Außer den historischen Zeugnissen spricht vieles für die Identität demo- 
kritischer und epikureischer Physik. Die Prinzipien - Atome und Leere - 
sind unstreitig dieselben. Nur in einzelnen Bestimmungen scheint willkür- 
liche, daher unwesentliche Verschiedenheit zu herrschen. 

Allein so bleibt ein sonderbares, nicht zu lösendes Rätsel. Zwei Philo- 
sophen lehren ganz dieselbe Wissenschaft, ganz auf dieselbe Weise; aber - 
wie inkonsequent!- in allem stehen sie sich diametral entgegen, was Wahr- 
heit, Gewißheit, Anwendung dieser Wissenschaft, was das Verhältnis von 
Gedanken und Wirklichkeit überhaupt betrifft. Ich sage, sie stehen sich 
diametral entgegen, und werde es jetzt zu beweisen suchen. 

A. Das Urteil des Demokrit über Wahrheit und Gewißheit des menschlichen 
Wissens scheint schwer zu ermitteln. Es liegen widersprechende Stellen vor, 
oder vielmehr nicht die Stellen, sondern Demokrits Ansichten widerspre- 
chen sich. Denn Trendelenburgs Behauptung im Kommentar zur aristote- 
lischen Psychologie, erst spätere Schriftsteller, nicht aber Aristoteles wisse 
von solchem Widerspruch, ist faktisch unrichtig. In der Psychologie” des 
Aristoteles heißt es nämlich: „Demokrit setzt Seele und Verstand als ein 
und dasselbe, denn das Phänomen sei das Wahre“ !), in der „Metaphysik“ 
dagegen: „Demokrit behauptet, nichts sei wahr, oder uns sei es verborgen.“?) 
Widersprechen sich diese Stellen des Aristoteles nicht? Wenn das Phäno- 
men das Wahre ist, wie kann das Wahre verborgen sein? Die Verborgenheit 
beginnt erst, wo sich Phänomen und Wahrheit trennen.? Diogenes Laertius 
aber berichtet, man habe Demokrit zu den Skeptikern gezählt. Es wird sein 


1 „Wir wissen von diesem großen Manne“ (Demokrit) „fast nur das, was Epikur, der 
nicht fähig war, immer das Beste zu übernehmen, ihm entlehnt hat,“ 


Spruch angeführt: „In Wahrheit wissen wir nichts, denn im Abgrund des 
Brunnens liegt die Wahrheit.“3) Ähnliches findet sich bei Sextus Empi- 
ricus.*) 

Diese skeptische, unsichere und innerlich sich widersprechende Ansicht 
des Demokrit ist nur weiterentwickelt in der Weise, wie das Verhältnis des 
Atoms und der sinnlich erscheinenden Welt bestimmt wird. 

Einerseits kömmt die sinnliche Erscheinung nicht den Atomen selbst zu. 
Nicht objektive Erscheinung ist sie, sondern subjektiver Schein. „Die wahr- 
haften Prinzipien sind die Atome und das Leere; alles andere ist Meinung, 
‚Schein.“?) „Nur der Meinung nach ist das Kalte, der Meinung nach das 
Warme, in Wahrheit aber die Atome und das Leere.“) Es wird daher in 
Wahrheit nicht eins aus den vielen Atomen, sondern „durch die Verbin- 
dung der Atome scheint jedes eins zu werden.“ ’) Durch die Vernunft zu 
schauen sind daher allein die Prinzipien, die schon wegen ihrer Kleinheit 
dem sinnlichen Auge unzugänglich sind; daher heißen sie sogar Ideen.°) 
Allein andrerseits ist die sinnliche Erscheinung das allein wahre Objekt, und 
die alodnois! ist die podvnoic?, dies Wahre aber ist wechselnd, unstet, 
Phänomen. Daß aber das Phänomen das Wahre sei, widerspricht sich.) 
Es wird also bald die eine Seite, bald die andere zum Subjektiven und zum 
Objektiven gemacht. So scheint der Widerspruch auseinandergehalten, 
indem er an zwei Welten verteilt wird. Demokrit macht daher die sinnliche 
Wirklichkeit zum subjektiven Schein; allein die Antinomie, aus der Welt der 
Objekte verbannt, existiert nun in seinem eigenen Selbstbewußtsein, in 
dem der Begriff des Atoms und die sinnliche Anschauung feindlich zu- 
sammentreffen. 

