dritte, im 
Sein unbesiegt Gebliebene, ist als Geist gesetzt das Seinkönnende und 
Vollendende, so daß mit seinem Eintritte in das Sein das vollendete Sein 
da ist. In dem sich selbst besitzenden Können, im Geist, ist der Schluß der 
Natur. Dieses letzte kann nun auch einer neuen, mit Bewußtsein bewirk- 
ten Bewegung sich hingeben und so über der Natur eine neue, intellek- 
tuelle Welt sich bilden. Auch diese Möglichkeit muß von der Wissenschaft 
erschöpft werden, die damit Natur- und Geistesphilosophie wird. 

Durch diesen Prozeß ist alles den Denken nicht Immanente, ins Sein 
Übergegangene ausgeschieden, und es bleibt die Potenz, die nicht mehr ins 
Sein überzugehen braucht, die das Sein nicht mehr außer sich hat, deren 
Seinkönnen ihr Sein ist; das Wesen, das dem Sein nicht mehr unterworfen 
ist, sondern sein Sein in seiner Wahrheit ist, das sogenannte höchste Wesen. 
So ist das höchste Gesetz des Denkens erfüllt, Potenz und Aktus sind in 

1 vom Aktus zur Potenz 

186 Schelling und die Offenbarung 

einem Wesen zusammen, das Denken ist nun bei sich selber und somit 
freies Denken, nicht mehr einer unaufhaltsamen, notwendigen Bewegung 
unterworfen. Hier ist das am Anfang Gewollte erreicht, der sich selbst 
besitzende Begriff (denn Begriff und Potenz sind identisch), der, weil er der 
einzige seiner Art ist, einen besondern Namen hat, und weil er das von 
Anfang Gewollte ist, Idee heißt. Denn wer im Denken nicht aufs Resultat 
sehen will, wessen Philosophie sich ihres Zweckes nicht bewußt ist, der 
gleicht jenem Maler, der drauflosmalte, mochte herauskommen, was da wollte. 

Soweit hat uns Schelling den Inhalt seiner negativen Philosophie mit- 
geteilt, und diese Umrisse reichen vollkommen hin, um den phantastischen, 
unlogischen Charakter seiner Denkweise zu erkennen. Er ist nicht mehr 
fähig, sich im reinen Denken auch nur eine kurze Zeit zu bewegen; jeden 
Augenblick laufen ihm die märchenhaftesten, bizarrsten Phantome über 
an dal; die Rosse seines an nen —. sich bäumen und er 

re en wenn man sie auf ihren nackten Gedanl ikengehalt reduziert, 
[QA: garble stripped 2026-06-23]

[QA: garble stripped 2026-06-23]

nichts andres sind als die drei Momente aes sicegeischen Lilwickiüngs- 

ganges durch die Negation, nur auseinandergezerrt, in ihrer Trennung 
fixiert und von der „ihres Zweckes bewußten Philosophie“ diesem Zwecke 
gemäß zugerichtet, sieht man auf den ersten Blick. Es ist ein trauriges 
Schauspiel, wie Schelling den Gedanken aus seinem erhabenen, reinen 
Äther in das Gebiet der sinnlichen Vorstellung herabreißt, ihm die echte 
Goldkrone vom Haupte schlägt und ihn zum Spott der Straßenjungen mit 
einer goldpapiernen Krone, von dem Nebel und Dunst der ungewohnten, 
romantischen Atmosphäre berauscht, umhertaumeln läßt. Diese soge- 
nannten Potenzen sind gar keine Gedanken mehr, es sind nebulose, phan- 
tastische Gestalten, an denen die Umrisse der drei göttlichen Hypostasen 
bereits deutlich durch den Wolkenschleier schimmern, der sie geheimnis- 
voll umhüllt. Ja, sie haben bereits ein gewisses Selbstbewußtsein, die eine 
„neigt sich“ zum Sein, die andere zum Nichtsein, die dritte „schwebt frei“ 
zwischen beiden. Sie „geben einander Raum“, sie haben verschiedene 
„Stellen“, sie „verdrängen“ einander, sie „widerstehen“, sie bekämpfen 
einander, sie „suchen sich zu negieren“, sie „wirken“ und „streben“ usw. 
Diese seltsame Versinnlichung des Gedankens ist wieder aus einem Miiß- 
verständnisse der Hegelschen Logik entstanden. Jene gewaltige Dialektik, 
jene innere, treibende Kraft, die die einzelnen Gedankenbestimmungen, 
als wäre sie das böse Gewissen ihrer Unvollkommenbheit und Einseitigkeit, 
zu immer neuer Entwicklung und Wiedergeburt forttreibt, bis sie endlich 
als absolute Idee in unvergänglicher, fleckenloser Herrlichkeit zum letzten 

Schelling und die Offenbarung 187 

Male aus dem Grab der Negation erstehen, hat Schelling nicht anders 
fassen können denn als Selbstbewußtsein der einzelnen Kategorien, während 
sie doch das Selbstbewußtsein des Allgemeinen, des Denkens, der Idee ist. 
Er will die Sprache des Pathos zur absolut wissenschaftlichen erheben, 
ohne vorher uns den reinen Gedanken in der ihm allein passenden Sprache 
gezeigt zu haben. Auf der andern Seite ist er ebensowenig fähig, den Ge- 
danken des Seins in seiner vollständigen Abstraktion zu erfassen, wie er 
schon dadurch zeigt, daß er die Bestimmungen Sein und Seiendes fort- 
während als gleichbedeutend gebraucht. Das Sein ist ihm nur als Materie, . 
als Hyle, als wüstes Chaos denkbar. Dazu haben wir jetzt schon mehrere 
solche Materien, ein „schrankenloses Sein“, ein „gefaßtes Sein“, ein 
„reines Sein“, ein „logisches Sein“, ein „wirkliches Sein“, ein „gelassenes 
Sein“, und wir werden später noch ein „unvordenkliches Sein“ und ein 
„konträres Sein“ hinzubekommen. Es ist spaßhaft anzusehen, wie diese 
verschiedenen Sein zusammenstoßen und einander verdrängen, wie die 
Potenz nur die Wahl hat, sich in diese wüste Masse zu verlieren oder ein 
leeres Phantom zu bleiben. Man sage mir nicht, das liege bloß an der bild- 
lichen Ausdrucksweise; im Gegenteil ist dieses gnostisch-orientalische 
Traumdenken, das jede Gedankenbestimmung entweder als Persönlichkeit 
oder Materie erfaßt, die Grundlage des ganzen Prozesses. Man nehme die 
Anschauungsweise weg, und alles fällt zusammen. Schon die Grundkate- 
gorien, Potenz und Aktus, rühren aus einer verworrenen Zeit her, und 
Hegel hatte ganz recht, wenn er diese unklaren Bestimmungen aus der 
Logik herauswarf. Schelling vollends macht die Konfusion noch größer 
und gebraucht diesen Gegensatz abwechselnd, wie es ihm beliebt, für 
folgende Hegelsche Bestimmungen: Ansichsein und Fürsichsein, Idealität 
und Realität, Kraft und Äußerung, Möglichkeit und Wirklichkeit, und bei 
alledem ist die Potenz noch ein apartes, sinnlich-übersinnliches Wesen. 
Die hauptsächliche Bedeutung, die ihr Schelling beilegt, ist indes die der 
Möglichkeit, und so haben wir hier eine auf Möglichkeit begründete 
Philosophie. In dieser Beziehung nennt Schelling seine Vernunftwissen- 
schaft mit Recht die „Nichtsausschließende“, denn möglich ist am Ende 
alles. Es kommt aber darauf an, daß der Gedanke sich bewähre durch seine 
innere Kraft, sich zu verwirklichen. Die Deutschen werden für eine Philo- 
sophie danken, die sie auf einem holprigen Wege durch die unendlich lang- 
weilige Sahara der Möglichkeit schleppt, ohne ihnen etwas Reelles zu 
essen und zu trinken zu geben und ohne sie zu einem andern Ziel zu führen 
als dahin, wo nach ihrer Aussage die Welt für die Vernunft mit Brettern 
zugenagelt ist. 

18 _ Schelling und die Offenbarung 

Doch geben wir uns die Mühe, den Weg durch das Nichts nachzugehen. 
Schelling sagt: Das Wesen ist für den Begriff, das Sein für das Erkennen. 
Vernunft ist unendliche Potenz des Erkennens, ihr Inhalt unendliche 
Potenz des Seins, wie oben ausgeführt. Jetzt aber fängt er mit einem Male 
an, die unendliche Potenz des Seins mit der Potenz des Erkennens wirklich 
zu erkennen. Kann er das? Nein, Erkennen ist Aktus, dem Aktus entspricht 
Aktus, „dem Erkennen entspricht ein Sein“, also dem obigen aktuellen Er- 
kennen das aktuelle, wirkliche Sein. So würde die Vernunft also doch wider 
Willen das wirkliche Sein erkennen müssen, und trotz aller Mühe, die hohe 
See der Möglichkeit zu halten, wären wir gleich an den verhaßten Strand 
der Wirklichkeit geschleudert. 

Aber, wendet man ein, die Potenz des Seins wird ja erst nach ihrem 
Übergange, der freilich ein logischer ist, erkannt. Schelling selbst sagt ja, 
daß logisches Sein und Potenz des Seins, Begriff und Potenz identisch ist. 
Wenn also die Potenz des Erkennens wirklich zum Aktus übergeht, so darf 
die Potenz des Seins sich nicht mit einem vorgespiegelten Scheinübergange 
begnügen. Geht die Potenz des Seins nicht wirklich über, so bleibt die 
Potenz, kann von der Vernunft nicht erkannt werden, ist also nicht der „not- 
wendige Inhalt der Vernunft“, sondern gerade das absolut Unvernünftige. 

Oder will Schelling die Tätigkeit, die die Vernunft ihrem Inhalte zu- 
wendet, nicht Erkennen, sondern etwa Begreifen nennen? Dann müßte die 
Vernunft die unendliche Potenz des Begreifens sein, da sie in ihrer eigenen 
Wissenschaft gar nicht zum Erkennen käme. 

Auf der einen Seite schließt Schelling die Existenz von der Vernunft 
aus, auf der andern Seite gibt er sie ihr mit dem Erkennen wieder. Er- 
kennen ist ihm Einheit von Begriff und Existenz, von Logik und Empirie. 
Also Widersprüche, wohin wir uns wenden. Wie geht das zu? 

Ist die Vernunft denn die unendliche Potenz des Erkennens? Ist das 
Auge die Potenz des Sehens? Das Auge, selbst das geschlossene, sieht 
immerfort, es sieht, wenn es sogar nichts zu sehen glaubt, immer noch die 
Finsternis. Nur das kranke Auge, das heilbar-blinde, ist Potenz des Sehens, 
ohne Aktus zu sein, nur die unentwickelte oder momentan verworrene Ver- 
nunft ist die bloße Potenz des Erkennens. Aber es scheint doch so plausibel, 
die Vernunft als Potenz zu fassen? Sie ist es auch und nicht bloß Mösglich- 
keit, sondern absolute Kraft, Notwendigkeit des Erkennens. Diese aber 
muß sich äußern, muß erkennen. Die Trennung von Potenz und Aktus, von 
Kraft und Äußerung, gehört nur der Endlichkeit an, im Unendlichen ist die 
Potenz selbst ihr Aktus, die Kraft ihre eigene Äußerung. Denn das Unend- 
liche duldet keinen Widerspruch in sich. Ist nun die Vernunft unendliche 

Schelling und die Offenbarung 189 

Potenz, so ist sie dieser Unendlichkeit halber auch unendlicher Aktus. Sonst 
wäre die Potenz selbst endlich gefaßt. Das liegt auch schon im unbefangenen 
Bewußtsein. Vernunft, die in der Potenz des Erkennens stehenbleibt, heißt 
.man Unvernunft. Nur die Vernunft gilt für Vernunft, die wirklich sich 
durch Erkennen bewährt, das Auge nur für ein rechtes Auge, das auch 
sieht. Hier zeigt sich also gleich der Gegensatz von Potenz und Aktus als 
ein lösbarer, nichtiger in letzter Instanz, und diese Lösung ist ein Triumph 
der Hegelschen Dialektik über die Beschränktheit Schellings, die über 
diesen Gegensatz nicht hinauskam; denn selbst da, wo in der Idee Potenz 
und Aktus zusammenfallen sollen, wird dies bloß behauptet, das Über- 
fließen beider Bestimmungen ineinander aber nicht gezeigt. 

Sagt aber Schelling: Die Vernunft ist Begreifen, und da Begriff Potenz 
ist, Potenz des Erkennens, die erst dann wirkliches Erkennen wird, wenn 
sie etwas Reelles zu erkennen findet; dagegen in der reinen Vernunft- 
wissenschaft, wo sie sich mit der Potenz des Seins beschäftigt, bleibt sie 
innerhalb der Potenz des Erkennens stehen und begreift bloß - so wird doch 
kein Mensch, auch abgesehen von der obigen Erörterung über Potenz und 
Aktus - leugnen, daß es der Zweck der Potenz des Erkennens ist, wirklich 
zum Erkennen überzugehen, und sie ein Nichts ist, solange sie dies nicht 
tut. So zeigt sich, daß der Inhalt der reinen Vernunftwissenschaft ein 
hohler, leerer, unnützer ist, und die Vernunft, wenn sie ihren Zweck erfüllt 
und wirklich erkennt, Unvernunft wird. Wenn Schelling das zugibt, daß 
das Wesen der Vernunft die Unvernunft sei, so habe ich freilich nichts 
mehr zu sagen. 

So hat sich Schelling gleich von vornherein mit seinen Potenzen, Über- 
gängen und Entsprechenden so festgefahren, daß aus der Verwirrung von 
logischem und realem Sein, die er sich vom Halse halten will, nur durch 
Anerkennung eines andern Gedankenweges, als seines eignen, herauszu- 
kommen ist. Doch gehen wir weiter. 

