[Kritik des deutschen Sozialismus 

in seinen verschiedenen Propheten] 

441 

Der wahre Sozialismus 

Dasselbe Verhältnis, das wir im ersten Bande (vgl. „Sankt Max“, „Der 
politische Liberalismus“) zwischen dem bisherigen deutschen Liberalismus 
und der französischen und englischen Bourgeoisie-Bewegung nachgewiesen 
haben, findet statt zwischen dem deutschen Sozialismus und der Proletariats- 
bewegung Frankreichs und Englands. Neben den deutschen Kommunisten 
hat sich eine Anzahl Schriftsteller aufgetan, die einige französische und eng- 
lische kommunistische Ideen aufgenommen und mit ihren deutsch-philo- 
sophischen Voraussetzungen verquickt haben. Diese „Sozialisten“ oder 
„wahren Sozialisten“, wie sie sich nennen, sehen in der kommunistischen 
Literatur des Auslandes nicht den Ausdruck und das Produkt einer wirklichen 
Bewegung, sondern rein theoretische Schriften, die ganz, wie sie es sich von 
den deutschen philosophischen Systemen vorstellen, aus dem „reinen Ge- 
danken“ hervorgegangen sind. Sie denken nicht daran, daß diesen Schriften, 
selbst wenn sie Systeme predigen, die praktischen Bedürfnisse, die ganzen 
Lebensverhältnisse einer bestimmten Klasse bestimmter. Länder zugrunde 
liegen. Sie nehmen die Illusion mancher dieser literarischen Parteirepräsen- 
tanten, als handle es sich bei ihnen um die „vernünftigste* Ordnung der 
Gesellschaft und nicht um die Bedürfnisse einer bestimmten Klasse und 
Epoche, auf Treu und Glauben an. Die deutsche Ideologie, in der diese 
„wahren Sozialisten“ befangen sind, erlaubt ihnen nicht, das wirkliche Ver- 
hältnis zu betrachten. Ihre Tätigkeit gegenüber den „unwissenschaftlichen“ 
Franzosen und Engländern besteht nun darin, vor allen Dingen die Ober- 
flächlichkeit oder den „rohen“ Empirismus dieser Ausländer gehörig der 
Verachtung des deutschen Publikums preiszugeben, der „deutschen Wissen- 
schaft“ einen Hymnus zu singen und ihr die Mission zu geben, die Wahrheit 
des Kommunismus und Sozialismus, den absoluten, den wahren Sozialismus 
erst an den Tag zu bringen. Sie geben sich auch sogleich an die Arbeit, um 
als Vertreter der „deutschen Wissenschaft“ diese Mission zu erfüllen, obwohl 

442 Karl Marx und Friedrich Engels , 

in den meisten Fällen diese „deutsche Wissenschaft“ ihnen fast ebenso fremd 
geblieben ist wie die Originalschriften der Franzosen und Engländer, die sie 
nur aus den Kompilationen von Stein und Oelckers!!*" etc. kennen. Und worin 
besteht diese „Wahrheit“, die sie dem Sozialismus und Kommunismus geben? 
Sie suchen sich die ihnen teils wegen ihrer Unkenntnis schon des bloß litera- 
rischen Zusammenhangs, teils wegen ihrer erwähnten falschen Auffassung 
der sozialistischen und kommunistischen Literatur gänzlich unerklärlichen 
Ideen dieser Literatur mit Hülfe der deutschen, namentlich Hegelschen und 
Feuerbachschen Ideologie klarzumachen. Sie heben die kommunistischen 
Systeme, Kritiken und Streitschriften-ab von der wirklichen Bewegung, deren 
bloßer Ausdruck sie sind, und bringen sie dann in einen willkürlichen Zu- 
sammenhang mit der deutschen Philosophie. Sie trennen das Bewußtsein 
bestimmter geschichtlich bedingter Lebenssphären von diesen Lebenssphären 
und messen es an dem wahren, absoluten, d.h. deutsch-philosophischen 
Bewußtsein. Sie verwandeln ganz konsequent die Verhältnisse dieser be- 
stimmten Individuen in Verhältnisse „des Menschen“, sie erklären sich die 
Gedanken dieser bestimmten Individuen über ihre eignen Verhältnisse da- 
hin, daß sie Gedanken über „den Menschen“ seien. Sie sind damit vom wirk- 
lichen geschichtlichen Boden auf den Boden der Ideologie zurückgekommen 
und können nun, da sie den wirklichen Zusammenhang nicht kennen, mit 
Hülfe der „absoluten“ oder einer andern ideologischen Methode leicht einen 
phantastischen Zusammenhang konstruieren. Diese Übersetzung der franzö- 
sischen Ideen in die Sprache der deutschen Ideologen und dieser willkürlich 
fabrizierte Zusammenhang zwischen dem Kommunismus und der deutschen 
Ideologie bilden dann den sogenannten „wahren Sozialismus“, der, wie die 
englische Konstitution von den Tories"], für „den Stolz der Nation und 
den Neid aller Nachbarvölker“ ausposaunt wird. 

Dieser „wahre Sozialismus“ ist also weiter nichts als die Verklärung des 
proletarischen Kommunismus und der ihm mehr oder minder verwandten 
Parteien und Sekten Frankreichs und Englands im Himmel des deutschen 
Geistes und, wie wir ebenfalls sehen werden, des deutschen Gemütes. Der, 
wahre Sozialismus, der auf der „Wissenschaft“ zu beruhen vorgibt, ist vor 
allen Dingen selbst wieder eine esoterische Wissenschaft; seine theoretische 
Literatur ist nur für Die, die in die Mysterien des „denkenden Geistes“ ein- 

geweiht sind. Er hat aber auch eine exoterische Literatur, er muß, schon weil 
er sich um gesellschaftliche, exoterische Verhältnisse kümmert, eine Art 
Propaganda machen. In dieser exoterischen Literatur appelliert er nicht mehr 
an den deutschen „denkenden Geist“, sondern an das deutsche „Gemüt“. 
Dies ist um so leichter, als der wahre Sozialismus, dem es nicht mehr um die 

Deutsche Ideologie - Der wahre N 443 

wirklichen Menschen, sondern um „den Menschen“ zu tun ist, alle revolu- 
tionäre Leidenschaft verloren hat und an ihrer Stelle allgemeine Menschen- 
liebe proklamiert. Er wendet sich somit nicht an die Proletarier, sondern an 
die beiden zahlreichsten Menschenklassen Deutschlands, an die Kleinbürger 
und ihre philanthropischen Illusionen und an dieldeologen ebendieser Klein- 
bürger, die Philosophen und Philosophenschüler; er wendet sich überhaupt 
an das gegenwärtig in Deutschland herrschende „gemeine“ und ungemeine 
Bewußtsein. 

Es war nach den in Deutschland faktisch vorliegenden Verhältnissen not- 
wendig, daß sich diese Zwischensekte bildete, daß eine Vermittlung des 
Kommunismus mit den herrschenden Vorstellungen versucht wurde. Es war 
ebenso notwendig, daß eine Menge deutscher Kommunisten, die von der 
Philosophie ausgingen, erst durch einen solchen Übergang zum Kommunis- ° 

-mus kamen und noch kommen, während Andere, die den Schlingen der 
Ideologie sich nicht entwinden können, diesen wahren Sozialismus bis an ihr 
seliges Ende predigen werden. Wir können daher nicht wissen, ob diejenigen 
der „wahren Sozialisten“, deren hier kritisierte Schriften vor einiger Zeit ver- 
faßt wurden, diesen Standpunkt noch behaupten oder ob sie weitergegangen 
sind. Wir haben überhaupt gegen die Personen nichts, wir nehmen bloß die 
gedruckten Aktenstücke als Ausdruck einer für ein so versumpftes Land wie 
Deutschland unvermeidlichen Richtung. 

Außerdem aber hat der wahre Sozialismus allerdings einer Masse jung- 
deutscher Belletristen "6, Wunderdoktoren und sonstiger Literaten eine 
Tür eröffnet zur Exploitation der sozialen Bewegung. Der Mangel wirklicher, 
leidenschaftlicher, praktischer Parteikämpfe in Deutschland machte auch die 
soziale Bewegung anfangs zu einer bloß literarischen. Der wahre Sozialismus 
ist die vollkommenste soziale Literaturbewegung, die ohne wirkliche Partei- 
Interessen entstand und nun, nachdem die kommunistische Partei sich formiert 
hat, trotz ihr fortbestehen will. Es versteht sich, daß seit dem Entstehen einer 
wirklichen kommunistischen Partei in Deutschland die wahren Sozialisten 
immer mehr auf Kleinbürger als Publikum und impotente und verlumpte! 
Literaten als Repräsentanten dieses Publikums sich beschränken werden. 

* MEGA : impotente verlumpte 

445 

I 
„Die Rheinischen Jahrbücher "* 
oder. 

- Die Philosophie des wahren Sozialismus 

A) „Communismus, Socialismus, Humanismus“ "°°) 

„Rhein/ische] Jahrb[ücher]* 1. Bd., p. 167 ff. 

Wir beginnen mit diesem Aufsatz, weil er den deutsch-nationalen Charak- 
ter des wahren Sozialismus mit vollständigem Bewußtsein und großem Selbst- 

gefühl zur Schau trägt. 

p. 168. „Es scheint, als ob die Franzosen ihre eignen Genies nicht verständen. Hier 
kommt ihnen die deutsche Wissenschaft zu Hülfe, die im Sozialismus, wenn bei der 
Vernunft eine Steigerung gilt, die vernünftigste Ordnung der Gesellschaft gibt.“ 

Hier gibt also „die deutsche Wissenschaft“ eine, und zwar „die vernünf- 
tigste“, „Ordnung der Gesellschaft“ „im Sozialismus“. Der Sozialismus wird 
ein bloßer Zweig der allmächtigen, allweisen, Alles umfassenden deutschen 
Wissenschaft, die sogar eine Gesellschaft stiftet. Der Sozialismus ist zwar 
ursprünglich französisch, aber die französischen Sozialisten waren „an sich“ 
Deutsche, weshalb auch die wirklichen Franzosen sie „nicht verstanden“. Da- 
her kann unser Verfasser sagen: | 

„Der Kommunismus ist französisch, der Sozialismus deutsch; ein Glück ist es für die 
Franzosen, daß sie einen so glücklichen gesellschaftlichen Instinkt haben, der ihnen 
einst die wissenschaftlichen Studien wird ersetzen helfen. Dieses Resultat lag in dem 
Entwicklungsgange beider Völker vorgezeichnet; die Franzosen kamen durch die Politik 
zum Kommunismus“ (nun weiß man natürlich, wie das französische Volk zum Kommu- 
nismus kam), „die Deutschen durch die Metaphysik, die zuletzt in Anthropologie um- 
schlug, zum Sozialismus“ (nämlich zum „wahren Sozialismus“). „Beide lösen sich zu- 
letzt in Humanismus auf.“ 

Nachdem man den Kommunismus und Sozialismus in zwei abstrakte 
Theorien, zwei Prinzipien verwandelt hat, ist natürlich nichts leichter, als eine 
beliebige Hegelsche Einheit dieser beiden Gegensätze unter einem beliebigen 
unbestimmten Namen zu phantasieren. Womit nicht nurein durchdringender 

446 Karl Marx und Friedrich Engels 

Blick in „den Entwicklungsgang beider Völker“ geworfen, sondern auch die 
Erhabenheit des spekulierenden Individuums über Franzosen und Deutsche 
glänzend dargetan ist. 

Übrigens ist dieser Satz ziemlich wörtlich kopiert aus dem Püttmannschen 
„Bürgerbuch“, p. 43"°%! und anderwärts; wie denn auch die „wissenschaft- - 
lichen Studien“ des Verfassers über den Sozialismus sich auf eine konstruie- 
rende Reproduktion der in diesem Buche, den „Einundzwanzig Bogen“ und 
anderen Schriften aus der Entstehungsepoche des deutschen Kommunismus 
gegebenen Ideen beschränken. 

Wir geben nur einige Proben von den in diesem Aufsatze erhobenen Ein- 
wendungen gegen den Kommunismus. 

p. 168. „Der Kommunismus verbindet die Atome zu keinem organischen Ganzen.“ 

Die Verbindung von „Atomen“ zu einem „organischen Ganzen“ ist eben- 
sowenig zu verlangen wie die Quadratur des Zirkels. 

„Wie der Kommunismus faktisch in Frankreich, seinem Hauptsitz, vertreten wird, 
ist er der rohe Gegensatz gegen die egoistische Zerfallenheit des Krämerstaats, über 
diesen politischen Gegensatz kommt er nicht hinaus, gelangt zu keiner unbedingten, 
voraussetzungslosen Freiheit.“ (ibidem.) 

Voila! das deutsch-ideologische Postulat der „unbedingten, vorausset- 
zungslosen Freiheit“, die nur die praktische Formel für das „unbedingte, 
voraussetzungslose Denken“ ist. Der französische Kommunismus ist aller- 
dings „roh“, weil er der theoretische Ausdruck eines wirklichen Gegensätzes 
ist, über den er nach unsrem Verfasser aber dadurch hinaus sein sollte, daß er 
diesen Gegensatz in der Einbildung als schon überwunden unterstellt. Ver- 
gleiche übrigens „Bürgerbuch“ u. a. p. 43. 

„Innerhalb des Kommunismus kann die T'yrannei recht wohl fortbestehen, weil er 
nicht die Gattung fortbestehen läßt.“ p. 168. 

.. Arme Gattung! Bisher hat die „Gattung“ gleichzeitigmit der „T'yrannei“ 
bestanden; aber eben weil der Kommunismus die „Gattung“ abschafft, des- 
wegen kann er die „Iyrannei“ fortbestehen lassen. Und wie fängt es nach 
unsrem wahren Sozialisten der Kommunismus an, „die Gattung“ abzu- 

schaffen? Er „hat die Masse vor sich“. (ibidem.) 

„Der Mensch wird im Kommunismus seines Wesens nicht bewußt ... seine Ab- 
hängigkeit wird durch den Kommunismus auf das letzte, brutalste Verhältnis gebracht, 
auf die Abhängigkeit von der rohen Materie - Trennung von Arbeit und Genuß. Der 
Mensch gelangt zu keiner freien sittlichen Tätigkeit.“ 

1 da haben wir 

Däitsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. I. „Rhein. Jahrbücher“ 447 
Um die „wissenschaftlichen Studien“ zu würdigen, welche unsrem wahren 
Sozialisten zu diesem Satz verholfen haben, vergleiche man folgenden Satz: 

„Die französischen Sozialisten und Kommunisten ... haben das Wesen des Sozialis- 
"mus theoretisch keineswegs erkannt ... selbst die radikalen“ (französischen) „Kom- 
munisten sind noch keineswegs über den Gegensatz von Arbeit und Genuß hinaus ... 
haben sich noch nicht zum Gedanken der freien Tätigkeit erhoben ... Der Unterschied 
zwischen dem Kommunismus und der Krämerwelt ist nur der, daß die vollständige 

Entäußerung des wirklichen menschlichen Eigentums im Kommunismus aller Zufälligkeit 

enthoben, d. h. idealisiert werden soll.“ „Bürgerbuch“, p. 43. 

Unser wahrer Sozialist wirft also hier den Franzosen vor, daß sie ein 
richtiges Bewußtsein ihrer faktischen gesellschaftlichen Zustände haben, 
während sie das Bewußtsein „des Menschen“ über „sein Wesen“ zutage för- 
dern sollten. Alle Vorwürfe dieser wahren Sozialisten gegen die Franzosen 
laufen darauf hinaus, daß die Feuerbachsche Philosophie nicht die letzte 
Pointe ihrer gesamten Bewegung ist. Wovon der Verfasser ausgeht, ist der 
vorgefundene Satz von der Trennung von Arbeit und Genuß. Statt mit diesem 
Satze anzufangen, dreht er ideologisch die Sache um, fängt an mit dem 
fehlenden Bewußtsein des Menschen, schließt daraus auf die „Abhängigkeit 
von der rohen Materie“ und läßt diese sich realisieren in der „Irennung von 
Arbeit und Genuß“. Wir werden übrigens noch Exempel davon sehen, wohin 
unser wahrer Sozialist mit seiner Unabhängigkeit „von der rohen Materie“ 
kommt. - Überhaupt sind diese Herren alle von merkwürdigem Zartgefühl. 
Alles, namentlich die Materie, schockiert sie, überall klagen sie über Roheit. 
Oben hatten wir schon den „rohen Gegensatz“, jetzt das „brutalste Verhältnis“ 
der „Abhängigkeit von der rohen Materie“. 

Der Deutsche öffnet den Mund weit: 

Die Liebe sei nicht zu roh,‘ 
Sie schadet sonst der Gesundheit. 1671 

‚Natürlich, die deutsche Philosophie in ihrer Verkleidung als Sozialismus geht 
zwar zum Schein auf die „rohe Wirklichkeit“ ein, aber sie hält sich immer in 
anständiger Entfernung von ihr und ruft ihr mit hysterischer Gereiztheit zu: 
‘Noli me tangere!! 

Nach diesen wissenschaftlichen Einwürfen gegen den französischen Kom- 
munismus kommen wir auf einige historische Erörterungen, die von der 
„freien sittlichen Tätigkeit“ und den „wissenschaftlichen Studien“ unsres 

wahren Sozialisten wie auch von seiner Unabhängigkeit von der rohen Materie 

glänzendes Zeugnis ablegen. 

1 Rühr mich nicht an! 

448 Karl Marx und Friedrich Engels 

p. 170 kommt er zu dem „Resultate“, daß „der“ (abermals) „rohe franzö- 
sische Kommunismus“ der einzige ist, den’es „gibt“. Die Konstruktion dieser 
"Wahrheit a priori wird mit großem „gesellschaftlichem Instinkt* durchge- 

führt und zeigt, daß „der Mensch seines Wesens sich bewußt“ geworden ist. 
Man höre: 

„Es gibt keinen andern, denn was Weitling gegeben hat, ist nur eine Verarbeitung 
fourieristischer und kommunistischer Ideen, wie er sie in Paris und Genf kennen- 
lernte.“ 

„Es gibt keinen“ englischen Kommunismus, „denn was Weitling“ usw. 
Thomas Morus, die Levellers[!] Owen, Thompson, Watts, Holyoake, Harney, 
Morgan, Southwell, Goodwyn Barmby, Greaves, Edmonds, Hobson, Spence 
werden sich sehr wundern, resp. im Grabe umdrehen, wenn ihnen zu Ohren 
kommt, wie sie keine Kommunisten sind, „denn“ Weitling ging nach Paris 
und Genf. | 

Übrigens scheint der Weitlingsche Kommunismus doch auch ein andrer 
zu sein als der „rohe französische“, vulgo Babouvismus, da er auch „fourie- 
ristische Ideen“ enthält. 

