ren Belgien und die Schweiz tragikomische karikaturmäßige Genrebilder in 
dem großen historischen Tableau, das eine der Musterstaat der bürgerlichen 
Monarchie, das andere der Musterstaat der bürgerlichen Republik, beides 
Staaten, die sich einbilden, ebenso unabhängig von dem Klassenkampf zu 
sein wie von der europäischen Revolution. 

Jetzt, nachdem unsere Leser den Klassenkampf im Jahre 1848 in kolossa- 
len politischen Formen sich entwickeln sahen, ist es an der Zeit, näher einzu- 
gehen auf die ökonomischen Verhältnisse selbst, worauf die Existenz der Bour- 
geoisie und ihre Klassenherrschaft! sich gründet wie die Sklaverei der Arbeiter. 

Wir werden in drei großen Abteilungen darstellen: I. das Verhältnis der 
Lohnarbeit zum Kapital, die Sklaverei des Arbeiters, die Herrschaft des Kapi- 
talisten, 2. den unvermeidlichen Untergang der mittleren Bürgerklassen und des 
Bauernstandes” unter dem jetzigen Systeme, 3. die kommerzielle Unterjochung 
und Ausbeutung der Bourgeoisklassen der verschiedenen europäischen Nationen 
durch den Despoten des Weltmarkts - England. 

Wir werden möglichst einfach und populär darzustellen suchen und selbst 
die elementarischsten Begriffe der politischen Ökonomie nicht voraussetzen. 
Wir wollen den Arbeitern verständlich sein. Und zudem herrscht in Deutsch- 
land die merkwürdigste Unwissenheit und Begriffsverwirrung über die ein- 
fachsten ökonomischen Verhältnisse, von den patentierten Verteidigern der 
bestehenden Zustände bis hinab zu den sozialistischen Wunderschäfern 
und den verkannten politischen Genies, an denen das zersplitterte Deutsch- 
land noch reicher ist als an Landesvätern. 

Zunächst also zur ersten Frage: Was ist der Arbeitslohn? Wie wird er 
bestimmt? | 
Wenn man Arbeiter fragte: Wie hoch ist Ihr Arbeitslohn? so würden sie 
antworten, dieser: „Ich erhalte I Franc für den Arbeitstag von meinem Bour- 
geois“, jener: „Ich erhalte 2 Francs“ usw. Nach den verschiedenen Arbeits- 
zweigen, denen sie angehören, würden sie verschiedene Geldsummen angeben, 
die sie für eine bestimmte Arbeitszeit oder? für die Herstellung einer be-- 
stimmten Arbeit, z. B. für das Weben einer Elle Leinwand oder für das Setzen 
eines Druckbogens, von ihrem jedesmaligen Bourgeois erhalten. Trotz der 
Verschiedenheit ihrer Angaben werden sie alle in dem einen? Punkt überein- 
stimmen: Der Arbeitslohn ist die Summe Geldes, die der Bourgeois für eine 
bestimmte Arbeitszeit oder für eine bestimmte Arbeitslieferung zahlt. 

t (1891) eingefügt: ebenso —? (1891) sogenannten Bürgerstandes — ? (1891) ausgelassen: 
für eine bestimmte Arbeitszeit oder — * (1891) ausgelassen: einen — ? (1891) Kapitaliist 

Lohnarbeit und Kapital 399 

Der Bourgeois! kauft also ihre Arbeit mit Geld. Für Geld verkaufen sie 
ihm ihre Arbeit.” Mit derselben Geldsumme?, womit der Bourgeois* ihre 
Arbeit? gekauft hat,z. B.mit 2 Francs, hätte er 2Pfund Zucker oder irgendeine 
andere Ware zu einem bestimmten Belauf kaufen können. Die 2 Francs, womit 
er 2 Pfund Zucker kaufte, sind der Preisder 2 Pfund Zucker. Die 2 Francs, wo- 
mit er zwölf Stunden Arbeit kaufte, sind der Preis der zwölfstündigen Arbeit. 
Die Arbeit? ist also eine Ware, nicht mehr, nicht minder als der Zucker. Die 
erste mißt man mit der Uhr und” die andere mit der Waage. 

Ihre Ware, die Arbeit’, tauschen die Arbeiter gegen die Ware des Kapi- 
talisten aus, gegen das Geld, und zwar geschieht dieser Austausch in einem 
bestimmten Verhältnis. So viel Geld für so viel Arbeit. Für zwölfstündiges 
Weben 2 Francs. Und die 2 Francs, stellen sie nicht alle anderen Waren vor, 
die ich für 2 Francs kaufen kann? In der Tat hat der Arbeiter also seine Ware, 
die Arbeit?, gegen andere? Waren aller Art ausgetauscht, und zwar in einem 
bestimmten Verhältnis. Indem der Kapitalist ihm 2 Francs gab, hat er ihm so 
viel Fleisch, so viel Kleidung, so viel Holz, Licht usw. im Austausch gegen 
seinen Arbeitstag gegeben. Die 2 Francs drücken also das Verhältnis aus, worin 
die Arbeit? gegen andere Ware! ausgetauscht wird, den Tauschwert seiner Ar- 
beit?. Der Tauschwert einer Ware, in Geld abgeschätzt, heißt eben ihr Preis. 
Der Arbeitslohn ist also nur ein besonderer Name für den Preis der Arbeit", 
für den Preis dieser eigentümlichen Ware, die keinen andern Behälter hat als 
menschliches Fleisch und Blut. 

Nehmen wir einen beliebigen Arbeiter, z. B. einen Weber. Der Bourgeois 
liefert ihm den Webstuhl und das Garn. Der Weber setzt sich ans Arbeiten, 
und aus dem Garn wird Leinwand. Der Bourgeois* bemächtigt sich der Lein- 
wand und verkauft sie, zu 20 Francs z.B. Ist nun der Arbeitslohn des Webers 
ein Anteil an der Leinwand, an den 20 Francs, an dem Produkt seiner Arbeit? 
Keineswegs. Lange bevor die Leinwand verkauft ist, vielleicht lange bevor sie 
fertiggewebt ist, hat der Weber seinen Arbeitslohn empfangen. Der Kapi- 
talist zahlt diesen Lohn also nicht mit dem Geld, das er aus der Leinwand 
. lösen wird, sondern mit vorrätigem Geld. Wie Webstuhl und Garn nicht das 

11891) Kapitalist, (und eingefügt:) so scheint es, —? (1891) eingefügt: Dies ist aber bloß 
der Schein. Was sie in Wirklichkeit dem Kapitalisten für Geld verkaufen, ist ihre Arbeitskraft. 
Diese Arbeitskraft kauft der Kapitalist auf einen Tag, eine Woche, einen Monat usw. Und 
nachdem er sie gekauft, verbraucht er sie, indem er die Arbeiter während der stipulierten Zeit 
arbeiten läßt. — ? (1891) Summe -* (1891) Kapitaliist — ° (1891) Arbeitskraft - ° (1891) Ge- 
brauch der Arbeitskraft - ? (1891) ausgelassen: und — (1891) für so langen Gebrauch der 
Arbeitskraft — ° (1891) ausgelassen: andere — !° (1891) Waren — "! (1891) Arbeitskraft, 

(und eingefügt:) den man gewöhnlich den Preis der Arbeit nennt 

A400 Karl Marx/Friedrich Engels * „Neue Rheinische Zeitung“ 

Produkt des Webers sind, dem sie vom Bourgeois geliefert werden!, so wenig 
sind es die Waren, die er im Austausch für seine Ware, die Arbeit“, erhält. 
Es war möglich, daß der Bourgeois gar keinen Käufer für seine Leinwand 
fand. Es war möglich, daß er selbst den Arbeitslohn nicht aus ihrem Verkauf 
herausschlug. Es ist möglich, daß er sie im Verhältnis zum Weblohn sehr vor- 
teilhaft verkauft. Alles das geht den Weber nichts an. Der Kapitalist kauft 
mit einem Teil seines vorhandenen Vermögens, seines Kapitals, die Arbeit? 
des Webers ganz so, wie er mit einem andern Teil seines Vermögens den 
Rohstoff - das Garn - und das Arbeitsinstrument - den Webstuhl - angekauft 
hat. Nachdem er diese Einkäufe gemacht, und unter diese Einkäufe gehört 
die zur Produktion der Leinwand nötige Arbeit“, produziert er nur noch mit 
ihm zugehörisen Rohstoffen und Arbeitsinstrumenten. Zu letzteren gehört denn 
nun freilich auch unser guter Weber, der an dem Produkt oder dem Preise 
des Produktes so wenig einen Anteil hat wie der Webstuhl. 

Der Arbeitslohn ist also nicht ein Anteil des Arbeiters an der von ihm produ- 
zierten Ware. Der Arbeitslohn ist der Teil schon vorhandener Waren, womit der 
Kapitalist eine bestimmte Summe produktiver Arbeit? an sich kauft. 

Die Arbeit“ ist also eine Ware, die ihr Besitzer, der Lohnarbeiter, an das 
Kapital verkauft. Warum verkauft er sie? Um zu leben. 

Die Arbeit ist aber die eigene Lebenstätigkeit des Arbeiters, seine eigene 
Lebensäußerung. Und diese Lebenstätigkeit verkauft er an einen Dritten, um 
sich die nötigen Lebensmittel zu sichern. Seine Lebenstätigkeit ist für ihn 
also nur ein Mittel, um existieren zu können. Er arbeitet, um zu leben. Er 
rechnet die Arbeit nicht selbst in sein Leben ein, sie ist vielmehr ein Opfer 
seines Lebens. Sie ist eine Ware, die er an einen Dritten zugeschlagen hat. 
Das Produkt seiner Tätigkeit ist daher auch nicht der Zweck seiner Tätigkeit. 
Was er für sich selbst produziert, ist nicht die Seide, die er webt, nicht das 
Gold, das er aus dem Bergschacht zieht, nicht der Palast, den er baut. Was 
er für sich selbst produziert, ist der Arbeitslohn, und Seide, Gold, Palast lösen 
sich für ihn auf in ein bestimmtes Quantum von Lebensmitteln, vielleicht in 
eine Baumwollenjacke, in Kupfermünze und in eine Kellerwohnung. Und der 
Arbeiter, der zwölf Stunden webt, spinnt, bohrt, dreht, baut, schaufelt, 
Steine klopft, trägt usw. - gilt ihm dies zwölfstündige Weben, Spinnen, Boh- 
ren, Drehen, Bauen, Schaufeln, Steinklopfen als Äußerung seines Lebens, 
als Leben? Umgekehrt. Das Leben fängt da für ihn an, wo diese Tätigkeit 
aufhört, am Tisch, auf der Wirtshausbank, im Bett. Die zwölfstündige Arbeit 
dagegen hat ihm keinen Sinn als Weben, Spinnen, Bohren usw., sondern als 

11891) sind—? (1891) Arbeitskraft-* (1891) eingefügt: Betätigung der Arbeitskraft, die 

Lohnarbeit und Kapital 2. 401 

Verdienen, das ihn an den Tisch, auf die Wirtshausbank, ins Bett bringt. 
Wenn der Seidenwurm spänne, um seine Existenz als Raupe zu i fristen, so 
wäre er ein vollständiger Lohnarbeiter. 