Demokrit entrinnt also der Antinomie nicht. Sie zu erklären ist hier 
noch nicht der Ort. Genug, daß ihre Existenz nicht zu leugnen ist. 

Hören wir dagegen Epikur. 

Der Weise, sagt er, verhält sich dogmatisch, nicht skeptisch.!”) Ja, eben 
das ist sein Vorzug vor allen, daß er mit Überzeugung weiß.!!) „Alle Sinne 
sind Herolde des Wahren.“1?) „Nichts kann die sinnliche Wahrnehmung 
widerlegen; weder die gleichartige die gleichartige wegen der gleichen Giltig- 
keit, noch die ungleichartige die ungleichartige, denn sie urteilen nicht 
über dasselbe, noch der Begriff, denn der Begriff hängt ab von den sinn- 
lichen Wahrnehmungen“ !?), heißt es im Kanon. Während aber Demokrit 
die sinnliche Welt zum subjektiven Schein macht, macht sie Epikur zur objek- 
tiven Erscheinung. Und mit Bewußtsein unterscheidet er sich hierin; denn 


1 (aisthesis) Sinneswahrnehmung - ? (phronesis) Vernunft 


er behauptet, dieselben Prinzipien zu teilen, nicht aber die sinnlichen Quali- 
täten zum Nur-Gemeinten zu machen."*) 

War also einmal sinnliche Wahrnehmung das Kriterium des Epikur, 
entspricht ihr die objektive Erscheinung: so kann man nur als richtige 
Konsequenz betrachten, worüber Cicero die Achsel zuckt. „Die Sonne 
scheint dem Demokrit groß, weil er ein wissenschaftlicher und in der Geo- 
metrie vollendeter Mann ist; dem Epikur etwa von zwei Fuß Größe, denn 
er urteilt, sie sei so groß, als sie scheint.“!?) 

B. Diese Differenz in den theoretischen Urteilen des Demokrit und des 
Epikur über Sicherheit der Wissenschaft und Wahrheit ihrer Objekte ver- 
wirklicht sich in der disparaten wissenschaftlichen Energie und Praxis dieser 
Männer. 

Demokrit, dem das Prinzip nicht in die Erscheinung tritt, ohne Wirk- 
lichkeit und Existenz bleibt, hat dagegen als reale und inhaltsvolle Welt die 
Welt der sinnlichen Wahrnehmung sich gegenüber. Sie ist zwar subjektiver 
Schein, allein eben dadurch vom Prinzip losgerissen, in ihrer selbständigen 
Wirklichkeit belassen; zugleich einziges reales Objekt, hat sie als solche 
Wert und Bedeutung. Demokrit wird daher in empirische Beobachtung ge- 
trieben. In der Philosophie unbefriedigt, wirft er sich dem positiven Wissen 
in die Arme. Wir haben schon gehört, daß Cicero ihn einen vir eruditus! 
nennt. In der Physik, Ethik, Mathematik, in den enzyklischen Disziplinen, 
in jeder Kunst ist er bewandert.!) Schon der Bücherkatalog bei Diogenes 
Laertius zeugt für seine Gelehrsamkeit.!”) Wie es aber der Charakter der 
Gelehrsamkeit ist, in die Breite zu gehen und zu sammeln und von außen 
zu suchen: so sehen wir den Demokrit die halbe Welt durchwandern, um 
Erfahrungen, Kenntnisse, Beobachtungen einzutauschen. „Ich“, rühmt er 
von sich selbst, „habe von meinen Zeitgenossen den größten Teil der Erde 
durchirrt, das Entlegenste durchforschend; und die meisten Himmels- 
striche und Lande sah ich, und die meisten gelehrten Männer hörte ich; 
und in der Linienkomposition mit Beweis übertraf mich niemand, auch 
nicht der Ägypter sogenannte Arsepedonapten!#,*18) 