„Die Kommunisten waren besonders stark in der Aufstellung von Systemen oder 
gleich fertigen Gesellschaftsordnungen (Cabets Ikarien, ‚La Felicite‘ 1169, Weitling). 
Alle Systeme aber sind dogmatisch-diktatorisch.“ p. 170. 

Mit seiner Meinungsabgabe über Systeme überhaupt hat der wahre Sozia- 
lismus sich natürlich der Mühe überhoben, die kommunistischen .. Systeme 
selbst kennenzulernen. Mit einem Schlage hat er nicht nur Ikarien!'””), 
sondern auch alle philosophischen Systeme von Aristoteles bis Hegel, das 
systeme de la nature!!7", das Linnesche und Jussieusche Pflanzensystem und 
sogar das Sonnensystem überwunden. Was übrigens die Systeme selbst an- 
geht, so sind diese fast alle im Anfange der kommunistischen Bewegung auf- 
gekommen und dienten damals der Propaganda als Volksromane, die dem 
noch unentwickelten Bewußtsein der sich eben in Bewegung setzenden Prole- 
tarier vollkommen entsprachen. Cabet selbst nennt seine „Icarie“ einen roman 
philosophique! und ist keineswegs aus seinem System, sondern aus seinen 
Streitschriften, überhaupt aus seiner ganzen Tätigkeit als Parteichef zu be- 
urteilen. Einige dieser Romane, z.B. das ‚Fouriersche System, sind mit wirk- 
lich poetischem Geiste, andere, wie das Owensche und Cabetsche, ohne alle 
Phantasie mit kaufmännischer Berechnung oder juristisch-schlauem An- 
schmiegen an die Anschauungen der zu bearbeitenden Klasse ausgeführt. 
Diese Systeme verlieren bei der Entwicklung der Partei alle Bedeutung und 

% philosophischen Roman 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. I. „Rhein. Jahrbücher“ 449 

werden höchstens nominell als Stichwörter beibehalten. Wer glaubt in Frank- 
reich an Ikarien, wer in England an die verschiedenen modifizierten Pläne 
Öwens, die er selbst je nach veränderten Zeitumständen oder mit Rücksicht 
auf Propaganda unter bestimmten Klassen predigte? Wie wenig der wirkliche 
Inhalt dieser Systeme in ihrer systematischen Form liegt, beweisen am besten 
die orthodoxen Fourieristen der „D&mocratie pacifique“, die bei all ihrer 
Orthodoxie die geraden Antipoden Fouriers, doktrinäre Bourgeois sind. Der 
eigentliche Inhalt aller epochemachenden Systeme sind die Bedürfnisse der 
Zeit, in der, sie entstanden. Jedem derselben liegt die ganze vorhergegangne 
Entwicklung einer Nation, die geschichtliche Gestaltung der Klassenverhält- 
nisse mit ihren politischen, moralischen, philosophischen und andern Konse- 
quenzen zugrunde. Dieser Basis und diesem Inhalt der kommunistischen 
Systeme gegenüber ist mit dem Satz, daß alle Systeme dogmatisch-dikta- 
torisch sind, gar nichts ausgerichtet. Den Deutschen lagen keine ausgebilde- 
ten Klassenverhältnisse vor wie den Engländern und Franzosen. Die deut- 
schen Kommunisten konnten daher die Basis ihres Systems nur aus den Ver- 
hältnissen des Standes nehmen, aus dem sie hervorgingen. Daß daher das 
einzige existierende deutsche kommunistische System eine Reproduktion der 
französischen Ideen innerhalb der durch die kleinen Handwerkerverhältnisse 
beschränkten Anschauungsweise war, ist ganz natürlich. 

Die Tyrannei, die innerhalb des Kommunismus fortbesteht, zeigt E% 
Wahnsinn Cabets, welcher verlangt, daß alle Welt auf seinen ‚Populaire‘ 
abonnieren soll“. p. 168. Wenn unser Freund Forderungen, die ein Partei- 
chef, durch bestimmte Umstände und die Gefahr der Zersplitterung be- 
schränkter Geldmittel gezwungen, an seine Partei stellt, zuerst verdreht und 
dann an dem „Wesen des Menschen“ mißt, so muß er allerdings zu dem Resul- 
tate kommen, daß dieser Parteichef und alle andern Parteileute „wahnsinnig“, 
dagegen bloß unparteische Gestalten, wie er und das „Wesen des Menschen“, 
gesunden Verstandes seien. Er möge übrigens aus Cabets „Ma ligne droite“ 
das wahre Sachverhältnis kennenlernen. 

Schließlich faßt sich der ganze Gegensatz unsres Verfassers und über- 
haupt der deutschen wahren Sozialisten und Ideologen gegen die wirklichen 
Bewegungen andrer Nationen in einem klassischen Satze zusammen. Die 
Deutschen beurteilen Alles sub specie aeterni! (nach dem Wesen des Men- 
schen), die Ausländer sehen alles praktisch, nach den wirklich vorliegenden 
Menschen und Verhältnissen. Die Ausländer denken und handeln für die 
Zeit, die Deutschen für die Ewigkeit. Dies gesteht unser wahrer Sozialist 
folgendermaßen ein: 

2 vom Gesichtspunkt der Ewigkeit 

450 . Karl Marx und Friedrich Engels 

„Schon durch seinen Namen, den Gegensatz gegen die Konkurrenz, zeigt der 
Kommunismus seine Einseitigkeit; soll denn aber diese Befangenheit, die wohl jetzt 
als Parteiname ihre Geltung haben kann, ewig währen?“ y 

Nach dieser gründlichen Vernichtung des Kommunismus geht unser Ver- 
fasser auf seinen Gegensatz, den Sozialismus, über. 

„Der Sozialismus gibt die anarchische Ordnung, die der menschlichen Gattung, 
wie dem Universum, wesentlich eigentümlich ist“ (p. 170) und ebendeshalb für. „die 
menschliche Gattung“ bisher nicht existiert hat. 

Die freie Konkurrenz ist zu „roh“, um unsrem wahren Sozialisten als 
„anarchische Ordnung“ zu erscheinen. ' 

„Voll Vertrauen auf den siztlichen Kern der Menschheit“ dekretiert „der Sozia- 
lismus“, daß’ „die Vereinigung der Geschlechter nur die höchste Steigerung der 
Liebe ist und sein sollte, denn nur das Natürliche ist wahr, und das Wahre ist sittlich.“ 
p. 171. 

Der Grund, weshalb „die Vereinigung etc. etc. ist und sein sollte“, paßt 
auf Alles. Z.B. „Voll Vertrauen auf den sittlichen Kern“ des Affengeschlechts 
kann „der Sozialismus“ ebenfalls dekretieren, daß die bei den Affen sich 
natürlich vorfindende Onanie „nur die höchste Steigerung der“ Selbst- 

„Liebe ist und sein sollte; denn nur das Natürliche ist wahr, und das Wahre 
ist sittlich.“ 

Woher der Sozialismus den Maßstab dessen nimmt, was „natürlich“ 
läßt sich schwer sagen. 

„Tätigkeit und Genuß fallen in des-Menschen Eigentümlichkeit zusammen. Durch 
diese werden jene beiden bestimmt, nicht durch die außer uns stehenden Produkte, 

„Da nun aber diese Produkte zur Tätigkeit, das ist zum wahren Leben unumgäng- 
lich sind, dieselben aber durch die gemeinsame Tätigkeit der gesamten Menschheit 
sich von Letzterer gleichsam abgelöst haben, so sind oder sollen sie auch für Alle das ge- 
meinsame Substrat weiterer Entwicklung sein (Gütergemeinschaft).“ 

„Unsre heutige Gesellschaft ist freilich so verwildert, daß Einzelne in tierischem 
Heißhunger über die Produkte fremder Arbeit herfallen und dabei untätig ihr eignes 
Wesen verfaulen lassen (Rentiers); wovon wieder die notwendige Konsequenz ist, daß 
Andere, deren Eigentum (ihr eignes menschliches Wesen) nicht durch Untätigkeit, 
sondern durch aufreibende Anspannung verkümmert, zu maschinenmäßigem Produ- 
zieren getrieben werden (Proletarier) ... Beide Extreme unsrer Gesellschaft aber, 
Rentiers und Proletarier, stehen auf Einer Stufe der Bildung, Beide sind abhängig von 
den Dingen außer ihnen“ oder „Neger“, wie Sankt Max sagen würde. p. 169, 170. 

Diese obigen „Resultate“ unsres „Mongolen“ über „Unser Negertum“ 
sind das Vollendetste, was der wahre Sozialismus bis jetzt „als zum wahren 
Leben unumgängliches Produkt gleichsam von sich abgelöst hat“ und wovon 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. I. „Rhein. Jahrbücher“ 451 

er nach „des Menschen Eigentümlichkeit“ glaubt, daß „die gesamte Mensch- 
heit“ darüber „in tierischem Heißhunger herfallen“ müsse. 

„Rentiers“, „Proletarier“, „maschinenmäßig“, „Gütergemeinschaft“ 
diese vier Vorstellungen sind jedenfalls für unsren Mongolen „außer ihm 
stehende Produkte“, in Beziehung auf welche seine „Tätigkeit“ und sein „Ge- 
nuß“ darin besteht, sie als die bloß antizipierten Namen für die Resultate seines 
eignen „maschinenmäßigen Produzierens“ darzustellen. 

\ Wir erfahren, daß die Gesellschaft verwildert ist und daß deshalb die 
Individuen, die ebendiese Gesellschaft bilden, an allerhand Gebrechen leiden. 
Die Gesellschaft wird getrennt von diesen Individuen, verselbständigt, sie 
verwildert auf eigne Faust, und erst in Folge dieser Verwilderung leiden die 
Individuen. Die erste Folge dieser Verwilderung sind die Bestimmungen 
Raubtier, untätig und Inhaber eines „verfaulenden eignen Wesens“, worauf 
wir zu unsrem Schrecken erfahren, daß diese Bestimmungen „der Rentier“ 
sind. Dabei ist nur zu bemerken, daß dies „Verfaulenlassen des eignen 
Wesens“ weiter nichts ist als eine philosophisch mystifizierte Manier, sich 
über die „Untätigkeit“ klarzuwerden, von deren praktischer Beschaffenheit 
man wenig zu wissen scheint. 

Die zweite „notwendige Konsequenz“ dieser ersten Folge der Verwilde- 
rung sind die beiden Bestimmungen: „Verkümmern des eignen menschlichen 
Wesens durch aufreibende Anspannung“ und „Getriebenwerden zu maschi- 
nenmäßigem Produzieren“. Diese beiden Bestimmungen sind die notwendige 
„Konsequenz davon, daß die Rentiers ihr eignes Wesen verfaulen lassen“, 
und heißen in der profanen Sprache, wie wir wiederum mit Schrecken er- 
fahren, „der Proletarier“.“ 

Der Kausalnexus des Satzes ist also folgender: Daß Proletarier existieren 
und maschinenmäßig arbeiten, findet sich als Tatsache vor. Warum müssen 
die Proletarier „maschinenmäßig produzieren“? Weil die Rentiers „ihr eignes 
Wesen verfaulen lassen“. Warum lassen die Rentiers ihr eignes Wesen ver- 
faulen? Weil „unsre heutige Gesellschaft so verwildert ist“. Warum ist sie so 
verwildert? Das frage deinen Schöpfer. 

Charakteristisch ist für unsren wahren Sozialisten, daß er in dem Gegen- 
satz von Rentiers und Proletariern „die Extreme unsrer Gesellschaft“ sieht. 
Dieser Gegensatz, der so ziemlich auf allen einigermaßen entwickelten Ge- 

sellschaftsstufen existiert hat und seit undenklicher Zeit von allen Moralisten 

breitgeschlagen ist, wurde namentlich ganz im Anfange der proletarischen 
Bewegung wieder hervorgesucht, zu einer Zeit, wo das Proletariat mit der 
industriellen und kleinen Bourgeoisie noch gemeinsame Interessen hatte. 
Vergleiche z.B. Cobbetts und P.L.Couriers Schriften oder Saint-Sinon, der 

452 Karl Marx und Friedrich Engels 

im Anfange die industriellen Kapitalisten noch zu den travailleurs! rechnete, 
im Gegensatz zu den oisifs?, den Rentiers. Diesen trivialen Gegensatz auszu- 
sprechen, und zwar nicht in der gewöhnlichen, sondern in der heiligen philo- 
sophischen Sprache, für diese kindliche Einsicht nicht den passenden, sondern 
einen verhimmelten, abstrakten Ausdruck zu geben, darauf reduziert sich die 
Gründlichkeit der im wahren Sozialismus vollendeten deutschen Wissen- 
schaft hier wie in allen andern Fällen. Dieser Gründlichkeit setzt dann auch 
der Schluß die Krone auf. Hier verwandelt unser wahrer Sozialist die ganz 
verschiedenen Bildungsstufen der Proletarier und Rentiers in „eine Stufe der 
Bildung“, weil er von ihren wirklichen Bildungsstufen Umgang nehmen und 
sie unter die philosophische Phrase „Abhängigkeit von den Dingen außer 
ihnen“ subsumieren kann. Hier hat der wahre Sozialismus die Bildungsstufe 
gefunden, auf der die Verschiedenheit aller Bildungsstufen in den drei Natur- 
reichen, der Geologie und Geschichte sich vollständig in nichts auflöst. 

Trotz seines Hasses gegen die „Abhängigkeit von den Dingen? außer ihm“ 
gesteht der wahre Sozialist doch ein, daß er von ihnen abhängig ist, „da die 
Produkte“, d.h. eben diese Dinge, „zur Tätigkeit“ und „zum wahren Leben 
unumgänglich sind“. Dies verschämte Geständnis wird gemacht, um einer 
philosophischen Konstruktion der Gütergemeinschaft Bahn zu brechen, einer 
Konstruktion, die in so baren Unsinn verläuft, daß sie bloß der Aufmerksam- 
keit des Lesers zu empfehlen ist. 

Wir kommen jetzt zu dem ersten der oben zitierten Sätze. Hier wird 
wieder die „Unabhängigkeit von den Dingen“ für die Tätigkeit und den 
Genuß in Anspruch genommen. Tätigkeit und Genuß „werden bestimmt“ 
durch „die Eigentümlichkeit des Menschen“. Statt diese Eigentümlichkeit in 
der Tätigkeit und dem Genuß der ihn umgebenden Menschen nachzuweisen, 
wo er sehr bald gefunden haben würde, inwiefern hier die außer uns stehenden 
Produkte ebenfalls mitsprechen, läßt er Beide in „der Eigentümlichkeit des 
Menschen zusammenfallen“. Statt die Eigentümlichkeit der Menschen in 
ihrer Tätigkeit und der dadurch bedingten ‘Weise des Genusses sich zur 
Anschauung zu bringen, erklärt er Beide aus der „Eigentümlichkeit des 
Menschen“, wo dann alle Diskussion abgeschnitten ist. Von der wirklichen 
Handlung des Individuums flüchtet er sich wieder in seine unbeschreibliche, 
unnahbare Eigentümlichkeit. Wir sehen hier übrigens, was die wahren Sozia- 
‘ listen unter der „freien Tätigkeit“ verstehen. Unser Verfasser verrät uns 
unvorsichtigerweise, daß sie die Tätigkeit ist, die „nicht durch die Dinge 
außer uns bestimmt wird“, d. h. der actus purus, die reine, absolute Tätig- 

1 Arbeitern - ? Müßiggängern -? MEGA: Abhängigkeit von Dingen 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. I. „Rhein. Jahrbücher“ 453 

keit, die nichts als Tätigkeit ist und in letzter Instanz wieder auf die Illusion 
vom „reinen Denken“ hinausläuft. Diese reine Tätigkeit wird natürlich sehr 
verunreinigt, wenn sie ein materielles Substrat und ein materielles Resultat 
. hat; der wahre Sozialist befaßt sich nur widerstrebend mit solcher unreinen 
Tätigkeit und verachtet ihr Produkt, das nicht mehr „Resultat“, sondern „nur 
ein Abfall vom Menschen“ genannt wird (p. 169). Das Subjekt, das dieser 
reinen Tätigkeit zugrunde liegt, kann daher auch kein wirklicher sinnlicher 
Mensch, sondern nur der denkende Geist sein. Die so verdeutschte „freie 
Tätigkeit“ ist nur eine andere Formel für die obige „unbedingte, voraus- 
setzungslose Freiheit“. Wie sehr übrigens dies Gerede von der „freien Tätig- 
keit“, das bei den wahren Sozialisten nur dazu dient, ihre Unkenntnis der 
wirklichen Produktion zu verhüllen, in letzter Instanz auf das „reine Denken“ 
hinausläuft, beweist unser Verfasser schon dadurch, daß das Postulat der 
wahrhaften Erkenntnis sein letztes Wort ist. 

„Diese Sonderung der beiden Hauptparteien der Zeit“ (nämlich des französischen 
rohen Kommunismus und des deutschen Sozialismus) „hat sich durch die Entwicklung 
der letzten zwei Jahre ergeben, wie sie namentlich in Heß’ ‚Philosophie der That‘- 
Herweghs ‚Einundzwanzig Bogen‘ - begann. Es war somit an der Zeit, auch einmal die 
Schibboleths der gesellschaftlichen Parteien näher zu beleuchten.“ p. 173. 

Wir haben hier also auf der einen Seite die wirklich existierende kommu- 
nistische Partei in Frankreich mit ihrer Literatur und auf der andern einige 
deutsche Halbgelehrte, die sich die Ideen dieser Literatur philosophisch zu 
verdeutlichen streben. Diese letzteren gelten ebensogut wie die ersteren für 
eine „Hauptpartei der Zeit“, also für eine Partei, die nicht nur für ihren näch- 
sten Gegensatz, die französischen Kommunisten, sondern auch für die eng- 
lischen Chartisten und Kommunisten, die amerikanischen Nationalreformer 
und überhaupt alle andern Parteien „der Zeit“ von unendlicher Wichtigkeit 
ist. Leider wissen alle diese Parteien nichts von der Existenz dieser „Haupt- 
partei“. Es ist aber seit geraumer Zeit die Manier der deutschen Ideologen, 
daß jede ihrer literarischen Fraktionen, besonders die, die „am weitesten zu 
gehen“ wähnt, sich nicht nur für „eine Hauptpartei“, sondern geradezu für 
„die Hauptpartei der Zeit“ erklärt. Wir haben so unter andern „die Haupt- 
partei“ der kritischen Kritik, „die Hauptpartei“ des mit sich einigen Egoismus 
und jetzt „die Hauptpartei“ der wahren Sozialisten. Deutschland kann es auf 

diese Weise noch zu einem ganzen Schock von „Hauptparteien“ bringen, 

deren Existenz bloß in Deutschland und auch hier nur unter dem kleinen 
Stande der Gelehrten, Halbgelehrten und Literaten bekannt ist, während sie 
alle wähnen, die Kurbel der Weltgeschichte zu drehen, wenn sie das lange 
Garn ihrer eignen Phantasien spinnen. 