Die Arbeit! war nicht immer eine Ware. Die Arbeit war nicht immer 
Lohnarbeit, d.h. freie Arbeit. Der Sklave verkauft seine Arbeit! nicht an den 
Sklavenbesitzer, sowenig wie der Ochse seine Leistungen an den Bauern 
verkauft. Der Sklave mitsamt seiner Arbeit! ist ein für allemal an seinen Eigen- 
tümer verkauft. Er ist eine Ware, die von der Hand des einen Eigentümers in 
die des andern übergehen kann. Er selbst ist eine Ware, aber die Arbeit! ist 
nicht seine Ware. Der Leibeigene verkauft nur einen Teil seiner Arbeit". 
Nicht er erhält einen Lohn vom Eigentümer des Grund und Bodens: der 
Eigentümer des Grund und Bodens erhält vielmehr von ihm einen Tribut. 
Der Leibeigene gehört zum Grund und Boden und wirft dem Herrn des 
Grund und Bodens Früchte ab. Der freie Arbeiter dagegen verkauft sich selbst, 
und zwar stückweis. Er versteigert 8, 10, 12, 15 Stunden seines Lebens, einen 
Tag wie den andern, an den Meistbietenden, an den Besitzer der Rohstoffe, 
der Arbeitsinstrumente und Lebensmittel, d.h. an den Kapitalisten. Der 
Arbeiter gehört weder einem Eigentümer noch dem Grund und Boden an; 
aber 8, 10, 12, 15 Stunden seines täglichen Lebens gehören dem, der sie 
kauft. Der Arbeiter verläßt den Kapitalisten, dem er sich vermietet, sooft er 
will, und der Kapiitalist entläßt ihn, sooft er es für gut findet, sobald er keinen 
Nutzen oder nicht den beabsichtigten Nutzen mehr aus ihm zieht. Aber der 
Arbeiter, dessen einzige Erwerbsquelle der Verkauf der Arbeit! ist, kann 
nicht die sanze Klasse der Käufer, d. h. die Kapitalistenklasse verlassen, ohne 
auf seine Existenz zu verzichten. Er gehört nicht diesem oder jenem Bourgeois?, 
aber der Bourgeoisie”, der Bourgeoisklasse*, und es ist dabei seine Sache, sich 
an den Mann zu bringen, d.h. in dieser Bourgeoisklasse? einen Käufer zu 
finden. 

Bevor wir jetzt auf das Verhältnis zwischen Kapital und Lohnarbeit näher 
eingehen, werden wir kurz die allgemeinsten Verhältnisse darstellen, die bei 
der Bestimmung des Arbeitslohnes in Betracht kommen. 

Der Arbeitslohn ist, wie wir gesehen haben, der Preis einer bestimmten 
Ware, der Arbeit!. Der Arbeitslohn wird also durch dieselben Gesetze be- 
stimmt, die den Preis jeder andern Ware bestimmen. 

Es fragt sich also, wie wird der Preis einer Ware bestimmt? 

1.1891) Arbeitskraft -? (1891) Kapiitalisten — ? (1891) Kapitalistenklasse - ? (189]') aus- 

gelassen: der Bourgeoisklasse 

402 Karl Marx/Friedrich Engels * „Neue Rheinische Zeitung“ 

[„Neue Rheinische Zeitung“ 
Nr.265 vom 6. April 1849] 

* Köln, 5.April. Wodurch wird der Preis einer Ware bestimmt? 

Durch die Konkurrenz zwischen Käufern und Verkäufern, durch das 
Verhältnis der Nachfrage zur Zufuhr, des Angebots zum Begehr!. Die Kon- 
kurrenz, wodurch der Preis einer Ware bestimmt wird, ist dreiseitig. 

Dieselbe Ware wird von verschiedenen Verkäufern angeboten. Wer 
Waren von derselben Güte am wohlfeilsten verkauft, ist sicher, die übrigen 
Verkäufer aus dem Felde zu schlagen und sich den größten Absatz zu sichern. 
Die Verkäufer machen sich also wechselseitig den Absatz, den Markt streitig. 
Jeder von ihnen will verkaufen, möglichst viel verkaufen und womögliich allein 
verkaufen, mit Ausschluß der übrigen Verkäufer. Der eine verkauft daher 
wohlfeiler wie der andere. Es findet also eine Konkurrenz unter den Ver- 
käufern statt, die den Preis der von ihnen angebotenen Ware herabdrückt. 

Es findet aber auch eine Konkurrenz unter den Käufern statt, die ihrer- 
seits den Preis der angebotenen Waren steigen macht. | 

Es findet endlich eine Konkurrenz unter den Käufern und Verkäufern statt; 
die einen wollen möglichst wohlfeil kaufen, die andern wollen möglichst 
teuer verkaufen. Das Resultat dieser Konkurrenz zwischen Käufern und Ver- 
käufern wird davon abhängen, wie sich die beiden früher angegebenen Seiten 
der Konkurrenz verhalten, d. h., ob die Konkurrenz in dem Heer der Käufer 
oder die Konkurrenz in dem Heer der Verkäufer stärker ist. Die Industrie 
. führt zwei Heeresmassen gegeneinander ins Feld, wovon eine jede in ihren 
eigenen Reihen zwischen ihren eigenen Truppen wieder eine Schlacht liefert. 
Die Heeresmasse, unter deren Truppen die geringste Prügelei stattfindet, 
trägt den Sieg über die entgegenstehende davon. 

Nehmen wir?, es befänden sich 100 Baumwollballen auf dem Markt und 
gleichzeitig Käufer für 1000 Baumwollballen. In diesem Falle ist also die 
Nachfrage zehnmal größer als die Zufuhr. Die Konkurrenz unter den Käu- 
fern wird also sehr stark sein; jeder derselben will einen, womöglich alle 
100 Ballen an sich reißen. Dies Beispiel ist keine willkürliche Unterstellung. 
Wir haben in der Geschichte des Handels Perioden des Mißwachses der 
Baumwolle erlebt, wo einige miteinander verbündete Kapitalisten nicht 
100 Ballen, sondern den ganzen Baumwollvorrat der Erde an sich zu kaufen 
“suchten. In dem angegebenen Falle wird also ein Käufer den andern aus dem 
Felde zu schlagen suchen, indem er einen verhältnismäßig höhern Preis für 
den Baumwollballen anbietet. Die Baumwollverkäufer, welche die Truppen 
des feindlichen Heeres im heftigsten Kampf untereinander erblicken und des 

11891) des Begehrs zum Angebot —* (1891) eingefügt: an 

Lohnarbeit und Kapital 403 

Verkaufs ihrer sämtlichen 100 Ballen völlig gesichert sind, werden sich hüten, 
untereinander sich in die Haare zu fallen, um die Preise der Baumwolle 
herabzudrücken, in einem Augenblick, wo ihre Gegner untereinander wett- 
eifern, ihn in die Höhe zu schrauben. Es ist also plötzlich Friede in das Heer 
der Verkäufer eingekehrt. Sie stehen wie ein Mann den Käufern gegenüber, 
kreuzen sich philosophisch die Arme, und ihre Forderungen fänden keine 
Grenzen, fänden nicht die Anerbietungen selbst der zudringlichsten Kauf- 
lustigen ihre sehr bestimmten Grenzen. 

Ist also die Zufuhr einer Ware schwächer als die Nachfrage nach dieser 
Ware, so findet nur eine geringe oder gar keine Konkurrenz unter den Ver- 
käufern statt. In demselben Verhältnisse, wie diese Konkurrenz abnimmt, 
wächst die Konkurrenz unter den Käufern. Resultat: mehr oder minder be- 
deutendes Steigen der Warenpreise. 

Es ist bekannt, daß der umgekehrte Fall mit umgekehrtem Resultat häu- 
figer stattfindet: bedeutender Überschuß der Zufuhr über die Nachfrage; 
verzweifelte Konkurrenz unter den Verkäufern; Mangel an Käufern; Los- 
schlagen der Ware zu Spottpreisen. | 

Aber was heißt Steigen, Fallen der Preise, was heißt hoher Preis, niedriger 
Preis? Ein Sandkorn ist hoch, durch ein Mikroskop betrachtet, und ein Turm 
ist niedrig, mit einem Berg verglichen. Und wenn der Preis durch das Ver- 
hältnis von Nachfrage und Zufuhr bestimmt wird, wodurch wird das Ver- 
hältnis von Nachfrage und Zufuhr bestimmt? Ä 

Wenden wir uns an den ersten besten Bürger. Er wird sich keinen Augen- 
blick besinnen und wie ein anderer Alexander der Große diesen metaphysi- 
schen Knoten mit dem Einmaleins zerhauen. Wenn mich die Herstellung der 
Ware, die ich verkaufe, 100 Francs gekostet hat, wird er uns sagen, und ich aus 
dem Verkauf dieser Ware 110 Francs löse — nach Jahresfrist versteht sich -, so 
ist das ein bürgerlicher, ein honetter, ein gesetzter Gewinn. Erhalte ich aber 
im Austausch 120, 130 Francs, so ist das ein hoher Gewinn; und löste ich gar 
200 Francs, so wäre das ein außerordentlicher, enormer! Gewinn. Was dient 
dem Bürger also als Maß des Gewinns? Die Produktionskosten seiner Ware. 
- Erhält er im Austausch dieser Ware eine Summe von andern Waren zurück, 
deren Herstellung weniger gekostet hat, so hat er verloren. Erhält er im Aus- 
tausch gegen seine Ware eine Summe von anderen Waren zurück, deren Her- 
stellung mehr gekostet hat, so hat er gewonnen. Und das Fallen oder Steigen 
des Gewinnes berechnet er nach den Graden, worin der Tauschwert seiner 
Ware unter oder über Null - den Produktionskosten - steht. 

11891) ein enormer 
26* 

404 Karl Marx/Friedrich Engels * „Neue Rheinische Zeitung“ 

Wir haben nun gesehen, wie das wechselnde Verhältnis von Nachfrage 
und Zufuhr bald Steigen, bald Fallen der Preise, bald hohe, bald niedrige 
Preise hervorbringt. 

Steigt der Preis einer Ware bedeutend durch mangelnde Zufuhr oder un- 
verhältnismäßig wachsende Nachfrage, so ist notwendig der Preis irgendeiner 
andern Ware verhältnismäßig gefallen; denn der Preis einer Ware drückt ja 
nur in Geld das Verhältnis aus, worin dritte Waren im Austausch für sie ge- 
geben werden. Steigt z. B. der Preis einer Elle Seidenzeug von 5 Francs auf 
6 Francs, so ist der Preis des Silbers im Verhältnis zum Seidenzeug gefallen, 
und ebenso ist der Preis aller andern Waren, die auf ihren alten Preisen stehen- 
geblieben sind, im Verhältnis zum Seidenzeug gefallen. Man muß eine grö- 
ßere Summe davon im Austausch geben, um dieselbe Summe von Seiden- 
ware zu erhalten. 