Auf diese Weise soll nun die Vernunft den Inhalt alles wirklichen Seins 
erfassen und eine apriorische Stellung dagegen einnehmen; sie soll nicht 
beweisen können, daß etwas existiere, sondern, wenn etwas existiere, es so 
und so beschaffen sein müsse, im Gegensatz zur Hegelschen Behauptung, 
daß mit dem Gedanken auch die reale Existenz gegeben sei. Diese Sätze 
sind wieder durchaus verworren. Es ist weder Hegel noch sonst jemand 
eingefallen, die Existenz irgendeines Dinges ohne empirische Prämissen 
beweisen zu wollen; er beweist bloß die Notwendigkeit des Existierenden. 
Schelling faßt die Vernunft hier ebenso abstrakt wie früher Potenz und 
Aktus und wird dadurch in die Konsequenz gejagt, ihr eine vorweltliche, 

190 Schelling und die Offenbarung 

von aller andern Existenz getrennte Existenz anzuweiisen. Die Konsequenz 
der neueren Philosophie, die Schelling in seiner früheren Philosophie 
wenigstens in den Prämissen hatte und die erst Feuerbach in ihrer ganzen 
Schärfe zum Bewußtsein gebracht hat, ist, daß die Vernunft schlechterdings 
nur als Geist und dieser nur in und mit der Natur existieren könne, nicht 
aber etwa abgesondert von ihr, Gott weiß wo, ein apartes Leben führt. Dies 
gibt auch Schelling zu, wenn er als Ziel der individuellen Unsterblichkeit 
nicht die Befreiung des Geistes von der Natur, sondern erst das rechte 
Gleichgewicht beider hinstellt; wenn er ferner von Christus sagt, er sei 
nicht in das All zerflogen, sondern als Mensch zur Rechten Gottes erhoben. 
(Also müßten die übrigen beiden göttlichen Persönlichkeiten doch wohl im 
All zerflogen sein ?) Existiertnun aber die Vernunft, so ist ihre eigene Existenz 
der Beweis für die Existenz der Natur. So ist die Notwendigkeit da, daß 
die Potenz des Seins sogleich in den Aktus des Seins übergehen muß. Oder 
um an einen ganz alltäglichen, auch ohne Feuerbach und Hegel verständ- 
lichen Satz anzuknüpfen: Solange man von aller Existenz abstrahiert, kann 
überhaupt nicht die Rede von ihr sein. Knüpit man aber an etwas Existleren- 
des an, so kann man von diesem aus allerdings zu andern Dingen fort- 
schreiten, die, wenn alle Schlußfolgerungen richtig waren, ebenfalls 
existieren müssen. Ist die Existenz der Prämissen zugegeben, so ist die 
Existenz der Folgerung selbstverstanden. Nun ist die Basis aller Philo- 
sophie die Existenz der Vernunft; diese Existenz ist durch ihre Tätigkeit 
bewiesen (cogito, ergo sum); geht man also von ihr als existierend aus, so 
folgt die Existenz aller ihrer Konsequenzen von selbst. Daß die Existenz 
der Vernunft eine Voraussetzung sei, hat noch kein Philosoph geleugnet; 
will Schelling indes diese Voraussetzung nicht anerkennen, so bleibe er aus 
der Philosophie ganz heraus. So konnte Hegel allerdings die Existenz der 
Natur beweisen, d.h. ihre notwendige Konsequenz aus dem Dasein der 
Vernunft. Schelling aber, der in eine abstrakte und nichtige Immanenz des 
Denkens hinein will, vergißt, daß allen seinen Operationen die Existenz 
der Vernunft von selbst zugrunde liegt und stellt die lächerliche Forderung, 
daß die wirkliche Vernunft unwirkliche, bloß logische Resultate haben, ein 
wirklicher Apfelbaum nur logische, potentielle Äpfel hervorbringen soll. 
Einen solchen Apfelbaum pflegt man unfruchtbar zu nennen; Schelling 
würde sagen: Die unendliche Potenz eines Apfelbaums. 

Wenn Hegels Kategorien also nicht nur die Vorbilder, nach denen die 
Dinge dieser Welt, sondern auch die zeugenden Kräfte, durch die sie 
geschaffen worden sind, genannt werden, so heißt dies nichts andres, als 
daß sie den Gedankeninhalt der Welt und ihre notwendige Folge aus dem 

Schelling und die Offenbarung 19] 

Dasein der Vernunft aussprechen. Schelling dagegen hält wirklich die 
Vernunft für etwas, das auch außerhalb des Weltorganismus existieren 
könne und stellt damit das wahre Reich derselben in die hohle, leere Ab- 
straktion, in den „Äon vor Erschaffung der Welt“, der aber glücklicherweise 
nie dagewesen ist und in dem die Vernunft sich noch weit weniger herum- 
getrieben oder gar selig gefühlt hat. Es zeigt sich aber hier, wie die Extreme 
sich berühren; Schelling kann den konkreten Gedanken nicht fassen und 
treibt ihn in die schwindelndste Abstraktion hinauf, die ihm sogleich wie- 
der als sinnliches Bild erscheint, so daß gerade dies Durcheinander von 
Abstraktion und Vorstellung das Charakteristische der Schellingschen 
scholastisch-mystischen Denkweise ist. 

Hierfür haben wir wieder neue Beweise, wenn wir uns zur Inhaltsent- 
wicklung der „negativen Philosophie“ wenden. Die Potenz des Seins dient 
zur Basis. Die Karikierung der Hegelschen Dialektik tritt aufs deutlichste 
hervor. Die Potenz kann übergehen, kann dies aber auch unterlassen, wie es 
ihr gefällt. So scheiden sich aus der neutralen Potenz in der Retorte der 
Vernunft die beiden chemischen Bestandteile: Sein und Nichtsein. Wäre 
es überhaupt möglich, die Potenzenwirtschaft auf die gesunde Vernunft 
zurückzuführen, so wäre hier der Ort, wo sich ein dialektisches Moment 
zeigt und Schelling zu ahnen scheint, daß das Wesen der Potenz die Not- 
wendigkeit des Übergangs und die Potenz aus dem Aktus der Wirklichkeit 
erst abstrahiert sei. Aber nein, er verfängt sich immer tiefer in die einseitige 
Abstraktion. Er läßt die Potenz zur Probe einmal übergehen und findet den 
großen Gedanken, daß nach diesem Übergange sie die Chance verscherzt 
hat, auch nicht überzugehen. Zugleich entdeckt er in der Potenz ein drittes, 
die Möglichkeit, keins von beiden zu tun und zwischen beiden frei zu 
schweben. Diese drei Möglichkeiten oder Potenzen sollen allen vernünftigen 
Inhalt, alles mögliche Sein in sich schließen. 

Die Möglichkeit, sein zu können, wird wirkliches Sein. Dadurch wird 
die zweite Möglichkeit, auch nicht sein zu können, negiert. Wird. diese 
sich wiederherzustellen suchen? Wie kann sie das, denn es ist nicht blo 
eine Negation im Hegelschen Sinne, der sie unterliegt, sie ist total ver- 
nichtet, auf ein Garnichts reduziert, ein so radikales Nichtsein, wie es nur 
in einer Philosophie der Möglichkeit vorkommen kann. Woher soll diese 
ekrasierte, verschlungene, aufgefressene Möglichkeit noch Kraft haben, 
sich zu restituieren? Denn nicht bloß die zweite Möglichkeit, sondern sogar 
die Urpotenz, das Subjekt, dessen bloßes Prädikat jene zweite Möglichkeit 
ist, wird negiert, und da müßte nicht diese, sondern jene, die Urpotenz, sich 
zu restituieren suchen. Das aber kann ihre Absicht gar nicht sein - um in 

192 Schelling und die Offenbarung 

Schellings Beschauungsweise zu bleiben -, denn das mußte sie vorher 
wissen, daß sie, Aktus werdend, sich selbst als Potenz negieren werde. Eine 
solche Wiederherstellung kann überhaupt nur stattfinden, wo Personen, 
nicht Kategorien, sich negieren. Nur ein grenzenloses Mißverständnis, nur 
eine ungeheure Verballhornisierungswut konnte das Prinzip der Hegelschen 
Dialektik, das hier offenbar zugrunde liegt, auf eine so gedankenlose Weise 
entstellen. Wie undialektisch der ganze Prozeß ist, zeigt sich auch so: Wenn 
die beiden Seiten in der Potenz gleiche Kraft haben, so entscheidet sie sich 
doch wohl, ohne Anstoß von außen, gar nicht zum Übergange und bleibt. 
Dann freilich fände der ganze Prozeß nicht statt, und Schelling wüßte 
keinen Rat, woher er die Prototypen der Welt, des Geistes und der christ- 
lichen Dreiemigkeit holen sollte. So sieht man die Notwendigkeit des 
Ganzen nicht ein, es bleibt dunkel, weshalb die Potenz ihren schönen 
potentiellen Frieden fahrenläßt, sich dem Sein unterwirft usw., und der. 
ganze Prozeß} ruht von vornherein auf einer Willkürlichkeit. Wenn das im 
Er zus [r “ Ei Iensser 

igen“ Denken geschieht, was wird im „freien“ erst kommen! 
Das ist’s aber, dieser Übergang muß willkürlich bleiben, denn sonst er- 
kennte Schelling ja die Notwendigkeit der Welt an, und diese paßt nicht 
in seinen Positivismus. Hier liest aber wieder ein Beweis dafür, daß Potenz 
nur Potenz als Aktus, dagegen ohne Aktus ein hohles, leeres Unding ist, 
mit dem sich Schelling selbst nicht zufrieden geben kann. Denn an der 
leeren Potenz hat er keinen Inhalt; dieser tritt erst ein, wenn sie Äktus wird, 
und so muß er die Unwahrheit des Gegensatzes von Potenz und Aktus 
wider Willen anerkennen. 

Kommen wir noch einmal auf die zweite Potenz zurück, aus der Schel- 
ling das wunderbarste Wesen macht. Wir haben oben gesehen, wie sie 
negiert, auf nichts reduziert wurde. Jetzt sagt Schelling weiter: Da die 
erste das Seinkönnende ist, so ist sie sein Gegenteil, alles, nur nicht das 
Seinkönnende, also das ganz reine Seiende, actus purus! Dieser muß nun 
aber auch schon in der Urpotenz gelegen haben, aber wie kommt er hinein? 
Wie wird jenes „dem Sein abgewandte, zum Nichtsein sich neigende“ usw. 
auf einmal das ganz reine Sein, wie unterscheidet sich das „reine Sein“ vom 
„schrankenlosen Sein“, warum gibt es für das Nichtseinkönnende keine 
andre Möglichkeit, als das Seiende zu sein? Darauf erhalten wir keine 
Antwort. Statt dessen wird uns versichert, daß diese zweite Potenz die erste, 
schrankenlos gewordene, ins Können zurückführt, sich dadurch restituiert 
und zugleich - vernichtet. Das begreife einer! Ferner ist dieser Reduktions- 
prozeß in seinen Stufen fixiert in den Stufen der Natur. Daß dabei die 
Natur herauskommen soll, sieht keiner ein. Weshalb ist denn z.B. das 

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+ 

Schelling und die Offenbarung 193 

schrankenlose Sein die Hyle? Weil Schelling von vornherein an diese Hyle 
gedacht, auf sie losgearbeitet hat, sonst könnte dieses Sein auch alles andre 
zum sinnlichen oder geistigen Inhalt haben. Daß die Naturstufen als Poten- 
zen zu fassen sind, ist auch nicht einzusehen. Auf diese Weise müßte das 
Toteste, Anorganische das am meisten Seiende, das Organische das mehr 
Seinkönnende sein; man kann dies aber nur als mystisches Bild ansehen, in 
dem aller Gedankeninhalt untergegangen ist. | 

Statt nun die dritte Potenz, den Geist - denn auf diesen sieht- man 
Schelling schon wieder von weitem losarbeiten - als die höchste quantita- 
tive Stufe der durch die zweite überwundenen ersten, worin zugleich eine 
qualitative Änderung vorgeht, zu begreifen, weiß Schelling wieder nicht 
Rat, woher er sie holen soll. „Die Wissenschaft sieht ‚sich nach einem 
dritten um.“ „Hier kann nun nicht stehengeblieben werden.“ „Es muß an 
die Stelle des durch die zweite Potenz überwundenen Seins ein drittes 
gesetzt werden.“ Das sind die Zauberfloskeln, mit denen er den Geist 
beschwört. Wie dieser durch generatio primitiva! hereingekommene Geist 
beschaffen sei, wird uns nun gelehrt. Denken wir an die Natur, so ist es 
allerdings einleuchtend, daß nach den gegebenen Prämissen der Geist als 
das sich selbst besitzende Seinkönnen (nicht bloßes Können) zu fassen sei, 
was freilich schon schlimm genug ist; abstrahieren wir aber von dieser erst 
zukünftigen und vielleicht gar nicht einmal kommenden Natur, bleiben wir 
bei den reinen Potenzen, so ist nicht mit aller Mühe einzusehen, daß die 
durch die zweite ins Seinkönnen zurückgebrachte erste etwas andres sein 
könne als die Urpotenz. Schelling hat bei Hegel wohl die Tiefe der durch 
die Negation und den Gegensatz hindurchgegangenen Vermittlung geahnt, 
aber nachmachen kann er’s nicht. Bei ihm sind zwei einander gleichgültige 
Dinge, von denen eins das andere verdrängt, worauf das zweite seinen 
Platz wiedererobert und das erste auf seinen ursprünglichen Ort zurück- 
treibt. Daß dabei etwas andres herauskommen soll als der anfängliche Zu- 
stand, ist unmöglich. Zudem, wenn das erste stark genug ist, das zweite zu 
verdrängen, woher kommt dem zweiten auf einmal die Kraft, nach einer 
verunglückten Defensive die Offensive zu ergreifen und das erste zu ver- 
jagen? Von der unglücklichen Definition des Geistes will ich gar nicht 
sprechen; sie widerlegt sich selbst und den ganzen Prozeß, dessen Resultat 
sie Ist. | 

So hätten wir uns denn glücklich durch diesen sogenannten Entwick- 
lungsprozeß durchgearbeitet und könnten gleich zu andern Dingen über- 

1 Urzeugung 

13 Marx/Engels, Werke, EB2 

194 Schelling und die Offenbarung 

gehen, wenn uns nicht Schelling, nachdem der Geist das letzte war, der 
alles beschloß, eine andre, intellektuelle Welt in Aussicht stellte, als deren 
Schlußstein er uns die Idee nennt. Wie Schelling nun nach der konkreten 
Natur und dem lebendigen Geiste noch die abstrakte Idee (in dieser Stellung 
kann sie allerdings nur abstrakt sein) herausbekommen kann, ist allerdings 
unbegreiflich, und Schelling hätte dies rechtfertigen müssen, da er die 
Stellung der Hegelschen Idee gegen diese doch verwirft. Er kommt aber 
hierzu durch die Sucht, das Absolute platterdings am Ende der Philosophie 
haben zu wollen, und dadurch, daß er nicht begriff, wie Hegel dies auch 
wirklich geleistet hat. Das Absolute aber ist der sich selbst wissende Geist - 
und das wird auch wohl Schellings Idee sein; dieser aber soll nach Schelling 
am Ende der negativen Philosophie Postulat sein. Da ist aber wieder ein 
Widerspruch. Die Geschichte kann nicht in sie hineinfallen, da sie mit der 
Wirklichkeit nichts zu schaffen hat; auf der andern Seite ist sie Geistes- 
philosophie, und deren Krone ist doch die Philosophie der Weltgeschichte; 
auch soll die negative Wissenschaft „jene letzte Möglichkeit eines mit Be- 
 wußtsein vorgehenden Prozesses (der doch nur die Geschichte sein kann) 
erschöpfen“. Wie sieht es nun damit aus? Soviel ist gewiß, daß, wenn 
Schelling eine Geschichtsphilosophie hätte, der sich wissende Geist ihm 
nicht als Postulat, sondern als Resultat erscheinen würde. Der sich wissende 
Geist ist aber noch lange nicht der Begriff des persönlichen Gottes, wie 
Schelling das von der idee behauptet. 

