164 Schelling über Hegel 


Universität, die Koryphäen der Wissenschaft, Männer, deren jeder eine 
eigentümliche Richtung hervorgerufen hat, ihnen sind die nächsten Plätze 
um das Katheder überlassen, und hinter ihnen, durcheinandergewürfelt, 
wie der Zufall sie zusammenführte, Repräsentanten aller Lebensstellungen, 
Nationen und Glaubensbekenntnisse. Mitten zwischen der übermütigen 
Jugend sitzt hier und da ein graubärtiger Stabsoffizier und neben ihm wohl 
gar ganz ungeniert ein Freiwilliger, der in anderer Gesellschaft sich vor 
Devotion gegen den hohen Vorgesetzten nicht zu lassen wüßte. Alte Dok- 
toren und Geistliche, deren Matrikel bald ihr Jubiläum feiern kann, fühlen 
den langvergessenen Burschen wieder im Kopfe spuken und gehen ins 
Kolleg, Judentum und Islam wollen sehen, was es für eine Bewandtnis mit 
der christlichen Offenbarung hat; man hört deutsch, französisch, englisch, 
ungarisch, polnisch, russisch, neugriechisch und türkisch durcheinander 
sprechen -, da ertönt das Zeichen zum Schweigen, und Schelling besteist 
das Katheder. 

Fin Mann von mittlerer Statur, mit weißem Haar und hellblauem, 
heiterm Auge, dessen Ausdruck eher ins Muntere als ins Imponierende 
spielt, und, vereint mit einigem Eimbonpoint, mehr auf den gemütlichen 
Hausvater als auf den genialen Denker schließen läßt, ein hartes, aber 
kräftiges Organ, schwäbisch-bayrischer Dialekt mit beständigem „eppes“ 
für. etwas, das ist Schellings äußere Erscheinung. | 

Ich übergehe den Inhalt seiner ersten Vorlesungen!”'), um sogleich zu 
seinen Äußerungen über Hegel zu kommen, und behalte mir nur vor, zur 
Erläuterung derselben das Nötige nachzuschicken. Ich gebe sie wieder, wie 
ich sie in der Vorlesung selbst nachgeschrieben habe. 


„Die Identitätsphilosophie, wie ich sie aufstellte, war nur eine Seite der ganzen 
Philosophie, nämlich die negative. Dieses Negative mußte entweder durch die Dar- 
stellung des Positiven befriedigt werden oder, den positiven Gehalt der früheren 
Philosophien verschlingend, sich selbst als das Positive setzen und sich so zur absoluten 
Philosophie aufwerfen. Auch über dem Geschick des Menschen schwebt eine Vernunft, 
die ihn in der Einseitigkeit verharren läßt, bis er alle Möglichkeiten derselben er- 
schöpft hat. So war es Hegel, der die negative Philosophie als die absolute aufstellte. — 
Ich nenne Herm Hegels Namen zum ersten Male. So wie ich mich über Kant und 
Fichte frei ausgesprochen habe, die meine Lehrer gewesen sind, so werde ich es auch 
über Hegel tun, obgleich mir dies eben keine Freude macht. Aber um der Offenheit 
willen, die ich Ihnen, meine Herren, versprochen habe, will ich es tun. Es soll nicht 
scheinen, als hätte ich irgend etwas zu scheuen, als gäbe es Punkte, worüber ich mich 
nicht frei aussprechen dürfte. Ich gedenke der Zeit, wo Hegel mein Zuhörer, mein 
Lebensgenoß war, und ich muß sagen, daß, während die Identitätsphilosophie allgemein 
seicht und flach aufgefaßt wurde, er es war, der ihren Grundgedanken in die spätere 


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un 


Zeit hinübergerettet und bis zuletzt fortwährend anerkannt hat, wie mir dies vor allem 
seine ‚Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie‘ bezeugten. Er, der den großen 
Stoff schon bewältigt vorfand, hielt sich hauptsächlich an die Methode, während wir 
andern vorzugsweise das Materielle behaupteten. Ich selbst, dem die gewonnenen 
negativen Resultate nicht genügten, hätte gern jeden befriedigenden Abschluß, auch 
von fremder Hand, entgegengenommen. | 

Übrigens handelt es sich hier darum, ob Hegels Stelle in der Geschichte der Philo- 
sophie, die Stelle, die ihm unter den großen Denkern anzuweisen ist, eben diese ist, 
daß er die Identitätsphilosophie zur absoluten, zur letzten zu erheben versuchte, was 
freilich nur mit bedeutenden Veränderungen geschehen konnte; und dies gedenke ich 
aus seinen eignen, aller Welt offenstehenden Schriften zu beweisen. Wollte man sagen, 
daß darin eben der Tadel für Hegel liege, so antworte ich, daß Hegel getan hat, was 
ihm zunächst lag. Die Identitätsphilosophie mußte mit sich selber ringen, über sich 
selbst hinausgehen, solange jene Wissenschaft des Positiven, die sich auch über die 
Existenz erstreckt, noch nicht da war. Darum mußte Hegel in jenem Bestreben die 
Identitätsphilosophie über ihre Schranke, die Potenz des Seins, das reine Seinkönnen, 
hinausführen und die Existenz ihr unterwürfig machen. 