Was wird die Folge des steigenden Preises einer Ware sein? Eine Masse 
von Kapitalien wird sich auf den blühenden Industriezweig werfen, und diese 
Einwanderung der Kapitalien in das Gebiet der bevorzugten Industrie wird 
so lange fortdauern, bis sie die gewöhnlichen Gewinne abwiirft oder vielmehr, 
bis der Preis ihrer Produkte durch Überproduktion unter die Produktions- 
kosten herabsinkt. 

Umgekehrt. Fällt der Preis einer Ware unter ihre Pen so 
werden sich die Kapitale von der Produktion dieser Ware zurückziehen. Den 
Fall ausgenommen, wo ein Industriezweig nicht mehr zeitgemäß ist, also 
untergehen muß, wird durch diese Flucht der Kapitale die Produktion einer 
solchen Ware, d.h. ihre Zufuhr, so lange abnehmen, bis sie der Nachfrage 
entspricht, also ihr Preis wieder auf die Höhe ihrer Produktionskosten sich er- 
hebt, oder vielmehr bis die Zufuhr unter die Nachfrage herabgefallen ist, 
d.h. bis ihr Preis wieder über ihre Produktionskosten steigt, denn der 
courante Preis!’ einer Ware steht immer über oder unter ihren Produktions- 
kosten. 

Wir sehen, wie die Kapitale beständig aus- und einwandern, aus dem 
Gebiet der einen Industrie in das der andern. Der hohe Preis bringt eine zu 
starke Einwanderung und der niedrige Preis eine zu starke Auswanderung 
hervor. | | 

Wir könnten von einem andern Gesichtspunkt aus zeigen, wie nicht nur 
die Zufuhr, sondern auch die Nachfrage durch die Produktionskosten be- 
stimmt wird. Es würde uns dies aber zu weit von unserem Gegenstande ab-_ 
führen. 

i Marktpreis 

Lohnarbeit und Kapital 405 

Wir haben soeben gesehen, wie die Schwankungen der Zufuhr und Nach- 
frage den Preis einer Ware immer wieder auf die Produktionskosten zurück- 
führen. Zwar der wirkliche Preis einer Ware steht stets über oder unter den 
Produktionskosten; aber das Steigen und Fallen ergänzen sich wechselseitig, so 
daß innerhalb eines bestimmten Zeitraums, Ebbe und Flut der Industrie zu- 
sarmmengerechnet, die Waren, ihren Produktionskosten entsprechend gegen- 
einander ausgetauscht werden, ihr Preis also durch ihre Produktionskosten 
bestimmt wird. 

Diese Preisbestimmung durch die Produktionskosten ist nicht im Sinne 
der Ökonomen zu verstehen. Die Ökonomen sagen, daß der Durchschnitts- 
preis der Waren gleich den Produktionskosten ist; dies sei das Gesetz. Die 
anarchische Bewegung, worin das Steigen durch das Fallen und das Fallen 
durch das Steigen ausgeglichen wird, betrachten sie als Zufälligkeit. Man 
könnte mit demselben Recht, wie dies auch von andern Ökonomen geschehen 
ist, die Schwankungen als das! Gesetz und die Bestimmung durch die Pro- 
duktionskosten als Zufälligkeit betrachten. Aber nur diese Schwankungen, 
die, näher betrachtet, die furchtbarsten Verwüstungen mit sich führen und 
gleich Erdbeben die bürgerliche Gesellschaft in ihren Grundfesten erzittern 
machen, nur diese Schwankungen bestimmen in ihrem Verlauf den Preis 
durch die Produktionskosten. Die Gesamtbewegung dieser Unordnung ist 
ihre Ordnung. In dem Verlauf dieser industriellen Anarchie, in dieser Kreis- 
bewegung gleicht die Konkurrenz sozusagen die eine Extravaganz durch die 
andere aus. | 

Wir sehen also: Der Preis einer Ware ist bestimmt durch ihre Produktions- 
kosten in der Weise, daß die Zeiten, worin der Preis dieser Ware über die 
Produktionskosten steigt, durch die Zeiten ausgeglichen werden, worin er 
unter die Produktionskosten herabsinkt, und umgekehrt. Es gilt dies natürlich 
nicht für ein einzelnes gegebenes Industrieprodukt, sondern nur für den gan- 
zen Industriezweig. Es gilt also auch nicht für den einzelnen Industriellen, 
sondern nur für die ganze Klasse der Industriellen. 

Die Bestimmung des Preises durch die Produktionskosten ist gleich der 
Bestimmung des Preises durch die Arbeitszeit, die zur Herstellung einer 
Ware erforderlich ist; denn die Produktionskosten bestehen aus I. Rohstoffen 
und? Instrumenten, d. h. aus Industrieprodukten, deren Herstellung eine 
gewisse Summe von Arbeitstagen gekostet hat, die also eine bestimmte 
Summe von Arbeitszeit darstellen; und 2. aus unmittelbarer Arbeit, deren 

Maß eben die Zeit ist. 

2 (1891) ausgelassen: das -* (1891) eingefügt: Verschleiß von — ? (1891) gewisse 

406 Karl Marx/Friedrich Engels * „Neue Rheinische Zeitung“ 

Dieselben allgemeinen Gesetze nun, welche den Preis der Waren im all- 
gemeinen regeln, regeln natürlich auch den Arbeitslohn, den Preis der Arbeit. 

Der Lohn der Arbeit wird bald steigen, bald fallen, je nach dem Verhältnis 
von Nachfrage und Zufuhr, je nachdem sich die Konkurrenz zwischen den 
Käufern der Arbsit!, den Kapitalisten, und den Verkäufern der Arbeit", den 
Arbeitern, gestaltet. Den Schwankungen der Warenpreise im allgemeinen 
entsprechen die Schwankungen des Arbeitslohns. Innerhalb dieser Schwan- 
kungen aber wird der Preis der Arbeit bestimmt sein durch die Produktionskosten, 
durch die Arbeitszeit, die erforderlich ist, um diese Ware, die Arbeit', hervorzu- 
bringen. 

Welches sind nun die Produktionskosten der Arbeit! selbst? | 

Es sind die Kosten, die erheischt werden, um den Arbeiter als Arbeiter zu er- 
halten und um ihn zum Arbeiter auszubilden. 

Je weniger Bildungszeit eine Arbeit daher erfordert, desto geringer sind 
die Produktionskosten des Arbeiters, um so niedriger ist der Preis seiner Ar- 
beit, sein Arbeitslohn. In den Industriezweigen, wo fast gar keine Lernzeit er- 
forderlich ist und die bloße leibliche Existenz des Arbeiters genügt, beschrän- 
ken sich die zu seiner Herstellung erforderlichen Produktionskosten fast nur 
auf die Waren, die erforderlich sind, um ihn am? Leben zu erhalten. Der Preis 
seiner Ärbeit wird daher durch den Preis der notwendigen Lebensmittel be- 
stimmt sein. 

Es kömmt indes noch eine andere Rücksicht hinzu. 

Der Fabrikant, der seine Produktionskosten und darnach den Preis der 
Produkte berechnet, bringt die Abnutzung der Arbeitsinstrumente in An- 
schlag. Kostet ihm eine Maschine z. B. 1000 Francs, und nutzt sich diese Ma- 
schine in zehn Jahren ab, so schlägt er 100 Francs jährlich in den Preis der 
Ware, um nach zehn Jahren die abgenutzte Maschine durch eine neue er- 
setzen zu können. In derselben Weise müssen in den Produktionskosten der 
einfachen Arbeit! die Fortpflanzungskosten eingerechnet werden, wodurch 
die Arbeiterrace instand gesetzt wird, sich zu vermehren und abgenutzte Ar- 
beiter durch neue zu ersetzen. Der Verschleiß des Arbeiters wird also in der- 
selben Weise in Rechnung gebracht, wie der Verschleiß der Maschine. 

Die Produktionskosten der einfachen Arbeit! belaufen sich also auf die 
Existenz- und Fortpflanzungskosten des Arbeiters. Der Preis dieser Existenz- 
und Fortpflanzungskosten bildet den Arbeitslohn. Der so bestimmte 
Arbeitslohn heißt das Minimum des Arbeitslohns. Dieses Minimum des Ar- 
beitslohns gilt, wie die Preisbestimmung der Waren durch die Produktions- 

! (1891) Arbeitskraft - ? (1891) ausgelassen: selbst — ? (1891) eingefügt: arbeitsfähigen 

Lohnarbeit und Kapital 407 

kosten überhaupt, nicht für das einzelne Individuum, sondern für die Gattung. 
Einzelne Arbeiter, Millionen von Arbeitern erhalten nicht genug, um existie- 
ren und sich fortpflanzen zu können; aber der Arbeitslohn der ganzen Arbeiter- 
klasse gleicht sich innerhalb seiner Schwankungen zu diesem Minimum aus. 

Jetzt, nachdem wir uns über die allgemeinsten Gesetze, die den Arbeits- 
lohn wie den Preis jeder andern Ware regeln, verständigt haben, können wir 
spezieller auf unsern Gegenstand eingehen. 

[„Neue Rheinische Zeitung“ 
Nr. 266 vom 7. April 1849] 

* Köln, 6.April. Das Kapital besteht aus Rohstoffen, Arbeitsinstrumenten 
und Lebensmitteln aller Art, die verwandt werden, um neue Rohstoffe, neue 
Arbeitsinstrumente und neue Lebensmittel zu erzeugen. Alle diese seine 
Bestandteile sind Geschöpfe der Arbeit, Produkte der Arbeit, aufgehäufte 
Arbeit. Aufgehäufte Arbeit, die als Mittel zu neuer Produktion dient, ist 
Kapital. 

So sagen die Ökonomen. 

Was ist ein Negersklave? Ein Mensch von der schwarzen Race. Die eine 
Erklärung ist die andere wert. 

Ein Neger ist ein Neger. In bestimmten Verhältnissen wird er erst zum 
Sklaven. Eine Baumwollspinnmaschine ist eine Maschine zum Baumwoll- 
spinnen. Nur in bestimmten Verhältnissen wird sie zu Kapital. Aus diesen 
Verhältnissen herausgerissen, ist sie so wenig Kapital, wie Gold an und für 
sich Geld oder der Zucker der Zuckerpreis ist. 

In der Produktion beziehen sich! die Menschen nicht allein auf die 
Natur”. Sie produzieren nur, indem sie auf eine bestimmte Weise zusammen- 
wirken und ihre Tätigkeiten gegeneinander austauschen. Um zu produzieren, 
treten sie in bestimmte Beziehungen und Verhältnisse zueinander, und nur 
innerhalb dieser gesellschaftlichen Beziehungen und Verhältnisse findet ihre 
Beziehung zur? Natur, findet die Produktion statt. 