Nachdem Schelling dies absolviert hatte, behauptete er, diese eben 
dargestellte Wissenschaft in ihrem Zusammenhange zu geben, sei sein 
Bemühen vor vierzig Jahren gewesen. Die Identitätsphilosophie habe nur 
diese negative Philosophie sein wollen. Ihre langsame, allmähliche Er- 
hebung über Fichte sei wenigstens teilweise absichtlich gewesen; „er habe 
alle schroffen Übergänge vermeiden, die Stetigkeit der philosophischen 
Entwicklung beibehalten wollen und sich sogar mit der Hoffnung ge- 
schmeichelt, vielleicht später einmal Fichte selbst auf seine Seite zu ziehen“. 
Man müßte die obige Aussage Hegels und die geringe Selbstkenntnis 
Schellings nicht kennen. Das Subjekt, das in der Ideniitätsphilosophie 
allen positiven Inhalt in sich aufnahm, wird jetzt für die Potenz erklärt. 
Schon in ihr sollen die Stufen der Natur gegen die jedesmal höheren relativ 
Seiende, die höheren selbst Seinkönnende und gegen ihre höheren wieder 
relativ Seiende sein, so daß, was dort Subjekt und Objekt, hier Seinkönnen- 
des und Seiendes heißt, bis zuletzt das nicht mehr relativ Seiende, das 
absolut „Überseiende“, die Identität, nicht mehr die bloße Indifferenz, von 
Denken und Sein, von Potenz und Aktus, Subjekt und Objekt heraus- 

Schelling und die Offenbarung 195 

kommt. Alles in ihr sei aber „in Voraussetzung der reinen Vernunftwissen-. 
schaft“ gesagt worden, und der schlimmste Mißverstand sei der gewesen, 
daß man das Ganze für einen nicht bloß logischen, sondern auch wirklichen 
Hergang genommen habe, daß man meinte, sie schlösse von einem an sich 
wahren Prinzip auf die Wahrheit alles Folgenden. Erst an ihrem Ziel 
bleibe das sich nicht mehr entäußern Könnende, das Sein in seinem vollen - 
Glanze stehen und sehe Natur und Geist als seinen Thron unter sich, auf 
den es erhöht worden; jedoch sei dies bei aller Erhabenheit ein bloßes 
Gedankengebilde und nur durch völlige Umkehr in einen wirklichen Her- 
gang zu verwandeln. 

Wir wollen es einstweilen dahingestellt sein lassen, ob diese Disks 
der Identitätsphilosophie nicht den jetzigen Ansichten Schellings akkom- 
modiert ist, ob er vor vierzig Jahren ebensowenig auf die Realität seiner 
Gedanken gab als jetzt, und ob es nicht besser gewesen wäre, statt vor- 
nehmen Schweigens den „größten Mißverstand“ mit zwei Worten, wie es 
leicht geschehen konnte, zu beseitigen; wir wollen gleich zur Beurteilung 
des Mannes übergehen, der Schellingen „aus seinem Ort verdrärgte“, ohne 
daß dieser bisher „das ihn Negierende wieder negieren konnte“. _ 
Hegel, sagt Schelling, hat, während fast alle die Identitätsphilosophie 
falsch und flach auffaßten, ihren Grundgedanken gerettet und bis zuletzt 
anerkannt, worüber seine „Vorlesungen über die Geschichte der Philoso- 
phie“ Zeugnis geben. Hegel fehlte darin, daß er die Identitätsphilosophie 
für die absolute Philosophie hielt und nicht anerkannte, daß es Dinge gibt, 
die über sie hinausgehen. Ihre Grenze war das Seinkönnen; er ging darüber 
hinaus und zog das Sein in ihren Bereich. Daß er sie zu einem Existential- 
system machen wollte, war sein Grundfehler. Er glaubte, die Identitäts- 
philosophie habe das Absolute nicht bloß der Sache, sondern auch der 
Existenz nach zum Gegenstand gehabt. Indem er die Existenz hineinzicht, 
fällt er aus der Entwicklung der reinen Vernunft heraus. So ist es konse- 
quent, wenn er seine Wissenschaft mit dem reinen Sein beginnt und damit 
das Prius der Existenz leugnet. Dadurch kam es, daß er nur immanent war. 
im Nichtimmanenten, denn das Sein ist das im Denken Nichtimmanente. 
Darauf nun behauptet er, in der Logik das Absolute bewiesen zu haben. 
So hätte er denn das Absolute zweimal, am Ende der Logik, wo es genau so . 
bestimmt ist wie am Ende der Identitätsphilosophie, und am Ende des 
ganzen Prozesses. Hier zeigt sich also, daß die Logik nicht als erster Teil der 
Entwicklung vorausgeschickt werden soll, sondern eben den ganzen Prozeß 
zu durchdringen hat. Bei Hegel bestimmt sich die Logik als subjektive 
Wissenschaft, worin das Denken in und mit sich allein ist, vor und außer: 

13° 

196 Schelling und die Offenbarung 

aller Wirklichkeit. Und doch soll es die wirkliche, reale Idee zu seinem 
Endpunkt haben. Während die Identitätsphilosophie mit ihrem ersten 
Schritt in der Natur ist, wirft Hegel die Natur aus der Logik heraus und 
erklärt sie dadurch für unlogisch. Die abstrakten Begriffe der Hegelschen 
Logik gehören eben nicht an den Anfang der Philosophie, sie können erst 
dann eintreten, wenn das Bewußtsein die ganze Natur in sich aufgenommen 
hat, denn sie sind erst die Abstraktionen aus der Natur. So kann bei Hegel 
von objektiver L.ogik nicht die Rede sein, denn da, wo die Natur, das Objekt 
anfängt, hört gerade die Logik auf. So ist in der Logik die Idee im Werden, 
aber nur im Gedanken des Philosophen, ihr objektives Leben fängt erst 
da an, wo sie zum: Bewußtsein gekommen ist. Sie ist aber als wirklich 
existierende schon am Ende der Logik - also kann mit ihr nun doch nicht 
weiter fortgefahren werden. Denn die Idee, als absolutes Subjekt-Objekt, 
als ideal-real, ist in sich vollendet und keines Fortschritts mehr fähig; wie 
kann sie also ins a in die Natur, noch übergehen. Hier zeigt es sich 
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muß eben der positiven Philosophie vorbehalten bleiben. 

Das Verkehrte dieser Darstellung beruht hauptsächlich auf dem naiven 
Glauben, daß Hegel nicht über den Schellingschen Standpunkt hinaus- 
gekommen sei und diesen noch dazu mißverstanden habe. Daß Schelling 
bei aller Mühe nicht aus der Existenz herauskommen kann, haben wir ge- 
sehen, und es bedürfte also eigentlich keiner Rechtfertigung, daß Hegel 
diesen Anspruch der abstrakten Idealität nicht machte. Könnte Schelling 
auch in der reinen Potenz verharren, so müßte ihm seine eigene Existenz 
beweisen, daß die Potenz übergegangen ist, also alle Konsequenzen des bloß 
logischen Seins jetzt in das Reale fallen und das „Absolute“ somit existiert. 
Was will er nun weiter mit der positiven Philosophie? Folgt aus der lo- 
gischen Welt das logische Absolute, so folgt doch aus der existierenden Welt: 
das existierende Absolute. Daß Schelling sich hierbei aber nicht begnügen 
kann, sondern nun noch eine positive Glaubensphilosophie annimmt, zeigt, 
wie sehr die empirische, außerweltliche Existenz des Absoluten aller Ver- 
nunft widerspricht, und wie sehr Schelling selbst dies empfindet. Weil 
nun Schelling die Hegelsche Idee, die unendlich hoch über dem Absoluten 
der Identitätsphilosophie steht, weil sie das ist, was jenes zu sein nur be- 
hauptet, auf seinen niedrigen Standpunkt herabziehen will, kann er das 
Verhältnis der Idee zu Natur und Geist nicht fassen. Schelling stellt sich 
wieder die Idee als extramundanes Wesen, als persönlichen Gott vor, was 
Hegeln gar nicht eingefallen ist. Die Realität der Idee ist bei Hegel nichts 

Schelling und die Offenbarung 197 

anderes als -— Natur und Geist. Darum hat Hegel das Absolute auch nicht 
zweimal. Am Ende der Logik ist die Idee als ideal-real, aber eben darum ist 
sie ja sogleich Natur. Ist sie bloß als Idee ausgesprochen, so ist sie nur 
ideal, nur logisch existierend. Das ideal-reale, in sich vollendete Absolute 
ist eben nur die Einheit von Natur und Geist in der Idee. Schelling aber 
faßt das Absolute immer noch als absolutes Subjekt, denn, ob es vom Inhalt 
der Objektivität erfüllt ist, bleibt es doch noch Subjekt, ohne Objekt zu 
werden, d.h. ihm ist das Absolute nur in der Vorstellung des persönlichen 
Gottes real. Er lasse diesen doch aus dem Spiel und halte sich an die reine 
Gedankenbestimmung, in der es sich nicht um Persönlichkeit handelt. So 
ist das Absolute nicht real außer Natur und Geist. Wäre es das, so wären 
diese beiden ja überflüssig. Handelte es sich also in der Logik um die 
idealen Bestimmungen der Idee, als realer in Natur und Geist, so handelt 
es sich nun um diese Realität selbst, um den Nachweis dieser Bestimmun- 
gen in der Existenz, welcher die letzteProbe und zugleich die höchste Stufe 
der Philosophie ist. So ist aus der Logik allerdings ein Fortschritt nicht 
nur möglich, sondern notwendig, und eben dieser Fortschritt kehrt im 
selbstbewußten, unendlichen Geist zur Idee zurück. So zeigt sich die 
Nichtigkeit der Schellingschen Behauptungen: Hegel erkläre die Natur für 
unlogisch (wofür übrigens Schelling einmal die ganze Welt erklärt), seine 
Logik, die notwendige, selbsttätige Entwicklung des Gedankens sei „sub- 
jektive Wissenschaft, und die objektive Logik könne gar nicht stattfinden, da 
dies die Naturphilosophie sei und diese aus der Logik geworfen“. Als ob 
die Objektivität der Wissenschaft darin bestände, daß sie ein äußerliches 
Objekt als solches betrachtet! Nennt Schelling die Logik subjektiv, so ist 
kein Grund vorhanden, die Naturphilosophie auch für subjektiv zu er- 
‘klären, denn dasselbe Subjekt, das hier denkt, denkt auch da, und auf den 
betrachteten Inhalt kommt es ja nicht an. Hegels objektive Logik aber ent- 
wickelt nicht, sie läßt die Gedanken sich selbst entwickeln, und das denkende 
Subjekt ist als bloßer Zuschauer rein zufällig. 

Hierauf knüpft Schelling, zur Geistesphilosophie übergehend, : an die 
Äußerungen an, in denen die Philosophie Hegels mit seinen persönlichen 
Neigungen und Vorurteilen im Kampfe liegt. Die religions-philosophische 
Seite. des Hegelschen Systems gibt ihm Anlaß, Widersprüche zwischen 
Prämissen und Folgerung aufzuzeigen, die längst von der junghegelschen 
Schule aufgedeckt und anerkannt worden sind. So sagt er ganz richtig: So 
will diese Philosophie christlich sein, wozu sie doch nichts zwingt; bliebe 
_ sie auf dem ersten Stand der Vernunftwissenschaft stehen, so hätte sie ihre 
Wahrheit in sich selbst. — Er schließt seine Bemerkungen dann mit der 

198 Schelling und die Offenbarung 

Anerkennung des Hegelschen Äusspruchs, daß die letzten Formen der 
Erringung des Absoluten Kunst, Religion und Philosophie seien. Nur 
müsse, und dies gilt ihm für den dialektischen Punkt dieses Ausspruchs, 
da Kunst und Religion über die reine Vernunftwissenschaft hinausgingen, 
diese Philosophie dies auch tun und eine zweite, eine von der bisherigen 
verschiedene sein. Aber wo sagt denn Hegel dies? Am Ende der „Phäno- 
menologie“, wo er die ganze Logik als zweite Philosophie vor sich hat. Die 
Phänomenologie war aber - hier tritt gerade das Gegenteil der Schelling- 
schen Auffassung hervor - nicht reine Vernunftwissenschaft, sondern grade 
erst der Weg zu ihr, die Erhebung des Empirischen, des sinnlichen Bewußt- 
seins auf den Standpunkt der reinen Vernunftwissenschaft. Nicht das 
logische, sondern das phänomenologische Bewußtsein findet diese drei als 
letzte „Möglichkeiten, sich der Existenz des absolut Überseienden zu ver- 
“ sichern“, vor sich. Das logische, freie Bewußtsein sieht ganz andre Dinge, 
um die wir uns vorläufig indes noch nicht zu bekümmern haben, es hat 

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offen hrsrochen Schelling ist seit den Scholastikern der erste, der 
diesen Schritt wagt; denn Jacobi und seinesgleichen zählen nicht, weil sie 
nur einzelne Seiten ihrer Zeit, nie ihre Ganzheit vertraten. Zum ersten Male 
seit fünfhundert Jahren tritt ein Heros der Wissenschaft auf und erklärt 
diese für die Magd des Glaubens. Er hat es getan - die Folgen fallen auf ihn. 
Uns kann es nur freuen, daß der Mann, der ein Träger seiner Zeit war wie 
keiner, in dem sein Jahrhundert zum Selbstbewußtsein kam, daß dieser 
Mann auch von Schelling für die höchste Blüte der Vernunftwissenschaft 
erklärt wird. Wer an die Allmacht der Vernunft glaubt, nehme sich dies 
Zeugnis eines Feindes zu Herzen. 