454 | Karl Marx und Friedrich Engels 

Diese „Hauptpartei“ der wahren Sozialisten hat sich „durch die Entwick- 
lung der letzten zwei Jahre ergeben, wie sie namentlich in Heß’ Philosophie 
begann“. D.h., sie hat „sich ergeben“, als die Verwicklung unsres Verfassers 
in den Sozialismus „begann“, nämlich in den „zwei letzten Jahren“, womit 

.es für ihn „an der Zeit war“, sich vermittelst einiger „Schibboleths“ über 

das, was er für „gesellschaftliche Parteien“ hält, „auch einmal näher“ zu er- 
leuchten. 

Nachdem wir so mit dem Kommunismus und Sozialismus fertig geworden 
sind, führt uns unser Verfasser die höhere Einheit beider, den Humanismus, 
vor. Von diesem Augenblicke an betreten wir das Land „des Menschen“, und 
von nun an trägt sich die ganze wahre Geschichte unsres wahren Sozialisten 
nur in Deutschland zu. 

„In dem Humanismus nun lösen sich alle Namenstreitigkeiten auf; zu was Kom- 
munisten, zu was Sozialisten ? Wir sind Menschen“ (p. 172) 

- tous freres, tous amis!, 

Laßt uns nicht schwimmen gegen den Strom, 

Ihr Brüder, es hilft uns wenig! 

Laßt uns besteigen den Templower Berg 
Und rufen: Es lebe der König! 1721 _ x 

Zu was Menschen, zu was Bestien, zu was Pflanzen, zu was Steine? Wir 
sind Körper! 

Folgt eine historische Auseinandersetzung, die auf der deutschen Wissen- 
schaft basiert und die den Franzosen ihr „gesellschaftlicher Instinkt einst 
ersetzen helfen wird“. Antike Zeit — Naivetät, Mittelalter - Romantik, neue 
Zeit - Humanismus. Durch diese drei Trivialitäten ist natürlich der Huma- - 
nismus unsres Verfassers historisch konstruiert und als die Wahrheit der 
Humaniora 17°! yon ehedem erwiesen. Über dergleichen Konstruktionen ver- 
gleiche man „Sankt Max“ im ersten Bande, der diesen Artikel viel kunst- 
gerechter und weniger dilettantisch fabriziert. 

p. 172 wird uns berichtet, daß 

„die letzte Folge des Scholastizismus die Spaltung des Lebens ist, die Heß ver- 
nichtete“. 

Die Theorie wird hier also als die Ursache der „Spaltung des Lebens“ 
dargestellt. Man sieht nicht ein, weshalb diese wahren Sozialisten überhaupt 
von der Gesellschaft sprechen, wenn sie mit den Philosophen glauben, daß 
alle wirklichen Spaltungen durch Begriffsspaltungen hervorgerufen wurden. 

1 alle Brüder, alle Freunde 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. I. „Rhein. Jahrbücher“ 455 

Sie können sich in diesem philosophischen Glauben an die weltschöpferische 
und weltzerstörende Macht der Begriffe dann auch einbilden, ein beliebiges 
Individuum habe durch irgendwelche „Vernichtung“ von Begriffen „die 
Spaltung des Lebens vernichtet“. Bei diesen wahren Sozialisten wird, wie bei 
allen deutschen Ideologen, die literarische Geschichte fortwährend mit der 
wirklichen Geschichte als gleich wirkend durcheinandergeworfen. Diese 
Manier ist allerdings sehr begreiflich bei den Deutschen, die die miserable 
Rolle, die sie in der wirklichen Geschichte gespielt haben und fortwährend 
spielen, dadurch verdecken, daß sie die Illusionen, an denen sie so besonders 
reich waren, auf gleiche Stufe mit der Wirklichkeit stellen. 

Nun zu den „letzten zwei Jahren“, in denen die deutsche Wissenschaft 
sämtliche Fragen gründlichst erledigt und den andern Nationen nichts mehr 
übrigläßt als die Ausführung ihrer Dekrete. | 

„Das Werk der Anthropologie, die Wiedergewinnung seines“ (Feuerbachs oder 
des Menschen?) „ihm entfremdeten Wesens durch den Menschen ward durch Feuer- 
bach nur einseitig vollzogen, d.h. begonnen; er vernichtete die religiöse Illusion, die 
theoretische Abstraktion, den Gott-Menschen, während Heß die politische Illusion, 
die Abstraktion seines“ (Hessens oder des Menschen?), „Vermögens, seiner Tätigkeit, 
d. i. das Vermögen zerstört. Nur durch die Arbeit des letzteren ward der Mensch von 
den letzten Mächten außer ihm befreit, zu sittlicher Tätigkeit befähigt - alle Uneigen- 
nützigkeit der früheren“ (vorhessischen) „Zeit war nur eine scheinbare - und in seine 
Würde wieder eingesetzt: oder wo galt der Mensch früher“ (vor Heß) „das, was er war? 
Wurde er nicht nach seinen Schätzen geschätzt? Sein Geld schaffte ihm seine Gel- 
tung.“ p. 171. 

Charakteristisch ist für alle diese hohen Worte von Befreiung usw., daß 
immer nur „der Mensch“ der Befreite etc. ist. Obgleich es nach den obigen 
Aussprüchen scheint, als habe nun das „Vermögen“, „Geld“ usw. aufgehört, 
so erfahren wir doch im folgenden Satz: 

„Nun erst, nach Zerstörung dieser Illusionen“ (das Geld ist, sub specie aeterni! 
betrachtet, allerdings eine Illusion, l’or n’est qu’une chimere?), „kann an eine neue, 

menschliche Ordnung der Gesellschaft gedacht werden.“ (ibid.) 

Dies ist aber ganz überflüssig, denn 
„die Erkenntnis des Wesens des Menschen hat ein wahrhaft menschliches Leben zur 
natürlichen, notwendigen Folge“. (p. 172.) 

Durch die Metaphysik, durch die Politik pp. zum Kommunismus oder 
Sozialismus kommen - diese bei den wahren Sozialisten sehr beliebten 
Phrasen besagen weiter nichts, als daß dieser oder jener Schriftsteller die ihm 

1 vom Gesichtspunkt der Ewigkeit - ° das Gold ist nur ein Himgespinst 

29* 

456 Karl Marx und Friedrich Engels 

von Außen zugekommenen und aus ganz andern Verhältnissen entsprungenen 
kommunistischen Ideen sich in der Redeweise seines bisherigen Standpunkts 
angeeignet und ihnen den diesem Standpunkte entsprechenden Ausdruck ge- 
geben hat. Ob einer oder der andre dieser Standpunkte bei einer ganzen 

: Nation vorwiegt, ob ihre kommunistische Änschauungsweise politisch, meta- 

physisch oder sonst tingiert ist, hängt natürlich von der ganzen Entwicklung 
des Volkes ab. Unser Verfasser zieht aus der Tatsache, daß die Anschauungs- 
weise der meisten französischen Kommunisten eine politische Färbung hat — 
einer Tatsache, der die andre gegenübersteht, daß sehr viele französische 
Sozialisten von der Politik gänzlich abstrahiert haben — den Schluß, daß die 
Franzosen „durch die Politik“, durch ihre politische Entwicklung „zum 
Kommunismus gekommen seien“. Dieser überhaupt in Deutschland sehr 
stark zirkulierende Satz beweist nicht, daß unser Verfasser von der Politik, 
namentlich der französischen politischen Entwicklung, oder vom Kommunis- 
mus irgend etwas weiß, sondern nur, daß er die Politik für eine selbständige 
Sphäre hält, die ihre eigne, selbständige Entwicklung hat, ein Glaube, den er 
mit allen Ideologen teilt. 

Ein anderes Stichwort der wahren Sozialisten ist das „wahre Eigentum“, 
das „wahre, persönlicheEigentum“, „wirkliche“, „gesellschaftliche“, „leben- 
dige“, „natürliche“ ppp. Eigentum, wogegen sie höchst charakteristisch das 
Privateigentum als „sogenanntes Eigentum“ bezeichnen. Wir haben schon im 
ersten Bande darauf hingewiesen, daß dieser Sprachgebrauch ursprünglich 
von den Saint-Simonisten herrührt, bei denen er indes nie diese deutsche 
metaphysisch-mysteriöse Form erreichte und bei denen er im Anfange der 
sozialistischen Bewegung gegenüber dem bornierten Geschrei der Bourgeois! 
einigermaßen berechtigt war. Das Ende, das die meisten Saint-Simonisten 
genommen haben, beweist übrigens, wie leicht dies „wahre Eigentum“ sich 
in „gewöhnliches Privateigentum“ wieder auflöst. - 

Wenn man sich den Gegensatz des Kommunismus zur Welt des Privat- 
eigentums in der rohsten Form vorstellt, d. h. in der abstraktesten? Form, in 
der man alle wirklichen Bedingungen dieses Gegensatzes entfernt, so hat man 
den Gegensatz von Eigentum und Eigentumslosigkeit. Man kann dann die 
Aufhebung dieses Gegensatzes als Aufhebung der einen oder der andern Seite 
fassen, als Aufhebung des Eigentums, wobei die allgemeine Eigentumslosig- 
keit oder Lumperei herauskommt, oder als Aufhebung der Eigentumslosigkeit, 
die in der Herstellung des wahren Eigentums besteht. In der Wirklichkeit 
stehen auf der einen Seite die wirklichen Privateigentümer, auf der andern die 

1 MEGA: Bourgeoisie - ? MEGA: abstrakten 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. I. „Rhein. Jahrbücher“ 457 

eigentumslosen kommunistischen Proletarier. Dieser Gegensatz wird täglich 
schärfer und drängt auf eine Krise hin. Wenn also die. theoretischen Ver- 
treter der Proletarier irgend etwas durch ihre literarische Tätigkeit ausrichten 
wollen, so müssen sie vor Allem darauf dringen, daß alle Phrasen entfernt 
werden, die das Bewußtsein der Schärfe dieses Gegensatzes schwächen, 
alle Phrasen, die diesen Gegensatz vertuschen und wohl gar den Bourgeois 
Gelegenheit bieten, sich kraft ihrer philanthropischen Schwärmereien der 
Sicherheit halber den Kommunisten zu nähern. Alle diese schlechten Eigen- 
schaften finden wir aber in den Stichwörtern der wahren Sozialisten, nament- 
lich in dem „wahren Eigentum“. Wir wissen sehr gut, daß die kommunistische 

Bewegung nicht durch ein paar deutsche Phrasenmacher verdorben werden 

kann. Aber es ist dennoch nötig, in einem Lande wie Deutschland, wo die 
philosophischen Phrasen seit Jahrhunderten eine gewisse Macht hatten und 
wo die Abwesenheit der scharfen Klassengegensätze andrer Nationen ohnehin 
dem kommunistischen Bewußtsein weniger Schärfe und Entschiedenheit gibt, 
allen Phrasen entgegenzutreten, die das Bewußtsein über den totalen Gegen- 
satz des Kommunismus gegen die bestehende Weltordnung noch mehr ab- 
schwächen und verwässern könnten. 

Diese Theorie vom wahren Eigentum faßt das bisherige wirkliche Privat- 
eigentum nur als Schein, dagegen die aus diesem wirklichen Eigentum ab- 

strahierte Vorstellung als Wahrheit und Wirklichkeit dieses Scheins, ist also 

durch und durch ideologisch. Sie spricht nur klarer und bestimmter die Vor- 
stellungen der Kleinbürger aus, deren wohltätige Bestrebungen und fromme 
Wünsche ebenfalls auf die Aufhebung der Eigentumslosigkeit hinauslaufen. 
Wir haben in diesem Aufsatze wieder gesehen, welche borniert-nationale 

Anschauungsweise dem vorgeblichen Universalismus und Kosmopolitismus 
der Deutschen zugrunde liegt. 

Franzosen und Russen gehört das Land, 

Das Meer gehört den Briten, 

Wir aber besitzen im Luftreich des Traums 

Die Herrschaft unbestritten. 

Hier üben wir die Hegemonie, 

Hier sind wir unzerstückelt; 

Die andern Völker haben sich 

Auf platter Erde entwickelt. 17% 

Dieses Luftreich des Traums, das Reich des „Wesens des Menschen“, halten 
die Deutschen den andern Völkern mit gewaltigem Selbstgefühl als die Voll- 
endung und den Zweck der ganzen Weltgeschichte entgegen; auf jedem Felde 
betrachten sie ihre Träumereien als schließliches Endurteil über die Taten 

458 ’ Karl Marx und Friedrich Engels 

der andern Nationen, und weil sie überall nur das Zusehen und Nachsehen 
haben, glauben sie berufen zu sein, über alle Welt zu Gericht zu sitzen und 
die ganze Geschichte in Deutschland ihr letztes Absehen erreichen zu lassen. 
Daß dieser aufgeblasene und überschwengliche Nationalhochmut einer ganz 
kleinlichen, krämerhaften und handwerkermäßigen Praxis entspricht, haben 
wir bereits mehrere Male gesehen. Wenn die nationale Borniertheit überall 
widerlich ist, so wird sie namentlich in Deutschland ekelhaft, weil sie hier 
mit der Illusion, über die Nationalität und über alle wirklichen Interessen 
erhaben zu sein, denjenigen Nationalitäten entgegengehalten wird, die ihre 
nationale Borniertheit und ihr Beruhen auf wirklichen Interessen offen einge- 
stehen. Übrigens findet sich unter allen Völkern das Beharren auf der 
Nationalität nur noch bei den Bourgeois und ihren Schriftstellern. 

B) „Socialistische Bausteine“ !"? 

„Rhein/ische] Jahrb[ ücher ]“ p. 155 seggq. 

In diesem Aufsatze wird der Leser zunächst durch einen belletristisch- 
poetischen Prolog auf die schwereren! Wahrheiten des wahren Sozialismus 
vorbereitet. Der Prolog beginnt damit, als „Endzweck alles Strebens, aller 
Bewegungen, der schweren und unermüdeten Anstrengungen vergangener 
Jahrtausende“ ... „das Glück“ zu konstatieren. Wir erhalten in einigen 
kurzen Zügen sozusagen eine Geschichte des Strebens nach Glück: 

„Als das Gebäude der alten Welt in Trümmer zerfiel, flüchtete sich das menschliche 
Herz mit seinen Wünschen hinüber in das Jenseits; dorthin übertrug es sein Glück.“ 
p. 156. | | 

Daher alles Pech der irdischen Welt. In der neuesten Zeit hat der Mensch 
dem Jenseits den Abschied gegeben, und unser wahrer Sozialist fragt nun: 

„Vermag er die Erde wiederum als das Land seines Glücks zu begrüßen? Hat er in 
ihr wieder seine ursprüngliche Heimat erkannt? Warum trennt er dann noch länger 
Leben und.Glück, warum hebt er die letzte Scheidewand nicht auf, welche das irdische 
Leben selbst noch immer in zwei feindliche Hälften spaltet?“ (ibidem.) 

„Land meiner seligsten Gefühle!“ etc. 

Er erläßt nun eine Einladung zu einem Spaziergange an „den Menschen“, 
eine Einladung, die „der Mensch“ mit Vergnügen akzeptiert. „Der Mensch“ 
tritt in die „freie Natur“ und entwickelt unter Anderm folgende Herzens- 
ergießungen eines wahren Sozialisten: 

! MEGA: schweren 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. I. „Rhein. Jahrbücher“ 459 

».l. bunte Blumen ... hohe und stolze Eichen ... ihr Wachsen und Blühen, ihr 
Leben ist ihre Befriedigung, ihr Glück ... eine unermeßliche Schar von kleinen Tieren 
auf den Wiesen ... Waldvögel ... mutige Schar junger Rosse ... ich sehe“ (spricht „der 
Mensch“), „daß diese Tiere kein anderes Glück kennen noch begehren als dasjenige, 
welches für sie in der Äußerung und im Genusse ihres Lebens liegt. Wenn die Nacht 
herabsinkt, begegnet dem Blick meines Auges eine unzählbare Schar von Welten, welche 
nach ewigen Gesetzen im unendlichen Raum kreisend sich umschwingen. In diesen 
Schwingungen sehe ich eine Einheit von Leben, Bewegung und Glück.“ p. 157. 

„Der Mensch“ konnte noch eine Masse andrer Dinge in der Natur sehen, 
z.B. die größte Konkurrenz unter Pflanzen und Tieren, wie z. B. im Pflan- 
zenreich, in seinem „Walde von hohen und stolzen Eichen“ diese hohen und 
stolzen Kapitalisten dem kleinen Gebüsch die Lebensmittel verkümmern 
und dies ebenfalls ausrufen könnte: terra, aqua, aere et igni interdicti sumus!; 
er konnte die Schmarotzerpflanzen, die Ideologen der Vegetation, sehen, 
ferner einen offenen Krieg zwischen den „Waldvögeln“ und der „unermeß- 
lichen Schar kleiner Tiere“, zwischen dem Grase seiner „Wiesen“ und der 
„mutigen Schar junger Rosse“. Er konnte in der „unzählbaren Schar von 
' Welten“ eine ganze himmlische Feudalmonarchie mit Hintersassen und In- 
liegern sehen, von welchen letzteren einige, z. B. der Mond, eine sehr küm- 
merliche Existenz fristen, aere et aqua interdicti; ein Lehnswesen, in dem 
sogar die heimatlosen Vagabunden, die Kometen, eine ständische Gliede- 
rung erhalten haben, und in dem z.B.die zerschlagenen Asteroiden von 
zeitweiligen unangenehmen Auftritten zeugen, während die Meteorsteine, 
diese gefallnen Engel, sich verschämt durch „den unendlichen Raum“ schlei- 
chen, bis sie irgendwo ein bescheidnes Unterkommen finden. Weiter hinaus 
würde er dann auf die reaktionären Fixsterne kommen. 

„Alle diese Wesen finden in der Übung und Äußerung aller ihrer Lebensfähigkeiten, 
mit denen sie von der Natur begabt sind, zugleich ihr Glück, die Befriedigung und den 
Genuß ihres Lebens.“ 

D.h., in der gegenseitigen Einwirkung der Naturkörper aufeinander, in 
der Kußerung ihrer Kräfte findet „der Mensch“, ‚ daß diese Naturkörper 
darin ihr Glück usw. finden. 