Je nach dem Charakter der Produktionsmittel werden natürlich diese 
gesellschaftlichen Verhältnisse, worin die Produzenten zueinander treten, 
die Bedingungen, unter welchen sie ihre Tätigkeiten austauschen und an dem 
Gesamtakt der Produktion teilnehmen, verschieden sein. Mit der Erfindung 
eines neuen Kriegsinstruments, des Feuergewehrs, änderte sich notwendig 
die ganze innere Organisation der Armee, verwandelten sich die Verhältnisse, 

1 (1891) wirken (statt: beziehen sich) -? (1891 ) eingefügt: sondern auch aufeinander - 
3 (1891) Einwirkung auf die (statt: Beziehung zur) 

408 Karl Marx/Friedrich Engels - „Neue Rheinische Zeitung“ 
innerhalb deren Individuen eine Armee bilden und als Armee wirken können, 
änderte sich auch das Verhältnis verschiedener Armeen zueinander. 

Die gesellschaftlichen Verhältnisse, worin die Individuen produzieren, die 
gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse ändern sich also, verwandeln sich mit 
der Veränderung und Entwickelung der materiellen Produktionsmittel, der Pro- 
duktionskräfte. Die Produktionsverhältnisse in ihrer Gesamtheit bilden das, was 
man die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Gesellschaft nennt, und zwar eine 
Gesellschaft iuf bestimmter, geschichtlicher Entwicklungsstufe, eine Gesell- 
schaft mit eigentümlichem, unterscheidendem Charakter. Die antike Gesell- 
schaft, die feudale Gesellschaft, die bürgerliche Gesellschaft sind solche Ge- 
samtheiten von Produktionsverhältnissen, deren jede zugleich eine besondere 
Entwicklungsstufe in der Geschichte der Menschheit bezeichnet. 

Auch das Kapital ist ein gesellschaftliches Produktionsverhältnis. Es ist 
ein bürgerliches Produktionsverhälinis, ein Produktionsverhältnis der bürger- 
lichen Gesellschaft. Die Lebensmittel, die Arbeitsinstrumente, die Rohstoffe, 
woraus das Kapital besteht, sind sie nicht unter gegebenen gesellschaftlichen 
Bedingungen, in bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen hervorgebracht 
und aufgehäuft worden? Werden sie nicht unter gegebenen gesellschaftlichen 
Bedingungen, in bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen zu neuer Pro- 
duktion verwandt? Und macht nicht eben dieser bestimmte gesellschaftliche 
Charakter die zu neuer Produktion dienenden Produkte zu Kapital? 
Das Kapital besteht nicht nur aus Lebensmitteln, Arbeitsinstrumenten 
und Rohstoffen, nicht nur aus materiellen Produkten; es besteht ebensosehr 
aus Tauschwerten. Alle Produkte, woraus es besteht, sind Waren. Das Kapital 
ist also nicht nur eine Summe von materiellen Produkten, es ist eine Summe 
von Waren, von Tauschwerten, von gesellschaftlichen Größen. 

Das Kapital bleibt dasselbe, ob wir an die Stelle von Wolle Baumwolle, 
an die Stelle von Getreide Reis, an die Stelle von Eisenbahnen Dampfschiffe 
setzen, vorausgesetzt nur, daß die Baumwolle, der Reis, die Dampfschiffe - 
der Leib des Kapitals - denselben Tauschwert haben, denselben Preis wie die 
Wolle, das Getreide, die Eisenbahnen, worin es sich vorher verkörperte. Der 
Körper des Kapitals kann sich beständig vertancen, ohne daß das Rap 
die geringste Veränderung erlitte. 

Aber wenn jedes Kapital eine Summe von Waren, d.h. von Tausch- 
werten ist, so ist noch nicht jede Summe von Waren, von Tauschwerten 
Kapital. | 

Jede Summe von Tauschwerten ist ein Tauschwert. Jeder einzelne 
Tauschwert ist ein Summe von Tauschwerten. Z.B. ein Haus, was 1000 Francs 
wert ist, stein Tauschwert von 1000 Francs. Ein Stück Papier, was I Centime 

Lohnarbeit und Kapital 409 

wert ist, ist eine Summe von Tauschwerten von !°°/,90 Centimes. Produkte, 
die gegen andere austauschbar sind, sind Waren. Das bestimmte Verhältnis, 
worin sie austauschbar sind, bildet ihren Tauschwert oder, in Geld ausge- 
drückt, ihren Preis. Die Masse dieser Produkte kann an ihrer Bestimmung, 
Ware zu sein oder einen Tauschwert darzustellen, oder einen bestimmten 
Preis zu haben, nichts ändern. Ob ein Baum groß oder klein ist, er bleibt 
Baum. Ob wir das Eisen in Loten oder in Zentnern gegen andere Produkte 
austauschen, verändert dies seinen Charakter, Ware, Tauschwert zu sein? Je 
nach der Masse ist es eine Ware von mehr oder minder Wert, von höherem 
oder niedrigerem Preise. 

Wie nun wird eine Summe von Waren, von Tauschwerten zu Kapital? 

Dadurch, daß sie als selbständige gesellschaftliche Macht, d.h. als die 
Macht eines Teils der Gesellschaft sich erhält und vermehrt durch den Aus- 
tausch gegen die unmittelbare, lebendige Arbeit!. Die Existenz einer Klasse, die 
nichts besitzt als die Arbeitsfähigkeit, ist eine notwendige Voraussetzung des 
Kapitals. s 

Die Herrschaft der aufgehäuften, vergangenen, vergegenständlichten 
Arbeit über die unmittelbare, lebendige Arbeit macht die aufgehäufte Arbeit 
erst zum Kapital. 

Das Kapital besteht nicht darin, daß aufgehäufte Arbeit der lebendigen 
Arbeit als Mittel zu neuer Produktion dient. Es besteht darin, daß die leben- 
dige Arbeit der aufgehäuften Arbeit als Mittel dient, ihren Tauschwert zu 
erhalten und zu vermehren. 

Was geht vor in dem Austausch zwischen Kapital? und Lohn- 
arbeit?? | 

Der Arbeiter erhält im Austausch gegen seine Arbeit! Lebensmittel, aber 
der Kapitalist erhält im Austausch gegen seine Lebensmittel Arbeit, die pro- 
duktive Tätigkeit des Arbeiters, die schöpferische Kraft, wodurch der Ar- 
beiter nicht nur ersetzt, was er verzehrt, sondern der aufgehäuften Arbeit 
einen größeren Wert gibt, als sie vorher besaß. Der Arbeiter empfängt einen 
Teil der vorhandenen Lebensmittel vom Kapitalisten. Wozu dienen ihm 
diese Lebensmittel? Zur unmittelbaren Konsumtion. Sobald ich aber Lebens- 
mittel konsumiere, gehen sie mir unwiederbringlich verloren, es sei denn, 
daß ich die Zeit, während welcher mich diese Mittel am Leben erhalten, be- 
nutze, um neue Lebensmittel zu produzieren, um während des Verzehrens an 
die Stelle der in der Konsumtion untergehenden Werte neue Werte durch 
meine Arbeit zu schaffen. Aber eben diese reproduktive edle Kraft tritt der 

1 (1891) Arbeitskraft - ? (1891) Kapitalist - ( 1891) Lohnarbeiter 

410 Karl Marx/Friedrich Engels - „Neue Rheinische Zeitung“ 

Arbeiter ja ab an das Kapital im Austausch gegen empfangene Lebensnittel. 
Er hat sie also für sich selbst verloren. 

Nehmen wir ein Beispiel: Ein Pächter gibt seinem Taglöhner 5 Silber- 
groschen per Tag. Für die 5 Sgr. arbeitet dieser auf dem Feld des Pächters 
den Tag hindurch und sichert ihm so eine Einnahme von 10 Silbergroschen. 
Der Pächter erhält nicht nur die Werte ersetzt, die er an den Taglöhner ab- 
zutreten hat; er verdoppelt sie. Er hat also die 5 Sgr., die er dem Taglöhner 
gab, auf eine fruchtbare, produktive Weise angewandt, konsumiert. Er hat 
für die 5 Sgr. eben die Arbeit und Kraft des Taglöhners gekauft, welche Bo- 
denprodukte von doppeltem Werte erzeugt und aus 5 Sgr. 10 Sgr. macht. 
Der Taglöhner dagegen erhält an der Stelle seiner Produktivkraft, deren 
Wirkungen er eben dem Pächter abgetreten hat, 5Sgr., die er gegen Lebens- 
mittel austauscht, welche Lebensmittel er rascher oder langsamer konsu- 
miert. Die 5 Sgr. sind also auf eine doppelte Weise konsumiert worden, 
reproduktiv für das Kapital, denn sie sind gegen eine Arbeitskraft ausgetauscht 
worden, die 10 Sgr. hervorbrachte, unproduktiv für den Arbeiter, denn sie 
sind gegen Lebensmittel ausgetauscht worden, die für immer verschwunden 
sind und deren Wert er nur wieder erhalten kann, indem er denselben Tausch 
mit dem Pächter wiederholt. Das Kapital setzt also die Lohnarbeit, die Lohn- 
arbeit setzt das Kapital voraus. Sie bedingen sich wechselseitig; sie bringen sich 
wechselseitig hervor. 

Ein Arbeiter in einer Baumwollfabrik, produziert er nur Baumwollstoffe? 
Nein, er produziert Kapital. Er produziert Werte, die von neuem dazu dienen, 
seine Arbeit zu kommandieren, um! vermittelst derselben neue Werte zu 
schaffen. | 

Das Kapital kann sich nur vermehren, indem es sich gegen Arbeit” aus- 
tauscht, indem es Lohnarbeit ins Leben ruft. Die Lohnarbeit? kann sich nur 
gegen Kapital austauschen, indem sie das Kapital vermehrt, indem sie die 
Macht verstärkt, deren Sklavin sie ist. Vermehrung des Kapitals ist daher 
Vermehrung des Proletariats, d. h. der Arbeiterklassen*. 

Das Interesse des Kapiitalisten und des Arbeiters ist also dasselbe, behaup- 
ten die Bourgeois und ihre Ökonomen. Und in der Tat! Der Arbeiter geht 
zugrunde, wenn ihn das Kapital nicht beschäftigt. Das Kapital geht zugrunde, 
wenn es die Arbeit” nicht ausbeutet, und um sie auszubeuten, muß es sie 
kaufen. Je rascher sich das zur Produktion bestimmte Kapital, das produk- 
tive Kapital, vermehrt, je blühender daher die Industrie ist, je mehr sich die 

1 (1891) und -? (1891) Arbeitskraft - (1891) Arbeitskraft des Lohnarbeiters — * (1891) 
Arbeiterklasse 

Lohnarbeit und Kapital 411 

Bourgeoisie bereichert, je besser das Geschäft geht, um so mehr Arbeiter 
braucht der Kapitalist, um so teurer verkauft sich der Arbeiter. 

Die unerläßliche Bedingung für eine passable Lage des Arbeiters ist also 
möglichst rasches Wachsen des produktiven Kapitals. 