Demetrius in den öuwvönoirc? und Antisthenes in den dwxdoyaic? er- 
zählen, daß er gewandert sei nach Ägypten zu den Priestern, um Geometrie 
zu lernen, und zu den Chaldäern nach Persien und daß er gekommen zum 
Roten Meere. Einige behaupten, er sei auch zusammengetroffen mit den 
Gymnosophisten in Indien und habe Äthiopien betreten.!?) Es ist einerseits 


! gebildeten Mann -? (homonymois) (Schrift über) gleichnamige (Dichter und Gelehrte)- 
$ (diadochais) (Schrift über die) Aufeinanderfolge (der Philosophenschulen und ihrer Schul- 
häupter) 


die Wissenslust, die ihm keine Ruhe läßt; es ist aber zugleich die Nicht- 
befriedigung im wahren, d.i. philosophischer: Wissen, die ihn in die Weite 
treibt. Das Wissen, das er für wahr hält, ist inhaltslos; das Wissen, das ihm 
Inhalt gibt, ist ohne Wahrheit. Mag sie eine Fabel sein, aber eine wahre 
Fabel, weil sie das Widersprechende seines Wesens schildert, ist die An- 
ekdote der Alten. Sich selbst habe Demokrit geblendet, damit das sinnliche 
Augenlicht nicht die Geistesschärfe verdunkle.) Es ist derselbe Mann, der, 
wie Cicero sagt, die halbe Welt! durchwandert. Aber er hatte nicht ge- 
funden, was er suchte. 

Eine entgegengesetzte Gestalt erscheint uns in Epikur. 

Epikur ist befriedigt und selig in der Philosophie. „Der Philosophie“, sagt 
er, „mußt du dienen, damit dir die wahre Freiheit zufalle. Nicht zu harren 
braucht der, der sich ihr unterwarf und übergab; sogleich wird er emanzi- 
piert. Denn dies selbst, der Philosophie dienen, ist Freiheit."”!) „Weder 
der Jüngling“, lehrt er daher, „zögere zu philosophieren, noch lasse ab der 
Greis vom Philosophieren. Denn keiner ist zu unreif, keiner zu überreif, um 
an der Seele zu gesunden. Wer aber sagt, entweder noch nicht da sei die Zeit 
des Philosophierens oder vorübergegangen sei sie, der ist ähnlich dem, der 
behauptet, zur Glückseligkeit sei noch nicht die Stunde, oder sie sei nicht 
mehr.“ ??) Während Demokrit, von der Philosophie unbefriedigt, sich dem 
empirischen Wissen in die Arme wirft, verachtet Epikur die positiven Wissen- 
schaften; denn nichts trügen sie bei zur wahren V ollendung.”) Ein Feind der 
Wissenschaft, ein Verächter der Grammatik wird er genannt.“*) Unwissen- 
heit selbst wird ihm vorgeworfen; „aber“, sagt ein Epikureer bei Cicero, 
„nicht Epikur war ohne Erudition, sondern diejenigen [sind] ungelehrt, die 
glauben, was dem Knaben Schande macht, nicht zu wissen, sei noch vom 
Greise herzusagen.“”) 

Während aber Demokrit von ägyptischen Priestern, persischen Chaldäern 
und indischen Gymnosophisten zu lernen sucht, rühmt Epikur von sich, er 
habe keinen Lehrer gehabt, er sei Autodidakt.?) Einige, sagt er nach Seneca, 
ringen nach Wahrheit ohne jegliche Beihilfe. Unter diesen habe er sich 
selbst den Weg gebahnt. Und sie, die Autodidakten, lobt er am meisten. Die 
andern seien Köpfe zweiten Ranges.?”) Während es den Demokrit in alle 
Weltgegenden treibt, verläßt Epikur kaum zwei- oder dreimal seinen Garten 
zu Athen und reist nach Jonien, nicht um Forschungen anzustellen, son- 
dern um Freunde zu besuchen.#) Während endlich? Demokrit, am Wissen 


verzweifelnd, sich selbst blendet, steigt Epikur, als er die Stunde des Todes 
nahen fühlt, in ein warmes Bad und begehrt reinen Wein und empfiehlt 
seinen Freunden, der Philosophie treu zu sein.) 