Schelling schildert die positive Philosophie folgendermaßen: Sie ist von 
der negativen ganz unabhängig und kann nicht mit dem Ende dieser als 
einem Existierenden anfangen, sondern muß die Existenz erst selbst er- 
weisen. Das Ende der negativen ist in der positiven nicht Prinzip, sondern 
Aufgabe; der Anfang der positiven ist durch sich selber absolut. Die Einheit 
beider ist nie vorhanden gewesen und war weder durch Unterdrückung 
einer, noch durch Vermischung beider zu erlangen. Es läßt sich nachweisen, 
daß beide von jeher im Widerstreite miteinander waren. (Hier folgt der 
Versuch eines solchen Nachweises von Sokrates bis zu Kant, in welchem 
Empirismus und Apriorismus wieder scharf getrennt seien. Wir müssen 
diesen übergehen, da er ganz ohne alle Resultate bleibt.) Nun ist die positive 
Philosophie aber nicht reiner Empirismus, am wenigsten aber solcher, der 

Schelling und die Offenbarung 199 

sich auf innere, mystisch-theosophische Erfahrung basiert, sondern sie hat 
ihr Prinzip in dem, was weder im bloßen Denken ist, noch in der Erfahrung 
vorkommt, also im absolut Transzendenten, was über alle Erfahrung und 
alles Denken hinausgeht und beiden zuvorkommt. Daher muß der Anfang 
nicht relatives Prius sein, wie im reinen Denken, wo die Potenz den Über- 
gang vor sich hat, sondern absolutes Prius, so daß nicht vom Begriff zum 
Sein, sondern vom Sein zum Begriffe fortgeschritten wird. Dieser Über- 
gang ist nicht notwendig, wie der erste, sondern Folge einer freien, das 
Sein überwindenden Tat, die a posteriori durch die Empirie erwiesen wird. 
Denn wenn es der negativen Philosophie, die auf logischer Konsequenz 
beruht, gleichgültig sein kann, ob es eine Welt gibt und ob diese mit ihrer 
Konstruktion übereinstimmt, so schreitet die positive durch freies Denken 
fort und muß so ihre Bestätigung in der Erfahrung haben, mit der sie gleichen 
Schritt zu halten hat. Ist die negative Philosophie reiner Apriorismus, so ist 
die positive apriorischer Empirismus. Weil in ihr ein freies, d.h. wollendes 
Denken vorausgesetzt wird, so sind ihre Beweise auch nur für die Wollenden 
und „Klugen“; man muß sie nicht nur verstehen, sondern ihre Kraft auch 
fühlen wollen. Befindet sich unter den Erfahrungsgegenständen etwa auch 
die Offenbarung, so gehört sie dieser ebenso zu wie der Natur und Mensch- 
heit, und hat daher für diese keine andere Autorität wie für alles übrige; wie 
z.B. für die Astronomie die Planetenbewegungen allerdings Autoritäten 
sind, mit denen die Berechnungen übereinzustimmen haben. Sagt man, die 
Philosophie wäre ohne die vorhergegangene Offenbarung nicht zu diesem 
Resultate gekommen, so hat dies allerdings in etwas seine Richtigkeit, aber 
jetzt kann die Philosophie es auch allein; wie es Leute gibt, die kleine 
Fixsterne, nachdem sie sie einmal durch das Teleskop erkannt haben, 
nachher auch mit bloßen Augen entdecken können und somit nicht mehr 
vom Teleskop abhängig sind. Die Philosophie muß das Christentum, das 
ebensogut Realität ist wie Natur und Geist, in sich aufnehmen, aber nicht 
allein eine Offenbarung, sondern die innere Notwendigkeit der bloß lo- 
gischen Philosophie zwingt diese, über sich selbst hinauszugehen. Die 
negative bringt alles zur bloßen Erkennbarkeit und gibt es dann an die 
andern Wissenschaften ab, nur das eine letzte kann sie nicht dahin brin- 
gen, und doch ist dies das am meisten Erkennenswerte; dies also muß sie in 
einer neuen Philosophie wieder aufnehmen, die die Aufgabe hat, eben.dies 
letzte als Existierendes zu erweisen. So wird die negative erst Philosophie in 
Beziehung auf die positive. Wäre die negative allein, so hätte sie kein reales 
Resultat, und die Vernunft wäre nichtig, in der positiven triumphiert sie; 
in ihr wird die in der negativen gebeugte Vernunft wieder aufgerichtet. 

200 Schelling und die Offenbarung 

Ich brauche zur Erläuterung dieser Schellingschen Sätze wohl nichts 
zu sagen, sie erklären sich von selbst. Aber vergleichen wir sie mit den Ver- 
sprechungen, die Schelling am Anfange gab, welch ein Abstand zeigt sich 
da! Die Philosophie sollte revolutioniert werden, eine Lehre sollte sich 
entwickeln, die der Negation der letzten Jahre ein Ende machen werde, die 
Versöhnung von Glauben und Wissen war im Änzuge, und was kommt end- 
lich heraus? Eine Lehre, die weder in sich selbst, noch in etwas anderem, 
Erwiesenem, ihren Grund hat. Hier stützt sie sich auf ein von aller logischen 
Notwendigkeit befreites, d.h. willkürliches, nichtiges Denken, und dort 
auf das, dessen Realität eben in Frage gestellt, dessen Behauptungen eben 
bestritten werden, auf die Offenbarung. Eine naive Forderung, daß man, 
um sich vom Zweifel zu kurieren, eben den Zweifel wegwerfen soll! „Ja, 
wenn ihr nicht glaubt, so kann euch nicht geholfen werden!“ Was wollte 
denn Schelling hier in Berlin? Er hätte statt seines positiven Schatzes eine 
Widerlegung von Strauß’ „Leben Jesu“, von Feuerbachs „Wesen des 
Christenthums“ usw. mitbringen sollen, da hätte er noch Geschäfte 
machen können; aber so bleiben die Hegelianer lieber in der bekannten 
„Sackgasse“ stecken, als daß sie sich ihm „auf Gnade und Ungnade über- 
geben“; und die positiven Theologen werden auch lieber wie bisher aus der 
Offenbarung heraus als in sie hinein arbeiten. Hierzu paßt denn auch das 
seit Newjahr täglich wiiederhoite Geständnis, er wolie keinen Deweis des 
Christentums, auch keine spekulative Dogmatik, sondern nur einen Bei- 
trag zur Erklärung des Christentums geben. Mit der Notwendigkeit der 
negativen Philosophie, über sich selbst hinauszugehen, ist es auch nicht 
weit her, wie wir gesehen haben. Führt die Voraussetzung des Übergangs 
a potentia ad actum notwendig auf den nur von dieser Voraussetzung ab- 
hängigen logischen Gott, so führt der durch die Erfahrung bewiesene wirk- 
liche Übergang auch auf den wirklichen Gott, und die positive Wissenschaft 
ist überflüssig. 

Den Übergang zur positiven Philosophie nimmt Schelling vom onto- 
logischen Beweise für das Dasein Gottes. Gott kann nicht zufällig existieren, 
also „wenn er existiert“, existiert er notwendig. Dieser Zwischensatz in die 
Lücke des Schlusses ist ganz richtig. So kann Gott nur das an und vor sich 
selbst (nicht für sich; - Schelling ist so erbost auf Hegel, daß er selbst seine 
Ausdrücke als sprachwidrig tadeln und verbessern zu müssen glaubt) 
Seiende sein, d.h. er existiert vor sich selbst, vor seiner Gottheit. So ist er 
das geradezu vor allem Denken Blindseiende. Da es nun aber zweifelhaft 
ist, ob er existiert, so müssen wir vom Blindseienden ausgehen und sehen, 
ob wir vielleicht von da zum Begriffe Gottes gelangen können. Wenn also 

Schelling und die Offenbarung 201 

in der negativen Philosophie das allem Sein zuvorkommende Denken, so ist 
in der positiven das allem Denken zuvorkommende Sein Prinzip. Dieses 
blinde Sein ist das notwendige Sein; Gott ist aber nicht dies, sondern das 
notwendig „Notwendigseiende“; das notwendige Sein ist allein das Sein- 
können des höchsten Wesens. Dies Blindseiende ist nun das, was keiner 
Begründung bedarf, weil es allem Denken zuvorkommt. So fängt die po- 
sitive Philosophie mit dem ganz Begrifflosen an, um es a posteriori, als 
Gott, begreiflich und zum immanenten Inhalt der Vernunft zu machen. 
Diese ist hier erst frei und dem notwendigen Denken entkommen. 

Dieses „Blindseiende“ ist die Hyle, die ewige Materie früherer Philoso- 
phie. Daß diese sich zu Gott entwickelt, ist wenigstens neu. Bisher war sie 
immer das Gott entgegengesetzte, dualistische Prinzip. Doch sehen wir 
weiter den Inhalt der positiven Philosophie an. 

Dieses Blindseiende, das auch das „unvordenkliche Sein“ genannt wer- 
den kann, ist purus actus der Existenz und die Identität von Wesen und 
Sein (was von Gott als ÄAseität ausgesagt wird). Dies aber scheint nicht als 
Basis eines Prozesses dienen zu können, da ihm alle bewegende Kraft fehlt 
und diese nur in der Potenz liegt. Aber warum sollte dem actus purus die 
Möglichkeit abgeschnitten sein, hintennach auch Potenz werden zu können: 
die Konsequenz, daß das Seinseiende nicht auch post actum das Sein- 
könnende sei, ist nicht da. Dem unvordenklichen Sein kann sich - dem 
steht nichts entgegen - nach der Hand die Möglichkeit darstellen, ein 
zweites Sein aus sich hervorgehen zu lassen. Hierdurch wird das blinde 
Sein Potenz, denn es bekommt etwas, das es wollen kann, und wird so Herr 
seines eigenen blinden Seins. Entläßt es dies zweite Sein, so ist das erste 
blinde Sein nur potentia actus purus und somit sich selbst besitzendes Sein 
(doch ist dies alles erst Hypothese, die sich durch den Erfolg zu beweisen 
hat), es wird durch Unterscheidung von jenem erst seiner selbst bewußt 
als des seiner Natur nach notwendigen; das blinde Sein erscheint als zu- 
fällig, weil nicht vorhergesehen, und hat sich so durch Überwindung seines 
Gegenteils als notwendig zu erweisen. Dies ist der letzte Grund des ihm 
entgegentretenden Seins und somit der letzte Grund der Welt. Das Ge- 
setz, daß alles klar werde und nichts verborgen bleibe, ist das höchste 
Gesetz alles Seins, zwar kein Gesetz, das über Gott steht, sondern ein 
solches, das ihn erst in Freiheit setzt, also schon selbst ein göttliches. Dieses 
große Weltgesetz, diese Weltdialektik will eben nicht, daß etwas Unent- 
schiedenes sei. Nur sie kann die großen Rätsel lösen. Ja, Gott ist so gerecht, 
daß er jenes entgegengesetzte Prinzip anerkennt bis zum Ende und bis 
aller Widerspruch erschöpft ist. Alles unfreiwillige, unvordenkliche Sein ist 

202 Schelling und die Offenbarung 

unfrei; der wahre Gott ist der lebendige, der etwas anderes als das Unvor- 
denkliche werden kann. Sonst ist entweder mit Spinoza anzunehmen, daß 
alles aus der göttlichen Natur notwendig, ohne sein Zutun, emaniere 
(schlechter Pantheismus), oder daß der Begriff der Schöpfung ein für die 
Vernunft unfaßbarer sei (schaler Theismus, der den Pantheismus nicht 
überwinden kann). So wird das unvordenkliche Sein Potenz des entgegen- 
gesetzten, und da ihm die Potentialität etwas Unleidliches ist, so wird es 
notwendig wirken wollen, sich in den actus purus wiederherzustellen. So 
muß das zweite Sein vom ersten wieder negiert und in die Potenz zurück- 
geführt werden. So wird es nicht nur Herr der ersten Potenz, sondern auch 
der zweiten, sein Unvordenkliches in ein Seiendes zu verwandeln und da- 
durch von sich wegzubringen und so seine ganze Existenz aufzugeben. 
In dieser liegt auch sein bisher vom Sein verhülltes Wesen; das reine Sein, 
das durch den Widerstand eine Potenz in sich bekommen hat, ist nun 
selbständig als Wesen. So ist dem Herrn der ersten Möglichkeit auch die 
gegeben, sich als sich selbst zu zeigen, als vom notwendigen Sein 

BERN IA ZL —— * eben >> Deuchunkanl 

Geist sich zu setzen: denn Geist ist, was frei ist, zu wirken und ni 
wirken, was im Sen. seiner mächtig ist und En a bleibt, wenn es sich 
nicht äußert. Dies ist aber nicht das unmittelbar Seinkönnende, noch auch 
das Seinmüssende, sondern das Seinkönnend-Seinmüssende. Diese drei Mo- 
mente erscheinen dem unvordenklichen Sein als eigentlich seinsollende, so 
daß außer diesen drei Momenten es nichts andres gibt und alles Zukünftige 
ausgeschlossen ist. 

. Der Gedankengang in der sen Philosophie ist, wie wir sehen, 
sehr „frei“. Schelling hat es hier kein Hehl, daß er bloße Hypothesen 
macht, die sich erst durch den Erfolg, d.h. durch Übereinstimmung mit der 
Offenbarung, als richtig zu erweisen haben. Eine Folge dieses freien, 
wollenden Denkens ist, daß er das „unvordenkliche Sein“ gerade so sich 
benehmen läßt, als wäre es bereits das, was erst daraus entwickelt werden 
soll, nämlich Gott. Das unvordenkliche Sein kann ja noch gar nicht sehen, 
wollen, entlassen, zurückführen. Es ist nichts als eine kahle Abstraktion 
von der Materie, die gerade von allem Persönlichen, Selbstbewußten am 
weitesten entfernt ist. Es ist durch keine Entwicklung möglich, in diese 
starre Kategorie Selbstbewußtsein zu bringen, es sei denn, daß sie als 
Materie gefaßt werde und durch die Natur zum Geist sich entwickle, wie 
das „schrankenlose Sein“ in der negativen, das von diesem nur durch die 
nichtige Bestimmung der Unvordenklichkeit unterschieden ist. Diese 
Unvordenklichkeit kann nur zum Materialsmus und höchstens zum 
Pantheismus führen, aber nie zum Monotheismus. Das Wort Cuviers 

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Schelling und die Offenbarung 203 

bewährt sich auch hier: „Schelling setzt Metaphern an die Stelle der Beweis- 
gründe und verändert, statt Begriffe zu entwickeln, Bilder und Allegorien 
nach Bedürfnis.“ "! Zudem sind Entwicklungen, in denen jeder Fortschritt 
durch: es ist kein Grund vorhanden, daß dies nicht geschehe, die logische 
Konsequenz fehlt, warum dies nicht möglich sein sollte, usw., zurück- 
gewiesen wird, wenigstens bis jetzt in der Philosophie nicht dagewesen. 
Auf diese Weise läßt sich auch die chinesische und otaheitische! Religion 
aus dem „unvordenklichen Sein“ entwickeln, und auch sie bewährt sich 
dadurch, daß sie ein Faktum ist, so gut wie das Christentum. Was aber das 
neuentdeckte Weltgesetz, daß alles klar werde, betrifft, so läßt sich nicht 
leugnen, daß hier wenigstens sehr wenig klar wird und sehr viel verborgen 
bleibt. Man sieht hier nur. die Klarheit des Gedankens in den finstern 
Abgrund der Phantasterei versinken. Soll jenes Gesetz aber heißen, daß 
alles wegen seiner Existenz sich vor der Vernunft zu rechtfertigen habe, so 
ist dies wieder einer der Grundgedanken Hegels und noch dazu von 
Schelling selbst nicht angewandt. Den Schluß der obigen Darlegung mit 
seinem Können, Müssen, Sollen dahin zu bringen, daß alles klar werde, 
wird man wohl noch eine Zeitlang vergeblich sich bemühen. In welchem 
Verhältnis, fragt sich vor allem, stehen diese drei positiven Potenzen zu den 
drei negativen? Es wird nur das klar, daß sie jedenfalls zwar seinsollende, 
aber nicht seinkönnend-seinmüssende Möglichkeiten sind. | 

- Dieser „eingreifendsten“ Dialektik, behauptet Schelling, sei es allein 
möglich, von dem actu Notwendigexistierenden des Spinoza zum natura 
sua Notwendigseienden zu gelangen. Denn nur dies habe er wollen 
können, da er nicht die Existenz des Göttlichen, sondern nur die Gottheit 
des Existierenden beweisen wolle (gerade dasselbe tut die junghegelsche 
Philosophie auch), nämlich die Gottheit des actu ewig, von selbst Seienden. 
Wer aber beweist uns denn, daß etwas von Ewigkeit existiert? Das actu von 
selbst Seiende kann nur auf die Ewigkeit der Materie führen, sobald man 
logisch schließt. Unlogische Schlüsse gelten aber nicht, ob die Offenbarung 
auch dazu Ja sagt. 