Aber was ist Wachstum des produktiven Kapitals? Wachstum ie Macht 
der aufgehäuften Arbeit über die lebendige Arbeit. Wachstum der Herr- 
schaft der Bourgeoisie über die arbeitende Klasse. Wenn die Lohnarbeit 
den sie beherrschenden fremden Reichtum, die ihr feindselige Macht, das 
Kapital, produziert, strömen ihr Beschäftigungs-, d.h. Lebensmittel von 
derselben zurück, unter der Bedingung, daß sie sich von neuem zu einem Teil 
des Kapitals macht, zum Hebel, der von neuem dasselbe in eine beschleu- 
nigte Bewegung des Anwachsens schleudert. 

Die Interessen des Kapitals und die Interessen der Arbeit! sind dieselben, 
heißt nur: Kapital und Lohnarbeit sind zwei Seiten eines und desselben Ver- 
hältnisses. Die eine bedingt die andere, wie der Wucherer und Verschwender sich 
wechselseitig bedingen. | 

Solange der Lohnarbeiter Lohnarbeiter ist, hängt sein Los vom Kapital 
ab. Das ist die vielgerühmte Gemeinsamkeit des Interesses von Arbeiter und 
Kapsitalist. 

[„Neue Rheinische Zeitung“ 
Nr.267 vom 8.April 1849] 

* Köln, 7.April. Wächst das Kapital, so wächst die Masse der Lohnarbeit, 
so wächst die Anzahl der Lohnarbeiter, mit einem Wort: Die Herrschaft des 
Kapitals dehnt sich über eine größere Masse von Individuen aus. Und 
unterstellen wir den günstigsten Fall: Wenn das produktive Kapital wächst, 
wächst die Nachfrage nach Arbeit. Es steigt also der Preis der Arbeit, der 
Arbeitslohn. 

Ein Haus mag groß oder klein sein, solange die es umgebenden Häuser 
ebenfalls klein sind, befriedigt es alle gesellschaftlichen Ansprüche an eine 
Wohnung. Erhebt sich aber neben dem kleinen Haus ein Palast, und das 
kleine Haus schrumpft zur Hütte zusammen. Das kleine Haus beweist nun, 
daß sein Inhaber keine oder nur die geringsten Ansprüche zu machen hat; 
und es mag im Laufe der Zivilisation in die Höhe schießen noch so sehr, wenn 
der benachbarte Palast in gleichem oder gar in höherem Maß in die Höhe 
schießt, wird der Bewohner des verhältnismäßig kleinen Hauses sich immer 
unbehaglicher, unbefriedigter, gedrückter in seinen vier Pfählen finden. 

1 (1891) Arbeiter 

412 Karl Marx/Friedrich Engels * „Neue Rheinische Zeitung“ 

Ein merkliches Zunehmen des Arbeitslohns setzt ein rasches Wachstum! 
des produktiven Kapitals voraus. Das rasche Wachstum des produktiven 
Kapitals ruft ebenso rasches Wachstum des Reichtums, des Luxus, der ge- 
sellschaftlichen Bedürfnisse und der gesellschaftlichen Genüsse hervor. Ob- 
gleich also die Genüsse des Arbeiters gestiegen sind, ist die gesellschaftliche 
Befriedigung, die sie gewähren, gefallen im Vergleich mit den vermehrten 
Genüssen des Kapiitalisten, die dem Arbeiter unzugänglich sind, im Vergleich 
mit dem Entwicklungsstand der Gesellschaft überhaupt. Unsere Bedürfnisse 
und Genüsse entspringen aus der Gesellschaft; wir messen sie daher an der 
Gesellschaft; wir messen sie nicht an den Gegenständen ihrer Befriedigung. 
Weil sie gesellschaftlicher Natur sind, sind sie relativer Natur. 

Der Arbeitslohn wird überhaupt nicht nur bestimmt durch die Masse von 
Waren, die ich für ihn eintauschen? kann. Er enthält verschiedene Beziehungen. 

Was die Arbeiter zunächst für ihre Arbeit erhalten, ist eine bestimmte 
Summe Geldes. Ist der Arbeitslohn nur durch diesen Geldpreis bestimmt? 

Im 16. Jahrhundert vermehrte sich das in Europa zirkulierende Gold und 
Silber infolge der Entdeckung von“ Amerika. Der Wert des Goldes und Sil- 
'bers fiel daher im Verhältnis zu den übrigen Waren. Die Arbeiter erhielten 
nach wie vor dieselbe Masse gemünzten Silbers für ihre Arbeit°. Der Geld- 
preis ihrer Arbeit blieb derselbe, und dennoch war ihr Arbeitslohn gefallen, 
denn im Austausch für dieselbe Quantität Silber erhielten sie eine geringere 
Summe anderer Waren zurück. Es war dies einer der Umstände, die das 
Wachstum des Kapitals, das Aufkommen der Bourgeoisie im 16.° Jahrhundert 
förderten. 

Nehmen wir einen andern Fall. Im Winter 1847 waren infolge einer Miß- 
ernte die unentbehrlichsten Lebensmittel, Getreide, Fleisch, Butter, Käse 
usw. bedeutend im Preise gestiegen. Gesetzt, die Arbeiter hätten nach wie vor 
dieselbe Summe Geldes für ihre Arbeit? empfangen. War ihr Arbeitslohn 
nicht gefallen? Allerdings. Für dasselbe Geld erhielten sie im Austausch 
weniger Brot, Fleisch usw. Ihr Arbeitslohn war gefallen, nicht weil sich der 
Wert des Silbers vermindert, sondern weil sich der Wert der Lebensmittel 
vermehrt hatte. 

Gesetzt endlich, der Geldpreis der Arbeit bleibe derselbe, während alle 
Agrikultur- und Manufakturwaren infolge von Anwendung neuer Ma- 
schinen, günstiger Jahreszeit usw. im Preise gefallen wären. Für dasselbe 
Geld können die Arbeiter nun mehr Waren aller Art kaufen. Ihr Arbeitslohn 
ist also gestiegen, eben weil der Geldwert desselben sich nicht verändert hat. 

1 (1891) Wachsen — ? (1891) austauschen — ? (1891) Arbeitskraft — * (1891) eingefügt: 
reicheren und leichter zu bearbeitenden Bergwerken in — ° (1891) Druckfehler: 18. 

Lohnarbeit und Kapital 413 

Der Geldpreis der Arbeit, der nominelle Arbeitslohn, fällt also nicht zu- 
sammen mit dem reellen Arbeitslohn, d. h. mit der Summe von Waren, die 
wirklich im Austausch gegen den Arbeitslohn gegeben wird. Sprechen wir 
also vom Steigen oder Fallen des Arbeitslohnes, so haben wir nicht nur den 
Geldpreis der Arbeit, den nominellen Arbeitslohn, im Auge zu halten. 

Äber weder der nominelle Arbeitslohn, d.h. die Geldsumme, wofür der 
Arbeiter sich an den Kapitalisten verkauft, noch der reelle Arbeitslohn, d.h. 
die Summe Waren, die er für dies Geld kaufen kann, erschöpfen die im Ar- 
beitslohn enthaltenen Beziehungen. 

Der Arbeitslohn ist vor allem noch bestimmt durch sein Verhältnis zum 
Gewinn, zum Profit des Kapitalisten — verhältnismäßiger, relativer Arbeits- 
lohn. 

Der reelle Arbeitslohn drückt den Preis der Arbeit im Verhältnis zum 
Preise der übrigen Waren aus, der relative Arbeitslohn dagegen den Preis der 
unmittelbaren Arbeit im Verhältnis zum Preise der aufgehäuften Arbeit, den 
verhältnismäßigen Wert von Lohnarbeit und Kapital, den man 
Wert der Kapitalisten und Arbeiter.! 

Der reelle Arbeitslohn mag derselbe bleiben, er mag selbst steigen, und der 
relative Arbeitslohn kann nichtsdestoweniger fallen. Unterstellen wir z. B., 
alle Lebensmittel seien im Preise um ?/, gesunken, während der 'Tagelohn 

1 (1891) ist dieser Absatz stark verändert und um einen weiteren ergänzt worden. 
Die Stelle lautet in der von Engels redigierten Fassung wie folgt: 

Der reelle Arbeitslohn drückt den Preis der Arbeit im Verhältnis zum Preise der 
übrigen Waren aus, der relative Arbeitslohn dagegen den Anteil der unmittelbaren Arbeit 
an dem von ihr neu erzeugten Wert im Verhältnis des Anteils davon, der der aufgehäuften 
Arbeit, dem Kapital, zufällt. 

Wir sagten oben, S. 14 [siehe vorl. Band, S. 400]: „Der Arbeitslohn ist nicht ein Anteil 
des Arbeiters an der von ihm produzierten Ware. Der Arbeitslohn ist der Teil schon vor- 
handener Waren, womit der Kapitalist eine bestimmte Summe produktiver Arbeitskraft an 
sich kauft.“ Aber diesen Arbeitslohn muß der Kapitalist wieder ersetzen aus dem Preis, wozu 
er das vom Arbeiter erzeugte Produkt verkauft; er muß ihn so ersetzen, daß ihm dabei in der 
Regel noch ein Überschuß über seine ausgelegten Produktionskosten, ein Profit, übrigbleibt. 
Der Verkaufspreis der vom Arbeiter erzeugten Ware teilt sich für den Kapitalisten in drei 
Teile: erstens den Ersatz des Preises der von ihm vorgeschoßnen Rohstoffe nebst dem Ersatz 
des Verschleißes der ebenfalls von ihm vorgeschoßnen Werkzeuge, Maschinen und andren Ar- 
beitsmittel, zweitens in den Ersatz des von ihm vorgeschoßnen Arbeitslohnes und drittens in 
den Überschuß darüber, den Profit des Kapitalisten. Während der erste Teil nur früher vor- 
handne Werte ersetzt, ist es klar, daß sowohl der Ersatz des Arbeitslohns wie der Überschuß- 
profit des Kapitalisten im ganzen und großen genommen werden aus dem durch die Arbeit des 
Arbeiters geschaffnen und den Rohstoffen zugesetzten Neuwert. Und in diesem Sinn können 
wir sowohl Arbeitslohn wie Profit, um sie miteinander zu vergleichen, als Anteile am Produkt 
des Arbeiters auffassen. 

414 Karl Marx/Friedrich Engels - „Neue Rheinische Zeitung“ 

nur um !/, sinke, also z.B. von 3 Francs auf 2. Obgleich der Arbeiter mit 
diesen 2 Francs über eine größere Summe von Waren verfügt, als früher mit 
3Francs, so hat dennoch sein Arbeitslohn im Verhältnis zum Gewinn des 
Kapitalisten abgenommen. Der Profit des Kapitalisten (z. B. des Fabrikanten) 
hat sich um I Franc vermehrt, d. h. für eine geringere Summe von Tausch- 
werten, dieer dem Arbeiter zahlt, muß der Arbeiter eine größere Summe 
von Tlauschwerten produzieren als früher. Der Wert! des Kapitals im 
Verhältnis zum Wert" der Arbeit ist gestiegen. Die Verteilung des gesell- 
schaftlichen Reichtums zwischen Kapital und Arbeit ist noch ungleich- 
mäßiger geworden. Der Kapitalist kommandiert mit demselben Kapital 
eine größere Quantität Arbeit. Die Macht der Kapitalistenklasse über die 
Arbeiterklasse ist gewachsen, die gesellschaftliche Stellung des Arbeiters hat 
sich verschlechtert, ist um eine Stufe tiefer unter die? Kapitalisten herab- 
gedrückt. Ä 

Welches ist nun das allgemeine Gesetz, das Fallen? und Steigen des Arbeits- 
lohns und Profits in ihrer wechselseitigen Beziehung bestimmt? 