C. Die eben entwickelten Unterschiede sind nicht der zufälligen Indivi- 
dualität beider Philosophen zuzuschreiben; es sind zwei entgegengesetzte 
Richtungen, die sich verkörpern. Wir sehen als Differenz der praktischen 
Energie, was oben als Unterschied des theoretischen Bewußtseins sich aus- 
drückt. 

Wir betrachten endlich die Reflexionsform, die die Beziehung des Ge- 
dankens auf das Sein, das Verhältnis derselben darstellt. In dem allgemeinen 
Verhältnisse, das der Philosoph der Welt und dem Gedanken zueinander 
gibt, verobjektiviert er sich nur, wie sein besonderes Bewußtsein sich zur 
realen Welt verhält. 

Demokrit nun wendet als Reflexionsform der Wirklichkeit die Not- 
wendigkeit an.°°) Aristoteles sagt von ihm, er führe alles auf Notwendigkeit 
zurück.?*) Diogenes Laertius berichtet, der Wirbel der Atome, aus dem 
alles entstehe, sei die demokritische Notwendigkeit.”?) Genügender spricht 
hierüber der Auctor De placitis philosophorum: Die Notwendigkeit sei 
nach Demokrit das Schicksal und das Recht und die Vorsehung und Welt- 
schöpferin. Die Substanz aber dieser Notwendigkeit sei die Äntitypie und 
die Bewegung und der Schlag der Materie.) Eine ähnliche Stelle findet 
sich in den physischen Eklogen des Stobäus”‘) und im 6ten Buch der Prae- 
paratio evangelica des Eusebius). In den ethischen Eklogen des Stobäus ist 
folgende Sentenz des Demokrit aufbewahrt“), die im l4ten Buch des Euse- 
bius fast ebenso wiederholt wird?”), nämlich: Die Menschen fingierten sich 
das Scheinbild des Zufalls, - eine Manifestation ihrer eigenen Ratlosigkeit; 
denn mit einem starken Denken kämpfe der Zufall. Ebenso deutet Simplicius 
eine Stelle, in der Aristoteles von der alten Lehre spricht, die den Zufall 
aufhebt, auf den Demokrit.”) 

Dagegen! Epikur: 

„Die Notwendigkeit, die von einigen als die Allherrscherin eingeführt? 
ist, ist nicht, sondern einiges ist zufällig, anderes hängt von unserer Willkür 
ab. Die Notwendigkeit ist nicht zu überreden, der Zufall dagegen unstet. 
Es wäre besser, dem Mythos über die Götter zu folgen, als Knecht zu sein 
der einapuevn der Physiker. Denn jener läßt Hoffnung der Erbarmung 
wegen der Ehre der Götter, diese aber die unerbittliche Notwendigkeit. 
Der Zufall aber, nicht Gott, wie die Menge glaubt, ist anzunehmen.“) 


* (heimarmene) 


„Es ist ein Unglück, in der Notwendigkeit zu leben, aber in der Notwendig- 
keit zu leben, ist keine Notwendigkeit. Offen stehen überall zur Freiheit 
die Wege, viele, kurze, leichte. Danken wir daher Gott, daß niemand im 
Leben festgehalten werden kann. Zu bändigen die Notwendigkeit selbst, 
ist gestattet.“ ?0) 

Ähnliches spricht der Epikureer Vellejus bei Cicero über die stoische 
Philosophie: „Was soll man von einer Philosophie halten, welcher, wie alten 
und zwar ungelehrten Vetteln, alles durch das Fatum zu geschehen scheint? 
ENRER vom Epikur sind wir erlöst, in Freiheit gesetzt worden.“ **) 

So leugnet Epikur selbst das disjunktive Urteil, um keine Notwendigkeit 
anerkennen zu müssen.??) 