„Der Mensch“ erhält nunmehr von unsrem wahren Sozialisten einen Ver- 
weis wegen seiner Zwietracht: 

„Ist der Mensch nicht gleichfalls hervorgegangen aus der Urwelt, ein Geschöpf der 
Natur wie alle andern? Ist er nicht aus denselben Stoffen gebildet, mit denselben allge- 

! von Erde, Wasser, Luft und Feuer sind wir ausgeschlossen worden 

460 Karl Marx und Friedrich Engels 

meinen Kräften und Eigenschaften begabt, welche alle Dinge beleben? Warum sucht 
er sein Glück auf der Erde noch immer in einem irdischen Jenseits?“ p. 158. 

„Dieselben allgemeinen Kräfte und Eigenschaften“, die der Mensch mit 
„allen Dingen“ gemein hat, sind Kohäsion, Undurchdringlichkeit, Volumen, 
Schwere usw., die man auf der ersten Seite jedes Lehrbuchs der Physik aus- 
führlich verzeichnet findet. Wie hieraus ein Grund gezogen werden kann, 
warum der Mensch nicht „sein Glück in einem irdischen Jenseits suchen“ 
sollte, ist schlechterdings nicht abzusehen. Aber, ermahnt er den Menschen: 

„Sehet die Lilien auf dem Felde.“ 

Ja, sehet die Lilien auf dem Felde, wie sie von den Ziegen verspeist, von 
„dem Menschen“ ins Knopfloch verpflanzt werden, wie sie unter den un- 
keuschen Liebkosungen der Viehmagd und des Eselstreibers zusammen- 
knicken! 

„Sehet die Lilien auf dem Felde, sie arbeiten nicht, sie spinnen nicht, und euer himm- 
lischer Vater ernähret sie doch.“ 

'Gehet hin und tut desgleichen! 

Nachdem wir so die Einheit „des Menschen“ mit „allen Dingen“ er- 
fahren haben, erfahren wir nun seinen Unterschied von „allen Dingen“. 

„Aber der Mensch erkennt sich, besitzt das Bewußtsein seiner selbst. Während in den 
andern Wesen die Triebe und Kräfte der Natur einzeln und unbewußt zur Erscheinung 
kommen, vereinigen sie sich im Menschen und gelangen in ihm zum Bewußtsein ... 
seine Natur ist der Spiegel der ganzen Natur, welche sich in ihm erkennt. Wohlan! 
Erkennt sich die Natur in mir, so erkenne ich in der Natur mich selbst, in ihrem Leben 
mein eignes Leben [...] So leben auch wir aus, was die Natur in uns hineingelegt hat.“ 

p. 158. 

Dieser ganze Prolog ist ein Muster naiver philosophischer Mystifikation. 
Der wahre Sozialist geht von dem Gedanken aus, daß der Zwiespalt von 
Leben und Glück aufhören müsse. Um für diesen Satz einen Beweis zu 
finden, nimmt er die Natur zu Hülfe und unterstellt, daß in ihr dieser Zwie- 
spalt nicht existiere, und hieraus schließt er, daß, da der Mensch ebenfalls 
ein Naturkörper sei und die allgemeinen Eigenschaften des Körpers besitze, 
für ihn dieser Zwiespalt ebenfalls nicht existieren dürfe. Mit viel größerem 
Rechte konnte Hobbes sein bellum omnium contra omnes! aus der Natur be- 
weisen und Hegel, auf dessen Konstruktion unser wahrer Sozualist fußt, in 
der Natur den Zwiespalt, die liederliche Periode der absoluten Idee erblicken 
und das Tier sogar die konkrete Angst Gottes nennen. Nachdem unser 

l [seinen] Krieg aller gegen alle 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. I. „Rhein. Jahrbücher“ 46] 

wahrer Sozialist die Natur so mystifiziert hat, mystifiziert er das menschliche 
Bewußtsein, indem er es zum „Spiegel“ der so mystifizierten Natur macht. 
Natürlich, sobald die Äußerung des Bewußtseins den Gedankenausdruck 
eines frommen Wunsches über menschliche Verhältnisse der Natur unter- 
geschoben, versteht es sich von selbst, daß das Bewußtsein nur der Spiegel 
ist, in dem die Natur sich selbst beschaut. Wie oben aus der Qualität des 
Menschen als bloßer Naturkörper, so hier aus seiner Qualität als bloßer pas- 
siver Spiegel, in dem die Natur zum Bewußtsein kommt, wird bewiesen, daß 
„der Mensch“ den in der Natur als nicht existierend unterstellten Zwiespalt 
ebenfalls in seiner Sphäre aufzuheben habe. Doch sehen wir uns den letzten 
Satz, in dem sich der ganze Unsinn zusammenfaßt, näher an. 

Der Mensch besitzt Selbstbewußtsein, erstes Faktum, was ausgesagt 
wird. Die Triebe und Kräfte der einzelnen Naturwesen werden verwandelt 
in die Triebe und Kräfte „der Natur“, die dann natürlich in diesen einzelnen 
Wesen vereinzelt „zur Erscheinung kommen“. Diese Mystifikation war nötig, 
um nachher die Vereinigung dieser Triebe und Kräfte „der Natur“ im 
menschlichen Selbstbewußtsein hervorzubringen. Hiermit wird dann auch 
ganz selbstredend das Selbstbewußtsein des Menschen verwandelt in das 
Selbstbewußtsein der Natur in ihm. Diese Mystifikation wird dadurch 
scheinbar wieder aufgelöst, daß der Mensch an der Natur Revanche nimmt 
und dafür, daß die Natur in ihm ihr Selbstbewußtsein findet, er nun in ihr 
das seinige sucht — eine Prozedur, wobei er natürlich nichts in ihr findet, als 
was er durch die oben beschriebne Mystifikation in sie hineingelegt hat. 

Er ist jetzt glücklich wieder dabei angekommen, wovon er im Anfange 
ausging, und dies Herumdrehen auf dem Absatz nennt man neuerdings in 
Deutschland ... Entwicklung. 

Nach diesem Prologe kommt die eigentliche Entwicklung des wahren 
Sozialismus. 

Erster Baustein 

p. 160. „Saint-Simon sagte auf seinem Totenbett zu seinen Schülern: Mein ganzes 
Leben faßt sich in Einen Gedanken zusammen: allen Menschen die freieste Enwick- 
lung ihrer natürlichen Anlagen zu sichern. Saint-Simon war ein Verkündiger des 
Sozialismus.“ 

Dieser Satz wird nach der oben geschilderten Methode der wahren Sozia- 
listen und in Verbindung! mit der Naturmystifikation des Prologs verarbeitet. 

1 MEGA: Methode der wahren Sozialisten in Verbindung 

462. Karl Marx und Friedrich Engels 

„Die Natur als Grundlage alles Lebens ist eine ausssich selbet hervorgehende und 
auf sich selbst zurückgehende Einheit, welche alle die unzähligen Mannigfaltigkeiten 
ihrer Erscheinungen umfaßt und außer welcher Nichts ist.“ p. 158. 

Wir haben gesehen, wie man es anfängt, die verschiedenen Naturkörper 
und ihre gegenseitigen Verhältnisse in mannigfaltige „Erscheinungen“ des 
geheimen Wesens dieser mysteriösen „Einheit“ zu verwandeln. Neu ist in 
diesem Satze nur, daß die Natur einmal „die Grundlage alles Lebens“ heißt 
und gleich darauf gesagt wird, daß „außer ihr Nichts ist“, wonach sie „das 
Leben“ ebenfalls umschließt und nicht seine bloße Grundlage sein kann. 

Auf diese Donnerworte folgt das Pivot! des ganzen Aufsatzes: 

„Jede dieser Erscheinungen, jedes Einzelleben besteht und entwickelt sich nur 
durch seinen Gegensatz, seinen Kampf mit der Außenwelt, beruht nur auf seiner 
Wechselwirkung mit dem Gesamtleben, mit dem es wiederum durch seine Natur zu 
einem Ganzen, zur organischen Einheit des Universums verknüpft ist.“ p. 158, 159. 

Dieser Pivotalsatz wird folgendermaßen näher erläutert: 

‘„Das Einzelleben findet einerseits seine Grundlage, seine Quelle und Nahrung in 

. dem Gesamtleben, andererseits sucht das Gesamtleben das Einzelleben in stetem 

Kampf zu verzehren und in sich aufzulösen.“ p. 159. 

Nachdem dieser Satz so von allem Einzelleben ausgesagt ist, kann er 
„demnach“ auch auf den Menschen angewandt werden, wie dies auch wirk- 
lich geschieht: 

„Der Mensch kann sich demnach nur in und durch das Gesamtleben entfalten.“ 

(Nr. D) ibid. 

Nun wird dem unbewußten Einzelleben das bewußte, dem allgemeinen 
Naturleben die menschliche Gesellschaft gegenübergestellt und dann der 
letztzitierte Satz unter folgender Form wiederholt: 

„Ich kann meiner Natur nach nur in und durch die Carieingchikt mit andern 
Menschen zur Entwicklung, zum selbstbewußten Genusse meines Lebens gelangen, 

meines Glückes teilhaftig werden.“ (Nr. II) ibid. 

Diese Entwicklung des einzelnen Menschen in der Gesellschaft wird, wie 
oben beim „Einzelleben“ überhaupt, weiter ausgeführt: 

„Der Gegensatz des einzelnen zum allgemeinen Leben wird auch in der Gesell- 
schaft die Bedingung zur bewußten menschlichen Entwicklung. Ich entwickle mich 
im steten Kampfe, in steter Gegenwirkung gegen die Gesellschaft, die mir als be- 
schränkende Macht gegenübersteht, zur Selbstbestimmung, zur Freiheit, ohne welche 

! der Angelpunkt 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. I. „Rhein. Jahrbücher“ 463 . 

kein Glück ist. Mein Leben ist eine fortwährende Befreiung, ein fortwährender Streit 
und Sieg über die bewußte und unbewußte Außenwelt, um sie mir zu unterwerfen und 
sie zum Genusse meines Lebens zu verbrauchen. Der Trieb der Selbsterhaltung, das 
Streben nach eignem Glück, Freiheit, Befriedigung sind also natürliche, d.h. ver- 
nünftige Lebensäußerungen.“ (ibid.) 

Weiter. 
„Ich verlange demnach von der Gesellschaft, daß sie mir die Möglichkeit gewährt, 

von ihr meine Befriedigung, mein Glück zu erkämpfen, daß sie meiner Kampfeslust 
ein Schlachtfeld eröffne. - Wie die einzelne Pflanze Boden, Wärme, Sonne, Luft und 
Regen verlangt, um zu wachsen, ihre Blätter, Blüten und Früchte zu tragen, so will 
auch der Mensch in der Gesellschaft die Bedingungen für die allseitige Ausbildung und 
Befriedigung aller seiner Bedürfnisse, Neigungen und Anlagen finden. Sie sol! ihm 
die Möglichkeit zur Erringung seines Glücks bieten. Wie er sie benutzen, was er aus 

sich, aus seinem Leben machen wird, das hängt von ihm, von seiner Eigenheit ab. Über 

mein Glück kann Niemand als ich selbst bestimmen.“ p. 159, 160. 

Folgt nun der von uns am Änfange dieses Bausteins zitierte Satz Saint- 
Simons als Schlußresultat der ganzen Auseinandersetzung. Der französische 
Einfall ist somit durch die deutsche Wissenschaft begründet. Worin besteht 
diese Begründung? 

Der Natur waren bereits oben einige Ideen untergeschoben, die der wahre 
Sozialist in der menschlichen Gesellschaft realisiert zu sehen wünscht. Wie 
früher der einzelne Mensch, so ist jetzt die ganze Gesellschaft der Spiegel der 
Natur. Von den der Natur untergeschobenen Vorstellungen kann jetzt ein 
weiterer Schluß auf die menschliche Gesellschaft gezogen werden. Da der 
Verfasser sich nicht auf die historische Entwicklung der Gesellschaft einläßt 
und sich bei dieser dürren Analogie beruhigt, so ist nicht abzusehen, weshalb 
sie nicht zu allen Zeiten ein getreues Abbild der Natur gewesen. Die Phrasen 
über die Gesellschaft, die den Einzelnen als beschränkende Macht gegenüber- 
tritt usw., passen daher auch auf alle Gesellschaftsformen. Daß bei dieser 
Konstruktion der Gesellschaft einige Inkonsequenzen sich einschleichen, ist 
natürlich. So muß hier im Gegensatz zur Harmonie des Prologs ein Kampf in 
der Natur anerkannt werden. Die Gesellschaft, das „Gesamtleben“, faßt unser 
Verfasser nicht als die Wechselwirkung der sie zusammensetzenden „Einzel- 
leben“, sondern als eine besondre Existenz, die mit diesen „Einzelleben“ 
noch in eine aparte Wechselwirkung tritt. Wenn hier irgendeine Beziehung 
auf wirkliche Verhältnisse zugrunde liegt, so ist es die Illusion von der Selb- 
ständigkeit des Staates gegenüber dem Privatleben und der Glaube an diese 
scheinbare Selbständigkeit als an etwas Absolutes. Übrigens handelt es sich 
hier ebensowenig wie im ganzen ÄAufsatze von Natur und Gesellschaft, 

464 Karl Marx und Friedrich Engels 

sondern bloß von den beiden Kategorien Einzelnheit und Allgemeinheit, 
denen verschiedene Namen gegeben werden und von welchen gesagt 
wird, daß sie einen Gegensatz bilden, dessen Versöhnung höchst wünschens- 
wert sei. 

Aus der Berechtigung des „Einzellebens* gegen das „Gesamtleben“ 
folgt, daß die Befriedigung der Bedürfnisse, die Entwicklung der Anlagen, 
die Selbstliebe pp. „natürliche, vernünftige Lebensäußerungen“ sind. Aus 
der Auffassung der Gesellschaft als Spiegelbild der Natur folgt, daß in allen 
bisherigen Gesellschaftsformen, die gegenwärtige eingeschlossen, diese Le- 
bensäußerungen zu ihrer vollständigen Entwicklung kamen und in ihrer Be- 
rechtigung anerkannt wurden. 

Plötzlich erfahren wir p. 159, daß ‚in unsrer heutigen Gesellschaft“ diese 
vernünftigen, natürlichen Lebensäußerungen dennoch „so oft unterdrückt 
werden“ und „gewöhnlich nur deshalb in Unnatur, Verbildung, Egoismus, 
Laster pp. ausarten“. 

Da also dennoch die Gesellschaft nicht der Natur, ihrem Urbilde, ent- 
spricht, so „verlangt“ der wahre Sozialist von ihr, daß sie sich naturgemäß 
einrichte, und beweist sein Recht zu diesem Postulat durch das unglückliche 
Beispiel von der Pflanze. Erstens „verlangt“ nicht die Pflanze von der Natur 
alle die oben aufgezählten Existenzbedingungen, sondern sie wird gar nicht 
Pflanze, sie bleibt Samenkorn, wenn sie sie nicht findet. Dann hängt die Be- 
schaffenheit der „Blätter, Blüten und Früchte“ sehr von dem „Boden“, der 
„Wärme“ pp., von den klimatischen und geologischen Verhältnissen ab, 
unter denen sie wächst. Während also das der Pflanze untergeschobene „Ver- 
langen“ sich in eine vollständige Abhängigkeit von den vorliegenden Exi- 
stenzbedingungen auflöst, soll ebendies Verlangen unsren wahren Sozialisten 
berechtigen, eine Einrichtung der Gesellschaft nach seiner individuellen 
„Eigenheit“ zu verlangen. Das Postulat der wahren sozualistischen Gesell- 
schaft begründet sich auf das eingebildete Postulat einer Kokospalme an 
„das Gesamtleben“, ihr am Nordpol „Boden, Wärme, Sonne, Luft und 
Regen“ zu verschaffen. 

Aus dem angeblichen Verhältnis der metaphysischen Personen Einzelnheit 
und Allgemeinheit, nicht aus der wirklichen Entwicklung der Gesellschaft, 
wird das obige Postulat des Einzelnen an die Gesellschaft deduziert. Hierzu 
braucht man nur die einzelnen Individuen als Repräsentanten, Verkörpe- 
rungen der Einzelnheit, und die Gesellschaft als Verkörperung der Allgemein- 
heit zu interpretieren, und das ganze Kunststück ist fertig. Zugleich ist hier- 
durch der saint-simonistische Satz von der freien Entwicklung der Anlagen 
auf seinen richtigen Ausdruck und seine wahre Begründung zurückgeführt. 

{ 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. I. „Rhein. Jahrbücher“ 465 

Dieser richtige Ausdruck besteht in dem Unsinn, daß die Individuen, die die 
Gesellschaft bilden, ihre „Eigenheit*“ bewahren, daß sie bleiben wollen, wie 
sie sind, während sie von der Gesellschaft eine Veränderung verlangen, die 
bloß aus ihrer eignen. Veränderung hervorgehen kann. 

Zweiter Baustein 

„Und wer das Lied nicht weiter kann, 
Der fang’ es wieder von vornen an.“ 1176) 

„Die unendliche Mannigfaltigkeit aller Einzel- 
Wesen als Einheit zusammengefaßt ist der Weltorganismüs“. (p. 160.) 
Also zurück an den Anfang des Aufsatzes sind wir geschleudert und erleben 
die ganze Komödie vom Einzelleben und Gesamtleben zum andern Mal. 
Wiederum enthüllt sich uns das tiefe Geheimnis der Wechselwirkung zwi- 
schen den beiden Leben, restaur& ä neuf! durch den neuen Ausdruck „polares 
Verhältnis“ und die Verwandlung des Einzellebens in ein bloßes Symbol, 
„Abbild“ des Gesamtlebens. Dieser Aufsatz reflektiert sich kaleidoskopisch 
in sich selbst, eine Manier der Entwicklung, die allen wahren Sozialisten ge- 
meinsam ist. Sie machen es mit ihren Sätzen wie jenes Kirschenweib, das 
unter dem Einkaufspreise losschlug nach dem richtigen ökonomischen Prin- 
zip: Die Masse muß es tun. Bei dem wahren Sozialismus ist dies um so not- 
wendiger, als seine Kirschen faul waren, ehe sie reiften. 

Einige Proben dieser Selbstspiegelung: 

Baustein Nr. I. p. 158, 159. 

„Jedes Einzelleben besteht und ent- 
wickelt sich nur durch seinen Gegensatz ... 
beruht. nur auf der Wechselwirkung mit 
dem Gesamtleben, 

Mit dem es wieder durch seine Natur 
zu einem Ganzen verknüpft ist. 