Sie stehen in umgekehrtem Verhältnis. Der Tauschwert? des Kapitals, der 
Profit, steigt in demselben Verhältnis, worin der Tauschwert” der Arbeit, der 
Taglohn, fällt, und umgekehrt. Der Profit steigt in dem Maße, worin der Ar- 
beitslohn fallt, er fällt in dem Maße, worin der Arbeitslohn steigt. 

Man wird vielleicht einwenden, daß der Kapitalist gewinnen kann durch 
vorteilhaften Austausch seiner Produkte mit andern Kapitalisten, durch Stei- 
gen der Nachfrage nach seiner Ware, sei es infolge der Eröffnung von neuen 
Märkten, sei es infolge augenblicklich vermehrter Bedürfnisse auf den alten 
Märkten usw., daß der Profit des Kapitalisten sich also vermehren kann durch 
die Übervorteilung dritter Kapitalisten, unabhängig vom Steigen und Fallen 
des Arbeitslohns, des Tauschwerts der Arbeit, oder der Profit des Kapitalisten 
könne auch steigen durch Verbesserung der Arbeitsinstrumente, neue An- 
wendung der Naturkräfte usw. 

Zunächst wird man zugeben müssen, daß das Resultat dasselbe bleibt, 
obgleich es auf umgekehrtem Wege herbeigeführt ist. Der Profit ist zwar 
nicht gestiegen, weil der Arbeitslohn gefallen ist, aber der Arbeitslohn ist ge- 
fallen, weil der Profit gestiegen ist. Der Kapitalist hat mit derselben Summe 
von’ Arbeit eine größere Summe von Tauschwerten erkauft, ohne deshalb 
die Arbeit höher bezahlt zu haben, d. h. also die Arbeit wird niedriger bezahlt 

im Verhältnis zum Reinertrag, den sie dem Kapitalisten abwirft. 

1/1891) Anteil -? (1891) eingefügt: des - ? (1891) das das Fallen — * (1891) in umge- 
kehrten — °(1891) Anteil — (1891) Arbeitskraft - ? (1891 ) eingefügt: fremder 

Lohnarbeit und Kapital 415 

Zudem erinnern wir, daß trotz der Schwankungen der Warenpreise der 
Durchschnittspreis jeder Ware, das Verhältnis, worin sie sich gegen andere 
Waren austauscht, durch ihre Produktionskosten bestimmt ist. Die Über- 
vorteilungen innerhalb der Kapitalistenklasse gleichen sich daher notwendig 
aus. Die Verbesserung der Maschinerie, die neue Anwendung von Natur- 
kräften im Dienst der Produktion befähigen in einer gegebenen Arbeitszeit, 
mit derselben Summe von Arbeit und Kapital eine größere Masse von Pro- 
dukten, keineswegs aber eine größere Masse von 'Tauschwerten zu schaffen. 
Wenn ich durch die Anwendung der Spinnmaschine noch einmal soviel Ge- 
spinst in einer Stunde liefern kann wie vor ihrer Erfindung, z. B. 100 Pfund 
statt 50, so erhalte ich für diese 100 Pfund! nicht mehr Waren im Austausch 
zurück als früher für 50, weil die Produktionskosten um die Hälfte gefallen 
sind, oder weil ich mit denselben Kosten das doppelte Produkt liefern kann. 

Endlich, in welchem Verhältnis auch immer die Kapitalistenklasse, die 
Bourgeoisie, sei es eines Landes, sei es des ganzen Weltmarkts, den Reinertrag 
der Produktion unter sich verteile, die Gesamtsumme dieses Reinertrags ist 
jedesmal nur die Summe, um welche die aufgehäufte Arbeit im großen und 
ganzen durch die lebendige” Arbeit vermehrt worden ist. Diese Gesamtsumme 
wächst also in dem Verhältnis, worin die Arbeit das Kapital vermehrt, d.h. in 
dem Verhältnis, worin der Profit gegen den Arbeitslohn steigt. 

Wir sehen also, daß selbst, wenn wir innerhalb des Verhältnisses von Kapital 
und Lohnarbeit stehenbleiben, die Interessen des Kapitals und die Interessen der 
Lohnarbeit sich schnurstracks gegenüberstehen. 

Eine rasche Zunahme des Kapitals ist gleich einer raschen Zunahme:des 
Profits. Der Profit kann nur rasch zunehmen, wenn der Tauschwert? der 
Arbeit, wenn der relative Arbeitslohn ebenso rasch abnimmt. Der relative 
Arbeitslohn kann fallen, obgleich der reelle Arbeitslohn gleichzeitig mit dem 
nominellen Arbeitslohn, mit dem Geldwert der Arbeit steigt, aber nur nicht in 
demselben Verhältnisse steigt wie der Profit. Steist z.B. in guten Geschäfts- 
zeiten der Arbeitslohn um 5 Prozent, der Profit dagegen um 30 Prozent, so hat 
der verhältnismäßige, der relative Arbeitslohn nicht zugenommen, sondern ab- 
genommen. 

Vermehrt sich also die Einnahme des Arbeiters mit dem raschen Wachs- 
tum des Kapitals, so vermehrt sich gleichzeitig die gesellschaftliche Kluft, 
die den Arbeiter vom Kapitalisten scheidet, so vermehrt sich gleichzeitig 
die Macht des Kapitals über die Arbeit, die Abhängigkeit der Arbeit vom 
Kapital. 

1 (1891) eingefügt: auf die Dauer — ? (1891) unmittelbare — ? (1891) Preis 

416 Karl Marx/Friedrich Engels » „Neue Rheinische Zeitung“ 

Der Arbeiter hat ein Interesse am raschen Wachstum des Kapitals, heißt 
nur: Je rascher der Arbeiter den fremden Reichtum vermehrt, desto fettere 
‘Brocken fallen für ihn ab, um desto mehr Arbeiter können beschäftigt und ins 
Leben gerufen, desto mehr kann die Masse der von dem Kapital abhängigen 
Sklaven vermehrt werden. 

Wir haben also gesehen: 

Selbst die günstigste Situation für die Arbeiterklasse, möglichst rasches 
Wachsen! des Kapitals, so sehr sie das materielle Leben des Arbeiters ver- 
bessern mag, hebt den Gegensatz zwischen seinen Interessen und den Bour- 
geolsinteressen, den Interessen des Kapitalisten nicht auf. Profit und Arbeits- 
lohn stehen nach wie vor in umgekehrtem Verhältnis. 

Ist das Kapital rasch anwachsend, so mag der Arbeitslohn steigen; unver- 
hältnismäßig schneller steigt der Profit des Kapitals. Die materielle Lage des 
Arbeiters hat sich verbessert, aber auf Kosten seiner gesellschaftlichen Lage. 
Die gesellschaftliche Kluft, die ihn vom Kapitalisten trennt, hat sich erwei- 
tert. | 

Endlich: 

Günstigste Bedingung für die Lohnarbeit ist möglichst rasches Wachstum 
des produktiven Kapitals, heißt nur: Je rascher die Arbeiterklasse die ihr 
feindliche Macht, den fremden, über sie gebietenden Reichtum vermehrt und 
vergrößert, unter desto günstigeren Bedingungen wird ihr erlaubt, von neuem 
an der Vermehrung des bürgerlichen Reichtums, an der Vergrößerung der 
Macht des Kapitals zu arbeiten, zufrieden, sich selbst die goldenen Ketten zu 
schmieden, woran die Bourgeoisie sie hinter sich herschleift. 

[„Neue Rheinische Zeitung“ 
Nr.269 vom 11. April 1849] 

* Köln, 10.April. Wachstum des produktiven Kapitals und Sieigen des Ar- 
beitslohns, sind sie wirklich so unzertrennlich verbunden, wie die bürgerlichen 
Ökonomen behaupten? Wir dürfen ihnen nicht aufs Wort glauben. Wir dürfen 
ihnen selbst nicht glauben, daß, je feister das Kapital, desto besser sein Sklave 
gemästet wird. Die Bourgeoisie ist zu aufgeklärt, sie rechnet zu gut, um die 
Vorurteile des Feudalen zu teilen, der mit dem Glanz seiner Dienerschaft 
prunkt. Die Existenzbedingungen der Bourgeoisie zwingen sie, zu rechnen. 

Wir werden also näher untersuchen müssen: 

Wie wirkt das Wachsen des produktiven Kapitals auf den Arbeitslohn? 

Wächst das produktive Kapital der bürgerlichen Gesellschaft im großen 

1/1891) Wachstum 

Lohnarbeit und Kapital 417 

und ganzen, so findet eine vielseitigere Aufhäufung von Arbeit statt. Die 
Kapitalien! nehmen an Zahl und Umfang zu. Die Vermehrung der Kapita- 
lien vermehrt die Konkurrenz unter den Kapitalisten. Der steigende Umfang der 
Kapitalien gibt die Mittel, sewaltigere Arbeiterarmeen mit riesenhaftern Kriegs- 
werkzeugen? auf das industrielle Schlachtfeld zu führen. 

Der eine Kapiitalist kann den andern nur aus dem Felde schlagen und 
sein Kapital erobern, indem er wohlfeiler verkauft. Um wohlfeiler verkaufen 
zu können, ohne sich zu ruinieren, muß er wohlfeiler produzieren, d.h. die 
Produktionskraft der Arbeit soviel wie möglich steigern. Die Produktions- 
kraft der Arbeit wird aber vor allem gesteigert durch eine größere Teilung der 
Arbeit, durch eine allseitigere Einführung und beständige Verbesserung in 
‘der Maschinerie. Je größer die Arbeiterarmee ist, unter welche die Arbeit ge- . 
teilt, je riesenhafter die Stufenleiter ist, auf welcher die Maschinerie ein- 
geführt wird, um so mehr nehmen verhältnismäßig die Produktionskosten 
ab, um so fruchtbarer wird die Arbeit. Es entsteht daher ein allseitiger Wett- 
eifer unter den Kapitalisten, die Teilung der Arbeit und die Maschinerie zu 
vermehren und sie auf möglichst großer Stufenleiter auszubeuten. 