„Wollte man einer schwachen Dialektik zufolge sagen: Gott nimmt die Potenz des 
entgegengesetzten Seins nur an, um die blinde Affirmation seiner Existenz in eine 
durch Negation vermittelte zu verwandeln, so fragt sich, warum er dies tut? Nicht 
seiner selbst willen, denn er kennt seine Macht, nur für andre kann er das von ihm 
verschiedene Sein zum Gegenstand des Wollens machen. In diesem Von-sich-wegsein 
hiegt erst Gottes Wesen, seine Seligkeit, alle seine Gedanken sind nur außer ihm, in der 

2 Von Otaheiti, dem früheren Namen der Insel Tahiti - ? seiner Natur nach 

204 | Schelling und die Offenbarung 

Schöpfung. So ist es freilich ein Prozeß der Suspension und Wiederherstellung, aber 
dazwischen liegt die ganze Welt.“ 

Wie lächerlich macht sich hier der Hochmut, mit dem die karikierte, 
eingreifendste Dialektik auf ihr „schwaches“ Urbild herabsieht! Ste hat 
dies nicht einmal soweit verstanden, daß sie es richtig darstellen kann. 
Selbst Hegel denkt nach Schelling in dieser vorstellungsmäßigen Weise; 
Schelling läßt ihn etwa so deduzieren: Hier ist Gott. Dieser schafft die 
Welt. Sie negiert ihn. Weshalb, weil sie böse ist? Gott bewahre, bloß weil 
sie da ist. Sie nimmt allen Raum für sich, und Gott, der nicht weiß, wohin, 
sieht sich genötigt, sie wieder zu negieren. Da müßte er sie freilich ver- 
nichten. Die Tiefe aber, nach der die Negation notwendig aus dem erst 
Ansichseienden hervorgeht, als Entfaltung des innersten Wesens, als die 
Erweckerin des Bewußtseins, bis sie in ihrer höchsten Tätigkeit sich aus 
sich selbst wieder negieren muß und das Entwickelte, Beisichbleibende, 
Freie als Produkt hervorgehen läßt, von der kann Schelling keine Ahnung 

haben, denn sein Gott ist frei, d.h. willkürlich handelnd 
Gott oder das unvord Genen Sein hat nun die Welt oder das konträre 
Sein gesetzt. Diese besteht e r im göttlichen Willen und hängt von 

ihm ab. Sie behufs seiner Wiederherstellung mit einem Schlage zu ver- 
nichten, läßt seine Gerechtigkeit nicht zu, denn das Konträre hat nun ge- 
wissermaßen ein Recht, einen von Gott unabhängigen Willen. Darum wird 
es allmählich und nach einem die Stufen des Ganges bestimmenden Prinzip 
durch die beiden letzten Potenzen zurückgeführt. War also die erste Potenz 
die veranlassende Ursache der ganzen Bewegung und des konträren Seins, 
so war die zweite die ex actu gesetzte, die sich in der Überwindung der 
ersten verwirklichende, die, auf das konträre Sein wirkend, dies der 
dritten Potenz unterwarf, so daß das konträre Sein als konkretes Ding 
zwischen die drei Potenzen trat. Diese erweisen sich nun als: causa materia- 
lis, ex qua, causa efficiens, per quam, causa finalis, in quam (secundum 
quam) omnia fiunt!. 

Ist nun das unvordenkliche Sein Bedingung der Costheit so ist mit der 
Schöpfung Gott als solcher da, als Herr des Seins, in dessen Macht es steht, 
jene Möglichkeiten als wirklich zu setzen oder nicht. Er bleibt außerhalb des 
ganzen Prozesses und geht über jene Trias der Ursachen als causa causarum? 
hinaus. Um nun die Welt nicht als Emanation seines Wesens erscheinen 
zu lassen, stand es bei Gott, alle möglichen Stellungen der Potenzen gegen- 

1 materielle Ursache, aus der, bewirkende Ursache, durch die, letzte Ursache, nach der 
(gemäß der) alles geschieht - ? Ursache der Ursachen 

Schelling und die Offenbarung 205 

einander zu versuchen, d.h. die zukünftige Welt wie in einem Gesicht an 
sich vorübergehen zu lassen. Denn die bloße Allmacht und Allwissenheit 
vermittelt dies nicht allein, sondern die Werke sind als Visionen des 
Schöpfers vorhanden. Daher wurde jene Urpotenz, die erste Veranlassung 
des konträren Seins, immer besonders verherrlicht; sie ist die indische 
Maja (mit dem deutschen „Macht“, Potenz, verwandt), die die Netze des 
bloß Erscheinenden ausspannt, um den Schöpfer zur wirklichen Schöpfung 
zu bewegen, sowie die Fortuna primigenia zu Präneste!!], 

Ich setze kein Wort hinzu, um den mystischen Schmetterlingsstaub 
dieser Vision nicht zu verwischen. 

Daß Gott nun wirklich schafft, läßt sich a priori nicht beweisen, es 
erklärt sich aus dem einzigen, bei Gott zulässigen Bedürfnis, erkannt zu. 
sein, das grade den edelsten Naturen am meisten eigen ist. Der Gott der 
Schöpfung ist nicht der schlechthin Einfache, sondern der in einer Mehr- 
heit Einfache, und da diese Mehrheit (jene Potenzen) eine in sich ge- 
schlossene ist, so ist der Schöpfer der All-Eine, und dies ist Monotheismus. 
Weil er allem zuvorkommt, so kann er nicht seinesgleichen haben, denn das 
potenzlose Sein kann überhaupt nicht (!). Gott, von dem bloß nebenbei 
gesagt wird, er sei der Einzige, ist nur der Gott der Theisten; der Mono- 
theismus erfordert die Einzigkeit, ohne die Gott nicht Gott ist, während 
der Theismus bei der unendlichen Substanz stehenbleibt. Der Fortschritt 
von hier aus zu dem, der im Verhältnis zu den Dingen als Gott ist, ist der 
Pantheismus; in ihm sind die Dinge Bestimmungen Gottes. Erst der Mono- 
theismus enthält Gott als wirklichen Gott, als lebendigen, wo die Einheit 
der Substanz in der Potenz verschwunden ist und eine übersubstantielle 
Einheit an ihre Stelle trat, so daß Gott der unüberwindliche Eine gegen 
drei ist. Obgleich mehrere, sind doch nicht mehrere Götter, sondern nur 
ein Gott, nicht in der Gottheit mehrere. So sind Monotheismus und 
Pantheismus Fortschritte gegen den T'heismus, der der letzte Ausdruck 
des Absoluten in der negativen Philosophie ist. Im Monotheismus ist der 
Übergang zum Christentum, denn die Alleinheit hat ihren bestimmten 
Ausdruck in der Dreieinigkeit. 

‚Man bemühe sich, diese Dreieinigkeit zu begreifen, wie man will, es 
bleiben immer drei gegen einen, einer gegen drei. Ist Gott die Einheit 
von dreien, so kann er dies nur als ein vierter sein, oder es bleiben drei 
Götter. Ist bloß die Gottheit ihre Einheit, so ist ebensogut die Menschheit 
die Einheit aller Menschen, und man hat, wie einen Gott, auch nur einen Men- 
schen. Die vielen lassen sich aber ebensowenig wie die drei wegbringen, und 
es kommt nimmermehr aus drei Personen eine heraus. Der alte Widerspruch 

206 Schelling und die Offenbarung 

der Dreieinigkeit liegt ganz offen da, und man erstaunt über die Kühnheit 
' Schellings, zu behaupten, er sei gelöst. Daß die Dreiheit erst der wahre 
Ausdruck der Einheit sei, ist wieder aus Hegel entnommen, aber wie gewöhn- 
lich zur baren Inhaltslosigkeit verflacht. Bei Hegel bleibt die Dreiheit eine 
Stufenfolge von Entwicklungsmomenten des Gottes, wenn man einen 
solchen einmal bei ihm statuieren will. Hier aber sollen die drei Momente als 
Persönlichkeiten nebeneinander stehen, und es ist originellerweise behaup- 
tet, die wahre Persönlichkeit einer Person sei, daß sie drei Personen sei. 

Bis jetzt haben wir indes erst die eine Person, den Vater. Denn wenn ein 
zuvor Seiendes ein zu ihm Gehöriges von sich wegbringt, so daß dies sich 
notwendig selbst verwirklicht, so heißt das mit Recht Zeugen. Ist nun in 
diesem Verwirklichungsprozeß das konträre Sein (B) wirklich überwunden, 
so ist auch die zweite Potenz Herr desselben, wie die erste, und so die 
Gottheit des Sohnes gleich der des Vaters. So auch die dritte Potenz, die 
als: das vom Sein freie Wesen erst nach Besiegung des B wieder ins Sein 
kommen kann; dann aber mit jenen gleiche Herrlichkeit und Persönlichkeit 
hat und als Geist erscheint. So sind am Ende drei Persönlichkeiten, aber 
nicht drei Götter, weil das Sein Eines, also auch die Herrlichkeit darüber 
nur Eine ist (als ob die beiden spartanischen Könige, weil ihre Herrschaft 
eine war, je nur ein König gewesen seien!). In den Potenzen, während sie 
in Spannung sind, sehen wir bloß die natürliche Seite des Prozesses 
(„Spannung“ scheint der Prozeß der negativen Philosophie zu sein) als die 
Entstehung der Welt; mit den Personen eröffnet sich erst die Welt des 
Göttlichen und die göttliche Bedeutung jenes Prozesses, daß das Sein, ur- 
sprünglich als Möglichkeit beim Vater, dem Sohne gegeben und von diesem 
dem Vater als Überwundenes zurückgegeben wird. Außer dem Sohne ist 
es auch dem Geiste gegeben von Vater und Sohn, und er hat nur das beiden 
gemeinschaftliche Sein. Durch die ganze Natur geht die Spannung der 
Potenzen, und jedes Ding hat ein gewisses Verhältnis derselben. Jedes 
Entstehende ist ein viertes zwischen den Potenzen, der Mensch aber, in 
dem sich die Spannung völlig löst, hat schon ein Verhältnis zu den Persön- 
lichkeiten als solchen, denn in ihm drückt sich jener letzte Moment der 
Verwirklichung aus, in dem die Potenzen zu wirklichen Persönlichkeiten 
werden. Dieser Prozeß ist also für die Dinge Schöpfungs-, für die Persönlich- 
keiten theogonischer Prozeß. 

So hat uns denn Schelling den persönlichen nicht nur, sondern auch 
den dreieinigen Gott, Vater, Sohn und Geist, welcher letztere freilich nur 
mit Mühe untergebracht wurde, sodann die willkürlich geschaffene, von 
Willkür abhängige, also hohle und nichtige Welt aus dem Abgrunde des 

Schelling und die Offenbarung 207 

unvordenklichen Seins ans Tageslicht gezaubert und hat so die Basis des 
Christentums. Die Inkonsequenzen, Willkürlichkeiten, kecken Behauptun- 
gen, Lücken, Sprünge, Suppositionen, Verwirrungen, die sich Schelling 
hier zuschulden kommen läßt, einzeln aufzuzeigen, kann meine Absicht 
nicht sein; war es schon im notwendigen Denken so arg damit, so durfte 
man im freien auf eine noch größere Verwirrung von Scholastik und Mystik- 
das ist das Wesen des Neuschellingianismus - rechnen. Weder kann der 
Leser solche übermenschliche Geduld von mir, noch ich von ihm solches 
Interesse an der Sache verlangen. Zudem, was auf der Hand liegt, braucht 
nicht erst aufgedeckt zu werden. Nur im allgemeinen den Gedankengang 
zu verfolgen, nur aufzuweisen, wie zwischen Hegel und Schelling gerade 
das Umgekehrte von dem stattfindet, was Schelling behauptet, ist mein 
Zweck. Jetzt, auf christlichem Boden, können wir die T’atsachen noch mehr 
sprechen lassen. Zunächst erklärt Schelling seine Unfähigkeit, die Welt 
zu begreifen, insofern, als er das Böse nicht begreifen kann. Der Mensch 
habe in Gott bleiben können und auch nicht, daß er es nicht getan habe, 
sei freier Wille von seiner Seite gewesen. Er habe sich dadurch an Gottes 
Statt gesetzt und da, wo alles geordnet schien, alles nochmals aufs Spiel 
gesetzt. Die Welt sei, von Gott getrennt, der Äußerlichkeit preisgegeben 
worden, das Moment habe seine Stellung als solches verloren. Der Vater 
sei „gleichsam“ aus seiner Stelle verdrängt (später wird das Gleichsam 
ausgelassen). 

Noch immer sei aber die christliche Dreseinigkeit nicht da, der eigne, 
vom Vater unabhängige Wille des Sohns noch nicht ausgesprochen. Jetzt 
aber tritt am Ende der Schöpfung etwas Neues ein, das im Menschen sich 
selbst besitzende B. In seiner Wahl liegt es, mit Gott Eins zu sein oder 
nicht. Er will nicht und drängt dadurch die höhere Potenz in die Poten- 
tialität zurück, die nun erst, durch den Willen des Menschen vom Vater 
getrennt, ebensosehr des Menschen Sohn wie Gottes Sohn ist (dies die 
Bedeutung des neutestamentlichen Ausdrucks) und ein göttlich-außer- 
göttliches Sein hat. Jetzt kann sie dem Sein in die Außergöttlichkeit folgen 
und es zu Gott zurückführen. Der Vater ist der Welt nun abgewandt und 
wirkt in ihr nicht mehr mit seinem Willen, sondern mit seinem Unwillen 
(dies die wahre Bedeutung des Zornes Gottes). So hat der Vater auch nicht 
die böse Welt vernichtet, sondern im Hinblick auf den Sohn erhalten, wie 
geschrieben steht. In ihm, d.h. im Hinblick auf ihn, sind alle Dinge ge- 
macht. So haben wir hier zwei Zeiten, den Äon des Vaters, wo das Sein 
(die Welt) noch als Potenz im Vater lag und der Sohn noch nicht selb- 
ständig war, und den Äon des Sohns, die Zeit der Welt, deren Geschichte 

208 Schelling und die Offenbarung 

die des Sohns ist. Diese Zeit hat wieder zwei Abschnitte; im ersten ist 
der Mensch ganz in der Gewalt des konträren Seins, des B, der kosmischen 
Potenzen. Hier ist der Sohn im Stande der Negation, des tiefsten Leidens, 
der Passivität, vom Sein (d.h. von der Welt) vorerst ausgeschlossen, unfrei, 
außer dem menschlichen Bewußtsein. Zur Eroberung des Seins kann sie 
nur auf natürliche Weise wirken. Dies ist die Zeit des alten Bundes, wo der 
Sohn nicht seinem Willen, sondern seiner Natur nach die Herrschaft des 
Seins anstrebt. Diese Bedeutung jener Zeit fehlte bisher in der Wissen- 
schaft, dies hatte noch niemand. Es ist aufs bestimmteste im Alten Testa- 
ment angedeutet, namentlich im 53.Kapitel des Jesaias, wo von einem 
gegenwärtigen Leiden des Messias die Rede ist. Erst mit der Erstarkung der 
zweiten Potenz, mit der errungenen Herrschaft über das Sein beginnt die 
zweite Zeit, wo sie frei und mit Willen handelt. Dies ist die Zeit ihres Er- 
scheinens in Christo, die der Offenbarung. Dies ist der Schlüssel des 
Christentums, mit diesem Ariadnefaden ist es möglich, „sich durch das 
Labyrinth meiner Gedankenwege zu finden“. - Durch die Empörung des 
Menschen werden die durch Überwindung des B in der Schöpfung ent- 
standenen Persönlichkeiten wieder zu bloßen Möglichkeiten, in die Poten- 
tialität zurückgedrängt und vom Bewußtsein ausgeschlossen, außergöttlich 
gesetzt. Hier ist nun die Ursache eines neuen Prozesses, der im Bewußtsein 
des Menschen vor sich geht und von dem die Gottheit ausgeschlossen ist, 
denn in Ihrer Spannung sind die Potenzen außergöttlich. Dieser Prozeß der 
Unterwerfung des Bewußtseins unter die Herrschaft der Potenzen ist im 
Heidentum als mythologische Entwicklung vor sich gegangen. Die tiefere 
geschichtliche Voraussetzung der Offenbarung ist die Mythologie. Wir 
haben nun in der Philosophie der Mythologie die einzelnen Potenzen im 
mythologischen Bewußtsein nachzuweisen und das Bewußtsein darüber in 
den griechischen Mysterien. 