Organische Einheit des Universums. 

Das Einzelleben findet einerseits seine 
Grundlage, Quelle und Nahrung in dem 
Gesamtleben, 

Baustein Nr. II. p. 160, 161. 

„Jedes Einzelleben besteht und ent- 
wickelt sich in und durch das Gesamtleben, 
das Gesamtleben nur in und durch das 

Einzelleben.“ (Wechselwirkung.) 

„Das Einzelleben entwickelt sich ... 
als Teil des allgemeinen Lebens. 

Einheit zusammengefaßt ist der Welt- 
organismus. 

Das“ (das Gesamtleben) „der Boden 
und Nahrung seiner“ (des Einzellebens) 
„Entfaltung wird ... daß sich beide gegen- 
seitig begründen ... 

1 auf neu hergerichtet 

466 Karl Marx und Friedrich Engels 

Ändrerseits sucht das Gesamtleben 
das Einzelleben in stetem Kampfe zu ver- 
zehren. 

Demnach (p. 159): 

Was dem unbewußten Einzelleben 
das unbewußte, allgemeine Weltleben, 
das ist dem bewußten ... Leben die 
menschliche Gesellschaft. 

Ich kann nur in und durch die Gemein- 

schaft mit andern Menschen zur Entwick- 

lung gelangen ... Der Gegensatz des ein- 
zelnen und allgemeinen Leberis wird auch 
in der Gesellschaft“ usw. 

„Die Natur ... ist eine ... Einheit, 
welche alle die unzähligen Mannigfaltig- 
keiten ihrer Erscheinungen umfaßt.“ 

Daß sich beide bekämpfen und feind- 
lich gegenüberstehen. 

Daraus folgt (p. 161): 

Daß auch das bewußte Einzelleben 
durch das bewußte Gesamtleben und“ ... 
(umgekehrt) ... „bedingt ist. 

Der einzelne Mensch entwickelt sich nur 
in und durch die Gesellschaft, die Gesell- 

schaft“ vice versa! usw. 

„Die Gesellschaft ist die Einheit, 
welche die Mannigfaltigkeit der einzelnen 
menschlichen Lebensentwicklungen in 

sich begreift und zusammenfaßt.“ 

Mit dieser Kaleidoskopie nicht zufrieden, wiederholt unser Verfasser 
seine einfachen Sätze über Einzelnheit und Allgemeinheit auch noch auf andre 
Weise. Zuerst stellt er diese paar dürren? Abstraktionen als absolute Prin- 
zipien auf und schließt daraus, daß.in der Wirklichkeit dasselbe Verhältnis 
wiederkehren müsse. Dies gibt schon Gelegenheit, unter dem Schein der 
Deduktion alles zweimal zu sagen, in abstrakter und als Schluß daraus in 
scheinbar konkreter Form. Dann aber wechselt er mit den konkreten Namen, 
die er seinen beiden Kategorien gibt. Die Allgemeinheit tritt so nach der 

. Reihe als Natur, unbewußtes Gesamtleben, bewußtes ditto, allgemeines 

Leben, Weltorganismus, zusammenfassende Einheit, menschliche Gesell- 
schaft, Gemeinschaft, organische Einheit des Universums, allgemeines Glück, 
Gesamtwohl pp., und die Einzelnheit unter den entsprechenden Namen un- 
bewußtes und bewußtes Einzelleben, Glück des Einzelnen, eignes Wohl pp. 
auf. Bei jedem dieser Namen müssen wir dieselben Phrasen wieder anhören, 

- die über Einzelnheit und Allgemeinheit schon oft genug gesagt sind. 

Der zweite Baustein enthält also nichts, als was der erste schon enthielt. 
Da sich aber bei den französischen Sozualisten die Worte &galite, solidarit£, 
unite des inter&ts vorfinden, so sucht unser Verfasser sie durch Verdeut- 
schung zu „Bausteinen“ des wahren Sozialismus zuzuhauen. 

l umgekehrt - 2? MEGA: diese ganz dürren — ° Gleichheit, Solidarität, Einheit der 
Interessen 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. 1. „Rhein. Jahrbücher“ 467 

„Als bewußtes Mitglied der Gesellschaft erkenne ich jedes andre Mitglied als ein 
von mir verschiedenes, mir gegenüberstehendes, zugleich aber wieder als ein auf dem 
gemeinschaftlichen Urgrunde des Seins ruhendes und von ihm ausgehendes, mir glei- 
ches Wesen. Ich erkenne jeden Mitmenschen durch seine besondre Natur als mir ent- 
gegengesetzt und durch seine allgemeine Natur als mir gleich. Die Anerkennung der 
menschlichen Gleichheit, der Berechtigung eines Jeden zum Leben, beruht demnach 
auf dem Bewußtsein der gemeinschaftlichen, allen gemeinsamen menschlichen Natur; 

Liebe, Freundschaft, Gerechtigkeit und alle gesellschaftlichen Tugenden beruhen 

gleichfalls auf dem. Gefühle der natürlichen menschlichen Zusammengehörigkeit und 
Einheit. Hat man sie bisher als Pflichten bezeichnet und auferlegt, so werden sie in 
einer Gesellschaft, welche nicht auf äußern Zwang, sondern auf das Bewußtsein der 
inneren menschlichen Natur, d.h.die Vernunft, gegründet ist, zu freien, naturgemäßen 
Äußerungen des Lebens werden. In der natur-, d.h. vernunftgemäßen Gesellschaft 
müssen daher die Bedingungen des Lebens für alle Mitglieder gleich, d. h. allgemein 
sein.“ p. 161, 162. 

Der. Verfasser besitzt ein großes Talent, zuerst einen Satz assertorisch 
aufzustellen und ihn dann durch ein Daher, Dennoch pp. als Konsequenz aus 
sich selbst zu legitimieren. Ebenso versteht er es, mitten in diese merkwür- 
dige Art der Deduktion traditionell gewordene sozialistische Sätze durch ein 

„Hat“, „Ist“ - „so müssen“, „so wird“ usw. erzählend einzuschmuggeln. 

In dem ersten Baustein hatten wir auf der einen Seite den Einzelnen und 
auf der andern das Allgemeine, gegenüber den Einzelnen, als Gesellschaft. 
Hier kehrt der Gegensatz in der Form wieder, daß.der Einzelne in sich selbst 
in eine besondre und eine allgemeine Natur gespalten wird. Aus der allge- 
meinen Natur wird dann auf die „menschliche Gleichheit“ und die Gemein- 
schaftlichkeit geschlossen. Die den Menschen gemeinschaftlichen Verhält- 
nisse erscheinen hier also als Produkt des „Wesens des Menschen“, der Natur, 
während sie ebensogut wie das Bewußtsein der Gleichheit historische Pro- 
dukte sind. Damit noch nicht zufrieden, begründet der Verfasser die Gleich- 
heit durch ihr allerseitiges Beruhen „auf dem gemeinschaftlichen Urgrunde 
des Seins“. Im Prolog erfuhren wir p. 158, daß der Mensch „aus denselben 
Stoffen gebildet, mit denselben ..allgemeinen Kräften und Eigenschaften be- 
gabt ist, welche alle Dinge beleben“. Im ersten Baustein erfuhren wir, daß 
die Natur die „Grundlage alles Lebens“ ist, also „der gemeinschaftliche Ur- 
grund des Seins“. Der Verfasser ist also weit über die Franzosen hinaus- 

gegangen, indem er „als bewußtes Mitglied der Gesellschaft“ nicht nur die 

Gleichheit der Menschen unter sich, sondern auch ihre Gleichheit mit jedem 
Floh, jedem Strohwisch, jedem Stein bewiesen hat. 

Wir wollen gerne glauben, daß „alle gesellschaftlichen Tugenden“ unsres 
wahren Sozialisten „auf dem Gefühl der natürlichen menschlichen Zusam- 

468 ‚Karl Marx und Friedrich Engels 

mengehörigkeit und Einheit“ beruhen, obwohl auf dieser „natürlichen Zu- 

sarmmengehörigkeit“ auch die Feudalhörigkeit, die Sklaverei und alle gesell- 

schaftlichen Ungleichheiten aller Epochen beruhen. Nebenbei bemerkt, ist 
diese „natürliche menschliche Zusammengehörigkeit“ ein täglich von den 
Menschen umgestaltetes historisches Produkt, das immer sehr natürlich war, 
so unmenschlich und widernatürlich es nicht nur vor dem Richterstuhl „des 
Menschen“, sondern auch einer nachfolgenden revolutionären Generation 
erscheinen mag. & 

Zufällig erfahren wir noch, daß die jetzige Gesellschaft „auf äußerm 
Zwang“ beruht. Nicht die beschränkenden materiellen Lebensbedingungen 
gegebner Individuen stellen sich die wahren Sozialisten unter „äußerm 
Zwang“ vor, sondern nur den Staatszwang, Bajonette, Polizei, Kanonen, 
welche, weit entfernt, die Grundlage der Gesellschaft zu sein, nur eine Konse- 
quenz ihrer eignen Gliederung sind. Es ist dies bereits in der „Heiligen Fa- 
milie“ und jetzt wieder im ersten Bande dieser Publikation auseinander- 
gesetzt. 

Gegenüber der jetzigen, „auf äußerm Zwang beruhenden“ Gesellschaft 
stellt der Sozialist das Ideal der wahren Gesellschaft auf, die auf dem „Be- 
wußtsein der innern menschlichen Natur, d.h. der Vernunft“ beruht. Also 
auf dem Bewußtsein des Bewußtseins, dem Denken des Denkens. Der wahre 
Sozialist unterscheidet sich nicht einmal im Ausdruck mehr von den Philo- 
sophen. Er vergißt, daß sowohl die „innere Natur“ der Menschen we ihr 
„Bewußtsein“ darüber, „d.h.“ ihre „Vernunft“, zu allen Zeiten ein histo- 
risches Produkt war, und daß, selbst wenn ihre Gesellschaft, wie er meint, 
„auf äußerm Zwang“ beruhte, ihre „innere Natur“ diesem „äußern Zwang“ 
entsprach. 

Folgen p. 163 die Einzelnheit und Allgemeinheit mit gewohntem Ge- 
folge in der Gestalt des einzelnen Wohls und des Gesamtwohls. Ähnliche 
Erklärungen über das Verhältnis beider findet man in jedem Handbuch der 
Nationalökonomie bei Gelegenheit der Konkurrenz, und u.a.auch, nur 
besser ausgedrückt, bei Hegel. 

Z.B. „Rheinfische], Jahrb[bücher]“, p. 163: 

„Indem ich das Gesamtwohl fördere, fördere ich mein eignes Wohl, und indem ich 
mein eignes Wohl fördere, das Gesamtwohl.“ 

Hegels „Rechtsphilosophie“, p. 248 (1833): 

„Meinen Zweck befördernd, fördere ich .das Allgemeine, und dieses befördert 
wiederum meinen Zweck.“ 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. I. „Rhein. Jahrbücher“ 469 

Vgl.auch „Rechtsphil[osophiel*, p. 323 seqq. über das Verhältnis des 
Staatsbürgers zum Staat. 

Als letztes Ergebnis erscheint daher die bewußte Einheit des Einzellebens mit dem 
Gesamtleben, die Harmonie.“ (p. 163, „Rhleinische] J[ahrbücher]“.) 

„Als letztes Ergebnis“ nämlich daraus, daß 

„dieses polare Verhältnis zwischen dem einzelnen und allgemeinen Leben darin besteht, 
daß sich einmal Beide bekämpfen und feindlich gegenüberstehen, das andre Mal, daß 
sich Beide gegenseitig bedingen und begründen.“ 

„Als letztes Ergebnis“ folgt hieraus höchstens die Harmonie der Dishar- 
monie mit der Harmonie, und aus der ganzen abermaligen Repetition der 
bekannten Phrasen folgt nur der Glaube des Verfassers, daß sein vergebliches 
Abquälen mit den Kategorien der Einzelnheit und Allgemeinheit die wahre 
Form sei, in der die gesellschaftlichen Fragen zu lösen seien. 

Der Verfasser schließt mit folgendem Tusch: 

„Die organische Gesellschaft hat zur Grundlage die allgemeine Gleichheit und entwickelt 
sich durch die Gegensätze der Einzelnen gegen das Allgemeine zum freien Einklange, zur 
Einheit des einzelnen mit dem allgemeinen Glüäcke, zur sozialen“ (!) „gesellschaftlichen”(!!) 
„Harmonie, dem Spiegelbilde der unizersellen Harmonie.“ p. 164. 

Nur die Bescheidenheit kann diesen Satz einen „Baustein“ nennen. Er ist 
ein ganzer Urfels des wahren Sozialismus. 

Dritter Baustein 

„Auf dem polaren Gegensatz, der Wechselwirkung meines besondern Lebens mit 
dem allgemeinen Naturleben, beruht der Kampf des Menschen mit der Natur: Wenn 
dieser Kampf als bewußte Tätigkeit erscheint, heißt er Arbeit.“ p. 164. 

Sollte nicht umgekehrt die Vorstellung von dem „polaren Gegensatz“ auf 
der Beobachtung eines Kampfes der Menschen mit der Natur beruhen? Erst 
wird eine Abstraktion aus einem Faktum gezogen; dann erklärt, daß dies 
Faktum auf dieser Abstraktion beruhe. Wohlfeilste Methode, deutsch-tief! 

und spekulativ zu erscheinen. 
Z.B.: Faktum: Die Katze frißt die Maus. 

Reflexion: Katze —- Natur, Maus - Natur, Verzehren der Maus durch die 
Katze = Verzehren der Natur durch die Natur = Selbstverzehren der Natur. 

! MEGA: deutsch, tief 

470 Karl Marx und Friedrich Engels 

Philosophische Darstellung des Faktums: Auf dem Selbstverzehren der 
Natur beruht das Gefressenwerden der Maus von der Katze. 

Nachdem also auf diese Weise der Kampf des Menschen mit der Natur 
mystifiziert ist, wird die bewußte Tätigkeit des Menschen in Beziehung auf 
die Natur mystifiziert, indem sie als Erscheinung dieser bloßen Abstraktion 
wirklicher Kämpfe gefaßt wird. Schließlich wird dann das profane Wort 
Arbeit als Resultat dieser Mystifikation hereingeschmuggelt, ein Wort, das 
unser wahrer Sozialist von Anfang an auf der Zunge hatte, aber erst nach ge- 
höriger Legitimierung auszusprechen wagte. Die Arbeit wird aus der bloßen, 
abstrakten Vorstellung des Menschen und der Natur konstruiert und daher 
auch auf eine Weise bestimmt, die auf alle Entwicklungsstufen der Arbeit 
gleich gut paßt und nicht paßt. 

„Die Arbeit ist demnach jede bewußte Tätigkeit des Menschen, wodurch er die 
Natur seiner Herrschaft in geistiger und materieller Beziehung zu unterwerfen strebt, 
um sie zum bewußten Genuß seines Lebens zu bringen, sie zu seiner geistigen oder 
körperlichen Befriedigung zu verwenden.“ (ibid.) 

Wir machen bloß auf die glänzende Schlußfolgerung aufmerksam: 

„Wenn dieser Kampf als bewußte Tätigkeit erscheint, heißt er Arbeit = die Arbeit 
ist demnach jede bewußte Tätigkeit des Menschen“ usw. 

Diese tiefe Einsicht verdanken wir dem „polaren Gegensatz“. 

Man rufe sich den obigen saint-simonistischen Satz von dem libre deve- 
loppement de toutes les facultes! ins Gedächtnis zurück. Man erinnere sich 
zu gleicher Zeit, daß Fourier an die Stelle des heutigen travail repugnant” 
den travail attrayant? gesetzt sehen wollte. Dem „polaren Gegensatz“ ver- 
danken wir folgende philosophische Begründung und Explikation dieser 
Sätze: 

„Da aber“ (dies Aber soll andeuten, daß hier kein Zusammenhang stattfindet) „das 
Leben in jeder Entfaltung, Übung und Äußerung seiner Kräfte und Fähigkeiten zu 
seinem Genusse, zu seiner Befriedigung kommen soll, so ergibt sich, daß die Arbeit 
selbst eine Entfaltung und Entwicklung menschlicher Anlagen sein und Genuß, Be- 
friedigung und Glück gewähren soll. Die Arbeit selbst muß mithin zu einer freien 
Äußerung des Lebens und dadurch zum Genuß werden.“ (ibid.) 

Hier wird gezeigt, was in der Vorrede der „Rhleinischen] Jahrb[ücher]“ 
versprochen ist, nämlich „inwiefern die deutsche Gesellschaftswissenschaft 
in ihrer bisherigen Ausbildung sich von der französischen und englischen 

1 [der] freien Entwicklung aller Fähigkeiten - ? [der] abstoßenden Arbeit - ? [die] an- 
ziehende Arbeit 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. I. „Rhein. Jahrbücher“ 471 

unterscheidet“, und was das heißt, „die Lehre des Kommunismus wissen- 
schaftlich darzustellen“. 

Es ist schwer, jeden logischen Lapsus in diesen wenigen Zeilen aufzu- 
decken, ohne langweilig zu werden. Zunächst die Schnitzer gegen die for 
melle Logik. 

Um zu beweisen, daß die Arbeit, eine Äußerung des Lebens, Genuß 
bringen soll, wird unterstellt, daß das Leben in jeder Äußerung Genuß brin- 
gen soll, und hieraus geschlossen, daß das Leben dies auch in seiner. Äuße- 
rung als Arbeit soll. Mit dieser paraphrastischen Verwandlung eines Postulats 
in eine Konklusion nicht zufrieden, macht der Verfasser die Konklusion 
noch dazu falsch. Daraus, daß „das Leben in jeder Entfaltung zum Genuß 
kommen soll“, ergibt sich für ihn, daß die Arbeit, die eine dieser Entfal- 
tungen des Lebens ist, „selbst eine Entfaltung und Entwicklung mensch- 
licher Anlagen“, also wieder des Lebens, „sein soll“. Sie soll also sein, was sie 
ist. Wie hätte die Arbeit es anfangen sollen, um jemals nicht eine „Entfaltung 
menschlicher Anlagen“ zu sein? Damit nicht genug. Weil die Arbeit dies 
sein soll, „muß“ sie es „mithin“ sein, oder noch besser: Weil sie eine „Entfal- 
tung und Entwicklung menschlicher Anlagen sein soll“, muß sie mithin ganz 
etwas Andres werden, nämlich „eine freie Äußerung des Lebens“, wovon 
bisher noch gar nicht die Rede war. Und während oben direkt von dem 
Postulat des Lebensgenusses auf das Postulat der Arbeit als Genuß geschlos- 
sen wurde, wird hier dies letztere Postulat als Konsequenz des neuen Postu- 
lats der „freien Äußerung des Lebens in der Arbeit“ dargestellt. 