Hat nun ein Kapiitalist durch größere Teilung der Arbeit, durch Anwen- 
dung und Verbesserung neuer Maschinen, durch vorteilhaftere und massen- 
haftere Ausbeutung der Naturkräfte das Mittel gefunden, mit derselben 
Summe von Arbeit oder von aufgehäufter Arbeit eine größere Summe von 
Produkten, von Waren zu schaffen als seine Konkurrenten, kann er z.B. in 
derselben Arbeitszeit, worin seine Konkurrenten eine halbe Elle Leinwand 
weben, eine ganze Elle Leinwand produzieren, wie wird dieser Kapitalist 
operieren? - | 

Er könnte fortfahren, eine halbe Elle Leinwand zu dem bisherigen Markt- 
preise zu verkaufen, es wäre dies jedoch kein Mittel, seine Gegner aus dem 
Felde zu schlagen und seinen eigenen Absatz zu vergrößern. Aber in dem- 
selben Maße, worin seine Produktion sich ausgedehnt hat, hat sich das Be- 
_ dürfnis des Absatzes für ihn ausgedehnt. Die mächtigeren und kostspieligeren 
Produktionsmittel, die er ins Leben gerufen, befähigen ihn zwar, seine Waren 
wohlfeiler zu verkaufen, sie zwingen ihn aber zugleich, mehr Waren zu ver- 
kaufen, einen ungleich größeren Markt für seine Waren zu erobern; unser 
Kapitalist wird also die halbe Elle Leinwand wohlfeiler verkaufen als seine 
Konkurrenten. 

! Inder „N. Rh. Ztg.“: Kapitalisten. Korrigiert nach der Berichtigung in Nr.270 der 
„N. Rh. Ztg.“. Von Engels in der Ausgabe 189] nicht berücksichtigt. —? (1891) Kriegshand- 
werkzeugen — ? (1891) dessen - * (1891) ausgelassen: in : 

418 Karl Marx/Friedrich Engels - „Neue Rheinische Zeitung“ 

Der Kapitalist wird aber die ganze Elle nicht so wohlfeil verkaufen, wie 
seine Konkurrenten die halbe Elle verkaufen, obgleich ihm die Produktion 
der ganzen Elle nicht mehr kostet, als den andern die der halben. Er würde 
sonst nichts! gewinnen, sondern nur die Produktionskosten im Austausch? 
zurückerhalten. Seine etwaige größere Einnahme würde daher rühren, daß er 
ein höheres Kapital in Bewegung gesetzt, aber nicht daher, daß er sein Kapital 
höher verwertet hätte als die andern. Überdem erreicht er den Zweck, den er 
erreichen will, wenn er den Preis seiner Ware nur um einige Prozente niedriger 
ansetzt als seine Konkurrenten. Er schlägt sie aus dem Felde, er ringt ihnen 
wenigstens einen Teil ihres Absatzes ab, indem er sie unterkauft. Und endlich 
erinnern wir uns, daß der courante Preis immer über oder unter den Produktions- 
kosten steht, je nachdem der Verkauf einer Ware in die günstige oder ungün- 
stige Jahreszeit der Industrie fällt. Je nachdem der Marktpreis der Elle Lein- 
‘wand unter oder über ihren bisher üblichen Produktionskosten steht, werden 
die Prozente wechseln, worin der Kapiitalist, der neue fruchtbarere Produk- 
tionsmittel angewandt hat, über seine wirklichen Produktionskosten hinaus 
verkauft. 

Allein das Privilegium unseres Kapitalisten ist nicht von langer Dauer; 
andere wetteifernde Kapitalisten führen dieselben Maschinen, dieselbe Tei- 
lung der Arbeit ein, führen sie auf derselben oder größerer Stufenleiter ein, 
und diese Einführung wird so allgemein werden, bis der Preis der Leinwand 
nicht nur unter ihre alten, sondern unter ihre neuen Produktionskosten herab- 
gesetzt Ist. 

Die Kapitalisten befinden sich also wechselseitig in derselben Lage, worin 
sie sich vor Einführung der neuen Produktionsmittel befanden, und wenn sie 
mit diesen Mitteln zu demselben Preise das doppelte Produkt liefern können, 
so sind sie jetzt gezwungen, unter dem alten Preise das doppelte Produkt zu 
liefern. Auf dem Standpunkt dieser neuen Produktionskosten beginnt dasselbe 
Spiel wieder. Mehr Teilung der Arbeit, mehr Maschinerie, größere Stufen- 
leiter, worauf Teilung der Arbeit und Maschinerie ausgebeutet werden. Und 
die Konkurrenz bringt wieder dieselbe Gegenwirkung gegen dies Resultat. 

Wir sehen, wie so die Produktionsweise, die Produktionsmittel beständig 
umgewälzt, revolutioniert worden, wie die Teilung der Arbeit größere Teilung 
der Arbeit, die Anwendung der Maschinerie größere Anwendung der Maschinerie, 
das Arbeiten auf großer Stufenleiter Arbeiten auf größerer Stufenleiter notwendig 
nach sich zieht. 

Das ist das Gesetz, das die bürgerliche Produktion stets wieder aus ihrem 

1 (1891) eingefügt: extra - ? (1891) Umtausch 

Lohnarbeit und Kapital 419 

alten Gleise herauswirft und das Kapital zwingt, die Produktionskräfte der 
Arbeit anzuspannen, weil es sie angespannt hat, das Gesetz, das ihm keine 
Ruhe gönnt und beständig zuraunt: Marche! Marche!! 

Es ist dies kein anderes Gesetz, als das Gesetz, welches innerhalb der 
Schwankungen der Handelsepochen den Preis einer Ware notwendig zu ihren 
Produktionskosten ausgleicht. | 

Welche gewaltigen Produktionsmittel ein Kapitalist auch ins Feld führe, 
die Konkurrenz wird diese Produktionsmittel verallgemeinern, und von dem 
Augenblick an, wo sie dieselben verallgemeinert hat, ist der einzige Erfolg der 
größeren Fruchtbarkeit seines Kapitals, daß er nun für denselben Preis I0-, 
20-, 100mal soviel liefern muß als früher. Da er aber vielleicht 1000mal mehr 
absetzen muß, um durch die größere Masse des abgesetzten Produkts den 
niedrigern Verkaufspreis aufzuwiegen, weil ein massenhafterer Verkauf jetzt 
nötig ist, nicht nur um? zu gewinnen, sondern um die Produktionskosten zu er- 
setzen — das Produktionsinstrument selbst wird, wie wir gesehen haben, immer 
teurer —, weil dieser massenhafte Verkauf aber nicht nur eine Lebensfrage für 
ihn, sondern auch für seine Nebenbuhler geworden ist, so beginnt der alte 
Kampf um so heftiger, je fruchtbarer die schon erfundenen Produktionsmittel sind. 
Die Teilung der Arbeit und die Anwendung der Maschinerie wird also in ungleich 
srößerem Maßstabe von neuem vor sich gehen. 

Welches auch immer die Macht der angewandten Produktionsmittel sei, 
die Konkurrenz sucht die goldenen Früchte dieser Macht dem Kapital zu 
rauben, indem sie den Preis der Ware auf die Produktionskosten zurückführt, 
indem sie also in demselben Maße, wie wohlfeiler produziert, d.h. mit der- 
selben Summe Arbeit mehr produziert werden kann, die wohlfeilere Produk- 
tion, die massenhaftereLieferung für den alten Preis? zu einem gebieterischen 
Gesetz macht. So hätte der Kapitalist durch seine eigenen Anstrengungen 
nichts gewonnen als die Verpflichtung, in derselben Arbeitszeit mehr zu lie- 
fern, mit einem Wort, schwierigere Bedingungen der Verwertung seines Kapitals. 
Während die Konkurrenz ihn daher beständig verfolgt mit ihrem Gesetz der 
Produktionskosten, und jede Waffe, die er gegen seine Rivalen schmiedet, als 
Waffe gegen ihn selbst zurückkehrt, sucht der Kapitalist beständig die Kon- 
kurrenz zu übertölpeln, indem er rastlos neue, zwar kostspieligere, aber wohl- 
feiler produzierende Maschinen und Teilungen der Arbeit an die Stelle der 
alten einführt und nicht abwartet, bis die Konkurrenz die neuen veraltet hat. 

1.1891) Marsch! Marsch! — ? (1891) eingefügt: mehr. — (1891) Lieferung immer 
größrer Massen von Produkt für dieselbe Preissumme (statt: massenhaftere Lieferung für den 
alten Preis) | 

27% 

420 Karl Marx/Friedrich Engels : „Neue Rheinische Zeitung“ 

Stellen wir uns nun diese fieberhafte Agitation auf dem garizen Weltmarkt 
zugleich vor, und es begreift sich, wie das Wachstum, die Akkumulation und 
Konzentration des Kapitals eine ununterbrochene, sich selbst überstürzende 
und auf stets riesenhafterer Stufenleiter ausgeführte "Teilung der Arbeit, An- 
wendung neuer und Vervollkommnung alter Maschinerie im Gefolge hat. 

Wie aber wirken diese Umstände, die von dem Wachstum des produktiven 
Kapitals unzertrennlich sind, auf die Bestimmung des Arbeitslohns ein? 

Die größere Teilung der Arbeit befähigt einen Arbeiter, die Arbeit von 5, 10, 
20 zu tun; sie vermehrt also die Konkurrenz unter den Arbeitern um das 5-, 
10-, 20fache. Die Arbeiter machen sich nicht nur Konkurrenz, indem einer 
sich wohlfeiler verkauft wie der andere; sie machen sich Konkurrenz, indem 
einer die Arbeit von 5, 10, 20 verrichtet, und die vom Kapital eingeführte und 
stets vergrößerte Teilung der Arbeit zwingt die Arbeiter, sich diese Art von 
Konkurrenz zu machen. | 

Ferner: In demselben Maße, wie die Teilung der Arbeit zunimmt, ver- 
einfacht sich die Arbeit. Die besondere Geschicklichkeit des Arbeiters wird wert- 
los. Er wird in eine einfache, eintönige Produktivkraft verwandelt, die weder 
körperliche noch geistige Spannkräfte ins Spiel zu setzen hat. Seine Arbeit 
wird allen zugängliche Arbeit. Es drängen daher Konkurrenten von allen Sei- 
ten auf ihn ein, und überdem erinnern wir, daß, je einfacher, je leichter erlern- 
bar die Arbeit ist, je weniger Produktionskosten es bedarf, um sich dieselbe 
anzueignen, desto tiefer der Arbeitslohn sirikt, denn wie der Preis jeder andern 
Ware ist er durch die Produktionskosten bestimmt. 

In demselben Maß also, worin die Arbeit unbefriedigender, ekelhafter wird, 
in demselben Maß nimmt die Konkurrenz zu und der Arbeitslohn ab. Der Arbei- 
ter sucht die Masse seines Arbeitslohns zu behaupten, indem er mehr arbeitet, 
sei es, daß er mehr Stunden arbeitet, sei es, daß er mehr in derselben Stunde 
liefert. Durch die Not getrieben, vermehrt er also noch die unheilvollen Wir- 
kungen der Teilung der Arbeit. Das Resultat ist: Je mehr er arbeitet, um so 
weniger Lohn erhält er, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil er in dem- 
selben Maß seinen Mitarbeitern Konkurrenz macht, sich daher ebenso viele 
Konkurrenten aus seinen Mitarbeitern macht, die sich zu ebenso schlechten 
Bedingungen anbieten wie er selbst, weil er also in letzter Instanz sich selbst 
Konkurrenz macht, sich selbst als Mitglied der Arbeiterklasse. 