Es fragt sich, ob der hier von Schelling behauptete Einfluß des Menschen 
auf die Selbstentwicklung Gottes - denn nur so kann dies genannt werden - 
christlich ist? Der christliche Gott aber ist ein von Ewigkeit fertiger, dessen 
Ruhe selbst durch das temporäre Erdenleben des Sohns keine Veränderung 
erleidet. Überhaupt endigt die Schöpfung nach Schelling auf eine schmäh- 
liche Weise. Das. Kartenhaus der „Mittelpotenzen, der relativ Seienden 
und Seinkönnenden“, ist kaum aufgebaut, die drei Potenzen stehen auf 
dem Punkte, Persönlichkeiten zu werden — da macht der dumme Mensch 
einen leichtsinnigen Streich, und die ganze künstliche Architektonik 
stürzt übereinander, und die Potenzen bleiben Potenzen wie bisher. Es ist 
gerade wie in dem Märchen, wo ein Schatz, von hellglänzenden Geister- 

Schelling und die Offenbarung 209 

gestalten umgeben, aus der Tiefe beschworen wird; schon am Rande des 
Abgrundes schwebt das Ersehnte empor - da wird ein unbesonnenes Wort 
gesprochen, die Gestalten zerrinnen, der Schatz sinkt hinab und für immer 
schließt ihn die Tiefe ein. Der Schellingsche Gott hätte seine Sache auch 
etwas klüger machen können, da hätte er sich viele Mühe und uns die 
Philosophie der Offenbarung erspart. Die Blüte der Schellingschen Mystik 
entwickelt sich aber hier in dem Leidenszustande des Sohns. Dieses 
dunkle, geheimnisvolle Verhältnis göttlicher Außergöttlichkeit, bewußter 
Bewußtlosigkeit, tätiger Untätigkeit, willenlosen Willens, diese Über- 
stürzung sich drängender Widersprüche ist für Schelling allerdings eine 
unschätzbare Fundgrube von Konsequenzen, denn daraus läßt sich alles 
ableiten. Noch unklarer ist das Verhältnis dieser Potenz zum Bewußtsein 
des Menschen. Hier wirken alle Potenzen als kosmische, natürliche, aber 
wie? Was sind kosmische Potenzen? Kein einziger Schüler Schellings, er 
selbst nicht, kann hierauf eine vernünftige Antwort geben. Es ist dies eben 
wieder eine der verworrenen, mystischen Denkbestimmungen, zu denen 
er seine Zuflucht nehmen muß, um selbst „mit freiem, wollendem Denken“ 
zur Offenbarung zu gelangen. „Die mythologischen Vorstellungen lassen 
sich nicht anders erklären denn als notwendiges Erzeugnis des in die Gewalt 
der kosmischen Potenzen geratenen Bewußtseins.“ Die kosmischen Poten- 
zen sind aber die in ihrer Spannung befindlichen göttlichen Potenzen, das 
Göttliche als Nichtgöttliches. Hierdurch soll denn auch der Bezug der 
Mythologie auf die Natur erklärt, hierdurch vollkommen neue Tatsachen 
und eine Ausfüllung des vorgeschichtlichen Zeitraums der Menschheit, 
nämlich durch die „ungeheuren Erregungen des Gemüts bei Erzeugung 
der Göttervorstellungen“, gewonnen sein. | 

Wir können uns die Darstellung der Päissssk: der Mishologie 
ersparen, da sie nicht unmittelbar in die Philosophie der Offenbarung ge- 
hört und außerdem Schelling im nächsten Semester sie ausführlicher vor- 
tragen wird. Dieser Teil der Vorlesungen war übrigens bei weitem der 
beste und enthält manches, das, wenn es von der mystischen, entstellenden 
Anschauungsweise befreit wird, auch der nicht verwerfen dürfte, der diese 
Phasen des Bewußtseins vom freien, rein menschlichen Standpunkte be- 
trachtet. Es fragt sich nur, inwiefern eben dies Schellings Eigentum ist und 
ob es überhaupt nicht von Stuhr herrührt. Das Verkehrte der Schelling- 
schen Darstellung liegt hauptsächlich darin, daß er den mythologischen 
Prozeß nicht als freie Selbstentwicklung des Bewußiseins innerhalb der 
weltgeschichtlichen Notwendigkeit faßt, sondern immer übermenschliche 
Prinzipien und Kräfte wirken läßt, und zwar auf die verworrenste Weise, 

14 Marx/Engels, Werke, EB 2 

210 Schelling und die Offenbarung 

so daß diese Potenzen zugleich die „Substanz des Bewußtseins“ und doch 
wieder etwas mehr sind. Zu solchen Mitteln muß man sich freilich ent- 
schließen, wenn einmal absolut übermenschliche Einflüsse statuiert werden. 
So gebe ich Schelling seine Hauptresultate der Mythologie in Beziehung 
aufs Christentum gern zu, nur in andrer Weise, indem ich beide Erschei- 
nungen nicht als dem Bewußtsein von außen her beigebracht, übernatür- 
lich, sondern als innerste Produkte des Bewußtseins, als rein menschlich 
und natürlich fasse. 

Wir kommen also jetzt endlich be der durch die Mythologie vorbe- 
reiteten Offenbarung an. Diese ist das ganze Christentum. Darum hat die 
Philosophie derselben sich nicht um Dogmatik usw. zu bekümmern; sie 
will selbst keine Lehre aufstellen, sondern nur das historische Faktum des 
Christentums erklären. Wir werden indes sehen, wie allmählich die ganze 
Dogmatik herauskommt. Wir werden sehen, wie Schelling „das Christen- 
tum nur als Tatsache, wie das Heidentum auch“ betrachtet. Die Tatsachen 
des Heidentums nahm er nicht, wie sie sich gaben, als wahr, z.B. Dionysos 
nicht als wirklichen Gott; die des Christentums dagegen sind ihm absolut, 
wenn Christus sich für den Messias erklärt, wenn Paulus dies oder jenes 
behauptet, so glaubt ihm Schelling unbedingt. Die mythologischen Tat- 
sachen erklärte Schelling, wenigstens auf seine Weise, die des Christentums 
behauptet er. Und bei alledem schmeichelt er sich, „die Liebe der Jugend 
durch seine Geradheit und Üfienheit erworben zu haben, und nicht nur die 
Liebe, sondern auch die Begeisterung“. 

Um nun die Offenbarung zu erklären, knüpft er an die Stelle Pauli im 
Philipperbriefe, Kap. 2, 6-8 an, die ich hier ausschreibe. 

„Christus, ob er wohl in göttlicher Gestalt war (2v uoepfj Be00!), hielt er es nicht 
für einen Raub (äorayua?), Gott gleich sein, sondern [entläußerte (&x&voae?) sich 
selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward gleichwie ein andrer Mensch, an Gebärden 
wie ein Mensch erfunden; er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, 
ja zum Tode am Kreuz.“ 

Ohne mich in die weitläuftigen exegetischen Untersuchungen einzu- 
lassen, mit denen Schelling seine philosophische Erklärung begleitete, will 
ich hier bloß die von Paulus erzählte Tatsache in Schellingscher Weise 
‘ erzählen. Christus war in seinem Leidenszustande allmählich Herr des 
Bewußtseins geworden durch den mythologischen Prozeß. Unabhängig 
vom Vater, besaß er cine eigne Welt und konnte mit ihr schalten, wie er 
wollte. Er war der Goit der Welt, aber nicht der absolute Gott. Er konnte 

1 en morphä theoü - ? harpagma -' ekenöse 

Schelling und die Offenbarung 211 

in diesem außergöttlich-göttlichen Zustande beharren. Dies nennt Paulus: in 
göttlicher Gestalt, &» uoopij Beoö, sein. Aber er wollte dies nicht. Er 
wurde Mensch, entäußerte sich dieser seiner Herrlichkeit, um sie dem 
Vater zu übergeben und so die Welt mit Gott zu vereinigen. Hätte er dies 
nicht getan, so war für die Welt keine Möglichkeit mehr da, mit Gott sich 
zu vereinigen. Dies ist die wahre Bedeutung des Gehorsams Christi. In 
diesem Sinne ist auch die Versuchungsgeschichte zu erklären. Der Wider- 
sacher, das blinde kosmische Prinzip, ist so weit gebracht, daß er Christo 
sein Reich anbietet, wenn er ihn anbeten, d.h. selbst kosmische Potenz, 
&v uoopnj Veoö, bleiben wolle. Christus aber schlägt diese Möglichkeit aus 
und unterwirft sein Sein dem Vater, indem er es zum eablrlichen macht 
und Mensch wird. 

„Gott behüte mich, daß ich philosophische ehren ii christlich a 
ziere, von denen das Christentum nichts weiß“, schloß Schelling diese 
Deduktion. Über die Christlichkeit dieser Lehren zu streiten, wäre Luxus, 
denn wäre diese auch erwiesen, so wäre ja damit für Schelling noch nichts 
gewonnen. Meiner Änsicht nach wiiderstreiten sie aber der ganzen Grund- 
anschauungsweise des Christentums. Es ist keine Kunst, aus einzelnen 
Bibelstellen das Abnormste zu beweisen, aber darauf kann es ja gar nicht 
ankommen. Das Christentum ist bald zweitausend Jahre alt und hat Zeit 
genug gehabt, zu sich selbst zu kommen. Der Inhalt desselben ist in der 
Kirche ausgesprochen, und es. ist unmöglich, daß außer diesem noch ver- 
borgener positiver Gehalt von Bedeutung darin stecke, oder gar erst jetzt 
der wahre Sinn verstanden wäre. Ohnehin käme dieser jetzt zu spät. Doch 
abgesehen davon liegt auch noch Erbauliches genug in der obigen Er- 
klärung. War es eine freie Tat von Christus, daß er sich dem Vater unter- 
warf? Unmöglich, es war Naturnotwendigkeit. Die Möglichkeit des Bösen 
ist in Christo doch nicht füglich zu statuieren, ohne seine Gottheit zu 
vernichten. Wer Böses tun kann, kann nie Gott werden. Wie kann man 
überhaupt Gott werden? Aber nun den Fall gesetzt, daß Christus die Welt 
für sich behalten hätte? Einen so widersinnigen, komischen Zustand kann 
man sich gar nicht vorstellen als den, der da herausgekommen wäre. Hier 
Christus mit seiner schönen Welt herrlich und in Freuden lebend, die Blüte 
des Hellenismus im Himmel und auf Erden, und dort einsam und kinderlos 
der alte Gott, der über den mißlungenen Streich gegen die Welt sich grämt. 
Das ist der Hauptfehler des Schellingschen Gottes, daß er mehr Glück als 
Verstand hat. Es ist noch alles gut gegangen, aber es hätte auch ganz anders 
ausfallen können. Überhaupt ist die Schellingsche Gotteslehre durch und 
durch anthropopathisch. Hätte der Teufel das Reich der Welt Christo 

14* 

212 Schelling und die Offenbarung 

angeboten, ehe er Mensch wurde, so hatte er wenigsiens Aussicht, ihn zu 
gewinnen, und wer weiß, was geschehen wäre; als aber Christus Mensch 
geworden war, hatte er dadurch seine Unterwerfung unter Gott bereits an- 
getreten, und alle Hoffnung für den armen Teufel war vorbei. Außerdem - 
hatte Christus nicht bereits im mythologischen Prozesse sich die Herrschaft 
der Welt errungen, was konnte ihm der Teufel also noch bieten? 

Hiermit ist die Hauptsache von dem gegeben, was Schelling zur Er- 
klärung des Christentums gesagt hat. Das übrige sind teils Belegstellen 
und ihre Exxegese, teils Ausführungen in das Detail der Konsequenzen. Von 
diesen will ich die wichtigeren mitteilen. 

Nach der früher angeführten Lehre von der Sukzession der Potenzen 
in der Herrschaft über die Welt ist es erklärlich, wie jedesmal die herrschende 
Potenz Verkündigerin der folgenden ist. So prophezeit im Älten Testament 
der Vater den Sohn, im Neuen der Sohn den Geist. In den prophetischen 
Büchern kehrt sich dies um, und die dritte Potenz weissagt von der zweiten. 
Hier zeigt sich nun ein Fortrücken der Potenzen mit der Zeit, namentlich 
an dem „Malach Jehovah“, dem „Engel des Herrn“, der zwar nicht die 
zweite Person unmittelbar, aber doch die zweite Potenz, die Ursache des 
Erscheinens der zweiten Potenz im B, ist. Er ist in verschiedenen Zeiten ein 
verschiedener, so daß an der Art seiner Erscheinung das Älter der einzelnen 
Bücher zu erkennen ist und so aus diesem Fortrücken der Potenzen „er- 
staunenswerte”“ Resultate zu erreichen sind, die alles übertreffen, was die 
Kritik bisher getan. Diese Bestimmung ist „der Schlüssel des Alten Testa- 
ments, aus dem die Realität der alttestamentlichen Vorstellungen in ihrer 
relativen Wahrheit zu erweisen ist“. 

Das Alte Testament hat seinen Grund und seine Voraussetzung mit dem 
Heidentum gemein. Daher das Heidnische so mancher mosaischen Ge- 
bräuche. So ist die Beschneidung offenbar nur die mildere Form für die 
Entmannung, die im ältesten Heidentume eine so große Rolle spielt und 
die Besiegung des ältesten Gottes, des Uranos, durch die folgende Stufe 
mimisch-symbolisch darstellt. So die Speiseverbote, die Einrichtung der 
Stiftshütte, die an ägyptische Heiligtümer erinnert, wie die Bundeslade an 
die heilige Kiste der Phönizier und Ägypter. 