Es wird zwar auch vom Demokrit behauptet, er habe den Zufall an- 
gewandt; allein von den beiden Stellen, die sich hierüber beim Simplicius 
finden), macht die eine die andere verdächtig, denn sie zeigt offenbar, daß 
nicht Demokrit die Kategorie des Zufalls gebraucht, sondern Simplicius 
sie ihm als Konsequenz beigelegt. Er sagt nämlich: Demokrit gebe von der 
Weltschöpfung im allgemeinen keinen Grund an; er scheine also den Zufall 
zum Grunde zu machen. Hier handelt es sich aber nicht um die Inhalts- 
bestimmung, sondern um die Form, die Demokrit mit Bewußtsein angewandt 
hat. Ähnlich verhält es sich mit dem Bericht des Eusebius: Demokrit habe 
den Zufall zum Herrscher des Allgemeinen und Göttlichen gemacht und 
behauptet, hier geschehe alles durch ihn, während er ihn vom menschlichen 
Leben und der empirischen Natur ferngehalten, seine Verkünder aber sinn- 
los gescholten habe.**) 

Teils sehen wir hierin eine bloße Konsequenzmacherei des christlichen 
Bischofs Dionysius, teils, wo das Allgemeine und Göttliche anfängt, hört 
der demokritische Begriff der Notwendigkeit auf, vom Zufall verschieden 
zu sein. 

Soviel ist also historisch sicher, Demokrit wendet die Notwendigkeit, 
Epikur den Zufall an; und zwar verwirft jeder die entgegengesetzte Ansicht 
mit polemischer Gereiztheit. 

Die Hauptkonsequenz dieses Unterschiedes erscheint in der Erklärungsweise 
der einzelnen physischen Phänomene. 

Die Notwendigkeit erscheint nämlich in der endlichen Natur als relative 
Notwendigkeit, als Determinismus. Die relative Notwendigkeit kann nur 
deduziert werden aus der realen Möglichkeit, d.h. es ist ein Umkreis von 
Bedingungen, Ursachen, Gründen usw., durch welche sich jene Notwendig- 
keit vermittelt. Die reale Möglichkeit ist! die Explikation der relativen Not- 


wendigkeit. Und sie finden wir vom Demokrit angewandt. Wir führen einige 
Belege aus Simplicius an. 

Wenn einer dürstet und trinkt und gesund wird: so wird Demokrit 
nicht den Zufall als die Ursache! angeben, sondern das Dürsten. Denn 
wenn er auch bei der Weltschöpfung den Zufall zu gebrauchen schien: so 
behauptet er doch, daß dieser im einzelnen von nichts die Ursache! sei, 
sondern führt auf andere Ursachen zurück. So sei z.B. das Graben die UÜr- 
sache! des Schatzfindens oder das Wachsen des Ölbaums.*°) 

Die Begeisterung und der Ernst, mit dem Demokrit jene Erklärungs- 
weise in die Betrachtung der Natur einführt, die Wichtigkeit, die er der 
Begründungstendenz beilegt, spricht sich naiv? in dem Bekenntnisse aus: 
„Ich will lieber eine neue Ätiologie finden als die persische Königswürde 
erlangen!” ?°) 

Epikur steht dem Demokrit wiederum direkt gegenüber. Der Zufall ist 
eine Wirklichkeit, welche nur den Wert der Möglichkeit hat. Die abstrakte 
Möglichkeit aber ist gerade der Äntipode der realen. Die letztere ist be- 
schränkt in scharfen Grenzen, wie der Verstand; die erste schrankenlos, 
wie die Phantasie. Die reale Möglichkeit sucht die Notwendigkeit und 
Wirklichkeit ihres Objektes zu begründen; der abstrakten ist es nicht um 
das Objekt zu tun, das erklärt wird, sondern um das Subjekt, das erklärt. 
Es soll der Gegenstand nur möglich, denkbar sein. Was abstrakt möglich 
ist, was gedacht werden kann, das steht dem denkenden Subjekt nicht im 
Wege, ist ihm keine Grenze, kein Stein des Änstoßes. Ob diese Möglichkeit 
nun auch wirklich sei, ist gleichgiltig, denn das Interesse erstreckt sich hier 
nicht auf den Gegenstand als Gegenstand. 