Die Maschinerie bringt dieselben Wirkungen auf viel größerer Stufenleiter 
hervor, indem sie geschickte Arbeiter durch ungeschickte, Männer durch 
Weiber, Erwachsene durch Kinder verdrängt, indem die Maschinerie da, wo 
sie neu eingeführt wird, die Handarbeiter massenhaft aufs Pflaster wirft, und 
da, wo sie ausgebildet, verbessert, durch fruchtbarere Maschinen ersetzt wird, 

Lohnarbeit und Kapital 421 

sie! in kleineren Haufen abdankt. Wir haben oben in raschen Zügen den indu- 
striellen Krieg der Kapitalisten untereinander geschildert. Dieser Krieg hat 
das Eigentümliche, daß die Schlachten weniger in ihm gewonnen werden durch 
Anwerben als durch Abdanken der Arbeiterarmee. Die Feldherren, die Kapi- 
talisten, wetteifern untereinander, wer am meisten Industrie-Soldaten entlassen 
kann. | 

Die Ökonomen erzählen uns allerdings, daß die durch Maschinen über- 
flüssig gewordenen Arbeiter neue Beschäftigungszweige finden. 

Sie wagen nicht direkt zu behaupten, daß dieselben Arbeiter, die entlas- 
sen worden sind, in neuen Arbeitszweigen unterkommen. Die Tatsachen 
schreien zu laut gegen diese Lüge. Sie behaupten eigentlich nur, daß für 
andere Bestandteile der Arbeiterklasse, z.B. für den Teil der jungen Arbeiter- 
generation, der schon bereit stand, um in den untergegangenen Industrie- 
zweig einzutreten, sich neue Beschäftigungsmittel auftun werden. Es ist dies 
natürlich eine große Genugtuung für die gefallenen Arbeiter. Es wird den 
Herren Kapitalisten nicht an frischem exploitablem Fleisch und Blut fehlen, 
und man wird die Toten ihre Toten begraben lassen. Es ist dies mehr ein 
Trost, den die Bourgeois sich selbst, als den sie den Arbeitern geben. Wenn 
die ganze Klasse der Lohnarbeiter durch die Maschinerie vernichtet würde, 
wie schrecklich für das Kapital, das ohne Lohnarbeit aufhört, Kapital zu 
sein? we 

Gesetzt aber, daß die durch Maschinerie direkt aus der Arbeit Verdräng- 
ten und der ganze Teil der neuen Generation, der schon auf diesen Dienst 
lauerte, eine neue Beschäftisung finden. Glaubt man, daß dieselbe so hoch be- 
zahlt werden wird wie die verlorengegangene? Es widerspräche dies allen 
Gesetzen der Ökonomie. Wir haben gesehen, wie die moderne Industrie es mit 
sich bringt, stets eine einfachere, untergeordnetere Beschäftigung der zusam- 
mengesetzten, höheren unterzuschieben. 

Wie könnte also eine Arbeitermasse, die durch Maschinerie aus einem . 
Industriezweig herausgeworfen ist, in einem andern eine Zuflucht finden, es 
sei denn, daß er niedriger, schlechter bezahlt ist? 

Man hat als Ausnahme die Arbeiter angeführt, die in der Fabrikation der 
Maschinerie selbst arbeiten. Sobald mehr Maschinerie in der Industrie ver- 
langt und verbraucht werde, müßten die Maschinen notwendig zunehmen, also 
die Maschinenfabrikation, also die Beschäftigung der Arbeiter in der Maschi- 
nenfabrikation, und die in diesem Industriezweig verwandten Arbeiter seien 
geschickte, ja selbst gebildete Arbeiter. 

1.1891) Arbeiter 

49? Karl Marx/Friedrich Engels * „Neue Rheinische Zeitung“ 

Seit dem Jahre 1840 hat diese schon früher nur halbwahre Behauptung 
allen Schein verloren, indem immer vielseitiger Maschinen zum Fabrizieren 
von Maschinen nicht mehr, nicht minder angewandt wurden als zum Fabri- 
zieren von Baumwollgarn, und die in den Maschinenfabriken beschäftigten 
Arbeiter, gegenüber von höchst kunstvollen, nur noch die Stelle von höchst 
kunstlosen Maschinen spielen konnten. 

Aber statt des durch die Maschine verabschiedeten Mannes beschäftigt die 
Fabrik vielleicht drei Kinder und eine Frau! Und mußte das Salair! des Man- 
nes nicht hinreichen für die drei Kinder und eine Frau? Mußte das Minimum 
des Arbeitslohns nicht hinreichen, um die Race zu erhalten und zu ver- 
mehren? Was also beweist diese beliebte Bourgeoisredensart? Weiter nichts, 
als daß jetzt viermal soviel Arbeiterleben verbraucht werden wie früher, um 
das Salair? einer Arbeiterfamilie zu gewinnen. 

Resümieren wir: Je mehr das produktive Kapital wächst, desto mehr dehnt 
sich die Teilung der Arbeit und die Anwendung der Maschinerie aus. Je mehr sich 
die Teilung der Arbeit und die Anwendung der Maschinerie ausdehnt, um so mehr 
dehnt sich die Konkurrenz unter den Arbeitern aus, je mehr zieht sich ihr Salair 
zusammen. | 

Und zudem rekrutiert sich die Arbeiterklasse noch aus den höhern Schich- 
ien der Gesellschaft; es stürzt eine Masse kleiner Industriellen und kleiner 
Rentiers in sie herab, die nichts Eiligeres zu tun haben, als ihre Arme zu er- 
heben neben den Armen der Arbeiter. So wird der Wald der in die Höhe ge- 
streckten und nach Arbeit verlangenden Arme immer dichter, und die Arme 
selbst werden immer magerer. 

Daß der kleine Industrielle den Krieg“ nicht aushalten kann, worin es eine 
der ersten Bedingungen ist, auf stets größerer Stufenleiter zu produzieren, 
d.h. eben ein großer und kein kleiner Industrieller zu sein, versteht sich 
von selbst. | 

Daß der Zins vom Kapital in demselben Maß abnimmt, wie Masse und 
Zahl des Kapitals zunimmt, wie das Kapital anwächst, daß daher der kleine 
Rentier nicht mehr von seiner Rente leben kann, also sich auf die Industrie 
werfen?, also die Reihen der kleinen Industriellen und damit die Kandidaten 
für das Proletariat vermehren hilft, alles das bedarf wohl keiner weiteren Aus- 
einandersetzung. 

In dem Maße endlich, wie die Kapitalisten durch die oben geschilderte 
Bewegung gezwungen werden, schon vorhandene riesenhafte Produktions- 

t (1891) der Lohn -? (1891) den Lebensunterhalt - ? (189) Lohn - * (1891) Kampf 
5 (1891) eingefügt: muß 

Lohnarbeit und Kapital | 423 

mittel auf größerer Stufenleiter auszubeuten und zu diesem Zwecke alle 
Springfedern des Kredits in Bewegung zu setzen, in demselben Maße ver- 
mehren sich die! Erdbeben, worin die Handelswelt sich nur dadurch erhält, 
daß sie einen Teil des Reichtums, der Produkte und selbst der Produktions- 
kräfte den Göttern der Unterwelt opfert - nehmen mit einem Wort die Krisen 
zu. Sie werden häufiger und heftiger schon deswegen, weil in demselben Maß, . 
worin die Produktenmasse, also das Bedürfnis nach ausgedehnten Märkten 
wächst, der Weltmarkt immer mehr sich zusammenzieht, immer weniger” 
Märkte zur Exploitation übrigbleiben, da jede vorhergehende Krise einen bis- 
her uneroberten oder vom Handel nur oberflächlich ausgebeuteten Markt dem 
Welthandel unterworfen hat. Das Kapital lebt aber nicht nur von der Arbeit. 
Ein zugleich vornehmer und barbarischer Herr, zieht es mit sich in die Gruft 
die Leichen seiner Sklaven, ganze Arbeiterhekatomben, die in den Krisen 
untergehen. Wir sehen also: Wächst das Kapital rasch, so wächst ungleich rascher 
die Konkurrenz unter den Arbeitern, d.h., desto mehr nehmen verhältnismäßig die 
Beschäftigungsmittel, die Lebensmittel für die Arbeiterklasse ab, und nichtsdesto- 
weniger ist das rasche Wachsen des Kapitals die günstigste Bedingung für die 
Lohnarbeit. | | 
(Fortsetzung folgt.)!?7*! 

E 

Karl Marx 

er 

1 (1891) eingefügt: industriellen -? (1891) eingefügt: neue 

424 

[Auslieferung politischer Flüchtlinge] 

'T„Neue Rheinische Zeitung“ Nr. 271 
vom 13. April 1849, Zweite Ausgabe] 

* Köln, 12. April. Die preußische Regierung hat bereits durch Erlassung 
von Steckbriefen gegen östreichische, deutsche und nichtdeutsche sogenannte 
politische Verbrecher, namentlich gegen Kossuth, Bem, Perczel und andre 
ungarische Helden bewiesen, in welchem genauen Zusammenhange die preu- 
Bische konstitutionelle Freiheit mit dem königlich kaiserlichen bluttriefenden 
Standrecht steht. Die entente cordiale! zwischen Potsdam und Olmütz!2?9), 
trotz Kaiserfragen, deutscher Fragen, schleswig-holsteinischer Fragen und 
anderer Fragen, war ein Faktum, dessen Existenz nur den diplomatisierenden : 
literarischen Maulwürfen der „Kölnischen Zeitung“ !?!] und anderer gewiegter 
Organe entgehen konnte. Daß aber diese entente cordiale auch bis zur letzten 
Gemeinheit, bis zu der Infamie der Auslieferung politischer Flüchtlinge an die 
Östreicher gehen sollte, das war uns von unserm glorreichen Ministerium noch 
aufgespart. 

Wäre Robert Blum von Wien nach Preußen entkommen, die preußische Re- 
sierung hätte ihn an seine Henker ausgeliefert. 

Sie hat einen der Mitkämpfer Robert Blums, den Wiener Kadetten Höcke, 
am 4. April dieses Jahres an die östreichischen Standrechts-Bluthunde ausgeliefert. 
Man lese folgenden Bericht der „Oberschlesischen Lokomotive“ aus Ratibor 
vom 4.Äpril: 

„Gestern mittag traf unter polizeilicher Bedeckung auf besonderer Fuhre der Wiener 
Kadett Höcke von Breslau hier ein, wohin er sich, wegen Teilnahme an der Wiener 
Oktoberrevolution des Hochverrats angeklagt, vor einiger Zeit geflüchtet hatte. Höcke 
hatte in einem Briefe an die Seinigen in Wien seine dortige Wohnung bezeichnet. 
Dieser Brief mußte das Schicksal vieler anderer geteilt haben, d.h. auf irgendeiner 

1 Das herzliche Einvernehmen 

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