Die Erscheinung Christi selbst ist nun keine zufällige, sondern eine 
vorherbestimmte. Das Römertum war die Auflösung der Mythologie, indem 
es, selbst kein neues Moment darbietend, alle religiösen Vorstellungen der 
Welt, bis zu den ältesten orientalischen Religionen hinauf, in sich aufnahm 
und dadurch zu erkennen gab, daß es zur Hervorbringung eines Neuen 
unfähig sei. Zugleich entstand aus der Leerheit dieser ausgelebten Formen 

Schelling und die Offenbarung s 213 

das Gefühl, daß etwas Neues kommen müsse. Die Welt war still und harrte 
der Dinge, die da kommen sollten. Aus diesem äußerlichen römischen 
Weltreich, aus dieser Vernichtung der Nationalitäten ging das innere 
Gottesreich hervor. Als so die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn. 

Christus, der #oepj eoöl, des außergöttlichen Seins als Göttlichen 
sich entäußernd, wurde Mensch, seine in ihm fortdauernde Göttlichkeit so 
aufs hellste und glänzendste betätigend. Das Armwerden Christi um 
unsertwillen gilt nicht von der Entäußerung seiner Gottheit, nicht von dem 
non-usus derselben, sondern von der Ablegung der zoeyfj 9e0ö, der gött- 
lichen Gestalt. Das göttliche Wesen bleibt in ihm. Nur er konnte ver- 
mitteln, da er aus Gott und im menschlichen Bewußtsein war. In seiner 
Wirkung im Heidentum und Judentum war das die Menschheit hemmende 
‚und sie wo möglich aufhebende Prinzip nicht aufgehoben; nur die Sympto- 
me, nicht der Grund der Krankheit wurde durch die wiederkehrenden 
Opfer beseitigt. Der Unwille des Vaters konnte nur aufgehoben werden 
durch einen andern Willen, der stärker war als er, als der Tod, als jeder 
andre Wille. Keine physische, nur moralische Überwindung dieses Willens 
war statthaft, und zwar durch die größte freiwillige Unterwerfung des 
Vermittlers anstatt des Menschen. Die größte freiwillige Unterwerfung des 
Menschen war nie ganz freiwillig, dagegen die des Mittlers frei, ohne 
seinen Willen und seine Schuld frei gegen Gott. Daher der Prozeß durchs 
Heidentum, damit der Vermittler als Vertreter des Bewußtseins auftreten 
konnte. Der Entschluß hierzu war das größte Wunder göttlicher Gesinnung. 

Die physische Seite der Menschwerdung kann freilich nicht bis ins 
kleinste klargemacht werden. Die materielle Möglichkeit hierzu hat er in 
sich. Materiell sein heißt, einer höhern Potenz zum Stoff dienen, ihr unter- 
würfig sein. Indem sich Christus so Gott unterwirft, wird er materiell gegen 
ihn. Aber nur kreaturisiert hat er das Recht, außer Gott zu sein. So muß er 
Mensch werden. Was im Anfang bei Gott war, was in göttlicher Gestalt das 
Bewußtsein im Heidentume beherrschte, wird in Bethlehem als Mensch 
vom Weibe geboren. Die Versöhnung war nur immer subjektiv gewesen, 
daher genügten auch schon subjektive Fakta. Hier aber galt es, den Un- 
willen des Vaters zu besiegen, und dies konnte nur ein objektives Faktum, 
die Menschwerdung. 

Bei dieser tritt nun die dritte Potenz als vermittelnde Persönlichkeit ein. 
Christus ist aus, d.h. in Kraft des heiligen Geistes empfangen, ist aber nicht 
sein Sohn. Die demiurgische Funktion geht in die dritte Potenz über; ihre 

1! (morphe theou) göttlichen Gestalt 

214 Schelling und die Offenbarung 

erste Äußerung ist der materielle Mensch Jesus. Die zweite Potenz ist der 
Stoff, die dritte die Bildnerin desselben. Der vorliegende Vorgang ist 
außerordentlich, materiell unbegreiflich, aber einer höhern Auffassung 
wohl verständlich. Den Stoff der Menschwerdung nahm Christus von sich 
selbst. Diese erste Bildung, deren Beschaffenheit uns hier nicht weiter an- 
geht, wurde in den organischen Prozeß der Mutter men Mehr 
zu fragen, wäre mehr als Mikrologie. 

Wenn Gott irgendwo mit seinem Willen wirkt, so ist das ein Wunder. 
In der Natur ist alles willenlos. So auch Christus. Die demiurgische Funktion 
hat er natura sua, ohne seinen Willen, also kann er sie als Mensch nicht ab- 
legen; sie wird hier zum Leiter seines Willens. Daß der Sohn mit seinem 
Willen in der Natur ist, hängt vom Willen des Vaters ab, und so tut der Sohn 
die Wunder aus Kraft des Vaters. Wer nach diesen Vorträgen das Neue Te- 
stament liest, wird manches darin finden, was er bisher nicht darin sah. 

Der "Tod en war schon vor der Menschwerdung beschlossen, von 

Ru fo fn! rn. „Mo wirmnf en sm ii L. 2.2" -] - 

Christo un nd v in V. atei gebilligt. Er wäi also ii icht zufällig, so ndern ein 
-— Da%.F 3 I Pr £ u il 

Opfer, das die göttliche Gesinnung heischte. Es kam ualaut al, dem bösen 

Prinzip alle Macht zu nehmen, es in seiner Potenz zu überwinden. Dies 
konnte nur die vermittelnde Potenz, aber nicht, indem sie jenem als bloß 
natürliche sich entgegenstellte. Da Gott die Überwindung jenes Prinzips 
indes selbst wollte, so mußte sich die zweite Potenz diesem unterwerfen. 
Denn in Gottes Augen ist die zweite Potenz als natürliche nicht mehr wert 
als das Gott Negierende, wenn sie auch durch eigene Schuld nicht natür- 
lich wurde, sondern durch Schuld des Menschen. Dieser letztere Umstand 
gibt ihr auch ein gewisses Recht, so außer Gott zu sein. Gott ist so gerecht, 
daß er das entgegengesetzte Prinzip nicht einseitig aufhebt, ja er ist so 
menschlich, daß er dies im Grunde bloß Zufällige, das ihm die Möglichkeit 
gab, als Gott zu sein, mehr liebt als das notwendige Moment, die Potenz 
aus sich selbst. Er ist so gut der Gott des konträren Prinzips wie der der 
zweiten Potenz. Dies ist seine Natur, die sogar über seinem Willen ist. 
Diese Alleinheit aller Prinzipien ist seine göttliche Majestät, und diese er- 
laubt nicht, daß jenes Prinzip einseitig gebrochen werde. Soll es aufgehoben 
werden, so ist es an der zweiten Potenz, diesem voranzugehen und sich in 
ihrem außergöttlichen Sein Gott gänzlich zu unterwerfen. Hier konnte 
die Menschwerdung noch nicht genügen. Christus war gleich nach dem 
Falle dem Menschen in die Gottentfremdung gefolgt und stellte sich 
zwischen die Welt und Gott. Auf die Seite des konträren Prinzips tretend, 
stellte er sich dem Vater gegenüber, trat mit ihm in Spannung, machte 
sich zum Mitschuldigen jenes Seins und mußte als der Unschuldig- 

Schelling und die Offenbarung 215 

Schuldige, der sich für das gottentfremdete Sein Verbürgende, die Strafe 
erleiden. Diese seine Gleichstellung mit dem Konträren büßte er mit den 
auf sich genommenen Sünden der Welt im Tode. Dies ist der Grund seines 
Todes. Freilich sterben die anderen Menschen auch, aber er ist eines ganz 
andern Todes gestorben als sie. Dieser Tod ist ein Wunder, das wir zu 
glauben gar nicht wagen würden, wenn es nicht so gewiß wäre. Bei seinem 
Tode. war die ganze Menschheit in ihren Repräsentanten gegenwärtig; 
Juden und Heiden wohnten ihm bei. Das. Prinzip der Heiden mußte den 
Tod der Heiden sterben, den Kreuzestod; in diesem ist übrigens nichts 
Besondres zu suchen. Die Ausspannung am Kreuz war die Lösung der 
langen Spannung, in der sich Christus im Heidentum befunden hatte, wie 
geschrieben steht, er sei durch den Tod aus dem Gericht und der Angst 
(d.h. der Spannung) genommen worden. Dies ist das große Geheimnis, 
das auch heute noch den Juden (den Moralisten) ein Ärgernis und den 
Heiden (den bloß Rationalen) eine Torheit ist. 

Die Auferstehung Christi ist von je als eine Garantie der. Bertsnlichen 
Unsterblichkeit betrachtet worden. Über diese Lehre ist, abgesehen von 
der Auferstehung Christi, folgendes zu bemerken. In diesem Leben herrscht _ 
die Natur über den Geist, und es setzt hiermit ein zweites voraus, indem 
dies durch die Herrschaft des Geistes über die Natur kompensiert wird, 
und ein drittes, letztes, worin beide Momente sich :ausgleichen und in 
Harmonie stehen. Die Philosophie hatte bisher kein beruhigendes Ziel für 
die Unsterblichkeit, hier im Christentum ist es gegeben. 

Die Auferstehung Christi selbst ist der Beweis für die Unwiderruflich- 
keit seiner Menschwerdung. In ihr wird das menschliche Sein von Gott 
wieder angenommen. Nicht die einzelne Tat des Menschen war Gott miß- 
fällig, sondern der ganze Zustand, in dem.er sich befand, so also auch der 
einzelne, noch .ehe er gesündigt. Daher konnte kein menschlicher Wille, 
keine Tat wirklich gut sein, ehe der Vater versöhnt war. Durch Christi 
Auferstehung ist dieser Zustand von Gott anerkannt, ist der Welt die 
Freudigkeit wiedergegeben. So wurde die Rechtfertigung erst durch die 
Auferstehung vollendet, indem Christus nicht in das All zerflogen ist, 
sondern als Mensch zur Rechten Gottes sitzt. Die Auferstehung ist ein 
Blitz der innern Geschichte in die äußere. Wer sie wegnimmt, hat bloß die 
Äußerlichkeit ohne göttlichen Inhalt, ohne jenes Transzendente, das die 
Geschichte erst zur Geschichte macht, hat eine bloße Gedächtnissache 
und steht da wie der große Haufe zu den Tagesbegebenheiten, deren innere 
Triebräder ihm unbekannt sind. Außerdem kommt er noch in die Hölle, 
d.h. „der Moment des Sterbens dehnt sich ihm zur Ewigkeit aus”. 

216 Schelling und die Offenbarung 

- Zuletzt kommt der heilige Geist und beschließt alles. Er kann nur erst 
ausgegossen werden, nachdem der Vater vollkommen versöhnt ist, und sein 
Kommen ist das Zeichen, daß dies geschehen ist. 

Hier schob Schelling sein Urteil über die neueste Kritik seit Strauß ein. 
Sie hätte ihm nie eine Art von Polemik ablocken können, das er dadurch 
beweise, daß er diese Vorlesungen seit 1831 immer in derselben Weise, 
ohne Zusätze, gehalten habe. Die Philosophie der Mythologie datierte er 
noch weiter zurück. Dann sprach er von dem „gemeinen, eminent phi- 
listerhaften Verstande“ dieser Leute, von ihrer „schülerhaften Behandlung 
unfertiger Sätze“, von der „Impotenz ihrer Philosophie“ usw. Gegen den 
Pietismus und das rein subjektive Christentum habe er dagegen nichts zu 
sagen, nur sei dies nicht das einzige und höchste. 

Soll ich auch noch die Satanologie exzerpieren? Der Teufel ist nicht 
persönlich und nicht unpersönlich, er ist eine Potenz; die bösen Engel sind 
Potenzen, aber solche, die nicht sein sollen, indes durch den Fall des 

[Fat ed un en zur nen at BREERR | m. „L D_ u en ur rn an 1 m u BR 5 8 
Menschen gesetzt sind; die guten E: gei SING auch i otenzen, Aber SOICHE, 

die sein sollen und dur ch Gen sau Ges ivicnscnen Nicht Sind. Das ist VOi- 

läufig genug. Ä 

Die Kirche und ihre Geschichte entwickelt sich aus den drei Aposteln 
Petrus, Jakobus (nebst dessen Nachfolger Paulus) und Johannes. Neander 
ist derselben Ansicht. Die katholische Kirche ist die des Petrus, die kon- 
servative, jüdisch-formelle, die protestantische die des Paulus, die dritte, 
noch zu erwartende und wohl durch Schelling vorbereitete ist die des 
Johannes, der die Einfalt des Petrus und die dialektische Schärfe des Paulus 
in sich vereinigt. Petrus vertritt den Vater, Paulus den Sohn, Johannes den 
Geist. „Die der Herr liebt, denen gibt er das Geschäft des Vollendens. 
Hätte ich eine Kirche zu bauen, ich würde sie dem heiligen Johannes 
bauen. Einst aber wird allen drei Aposteln eine gemeinsame Kirche gebaut 
werden, und diese wird das wahre christliche Pantheon sein.“ 

. Dies ist der Hauptinhalt der Schellingschen Vorlesungen, soweit er aus 
der Vergleichung dreier Hefte zu erkennen war. Ich bin mir bewußt, mit 
der größten Lauterkeit und Äufrichtigkeit zu Werke gegangen zu sein. Da 
haben wir ja die ganze Dogmatik, die Dreiemigkeit, die Schöpfung aus 
Nichts, den Sündenfall, die Erbsünde und Impotenz zum Guten, die Ver- 
söhnung durch den Tod Christi, die Auferstehung, die Ausgießung des 
Geistes, Gemeinschaft der Heiligen, Auferstehung von den Tooten und ein 
ewiges Leben. Schelling hebt so selbst die Trennung von Faktum und 
Dogma, die er statuierte, wieder auf. Betrachten wir die Sache aber ge- 
nauer, ist dann dies Christentum noch das alte? Wer ohne Vorurteil daran- 

Schelling und die Offenbarung 217 

geht, wird sagen müssen: Ja und nein. Die Unverembarkeit von Philosophie 
und Christentum ist so weit gekommen, daß selbst Schelling in einen noch 
schlimmern Widerspruch gerät als Hegel. Dieser hatte doch eine Philoso- 
phie, wenn auch ein nur scheinbares Christentum dabei herauskam; was 
Schelling gibt, ist aber weder Christentum noch Philosophie und darin, 
daß er es für beides ausgibt, besteht die „Geradsinnigkeit und Offenheit“, 
besteht das Verdienst, „denen, die Brot von ihm forderten, wirkliches Brot 
gegeben zu haben, nicht aber einen Stein, dabei sagend, das sei Brot“. 
Daß Schelling sich selbst gar nicht kennt, bewies die Rede, der diese Worte 
entnommen sind, wiederum. Aufwieschwachen Füßen das heutige Christen- 
tum steht, kommt einem bei einer solchen Doktrin wieder einmal recht 
zum Bewußtsein. | | 

Wenn wir das Ganze derselben noch einmal überschauen, gewinnen wir 
außer den bereits angeführten noch folgende Resultate zur Bestimmung 
der neuschellingschen Denkweise. Die Verwirrung der Freiheit und Will- 
kür steht in der schönsten Blüte. Gott ist immer als menschlich-willkürlich 
handelnd gefaßt. Dies ist allerdings notwendig, solange Gott als einzelner 
gefaßt wird, nur philosophisch ist es nicht. Die Freiheit nur ist die wahre, 
die die Notwendigkeit in sich enthält, ja, die nur die Wahrheit, die Ver- 
nünftigkeit der Notwendigkeit ist. Darum kann Hegels Gott nun und 
nimmermehr eine einzelne Person sein, weil alles Wiillkürliche aus ihm 
entfernt ist. Darum muß Schelling das „freie“ Denken anwenden, wenn er 
von Gott spricht, denn das notwendige Denken der logischen Konsequenz 
schließt alle göttliche Person aus. Die Hegelsche Dialektik, diese gewaltige, 
nie ruhende Triebkraft des Gedankens, ist nichts anderes als das Bewußt- 
sein der Menschheit im reinen Denken, das Bewußtsein des Allgemeinen, 
das Gottesbewußtsein Hegels. Wo, wie bei Hegel, sich alles von selbst 
macht, ist eine göttliche Persönlichkeit überflüssig. 