Was den Inhalt dieses Satzes angeht, so ist nicht abzusehen, warum die 
Arbeit nicht immer das war, was sie sein soll, und warum sie es jetzt werden 
muß, oder warum sie etwas werden soll, was sie bis dato nicht muß. Aber 
bisher war freilich nicht das Wesen des Menschen und der polare Gegensatz 
des Menschen und der Natur entwickelt. 

Folgt eine „wissenschaftliche Begründung“ des kommunistischen Satzes 
von dem gemeinschaftlichen Eigentum an den Produkten der Arbeit: 

„Das Produkt der Arbeit aber“ (dies abermalige Aber hat denselben Sinn wie das 
obige) „muß zugleich dem Glücke des Einzelnen, Arbeitenden und dem allgemeinen 
Glücke dienen. Dies geschieht durch die Gegenseitigkeit, durch die gegenseitige Er- 
gänzung aller gesellschaftlichen Tätigkeiten.“ (ibid.) 

Dieser Satz ist nichts als eine durch das Wort „Glück“ schwankend ge- 
machte Kopie dessen, was in jeder Ökonomie der Konkurrenz und Teilung 
der Arbeit nachgerühmt wird. 

Endlich philosophische Begründung der französischen Organisation der 
Arbeit: 

30* 

472 Karl Marx und Friedrich Engels 

„Die Arbeit als eine genußreiche, Befriedigung gewährende und zugleich dem allge- 
meinen Wohle dienende freie Tätigkeit ist die Grundlage der Organisation der Arbeit.“ 
p. 165. 

Da die Arbeit erst „eine genußreiche pp. freie Tätigkeit“ werden soll und 
muß, es also noch nicht ist, so wäre eher zu erwarten, daß die Organisation 
der Arbeit umgekehrt die Grundlage der „Arbeit als einer genußreichen Tätig- 
keit“ ist. Aber der Begriff der Arbeit als dieser Tätigkeit reicht vollständig hin. 

Der Verfasser glaubt am Schlusse seines Aufsatzes zu „Resultaten“ ge- 
kommen zu sein. 

Diese „Bausteine“ und „Resultate“, zusammen mit den übrigen Granit- 
blöcken, die sich in den „Einundzwanzig Bogen“, dem „Bürgerbuch“ und 
den „Neuen Anekdotis“!77 finden, bilden den Felsen, auf den der wahre 
Sozialismus, alias deutsche Sozialphilosophie, seine Kirche bauen wird. 

Wir werden gelegentlich einige .der Hymnen, einige Fragmente des 
cantique allegorique hebraique et mystique? hören, die in dieser Kirche ge- 
sungen werden. 

1 hebräischen und mystischen allegorischen Lobgesangs 

473 

IV 
Karl Grün: 

„Die soziale Bewegung in Frankreich 

und Belgien“ (Darmstadt 1845) 

oder 

Die Geschichtschreibung 
des wahren Sozialismus 

„Wahrlich, gälte es hier nicht, zugleich eine ganze Rotte zu zeichnen ... wir würden 
die Feder noch wegwerfen ... Und jetzt tritt sie“ (Mundts „Geschichte der Gesell- 
schaft“) „mit derselben Anmaßung vor den großen Leserkreis des Publikums, des 
Publikums, das heißhungrig nach Allem greift, was nur das Wort sozial an der.Stirne 
trägt, weil ein richtiger Takt ihm sagt, welche Geheimnisse der Zukunft.in diesem 
Wörtchen verborgen liegen. Doppelte Verantwortlichkeit des Schriftstellers, doppelte 
Züchtigung, wenn er unberufen ans Werk ging!“ 

„Darüber wollen wir eigentlich mit Herrn Mundt nicht rechten, daß er von den 
faktischen Leistungen der sozialen Literatur Frankreichs und Englands durchaus nichts 
weiß, als was ihm Herr L.Stein verraten, dessen Buch anerkannt werden konnte, als es 
erschien. ... Aber heute noch ... über Saint-Simon Phrasen machen, Bazard und En- 
fantin die beiden Zweige des Saint-Simonismus nennen, Fourier folgen lassen, über 
Proudhon ungenügendes Zeug nachplappern, etc.! ...Dennoch würden wir gerne ein 
Auge zudrücken, wäre mindestens die Genesis der sozialen Ideen eigen und neu dar- 
gestellt.“ 

Mit dieser hochfahrenden, rhadamantischen!!”?] Sentenz eröffnet Herr 
Grün („Neue Anekdota“ p. 122, 123) eine Rezension von Mundts „Geschichte 
der Gesellschaft“. 

Wie überrascht wird der Leser von dem artistischen Talent des Herrn 
Grün sein, das unter der obigen Maske nur eine Selbstkritik seines eignen 
damals noch ungebornen Buchs versteckte. 

Herr Grün bietet uns das amüsante Schauspiel einer Verschmelzung des 
wahren Sozialismus mit jungdeutschem Literatentum. Das obige Buch ist in 
Briefen an eine Dame geschrieben, woraus der Leser schon ahnt, daß hier die 
tiefsinnigen Götter des wahren Sozialismus mit den Rosen und Myrten der 

474 E Karl Marx und Friedrich Engels 

„jungen Literatur“ bekränzt einherwandeln. Pflücken wir gleich einige 
Rosen: 

„Die Carmagnole sang sich selbst in meinem Kopfe ... auf alle Fälle aber bleibt es 
schrecklich, daß die Carmagnole im Kopfe eines deutschen Schriftstellers, wenn nicht 

vollständig logieren, so doch ein Frühstück nehmen darf.“ p. 3. 

„Hätte ich den alten Hegel hier, ich packte ihn bei den Ohren: Was, die Natur wäre 

‘ das Anderssein des Geistes? Was, Er Nachtwächter?“ p. 11. 

„Brüssel stellt gewissermaßen den französischen Konvent dar: es hat eine Berg- 
partie und eine Partie des Tales.“ p. 24. 

„Die Lüneburger Heide der Politik.“ p. 80. 

„Bunte, poetische, inkonsequente, phantastische Chrysalide.“ p. 82. 

„Den Liberalismus der Restauration, den bodenlosen Kaktus, der sich als Schma- 

' rotzerpflanze um die Bänke der Deputiertenkammer wand.“ p. 87, 88. 

Daß der Kaktus weder „bodenlos“ noch eine „Schmarotzerpflanze“ ist, 
tut diesem schönen Bilde ebensowenig Abbruch, wie dem vorigen, daß es 
weder „bunte“ noch „poetische“ noch „inkonsequente“ „Chrysaliden“ oder 
Puppen gibt. 

„Ich selbst aber komme mir mitten in diesem Gewoge“ (der Zeitungen und Zei- 
tungsschreiber im Cabinet Montpensier) „vor wie ein zweiter Noah, der seine Tauben 
aussendet, ob sich irgendwo Hütten oder Reben bauen lassen, ob es möglich sei, mit 
den erzürnten Göttern einen räsonnablen Vertrag abzuschließen.“ p. 259. 

Herr Grün spricht hier wohl von seiner Tätigkeit als Zeitungskorre 
spondent. | 

„Camille Desmoulins war ein Mensch. Die Konstituante bestand aus Philistern. 
Robespierre war ein tugendhafter Magneliseur. Die neue Geschichte ist mit einem Wort 
der Kampf auf Tod und Leben wider die Epiciers! und die Magnetiseure!!!* p. 311. 

„Das Glück ist ein Plus, aber ein Plus in der xten Potenz.“ p. 203. = 

Also das Glück = +*, eine Formel, die sich nur in der ästhetischen Ma- 
thentfatik des Herrn Grün findet. 

„Die Organisation der Arbeit, was ist sie ? Und die Völker antworteten der Sphinx 
mit tausend Zeitungsstimmen ... Frankreich singt die Strophe, Deutschland die Anti- 
strophe, das alte mystische Deutschland.“ p. 259. 

„Nordamerika ist mir sogar widerwärtiger als die alte Welt, weil dieser Egoismus 
der Krämerwelt die rote Farbe einer impertinenten Gesundheit trägt ... weil dort Alles 
so oberflächlich, so wurzellos, fast möchte ich sagen so kleinstädtisch ist ... Ihr nennt 
Amerika die neue Welt; es ist die älteste von allen alten, unsre abgetragenen Kleider 

machen dort Parade.“ p. 101, 324.: 

1 Krämer 

Deutsche Ideologie - Der Wahre Sozialismus. IV. Karl Grün 475 

Bisher wußte man nur, daß die ungetragenen deutschen Strümpfe dort 
getragen werden, obwohl sie zum „Parademachen“ zu schlecht sind. 

„Der logisch feste Garantismus dieser Institutionen.“ p. 461. 

Wen solche Blüten nicht erfreun, 
Verdienet nicht, ein „Mensch“ zu sein! 179 

Welch graziöser Mutwille! Welche schnippische Naivetät! Welch hero- 
isches Durchwühlen durch die Ästhetik! Welche Heinesche Nonchalance 
und Genaalität! 

Wir haben den Leser getäuscht. Herrn Grüns Belletristik schmückt nicht 
die Wissenschaft des wahren Sozialismus, sondern die Wissenschaft ist nur 
die Ausfüllung zwischen diesen belletristischen Schwätzereien. Sie bildet 
sozusagen ihren „sozialen Hintergrund“. 

In einem Aufsatze des Herrn Grün: „Feuerbach und die Socialisten“ 
(„Deutsches Bürgerbuch“, p. 74) findet sich folgende Äußerung: 

„Wenn man Feuerbach nennt, so hat man die ganze Arbeit der Philosophie ge- 
nannt von Baco von Verulam bis heute, so hat man zugleich gesagt, was die Philosophie 
in letzter Instanz will und bedeutet, so hat'man den Menschen als letztes Ergebnis der 
Weltgeschichte. Dabei geht man sicherer, weil gründlicher, zu Werke, als wenn man den 
Arbeitslohn, die Konkurrenz, die Mangelhaftigkeit der Konstitutionen und Verfassun- 
gen aufs Tapet bringt ... Wir haben den Menschen gewonnen, den Menschen, der sich 
der Religion, der toten Gedanken, alles ihm fremden Wesens mit allen Übersetzungen 
in der Praxis entledigt hat, den reinen, wahrhaften Menschen.“ 

Dieser Eine Satz klärt vollständig auf über die Art von „Sicherheit“ und 
„Gründlichkeit“, welche bei Herrn Grün zu suchen ist. Auf kleine Fragen 
läßt er sich nicht ein. Ausgestattet mit dem ungetrübten Glauben an die Re- 
sultate der deutschen Philosophie, wie sie in Feuerbach niedergelegt sind, 
nämlich daß „der Mensch“, der „reine, wahrhafte Mensch“, das Endziel der 
Weltgeschichte sei, daß die Religion das entäußerte menschliche Wesen sei, 
daß das menschliche Wesen das menschliche Wesen und der Maßstab aller 
Dinge sei; ausgestattet mit den weiteren Wahrheiten des deutschen Sozualis- 
mus (siehe oben), daß auch das Geld, die Lohnarbeit pp. Entäußerungen des 
menschlichen Wesens seien, daß der deutsche Sozialismus die Verwirklichung 
der deutschen Philosophie und die theoretische Wahrheit des auswärtigen 
Sozialismus und Kommunismus sei pp. — reist Herr Grün nach Brüssel und 
Paris mit der ganzen Selbstgefälligkeit des wahren Sozialismus. 

Die gewaltigen Posaunenstöße des Herrn Grün zum Lobe des wahren 
Sozialismus und der deutschen Wissenschaft übertreffen Alles, was von seinen 
übrigen Glaubensgenossen in dieser Beziehung geliefert ist. Was den wahren 

476 Karl Marx und Friedrich Engels _ 

Sozialismus angeht, so kommen diese Lobpreisungen offenbar von Herzen. 
Herrn Grüns Bescheidenheit erlaubt ihm nicht, einen einzigen Satz auszu- 
sprechen, den nicht schon ein anderer wahrer Sozialist vor ihm in den „Ein- 

undzwanzig Bogen“, dem „Bürgerbuch“ und den „Neuen Anekdotis“ ge-: 

offenbart hatte. Ja, sein ganzes Buch hat keinen andren Zweck, als ein in den 
„Einundzwanzig Bogen“ p. 74-88 von Heß gegebenes Konstruktionsschema 
der französischen sozialen Bewegung auszufüllen und damit einem ebenda- 
selbst p.88 ausgesprochenen Bedürfnis zu entsprechen!!2”, Was aber die 
Lobeserhebungen der deutschen Philosophie angeht, so muß diese sie ihm um 
so höher anrechnen, je weniger er sie kennt. Der Nationalstolz der wahren 
Sozialisten, der Stolz auf Deutschland als das Land „des Menschen“, des 
„Wesens des Menschen“, gegenüber den andern profanen Nationalitäten er- 
reicht bei ihm seinen Gipfelpunkt. Wir geben gleich einige Proben davon: 

„Ich möchte doch wissen, ob sie nicht Alle erst von uns lernen müssen, Franzosen 
und Engländer, Belgier und Nordamerikaner.“ p. 28. 

Dies wird jetzt ausgeführt. 

„Die Nordamerikaner kommen mir grundprosaisch vor, und den Sozialismus sollen 
‚sie wohl, trotz aller ihrer gesetzlichen Freiheit, erst von uns kennenlernen.“ p. 101. 

Besonders seitdem sie seit 1829 eine eigne sozualistisch-demokratische 
Schule haben, die ihr Nationalökonom Cooper bereits 1830 bekämpfte. 

„Die belgischen Demokraten! Glaubst Du wohl, sie wären halb so weit als wir Deut- 
sche? Habe ich mich wieder mit Einem herumbalgen müssen, der die Realisierung des 
freien Menschentums für eine Chimäre hält!“ p. 28. 

Hier macht sich die Nationalität „des Menschen“, des „Wesens des Men- 
schen“, des „Menschentums“ breit gegenüber der belgischen Nationalität. 

„Ihr Franzosen, laßt den Hegel in Ruhe, bis Ihr ihn versteht.“ (Wir glauben, daß die 
sonst sehr schwache Kritik der Rechtsphilosophie von Lerminierl!81] mehr Einsicht in 
Hegel beweist als irgend etwas, was Herr Grün, sei-es unter eigenem Namen, sei es qua! 
„Ernst von der Haide“ geschrieben hat.) „Trinkt einmal ein Jahr lang keinen Kaffee, 
keinen Wein; erhitzt Euer Gemüt durch keine aufregende Leidenschaft ; laßt den Guizot 
regieren und Algier unter die Herrschaft Marokkos kommen“ (wie sollte Algier je unter 
die Herrschaft Marokkos kommen, selbst wenn die Franzosen es aufgäben)); „sitzt auf 
einer Mansarde und studiert die ‚Logik‘ nebst der ‚„Phänomenologie‘. Wenn Ihr dann 
endlich nach Jahresfrist mager und mit rotangelaufenen Augen in die Straßen hinab- 
steigt und meinetwegen über den ersten Dandy oder öffentlichen Ausrufer stolpert, 
laßt Euch das nicht irren. Denn Ihr seid mittlerweile große und mächtige Menschen 
geworden, Euer Geist gleicht einem Eichbaum, den wundertätige“ (!) „Säfte ernährten; 

als 

Deutsche Ideslösie: Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün 477 

was Ihr anseht, das enthüllt Euch seine geheimsten Schwächen; Ihr dringt als erschaffne 
Geister dennoch ins Innre der Natur; Euer Blick ist tötend, Euer Wort versetzt Berge, 
Eure Dialektik ist schärfer als die schärfste Guillotine. Ihr stellt Euch ans Hötel de 
Ville - und die Bourgeoisie ist gewesen, Ihr tretet ans Palais Bourbonl!82] - und es 
zerfällt, seine ganze Deputiertenkammer löst sich in das nihilum album! auf, Guizot 
verschwindet, Ludwig Philipp erblaßt zum geschichtlichen Schemen, und aus all diesen 
zugrunde gegangnen Momenten erhebt sich siegesstolz die absolute Idee der freien 
Gesellschaft. Ohne Scherz, den Hegel könnt Ihr nur bezwingen, wenn Ihr selbst vorher 
Hegel werdet. Wie ich schon oben sagte: Moors Geliebte kann nur durch Moor ster- 
ben.“ p. 115, 116. 

Der belletristische Duft, der diese Sätze des wahren Sozialismus umgibt, 
wird Jedermann in die Nase steigen. Herr Grün, wie alle wahren Sozualisten, 
vergißt nicht, das alte Geschwätz von der Oberflächlichkeit der Franzosen 
wieder vorzubringen: 

„Bin ich doch dazu verdammt, den französischen Geist jedesmal, wenn ich ihn in 

der Nähe habe, ungenügend und oberflächlich zu finden.“ p. 371. 

Herr Grün verheimlicht es uns nicht, daß sein Buch dazu bestimmt ist, 
den deutschen Sozialismus als die Kritik des französischen zu verherrlichen: 

„Der Pöbel der deutschen Tagesliteratur hat unsren sozialistischen Bestrebungen 
nachgesagt, sie seien die Nachahmung französischer Verkehrtheiten. Es hat bis jetzt 
Niemand der Mühe wert gehalten, nur eine Silbe darauf zu erwidern. Dieser Pöbel muß 
sich schämen - besitzt er anders noch Schamgefühl -, wenn er dieses Buch liest. Das hat 
er sich wohl nicht träumen lassen, daß der deutsche Sozialismus die Kritik des franzö- 
sischen ist, daß er, weit entfernt, die Franzosen für Erfinder des neuen Contrat socia 
zu halten, vielmehr die Forderung an sie stellt, sich erst durch die deutsche Wissenschaft 
zu ergänzen? In diesem Augenblick wird hier in Paris die Herausgabe einer Über- 
setzung von Feuerbachs ‚Wesen des Christenthums‘ veranstaltet. Wohl bekomme den 
Franzosen die deutsche Schule! Was auch aus der ökonomischen Lage des Landes, aus 

der Konstellation der hiesigen Politik entstehe, zu einem menschlichen Leben in der . 

Zukunft befähigt einzig die humanistische Weltanschauung. Das unpolitische, ver- 
worfne Volk der Deutschen, dies Volk, welches gar kein Volk ist, wird den Eckstein ge- 
legt haben zum Bau der Zukunft.“ p. 353. 

Allerdings, „was aus der ökonomischen Lage und der Konstellation der 
Politik“ in einem Lande „entsteht“, braucht ein wahrer Sozialist bei seinem 
vertrauten Umgange mit dem „Wesen des Menschen“ nicht zu wissen. 