Epikur verfährt daher mit einer grenzenlosen Nonchalance in der Er- 
klärung der einzelnen physischen Phänomene. 

Näher wird dies aus dem Brief an den Pythokles erhellen, den wir später 
zu betrachten haben. Hier genüge es, auf sein Verhältnis zu den Meinungen 
früherer Physiker aufmerksam zu machen. Wo der Auctor De placitis philo- 
sophorum und Stobäus die verschiedenen Ansichten der Philosophen über 
die Substanz der Sterne, die Größe und Figur der Sonne und ähnliches an- 
führen, heißt es immer vom Epikur: Er verwirft keine dieser Meinungen, 
alle könnten richtig sein, er halte sich am Möglichen.?”) Ja, Epikur polemisiert 
sogar gegen die verständig bestimmende und eben daher einseitige Er- 
klärungsweise aus realer Möglichkeit. 

So sagt Seneca in seinen Quaestiones naturales: Epikur behauptet, alle 


jene Ursachen könnten sein, und versucht dazu noch mehrere andere Er- 
klärungen und tadelt diejenigen, die behaupten, irgendeine bestimmte von 
diesen finde statt, da es gewagt sei, über das, was nur aus Konjekturen zu 
folgern, apodiktisch zu urteilen.) 

Man sieht, es ist kein Interesse vorhanden, die Realgründe der Objekte 
zu untersuchen: Es handelt sich bloß um eine Beruhigung des erklärenden 
Subjekts. Indem alles Mögliche als möglich zugelassen wird, was dem 
Charakter der abstrakten Möglichkeit entspricht, wird offenbar der Zufall 
des Seins nur in den Zufall des Denkens übersetzt. Die einzige Regel, die 
Epikur vorschreibt, „nicht widersprechen dürfe die Erklärung der sinnlichen 
Wahrnehmung“ #, versteht sich von selbst; denn das Abstrakt-Mögliche 
besteht eben darin, frei vom Widerspruch zu sein, der also zu verhüten ist.?”) 
Endlich gesteht Epikur, daß seine Erklärungsweise nur die Ataraxie des 
Selbstbewußtseins bezwecke, nicht die Naturerkenntnis an und für sich.°) 

Wie ganz entgegengesetzt er sich also auch hier zu Demokrit verhalte, 
bedarf wohl keiner Ausführung mehr. 

Wir sehen also beide Männer sich Schritt für Schritt entgegenstehn. 
Der eine ist Skeptiker, der andere Dogmatiker; der eine hält die sinnliche 
Welt für subjektiven Schein, der andere für objektive Erscheinung. Der- 
jenige, der die sinnliche Welt für subjektiven Schein hält, legt sich auf empiri- 
sche Naturwissenschaft und positive Kenntnisse und stellt die Unruhe der 
experimentierenden, überall lernenden, in die Weite schweifenden Beobach- 
tung dar. Der andere, der die erscheinende Welt für real hält, verachtet die 
Empirie; die Ruhe des in sich befriedigten Denkens, die Selbständigkeit, die 
ex principio interno! ihr Wissen schöpft, sind in ihm verkörpert. Aber noch 
höher steigt der Widerspruch. Der Skeptiker und Empiriker, der die sinn- 
liche Natur für subjektiven Schein hält, betrachtet sie unter dem Gesichts- 
punkte der Notwendigkeit und sucht die reale Existenz der Dinge zu er- 
klären und zu fassen. Der Philosoph und Dogmatiker dagegen, der die Er- 
scheinung für real hält, sieht überall nur Zufall; und seine Erklärungsweise 
geht vielmehr dahin, alle objektive Realität der Natur aufzuheben. Es 
scheint eine gewisse Verkehrtheit in diesen Gegensätzen zu liegen. 

Kaum aber kann man noch vermuten, daß diese Männer, in allem sich 
widersprechend, einer und derselben Lehre anhangen werden. Und doch 
scheinen sie aneinander gekettet. 

Ihr Verhältnis im allgemeinen zu fassen, ist die Aufgabe des nächsten 


Abschnitts.? 


1 aus einem inneren Prinzip