- Ferner zeigt sich jetzt noch ein neuer Widerspruch in der Spaltung 
der Philosophie. Ist die negative Philosophie ohne allen Bezug auf die 
Existenz, so ist „die Konsequenz nicht da“, weshalb sie nicht auch Dinge 
enthalten sollte, die in. der wirklichen Welt nicht vorkommen. Schelling 
gibt dies zu, wenn er von ihr sagt, sie kümmere sich nicht um die Welt, 
und wenn diese mit ihren Konstruktionen übereinstimme, so sei dies zu- 
fällige. Auf diese Weise ist die negative Philosophie aber eine ganz leere, 
hohle, die sich in der willkürlichsten Möglichkeit herumtreibt und der 
Phantasie ihre Tore angelweit öffnet. Auf der andern Seite aber, wenn sie 
nur das enthält, was in der Natur und dem Geiste wirklich ist, so schließt 
sie die Realität ja ein und die positive ist überflüssig. Dies zeigt sich auch 

218 Schelling und die Offenbarung 

von der andern Seite. Natur und Geist sind bei Schelling das einzige Ver- 
nünftige. Gott ist nicht vernünftig. So zeigt sich auch hier, daß das Unend- 
liche nur dann vernünftigerweise real existieren kann, wenn es als Endlich- 
keit, als Natur und Geist erscheint und eine jenseitige extramundane 
Existenz des Unendlichen ins Reich der Abstraktionen zu verweisen ist. 
Jene aparte positive Philosophie hängt, wie wir gesehen haben, allein vom 
Glauben ab und existiert nur für den Glauben. Gibt nun ein Jude oder 
Muhamedaner die Prämissen Schellings in der negativen Wissenschaft 
zu, so wird er sich notwendig auch eine gidische oder muhamedanische 
positive Philosophie bilden. Ja, schon für den Katholizismus, für die 
anglikanische Kirche wird sie verschieden sein. Alle sind gleich berechtigt, 
denn „um das Dogma handelt es sich nicht, sondern um das Faktum“. Und 
mit dem beliebten „freien“ Denken läßt sich alles als absolut konstruieren. 

Namentlich im Muhamedanismus sind die Fakta weit besser konstruiert 
als im Christentum. 

So wären wir denn mit Schellings Philosophie zu Ende und können nur 
bedauern, daß ein Mann wie er so in die Schlingen des Cha übens ünd der 

Unfreiheit gefallen ist. Als er noch jung war, da war er ein andrer. Da 
rangen sich aus seinem gärenden Haupte leuchtende Pallasgestalten empor, 
deren manche auch noch bei späteren Kämpfen vorauseilte; da segelte er 
frei und kühn ins offene Meer des Gedankens hinaus, um! die Atlantis, das 
Absolute zu entdecken, deren Abbild in träumierrsch.schimmernder Fata 
Morgana er so oft aus fernem Meeresrande sich heben sah; da brach alles 
Feuer der Jugend in Flammen der Begeisterung aus ihm, ein gottestrunkener 
Prophet, weissagte er von einer neuen Zeit; hingerissen von dem Geiste, der 
über ihn kam, kannte er die Bedeutung seiner Worte oft selber nicht. Er 
riß die Türflügel des Philosophierens weit auf, daß.der frische Hauch der 
Natur durch die Räume des abstrakten Gedankens wehte, daß der warme 
Frühlingsstrahl auf den Samen der Kategorien fiel und alle schlummernden 
Kräfte erweckte. Aber das Feuer brannte zusammen, der Mut entschwand, 
der gärende Most, noch eh’ er klarer Wein geworden war, ging in sauren 
Essig über. Das kecke, fröhlich die Wellen durchtanzende Schiff kehrte um 
und fuhr in den seichten Hafen des Glaubens ein, fuhr den Kiel so fest in 
den Sand, daß er noch jetzt darinsteckt. Da liegt es jetzt, und keiner erkennt 
in dem alten, hinfälligen Wrack das alte Schiff wieder, das mit vollen Segeln 
und wehenden Flaggen hinausfuhr. Die Segel sind längst vermodert, die 
Masten zerknickt, durch die klaffenden Planken strömen die Wellen hinein, 
und täglich spült die Flut neuen Sand um den Kiel. 

1 In der Broschüre: und 

Schelling und die Offenbarung 219 

Wenden wir uns ab von diesem Raub der Zeit. Es gibt schönere Dinge, 
die wir betrachten können. Man wird uns dies Wrack nicht zeigen wollen 
und sagen, das sei allein ein seehaltend Schiff, während in einem andern 
Hafen eine ganze Flotte stolzer Fregatten liegt, bereit ins hohe Meer zu 
stechen. Unser Heil, unsere Zukunft liegt anderswo. Hegel ist der Mann, der 
eine neue Ära des Bewußtseins erschloß, indem er die alte vollendete. Es ist 
eigentümlich, daß dieser gerade jetzt von zwei Seiten angefeindet wird, 
von seinem Vorgänger Schelling und seinem jüngsten Nachfolger Feuer- 
bach. Wenn dieser letztere Hegeln vorwirft, er stecke noch tief im Alten, 
so sollte er bedenken, daß das Bewußtsein über das Alte gerade schon das 
Neue ist, daß ein Altes eben dadurch der Geschichte anheimfällt, daß es 
vollkommen zum Bewußtsein gebracht wird. So ist Hegel allerdings das 
Neue als Altes, das Alte als Neues. Und so ist Feuerbachs Kritik des 
Christentums eine notwendige Ergänzung zu der durch Hegel begründeten 
spekulativen Religionslehre. Diese hat in Strauß ihren Gipfel erreicht, 
das Dogma löst sich durch seine eigne Geschichte objektiv in den philo- 
sophischen Gedanken auf. Zu gleicher Zeit reduziert Feuerbach die religiö- 
sen Bestimmungen auf subjektive menschliche Verhältnisse und hebt da- 
durch die Resultate Strauß” nicht etwa auf, sondern macht erst recht die 
Probe darauf; wie denn auch beide zu demselben Resultate kommen, daß 
das Geheimnis der T'heologie die Anthropologie sei. 

Ein neuer Morgen ist angebrochen, ein weltgeschichtlicher Morgen, 
wie jener, da aus der Dämmerung des Orients das lichte, freie, hellenische 
Bewußtsein sich losrang. Die Sonne ist emporgestiegen, der von allen 
Bergesgipfeln Opferfeuer entgegenlachten, deren Kunft von allen Warten 
heller Hörnerklang verkündete, auf deren Licht die bange Menschheit 
_ harrte. Von langem Schlummer sind wir erwacht, der Alp, der auf unserer 
Brust lag, ist entflohen, wir reiben uns die Augen und sehen erstaunt um uns. 
Alles hat sich verändert. Die Welt, die uns so fremd war, die Natur, deren 
verborgene Mächte uns wie Gespenster schreckten, wie verwandt, wie 
heimisch sind sie uns nun! Die Welt, die uns als ein Gefängnis erschien, 
zeigt sich nun in ihrer wahren Gestalt, als ein herrlicher Königspalast, 
darin wir alle aus- und eingehen, Arme und Reiche, Hohe und Niedere. 
Die Natur schließt sich auf vor uns und ruft uns zu: Fliehet doch nicht vor 
mir, ich bin ja nicht verworfen, nicht abgefallen von der Wahrheit, kommt 
und sehet, es ist euer innerstes, eigenstes Wesen, das auch mir Lebensfülle 
und Jugendschönheit gibt! Der Himmel ist zur Erde herniedergekommen, 
seine Schätze liegen verstreut wie die Steine am Wege, wer nach ihnen 
verlangt, braucht sie nur aufzuheben. Alle Zerrissenheit, alle Angst, alle 

220 Schelling und die Offenbarung 

Spaltung ist verschwunden. Die Welt ist wieder ein Ganzes, selbständig 
und frei; sie hat die Tore ihres dumpfen Klosters gesprengt, das Bußhemd 
abgeworfen und den freien, reinen Äther zur Wohnung erwählt. Sie braucht 
sich nicht mehr zu rechtfertigen vor dem Unverstand, der sie nicht erfassen 
konnte; ihre Pracht und Herrlichkeit, ihre Fülle, ihre Kraft, ihr Lehen ist 
ihre Rechtfertigung. Wohl hatte einer recht, als er vor achtzehnhundert 
Jahren ahnte, daß die Welt, der Kosmos, ihn dereinst verdrängen werde, 
und seinen Jüngern gebot, der Welt abzusagen. 

Und das liebste Kind der Natur, der Mensch, als freier Mann.nach den 
langen Kämpfen des Jünglingsalters, nach der langen Entfremdung zur 
Mutter zurückkehrend, sie schirmend gegen alle Phantome der im Kampfe 
erschlagenen Feinde, hat auch die Trennung von sich selber, die Spaltung 
in der eignen Brust überwunden. Nach undenklich langem Ringen und 
Streben ist der lichte Tag des Selbstbewußtseins über ihm aufgegangen. 
Frei und stark, auf sich vertrauend und stolz, steht er da, denn er hat den 

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Kampf der Kämpfe gekämpft, er hat sich selbst überwunden und die 

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Krone der Freiheit sich auis Haupt gearückt. Es Ist ihm alles offenbar 

geworden und nichts war stark genug, sich gegen ihn zu verschließen. Jetzt 
erst geht ihm das wahre Leben auf. Wohin er früher in dunkler Ahnung 
strebte, das erreicht er jetzt mit vollem, freiem Willen. Was außer ihm, in 

nebelnder Ferne zu legen schien, findet er in sich als sein eigen Fleisch und 
Blut. Er achtet es nicht, daß er es teuer erkauft, mit seinem bestem Herz- 
blut erkauft hat, denn die Krone war des Blutes wert; die lange Zeit des 
“Werbens ist ihm nicht verloren, denn die hohe, herrliche Braut, die er in 
die Kammer führt, ist ihm dadurch nur desto teurer geworden; das Klein- 
od, das Heiligtum, das er gefunden hat nach langem Suchen, war manchen 
Irrweg wert. Und diese Krone, diese Braut, dies Heiligtum ist das Selbst- 
bewußtsein der Menschheit, der neue Gral, um dessen T'hron sich die Völker 
jauchzend versammeln und der alle, die sich ihm hingeben, zu Königen 
macht, daß alle Herrlichkeit und Macht, alles Reich und Gewalt, alle 
Schönheit und Fülle dieser Welt zu ihren Füßen liegen und zu ihrer Ver- 
herrlichung sich opfern muß. Das ist unser Beruf, daß wir dieses Grals 
Tempeleisen werden, für ihn das Schwert um die Lenden gürten und unser 
Leben fröhlich einsetzen in den letzten, heiligen Krieg, dem das tausend- 
yährige Reich der Freiheit folgen wird. Und das ist die Macht der Idee, daß 
jeder, der sie erkannt hat, nicht aufhören kann, von ihrer Herrlichkeit zu 
reden und ihre Ällgewalt zu verkündigen, daß er heiter und guten Muts 
alles andre wegwirft, wenn sie es heischt, daß er Leib und Leben, Gut und 
Blut opfert, wenn nur sie, nur sie durchgesetzt wird. Wer sie einmal 

Schelling und die Offenbarung 221 

geschaut hat, wem sie einmal im stillen nächtlichen Kämmerlein in all ihrem 
Glanze erschienen ist, der kann nicht von ihr lassen, der muß ihr folgen, 
wohin sie ihn führt und wär’ es in den Tod. Denn er weiß von ihrer Kraft, 
daß sie stärker ist als alles im Himmel und auf Erden, daß sie sich durch- 
schlägt gegen alle Feinde, die sich ihr entgegensetzen. Und dieser Glaube 
an die Allmacht der Idee, an den Sieg der ewigen Wahrheit, diese feste 
Zuversicht, daß sie nimmermehr wanken und weichen kann und wenn die 
ganze Welt sich gegen sie empörte, das ist die wahre Religion eines jeden 
echten Philosophen, das ist die Basis der wahren positiven Philosophie, der 
Philosophie der Weltgeschichte. Diese ist die höchste Offenbarung, die des 
Menschen an den Menschen, in der alle Negation der Kritik positiv ist. 
Dieses Drängen und Stürmen der Völker und Heroen, über dem die Idee 
in ewigem Frieden schwebt und endlich herniedersteigt mitten in das 
Getreibe und seine innerste, lebendigste, selbstbewußte Seele wird, das ist 
die Quelle alles Heils und aller Erlösung; das ist das Reich, in dem jeder 
von uns an seinem Ort zu wirken und zu handeln hat. Die Idee, das Selbst- 
bewußtsein der Menschheit ist jener wunderbare Phönix, der aus dem 
Kostbarsten, was es auf der Welt gibt, sich den Scheiterhaufen baut und 
verjüngt aus den Flammen, die eine alte Zeit vernichten, emporsteigt. 

So laßt uns denn unser Teuerstes und Liebstes, alles was uns heilig und 
groß war, ehe wir frei wurden, diesem Phönix auf den Scheiterhaufen 
tragen! Laßt uns keine Liebe, keinen Gewinn, keinen Reichtum für zu 
hoch halten, als daß wir ihn nicht der Idee freudig opfern sollten - sie wird 
es uns alles vergelten tausendfach! Laßt uns kämpfen und bluten, dem 
Feinde unverzagt ins grimmige Auge schauen und ausharren bis ans Ende! 
Seht ihr, unsre Fahnen wehen von den Bergesgipfeln herab? Seht ihr die 
Schwerter unsrer Genossen blinken, die Helmbüsche flattern? Sie kommen, 
sie kommen, aus allen Tälern, von allen Höhen strömen sie uns zu, mit 
Gesang und Hörnerschall; der Tag der großen Entscheidung, der Völker- 
schlacht, naht heran, und der Sieg muß unser sein! 

Erschienen als Broschüre 

im März 1842.