‚Hegel, der sich mit Schelling zur Anerkennung des Absoluten erhob, wich von 
diesem ab, indem er dasselbe nicht in der intellektuellen Anschauung vorausgesetzt, 
sondern auf wissenschaftlichem Wege gefunden wissen wollte.‘ Diese Worte bilden 
den Text, über den ich jetzt zu Ihnen reden werde. - In obiger Stelle liegt die Meinung 
zugrunde, die Identitätsphilosophie habe das Absolute nicht bloß der Sache, sondern 
auch der Existenz nach zum Resultate; da nun der Ausgangspunkt der Identitäts- 
philosophie die Indifferenz von Subjekt und Objekt ist, so wird auch deren Existenz, 
als durch die intellektuelle Anschauung erwiesen, angenommen. Auf diese Weise 
nimmt Hegel ganz arglos an, ich habe die Existenz, das Sein jener Indifferenz durch 
die intellektuelle Anschauung beweisen wollen und tadelt mich wegen des mangel- 
haften Beweises. Daß ich dies nicht wollte, zeigt die von mir so häufig ausgesprochene 
Verwahrung, die Identitätsphilosophie sei kein System der Existenz, und was die in- 
tellektuelle Anschauung betrifft, so kommt diese Bestimmung in derjenigen Darstellung 
der Identitätsphilosophie, die ich einzig und allein für die wissenschaftliche aus früherer 
Zeit anerkenne, gar nicht vor. Diese Darstellung befindet sich da, wo sie kein Mensch 
sucht, nämlich in der ‚Zeitschrift für spekulative Physik‘, zweiten Bandes zweites 
Heft. Sonst wohl kommt sie allerdings vor und ist ein Erbstück der Fichteschen Ver- 
lassenschaft. Fichte, mit dem ich nicht geradezu brechen wollte, gelangt durch sie zu 
seinem unmittelbaren Gewissen, dem Ich; ich knüpfte daran an, um auf diesem Wege 
zur Indifferenz zu gelangen. Indem nun das Ich in der intellektuellen Anschauung 
nicht mehr subjektiv betrachtet wird, tritt es in die Sphäre des Gedankens und ist so 
nicht mehr unmittelbar gewiß existierend. Sonach würde die intellektuelle Anschauung 
selbst nicht einmal die Existenz des Ich beweisen; und wenn Fichte sie zu diesem 
Zwecke braucht, so kann ich mich doch nicht auf sie berufen, um die Existenz des 
Absoluten daraus zu demonstrieren. So konnte mich Hegel nicht wegen der Mangel- 
haftigkeit eines Beweises tadeln, den ich nie führen wollte, sondern nur deswegen, daß 


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ich nicht ausdrücklich genug sagte, daß es mir überhaupt um die Existenz nicht zu tun 
sei. Denn wenn Hegel den Beweis des Seins der unendlichen Potenz verlangt, so geht 
er über die Vernunft hinaus; sollte die unendliche Potenz sein, so wäre die Philosophie 
nicht frei vom Sein; und hier ist denn die Frage aufzustellen, ob das Prius der Existenz 
zu denken ist? Hegel negiert es, denn er fängt seine Logik mit dem Sein an und geht 
sogleich auf ein Existentialsystem los. Wir aber bejahen es, indem wir mit der reinen 
Potenz des Seins als nur im Denken existierend beginnen. Hegel, der so viel von der 
Immanenz spricht, ist doch nur immanent in dem dem Denken nicht Immanenten, 
denn das Sein ist dies Nichtimmanente. Sich ins reine Denken zurückziehen, heißt 
insbesondere sich von allem Sein außer dem Gedanken zurückziehen. Die Behauptung 
Hegels, die Existenz des Absoluten sei in der Logik bewiesen, hat dann noch den Nach- 
teil, daß man auf diese Weise das Unendliche zweimal hat, am Ende der Logik und 
dann noch einmal am Ende des ganzenProzesses. Überhaupt sieht man nicht ein, warum 
die Logik bei der ‚Enzyklopädie‘ vorausgeschickt wird, anstatt daß sie den ganzen 
Zyklus belebend durchdringt.“ 


f Teleoranh für Deutschland“ 


5 - SiS lpen in Inn 


Nr.208, Dezember 1841] 


Soweit Schelling. Ich habe zum großen Teil und soviel es mir möglich 
"war, seine eignen Worte angeführt und kann dreist behaupten, daß er die 
Unterschreibung dieser Auszüge nicht weigern dürfte. Zur Ergänzung füge 
ich aus den vorhergehenden Vorlesungen bei, daß er die Dinge nach zwei 
Seiten betrachtet, das quid von dem quod*, das Wesen und den Begriff von 
der Existenz trennt; ersteres der reinen Vernunftwissenschaft oder nega- 
tiven Philosophie, letzteres einer neuzugründenden Wissenschaft mit empi- 
rischen Elementen, der positiven Philosophie, zuweist. Von der letzteren 
verlautete bis jetzt noch nichts, die erstere trat vor vierzig Jahren in mangel- 
hafter, von Schelling selbst preisgegebener Fassung auf und wird von ihm 
jetzt in ihrem wahren, adäquaten Ausdruck entwickelt. Ihre Basis ist die 
Vernunft, die reine Potenz des Erkennens, welche die reine Potenz des 
Seins, das unendliche Seinkönnen zu ihrem unmittelbaren Inhalt hat. Das 
notwendige Dritte hierzu ist nun die Potenz über das Sein, die sich nicht 
mehr entäußern könnende, und diese ist das Absolute, der Geist, das, was 
von der Notwendigkeit des Überganges in das Sein freigesprochen ist und 
in ewiger Freiheit gegen das Sein verharrt. Auch die „orphische“ Einheit 
jener Potenzen kann das Absolute genannt werden, als das, außer dem 
nichts ist. Treten die Potenzen in Gegensatz zueinander, so ist diese ihre 


Ausschließlichkeit die Endlichkeit.