Herr Grün als Apostel des wahren Sozialismus begnügt sich nicht damit, 
gleich seinen Mitaposteln der Unwissenheit andrer Völker die Allwissenheit 
der Deutschen stolz entgegenzuhalten. Er nimmt seine alte Literatenpraxis 

1 graue Nichts — ? Gesellschaftsvertrag 

478 Karl Marx und Friedrich Engels 

zu Hülfe, erdrängt sich den Repräsentanten der verschiedenen sozialistischen, 
demokratischen und kommunistischen Parteien in der verrufensten Welt- 
fahrer-Manier auf, und nachdem er sie von allen Seiten beschnüffelt hat, 
tritt er ihnen als Apostel des wahren Sozialismus entgegen. Er hat sie nur 
noch zu belehren, ihnen die tiefsten Aufschlüsse über das freie Menschentum 
mitzuteilen. Die Überlegenheit des wahren Sozialismus über die Parteien 
Frankreichs verwandelt sich hier in die persönliche Überlegenheit des Herrn 
Grün gegenüber den Repräsentanten dieser Parteien. Schließlich bietet dies 
dann auch Gelegenheit, nicht nur die französischen Parteichefs als Piedestal 
des Herrn Grün dienen zu lassen, sondern auch noch eine Masse von Klat- 
schereien anzubringen und so den deutschen Kleinstädter für die Anstrengung 
zu entschädigen, die ihm die inhaltvolleren Sätze des wahren Sozialismus ver- 
ursacht haben. 

„Kats verzog sein ganzes Gesicht zu einer plebejischen Heiterkeit, als ich ihm meine 
hohe Zufriedenheit mit seiner Rede bezeugte.“ p. 50. 

Herr Grün erteilt Kats auch sogleich Unterricht über den französischen 
Terrorismus und „war so glücklich, meinem neuen Freunde Beifall abzu- 
gewinnen“. p. 51. 

Ganz anders bedeutsam wirkt er auf Proudhon: 

„Ich hatte das unendliche Vergnügen, gewissermaßen der Privatdozent des Mannes 
zu werden, dessen Scharfsinn vielleicht seit Lessing und Kant nicht überboten wurde.“ 

p. 404. 

Louis Blanc ist nur „sein schwarz Jüngelchen“. p. 314. 

„Er frug sehr wißbegierig, aber zugleich sehr unwissend, nach unsren Zuständen. 
Wir Deutsche kennen“ (?) „die französischen fast so gut wie die Franzosen selbst; 
wenigstens studieren“ (?) „wir sie.“ p. 315. 

- Und über den „Papa Cabet“ erfahren wir, daß er „borniert“ ist. p. 382. 
Herr Grün legt ihm „Fragen“ vor, von denen Cabet 

„gestand, daßer sie nicht gerade approfondiert hätte. Das hatte ich“ (Grün) „längst 
gemerkt, und da hörte natürlich Alles auf, um so mehr, als mir einfiel, daß Cabets 
Mission eine längst in sich abgeschlossene sei.“ p. 381. 

Wir werden später sehen, wie Herr Grün dem Cabet eine neue „Mission“ 
zu geben gewußt hat. 

Wir heben zunächst,.das Schema und die paar überkommenen allgemeinen 
Gedanken hervor, die das Gerippe des Grünschen Buches bilden. Beides ist 
abgeschrieben von Heß, den Herr Grün überhaupt auf die großartigste 
Weise paraphrasiert. Sachen, die schon bei Heß ganz unbestimmt und 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün 479 

mystisch sind, die aber im Anfange - in den „Einundzwanzig Bogen“ - anzu- 
erkennen waren und nur durch ihre ewige Wiederaufdrängung im „Bürger- 
buch“, den „Neuen Anekdotis“ und den „Rheinischen Jahrbüchern* zu 
einer Zeit, wo sie bereits antiquiert waren, langweilig und reaktionär geworden 
sind - diese Sachen werden bei Herrn Grün vollends Unsinn. 

Heß synthetisiert die Entwicklung des französischen Sozialismus mit 
der Entwicklung der deutschen Philosophie - Saint-Simon mit Schelling, 
Fourier mit Hegel, Proudhon mit Feuerbach. Vgl. z.B. „Einundzw/lanzig] 
Bogen“, p. 78, 79, 326, 327, „Neue Anekdlota]“, p. 194, 195, 196, 202 segg. 
(Parallele zwischen Feuerbach und Proudhon. Z.B. Heß: „Feuerbach ist der 
deutsche Proudhon“ pp., „Nl[eue] Alnekdota]“, p. 202. Grün: „Proudhon ist 
der französische Feuerbach“, p. 404.) - Dieser Schematismus mit der Aus- 
führung, die Heß ihm gibt, bildet den ganzen inneren Zusammenhang des 
Grünschen Buchs. Nur daß Herr Grün nicht verfehlt, die Heßschen Sätze 
belletristisch anzustreichen. Ja selbst offenbare Schnitzer von Heß, z.B. daß 
theoretische Entwicklungen den „sozialen Hintergrund“ und die „theore- 
tische Basis“ praktischer Bewegungen bilden (z.B. „N. An.“, p. 192), schreibt 
Herr Grün getreulichst nach. (Z.B.Grün, p. 264: „Der soziale Hintergrund, 
den die politische Frage des achtzehnten Jahrhunderts hatte ... war das gleich- 
zeitige Produkt beider philosophischen Richtungen“ — der Sensualisten und 
Deisten.) Ebenso die Meinung, man brauche Feuerbach nur. praktisch zu 
machen, ihn nur aufs soziale Leben anzuwenden, um die vollständige Kritik 
der bestehenden Gesellschaft zu geben. Nimmt man noch die sonstige Kritik 
des französischen Kommunismus und Sozialismus durch Heß hinzu, z.B. 
daß „Fourier, Proudhon pp. nicht über die Kategorie der Lohnarbeit hinaus- 
gekommen sind“, „Bürgerbuch“, p. 40 u. a., daß „Fourier die Welt mit neuen 
- Assoziationen des Egoismus beglücken möchte“, „N. Anekd.“, p. 196, daß 
„selbst die radikalen franz[ösischen] Kommunisten noch nicht über den 
Gegensatz von Arbeit und Genuß hinaus sind, sich noch nicht zu der Einheit 
von Produktion und. Konsumtion pp. erhoben haben“, „Bürgerb[uch]“, p. 43, 
daß „die Anarchie die Negation des Begriffs der politischen Herrschaft ist“, 
„Einundzwanzig Bogen“, p. 77 ppp., so hat man die ganze Kritik der Fran- 
zosen durch Herrn Grün in der Tasche, ebensogut wie Herr Grün sie bereits 
in der Tasche hatte, ehe er nach Paris ging. Außer dem Obengenannten er- 
leichtern dann noch einige in Deutschland traditionell zirkulierende Phrasen 
über Religion, Politik, Nationalität, menschlich und unmenschlich ppp., 
Phrasen, die von den Philosophen auf die wahren Sozialisten übergegangen 
sind, Herrn Grün den Rechnungsabschluß mit den französischen Sozia- 
listen und Kommunisten. Er hat nur überall nach „dem Menschen“ und dem 

‚480 Karl Marx und Friedrich Engels 

Worte menschlich zu suchen und zu verdammen, wo er dies nicht findet. 
Z.B.: „Du bist politisch, Du bist borniert“, p. 283. In ähnlicher Weise kann 
Herr Grün dann ausrufen: Du bist national, religiös, nationalökonomisch, Du 
hast einen Gott — Du bist nicht menschlich, Du bist borniert, wie er dies im 
ganzen Buche tut. Womit natürlich Politik, Nationalität, Religion pp. gründ- 
lich kritisiert und zugleich die Eigentümlichkeit der gerade kritisierten 
Schriftsteller und ihr Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Entwicklung 
hinreichend beleuchtet sind. 

Man sieht schon hieraus, daß das Grünsche Machwerk weit unter dem 
Buche von Stein steht, der wenigstens versuchte, den Zusammenhang der 
sozialistischen Literatur mit der wirklichen Entwicklung der französischen 
Gesellschaft darzustellen. Es bedarf indes kaum der Erwähnung, daß Herr 
Grün sowohl im vorliegenden Buche wie in den „Neuen Anekdotis“ mit der 
größten Vornehmheit auf seinen Vorgänger herabsieht. 

Aber hat Herr Grün wenigstens die ihm von Heß und Andern überliie- 
ferten Sachen richtig kopiert? Hat er innerhalb seines höchst unkritisch auf 
“Treu und Glauben angenommenen Schemas wenigstens das nötige Material 
niedergelegt, hat er eine richtige und vollständige Darstellung der einzel- 
nen sozialistischen Schriftsteller nach den Quellen gegeben? Dies sind 
doch wahrlich die niedrigsten Forderungen, die man an den Mann stellen 
kann, von dem Nordamerikaner und Franzosen, Engländer und Belgier zu 
lernen haben, der der Privatdozent Proudhons war und jeden Augenblick 
auf die deutsche Gründlichkeit gegenüber den oberflächlichen Franzosen 
pocht. 

Saint-Simonismus 

Von der ganzen saint-simonistischen Literatur hat Herr Grün kein einziges 
Buch in der Hand gehabt. Seine Hauptquellen sind: vor Allem der vielver- 
achtete Lorenz! Stein, ferner die Hauptquelle Steins, L. Reybaud!!°?) (wofür er 
p. 260 an Herrn Reybaud ein Exempel statuieren will und ihn einen Philister 
nennt; er stellt sich auf derselben Seite, als sei ihm Reybaud erst lange, nach- 
dem er die Saint-Simonisten abgefertigt, ganz zufällig in die Hände geraten) 
und stellenweise L. Blanc. Wir werden den Beweis ganz direkt liefern. 

Vergleichen wir zuerst, was Herr Grün über das Leben Saint-Simons 
selbst sagt. 

! im Original: Ludwig 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün 481 

Die Hauptquellen für das Leben-Saint-Simons sind die Fragmente seiner 
Selbstbiographie in den OEuvres de Saint-Simon, publiziert von Olinde 
Rodrigues, und dem „Organisateur“ "! yom 19. Mai 1830. Wir haben hier 
also sämtliche Aktenstücke vor uns: I. die Originalquellen, 2. Reybaud, der 
sie auszog, 3. Stein, der Reybaud benutzte, 4..die belletristische Ausgabe von 
Herrn Grün. 

Herr Grün: 

„Saint-Simon kämpft den Befreiungskampf der Amerikaner mit, ohne ein be- 
sondres Interesse am Kriege selbst zu haben; es fällt ihm ein, man könne die beiden 
großen Weltmeere verbinden.“ p. 84. 

Stein, p. 143: 

„Zuerst trat er in den militärischen Dienst ... und ging mit Bouille nach Amerika ... 
In diesem Krieg, dessen Bedeutung er übrigens wohl begriff ... der Krieg als solcher, 
sagte er, interessierte mich nicht, nur der Zweck dieses Kriegs etc.“ ... „Nachdem er 
vergebens versucht, den Vizekönig von Mexiko für einen großen Kanalbau zur Ver- 
bindung der beiden Weltmeere zu interessieren.“ 

Reybaud, p. 77: 

„Soldat de l’independance americaine, il servait sous Washington ...la guerre, en 
elle-m&me, ne m’interessait pas, dit-il; mais le seul but de la guerre m’interessait 
vivement, et cet inter&t m’en faisait supporter les travaux sans repugnance.“* 

Herr Grün schreibt nur ab, daß Saint-Simon „kein besondres Interesse 
am Kriege selbst“ hatte, läßt aber die Pointe aus, nämlich sein Interesse für 
den Zweck dieses Kriegs. 

Herr Grün läßt ferner weg, daß Saint-Simon seinen Plan beim Viizekönig 
habe durchsetzen wollen, und reduziert ihn dadurch auf einen bloßen „Ein- 
fall“. Er läßt ebenfalls fort, weil Stein dies nur durch die Jahreszahl andeutet, 
daß Saint-Simon dies erst „a la paix“” tat. 

Herr Grün fährt unmittelbar fort: 

„Später“ (wann?) „entwirft er den Plan zu einer französisch-holländischen Expedi- 
tion nach dem englischen Indien.“ (ibid). 

Stein: 

„Er reiste 1785 nach Holland, um eine vereinigte Fanzäsisch-holländische Expe- 
dition gegen die englischen Kolonien in Indien zu entwerfen.“ p. 143. 

1 „Als Soldat der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung diente er unter Washington 
... der Krieg selbst interessierte mich nicht, sagte er, sondern einzig der Zweck des Krieges 
interessierte mich lebhaft, und dieses Interesse ließ mich seine Beschwernisse ohne Wider- 
willen ertragen.“ - im Frieden 

482 Karl Marx und Friedrich Engels 

Stein erzählt hier falsch und Grün kopiert getreu. Nach Saint-Simon selbst 
hatte der Herzog von La Vauguyon die Generalstaaten bestimmt, eine ver- 
einigte Expedition mit Frankreich nach den englischen Kolonien in Indien 

_ zu unternehmen. Von sich selbst sagt er nur, daß er, „während eines Jahres. 

die Ausführung dieses Plans betrieben“ (poursuivi) habe. 
Herr Grün: 

„In Spanien will er einen Kanal von Madrid ins Meer graben.“ (ibid.) 

Saint-Simon will einen Kanal graben, welcher Unsinn! Vorhin fiel ihm 
ein, jetzt willer. Grün verfälscht hier das Faktum, nicht weil er, wie oben, den 
Stein zu getreu, sondern weil er ihn zu oberflächlich abschreibt. 

Stein, p. 144: 

„1786 nach Frankreich zurückgekehrt, ging er schon im folgenden Jahr nach 
Spanien, um dem Gouvernement einen Plan zur Vollendung eines Kanals von Madrid 
bis zum Meere vorzulegen.“ 

Herr Grün konnte bei raschem Lesen sich seinen obigen Satz aus dem 
Steinschen abstrahieren, weil es bei Stein wenigstens den Schein hat, als sei 
der Bauplan und die Idee des ganzen Projekts von Saint-Simon ausgegangen, 
während dieser nur einen Plan zur Beseitigung der bei dem längst begon- 
nenen Kanalbau eingetretenen finanziellen Schwierigkeiten entwarf. 

Reybaud: 

„Six ans plus tard il proposa au gouvernement espagnol un plan de canal qui devait 
&tablir une ligne navigable de Madrid & la mer.“! p. 78. 

Derselbe Irrtum wie bei Stein. 
Saint-Simon, p. XV1l: 

„Le gouvernement espagnol avait entrepris un canal qui devait faire communiquer 
Madrid a la mer; cette entreprise languissait parce que ce gouvernement manquait 
d’ouvriers et d’argent; je me concertai avec M. le comte de Cabarrus, aujourd’hui 
ministre des finances, et nous presentämes au gouvernement le projet suivant“? etc. 

Herr Grün: 

„In Frankreich spekuliert er auf Nationalgüter.“ 

1 ‚Sechs Jahre später unterbreitete er der spanischen Regierung den Plan eines Kanals, 
der eine schiffbare Verbindung zwischen Madrid und dem Meer herstellen sollte.“ - 2 „Die 
spanische Regierung hatte den Bau eines Kanals unternommen, der Madrid mit dem Meere 
verbinden sollte; dieses Unternehmen stockte, weil es der Regierung an Arbeitern und Geld 
fehlte; ich verständigte mich mit dem Grafen Cabarrus, dem heutigen Finanzminister, und 
wir legten der Regierung folgendes Projekt vor“ 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün 483 

Stein schildert erst Saint-Simons Stellung während der Revolution und 
kommt dann auf seine Spekulation in Nationalgütern, p. 144 seqq. Woher 
aber Herr Grün den unsinnigen Ausdruck hat: „auf Nationalgüter speku- 
lieren“, statt in Nationalgütern, auch hierüber können wir dem Leser durch 
Vorlage des Originals Aufklärung geben: 

Reybaud, p. 78: : 

„Revenu & Paris, il tourna son activit€ vers des speculations, et trafiqua sur les 
domaines nationaux.“! 

Herr Grün stellt seinen obigen Satz ohne alle Motivierung hin. Man er- 
fährt gar nicht, weshalb Saint-Simon in Nationalgütern spekulierte und wes- 
halb dies an sich triviale Faktum von Bedeutung in seinem Leben ist. Herr 
Grün findet nämlich überflüssig, aus Stein und Reybaud abzuschreiben, daß 
Saint-Simon eine wissenschaftliche Schule und ein großes industrielles 
Etablissement als Experimente gründen und sich das dazu nötige Kapital 
durch diese Spekulationen verschaffen wollte. Saint-Simon motiviert selbst 

seine Spekulationen hierdurch. (OEuvres, p. XIX.) 
Herr Grün: 

„Er heiratet, um die Wissenschaft bewirten zu können, um das Leben der Men- 
schen zu erproben, um sie psychologisch auszusaugen.“ (ibid.) 

Herr Grün überspringt hier plötzlich eine der wichtigsten Perioden Saint- 
Simons, die seiner naturwissenschaftlichen Studien und Reisen. Was heißt 
das, heiraten, um die Wissenschaft zu bewirten, heiraten, um die Menschen (die 
man nicht heiratet) psychologisch auszusaugen pp. ? Die ganze Sache ist die: 
Saint-Simon heiratete, um Salons halten und dort unter Andern auch die 
Gelehrten studieren zu können. 

Stein drückt dies so aus, p. 149: 

„Er verheiratet sich 1801 .:. Ich habe die Ehe benutzt, um die Gelehrten zu 
studieren.“ (Vgl. Saint-Simon, p. 23.) 

Jetzt, durch Vergleichung des Originals, wird Herrn Grüns Unsinn ver- 
ständlich und erklärlich. 

Das „psychologische Aussaugen der Menschen“ reduziert sich bei Stein 
und Saint-Simon selbst auf die Beobachtung der Gelehrten im gesellschaft- 

lichen Leben. Saint-Simon wollte, ganz im Zusammenhange mit seiner 

sozialistischen Grundansicht, den Einfluß der Wissenschaft auf die Persön- 
lichkeit der Gelehrten und auf ihr Verhalten im gewöhnlichen Leben 

1 ‚Nach Paris zurückgekehrt, wandte er seine Tätigkeit Spekulationen zu und spekulierte 
in Nationalgütern.“ (sur ist in den meisten anderen Verbindungen mit auf zu übersetzen.) 

484 Karl Marx und Friedrich Engels 

kennenlernen. Bei Herrn Grün verwandelt sich dies in einen sinnlosen, un- 
bestimmten, romanhaften Einfall. 

Herr Grün: 

„Er wird arm“ (wie, wodurch?), „kopiert in einem Lombard für tausend Franken 
Jahrgehalt - er, der Graf, der Sprößling Karls des Großen; dann“ (wann und warum?) 
„lebt er von der Gnade eines ehemaligen Dieners; später“ (wann und warum?) „ver- 
sucht er sich zu erschießen, wird gerettet und beginnt ein neues Leben des Studiums 
und der Propaganda. Jetzt erst schreibt er seine beiden Hauptwerke.“ 

„Er wird“ — „dann“ — „später“ - „jetzt“. sollen bei Herrn Grün die 
Chronologie und den Zusammenhang der einzelnen Lebensmomente Saint- 
Simons ersetzen. 

Stein, p. 156, 157: 

„Dazu kam ein neuer und furchtbarer Feind, die allmählich immer drückender 
werdende äußere Not ... Nach sechs Monaten peinlichen Harrens wird ... ihm eine 
Stelle -“ (auch den Gedankenstrich hat Herr Grün von Stein, nur daß er so pfiffig war, 
ihn hinter den Lombard zu stellen) „als Kopist im Lombard“ (nicht, wie Herr Grün 
pfiffigerweise ändert, „in einem Lombard“, da es bekanntlich in Paris nur den einen, 
öffentlichen Lombard gibt) „mit tausend Franken Jahrgehalt. Wunderbarer Glücks- 
wechsel jener Zeiten! Der Enkel des berühmten Höflings an Ludwigs XIV. Hofe, der 
Erbe einer Herzogskrone, eines mächtigen Vermögens, ein geborner Pair von Frank- 
reich und Grande von Spanien, Kopist in einem Lombard!“ 

Hier erklärt sich Herrn Grüns Versehen mit dem Lombard; hier, bei 
Stein, ist der Ausdruck am Orte. Um sich auch sonst noch von Stein zu 
unterscheiden, nennt Herr Grün Saint-Simon nur „Graf“ und „Sprößling 
Karls des Großen“. Letzteres hat er von Stein p. 142, Reybaud p. 77, die 
indes so klug sind, zu sagen, Saint-Simon leite sich selbst von Karl dem 
Großen her. Statt der positiven Fakta Steins, die allerdings unter der Re- 
stauration die Armut Saint-Simons auffallend machen, erfahren wir bei 
Herrn Grün nur seine Verwunderung darüber, daß ein Graf und angeblicher 
Sprößling Karls des Großen überhaupt herunterkommen kann. 

Stein: 

„Zwei Jahre lebte er noch“ (nach dem Selbstmordsversuch) „und wirkte in ihnen 
vielleicht mehr als in ebensoviel Jahrzehnten seines früheren Lebens. Der ‚Catechisme 
des industriels‘ ward vollendet“ (Herr Grün verwandelt dies Vollenden eines längst vor- 
bereiteten Werks in: „Jetzt erst schrieb er“ pp.) „und der ‚Nouveau.christianisme‘ pp.“, 

p. 164, 165. 

p. 169 nennt Stein diese beiden Schriften. „die beiden: Hauptwerke seines 
Lebens“. i 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün 485 

Herr Grün hat also nicht nur die /rrtümer Steins kopiert, sondern auch 
aus unbestimmt gehaltenen Stellen Steins neue fabriziert. Um seine Ab- 
schreiberei zu verdecken, nimmt er nur die hervorspringendsten Fakta heraus; 
raubt ihnen aber ihren Charakter als Fakta, indem er sie sowohl aus dem 
chronologischen Zusammenhange wie aus ihrer ganzen Motivierung reißt 
und selbst die allernotwendigsten Mittelglieder ausläßt. Was wir nämlich 
oben gegeben haben, ist buchstäblich Alles, was Herr Grün von Saint-Simons 
Leben berichtet. In dieser Darstellung wird das bewegte, tätige Leben 
Saint-Simons in eine Reihe von Einfällen und Ereignissen verwandelt, die 
weniger Interesse darbieten als das Leben des ersten besten gleichzeitigen 
Bauern oder Spekulanten in einer bewegten Provinz Frankreichs. Und 
dann, nachdem. er diese biographische Sudelei hingeworfen hat, ruft er 
aus: „Dieses ganze, echt zivilisierte Leben!“ Ja er scheut sich nicht, 
p.85 zu sagen: „Saint-Simons Leben ist der Spiegel des Saint-Simonis- 
mus selbst -“ als wenn dies Grünsche „Leben“ Saint-Simons der Spiegel 
von irgend etwas wäre, außer von Herrn Grüns Art der Buchmacherei 
„selbst“. 

Wir haben uns bei dieser Biographie länger aufgehalten, weil sie ein 
klassisches Exempel von der Art und Weise liefert, in der Herr Grün die 
französischen Sozialisten gründlich behandelt. Wie er hier schon schein- 
bar nonchalant hinwirft, ausläßt, verfälscht, transponiert, um seine Ab- 
schreiberei zu verbergen, so werden wir später sehen, daß Herr Grün auch 
fernerhin alle Symptome eines. innerlich beunruhigten Plagiarius ent- 
wickelt: künstliche Unordnung, um die Vergleichung zu erschweren, Aus- 
lassung von Sätzen und Worten, die er wegen Unkenntnis der Originale 
nicht recht versteht, aus den Zitaten seiner Vorgänger, Dichtung und 
Ausschmückung durch unbestimmte Phrasen, perfide Ausfälle auf die 
Leute, die er gerade kopiert. Ja Herr Grün ist so übereilt und hastig 
in seiner Abschreiberei, daß er sich oft auf Sachen beruft, von denen er 

dem Leser nie gesprochen, die er aber als Leser Steins im Kopfe mit sich. 

herumträgt. 
Wir gehn jetzt auf die Grünsche Darstellung der Doktrin Saint-Simons 
über. 

l. „Lettres d’un habitant deGen2ve ü ses contemporains""”) 

Herr[n] Grün wurde aus Stein nicht recht klar, in welchem Zusammen- 
hange der in der eben zitierten Schrift gegebene Plan zur Unterstützung der 
Gelehrten mit dem pharitastischen Anhange der Broschüre steht. Er spricht 

486 Karl Marx und Friedrich Engels 

von dieser Schrift, als wenn es sich in ihr hauptsächlich um eine neue Or- 
ganisation! der Gesellschaft handle, und schließt wie folgt: 

„Die geistliche Macht in den Händen der Gelehrten, die weltliche Macht in den 
Händen der Eigentümer, die Wahl für Alle.“ p. 85. Vgl. Stein, p. 151, Reybaud, p. 83. 

Den Satz „le pouvoir de nommer les individus appeles ä remplir les fonc- 
tions des chefs de !'humanite entre les mains de tout le monde“, den Reybaud 
aus Saint-Simon (p. 47) zitiert und Stein höchst unbeholfen übersetzt — 
diesen Satz reduziert Herr Grün auf „die Wahl für Alle“, wodurch er allen 
Sinn verliert. Bei Saint-Simon ist von der Wahl des Newtonschen Rats die 
Rede, bei Herrn Grün handelt es sich von der Wahl überhaupt. 

Nachdem Herr Grün durch vier oder fünf von Stein und Reybaud abge- 
schriebne Sätze längst mit den „Lettres pp.“ fertig geworden ist und schon 

vom „Nouveau christianisime“ gesprochen hat, kehrt er plötzlich zu ihnen 
zurück. 

„Aber die abstrakte Wissenschaft tut’s freilich nicht.“ (Noch viel weniger die kon- 
krete Unwissenheit, wie wir sehen.) „Vom Standpunkt der abstrakten Wissenschaft 
waren ja die ‚Eigentümer‘ und ‚Jedermann‘ noch auseinandergefallen.“ p. 87. 

Herr Grün vergißt, daß er bisher nur von „der Wahl für alle“, nicht von 
„Jedermann“ gesprochen hat. Aber bei Stein und Reybaud findet er „tout le 

.monde“ und setzt daher „Jedermann“ in Anführungszeichen. Er vergißt 

ferner, daß er den folgenden Satz Steins, wodurch das „ja“ in seinem eignen 
Satze motiviert wird, nicht mitgeteilt hat: 

„Es treten ihm“ (Saint-Simon) „neben den Weisen oder Wissenden die proprietaires 
und tout le monde auseinander. Zwar sind Beide noch ohne eigentliche Grenze im Ver- 
hältnis zueinander ... dennoch liegt schon in jenem vagen Bilde der tout le monde der 
Keim der Klasse verborgen, die zu begreifen und zu heben die spätere Grundtendenz 
seiner Theorie ward, der classe la plus nombreuse et la plus pauvre*, wie in der Wirk- 
lichkeit dieser Teil des Volkes damals nur potentiell da war.“ p. 154. 

Stein hebt hervor, daß Saint-Simon zwischen proprietaires und tout le 
monde schon einen Unterschied, aber noch einen sehr unbestimmten macht. 
Herr Grün verdreht dies dahin, daß Saint-Simon den Unterschied über- 
haupt noch macht. Dies ist natürlich ein großes Versehen von Saint-Simon 
und nur dadurch zu erklären, daß er in den „Lettres“ auf dem Standpunkte 
der abstrakten Wissenschaft sich befindet. Leider aber spricht Saint-Simon 
an der fraglichen Stelle gar nicht, wie Herr Grün meint, von Unterschieden 

1 MEGA: um eine Organisation — ? „die Macht zur Emennung der Individuen, die be- 
rufen sind, die Funktionen der Führer der Menschheit auszuüben, in den Händen von 
jedermann“ - ? Eigentümer - * zahlreichsten und ärmsten Klasse 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün 487 

in einer zukünftigen Gesellschaftsordnung. Er adressiert sich wegen einer 
Subskription an die ganze Menschheit, die ihm, wie er sie vorfindet, in drei 
Klassen geteilt erscheint: in drei Klassen, die nicht, wie Stein glaubt, savants!, 
proprietaires und tout le monde sind, sondern 1. die savants und artistes? 
und alle Leute mit liberalen Ideen, 2. die Gegner der Neuerung, d. h. die 
proprittaires, sofern sie sich nicht der ersten Klasse anschließen, 3. das surplus 
de I’humanite qui se rallie au mot: Ägalite. Diese drei Klassen bilden tout le 
monde. Vgl. Saint-Simon, „Lettres“, p. 21, 22. Da Saint-Simon übrigens an 
einer späteren Stelle sagt, er halte seine Verteilung der Gewalt für vorteilhaft 
für alle Klassen, so entspricht in der Stelle, wo er von dieser Verteilung 
spricht, p. 47, tout le monde offenbar dem surplus, das sich bei der Parole 
Gleichheit ralluert, ohne indes die andern Klassen auszuschließen. Stein hat 
also in der Hauptsache das Richtige getroffen, obwohl er die Stelle p. 21, 22 
nicht berücksichtigt, und Herr Grün, der das Original gar nicht kennt, 
klammert sich an das unbedeutende Versehen Steins, um aus seinem Räson- 
nement sich baren Unsinn zu abstrahieren. 

Wir erhalten sogleich ein noch frappanteres Beispiel. p. 94, wo Herr 
Grün gar nicht mehr. von Saint-Simon, sondern von seiner Schule spricht, 
erfahren wir unerwartet: 

„Saint-Simon sagt in einem seiner Bücher die mysteriösen Worte: ‚Die Frauen wer- 
den zugelassen werden, sie werden selbst ernannt werden können.‘ Aus diesem fast' 
tauben Saatkorn ist der ganze ungeheure Spektakel der Emanzipation der Frauen 
entsprossen.“ 

Allerdings, wenn Saint-Simon in einer beliebigen Schrift von einer Zu- 
lassung und Ernennung der Frauen, man weiß nicht wozu, gesprochen hat, 
so sind dies sehr „mysteriöse Worte“. Dies Mysterium existiert aber nur für 
Herrn Grün. Das „eine der Bücher“ Saint-Simons ist kein andres als die 
„Lettres d’un habitant de Gentve“. Nachdem Saint-Simon hier gesagt hat, 
daß jeder Mensch für den Newtonschen Rat oder dessen Abteilungen unter- 
schreiben kann, fährt er fort: Les femmes seront admises a souscrire, elles 
pourront &tre nommees.“ Natürlich, zu einer Stelle in diesem Rat oder seinen 
Abteilungen. Stein hat diese Stelle, wie sich gebührt, bei dem Buche selbst 
zitiert und macht dabei folgende Bemerkung: 

Hier pp. „finden sich alle Spuren seiner späteren Ansicht und selbst seiner Schule im 
Keime wieder, und selbst der erste Gedanken einer Emanzipation der Frauen“. p. 152. 

1 Gelehrte - 2 Künstler -der Rest der Menschheit, der sich bei der Parole Gleichheit 
versammelt — ? Die Frauen werden zum Unterschreiben zugelassen werden, sie werden ernannt 
werden können. 

31* 

nn 

488 Karl Marx und Friedrich Engels 

Stein hebt auch richtig in einer Note hervor, daß Olinde Rodrigues diese 
Stelle in seiner Ausgabe von 1832 als einzige Belegstelle für die Frauen- 
emanzipation bei Saint-Simon selbst aus polemischen Gründen groß drucken 
ließ. Grün, um seine Abschreiberei zu verbergen, versetzt diese Stelle von 
dem Buch, wohin sie gehört, in die Schule, macht den obigen Unsinn daraus, 
verwandelt Steins „Keim“ in ein „Saatkorn“ und bildet sich kindischer- 

weise ein, die Lehre von der Emanzipation der Frauen sei aus dieser Stelle 

hervorgegangen. 

Herr Grün riskiert eine Ansicht über einen Gegensatz, worin die „Briefe 
eines Bewohners von Genf“ zum „Katechismus der Industriellen“ stehen 
sollen und der darin besteht, daß im „Katechismus“ das Recht der travail- 
leurs! geltend gemacht wird. Herr Grün mußte diesen Unterschied aller- 
dings zwischen den ihm von Stein und Reybaud überlieferten „Lettres“ und 
dem ebenso überlieferten „Cat&chisme“ entdecken. Hätte er den Saint- 
Simon selbst gelesen, so konnte er statt dieses Gegensatzes in den „Lettres“ 
schon sein „Saatkorn“ zu der unter Ändern im „Catechisme“ weiter ent- 

wickelten Anschauung finden. Z.B.: 

„ Tous les hommes travailleront“?, „Leitres, p. 60. „Si sa cervelle“ (des Reichen) 
„ne sera pas propre au travail, il sera bien oblige de faire travailler ses bras; car Newton 

ne laissera sürement pas sur cette plante ... des ouvriers volontairement inutiles dans 
Tatelier.“? p. 64. 

2. „Catechisme politigue des industriels“ "*") 

Da Stein diese Schrift gewöhnlich als „Catöchisme des industriels“ 
zitiert, so kennt Herr Grün keinen andern Titel. Die Angabe des richtigen 
Titels wenigstens wäre um so eher von Herrn Grün zu verlangen gewesen, 
als er da, wo er ex officio* von dieser Schrift spricht, ihr nur zehn Zeilen 
dediziert. 

Nachdem Herr Grün aus Stein abgeschrieben hat, daß Saint-Simon in 

dieser Schrift der Arbeit die Herrschaft geben will, fährt er fort: 
„Die Welt teilt sich für ihn jetzt in Müßiggänger und Industrielle.“ p. 85. 

Herr Grün begeht hier ein Falsum. Er schiebt dem „Catechisme“ eine 
Unterscheidung unter, die er bei Stein viel später, bei Gelegenheit der saint- 
simonistischen Schule, vorfindet: 

1 Arbeiter -2 „Alle Menschen werden arbeiten“ - ? „Wenn sein Gehim nicht zur Arbeit 
taugt, wird er mit den Händen arbeiten müssen; denn Newton wird auf diesem Planeten 
sicher keine Arbeiter dulden, die in der Werkstatt willentlich unnütz sind.“ - * von Amts 
wegen 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün 489 

Stein, p. 206: 

„Die Gesellschaft besteht gegenwärtig nur aus Müßiggängern und Arbeitern.“ 
(Enfantin.) 

Statt dieser untergeschobenen Einteilung findet sich im „Cat&chisme“ die 
Einteilung in drei Klassen, die classes feodale, intermediaire et industrielle*, 
auf die Herr Grün natürlich nicht eingehen konnte, ohne Stein abzuschrei- 
ben, da er den „Catechisme“ selbst nicht kannte. 

Herr Grün wiederholt hierauf noch einmal, daß die Herrschaft der Arbeit 
der Inhalt des „Cat&chisme“ ist, und schließt dann seine Charakteristik dieser 
Schrift folgendermaßen: 

„Wie der Republikanismus sagt: Alles für das Volk, Alles durch das Volk, so sagt 
Saint-Simon: Alles für die Industrie, Alles durch die Industrie.“ (ibid.) 

Stein, p. 165: 
„Da Alles durch die Industrie geschieht, so muß auch Alles für sie geschehen.“ 

Wie Stein richtig angibt (p. 160, Note), findet sich bereits auf der Schrift 
Saint-Simons „L’industrie“ von 1817 das Motto: Tout par l’industrie, tout 
pour elle“. Herrn Grüns Charakteristik des „Cat&chisme“ besteht also darin, 
daß er, außer dem obigen Falsum, das Motto einer viel früheren Schrift, die 
er gar nicht kennt, falsch zitiert. 

Hiermit hat die deutsche Gründlichkeit den „Cat&chisme politique des 
industriels“ hinreichend kritisiert. Wir finden indes noch an andern sehr zer- 
streuten Stellen des Grünschen Sammelsuriums einzelne hieher gehörige 
Glossen. Herr Grün verteilt mit innerem Vergnügen über seine eigene 
Schlauheit die Sachen, die er bei Steins Charakteristik dieser Schrift zusam- 
menfindet, und verarbeitet sie mit anerkennenswerter Courage: 

Herr Grün, p. 87: 

„Die freie Konkurrenz war ein unreiner, ein konfuser Begriff, ein Begriff, der in 
sich selbst eine neue Welt von Kampf und Unglück enthielt, den Kampf zwischen 
Kapital und Arbeit und das Unglück des kapitallosen Arbeiters. Saint-Simon reinigte 

_ den Begriff der Industrie, er reduzierte ihn auf den Begriff der Arbeiter, er formulierte die 
Rechte und Beschwerden des vierten Standes, des Proletariats. Er mußte das Erbrecht 
aufheben, weil es zum Unrecht am Arbeiter, am Industriellen wurde. Diese Bedeutung 
hat sein ‚Katechismus der Industriellen‘.“ 

Herr Grün fand bei Stein, p. 169, bei Gelegenheit des „Cat&chisme“: 

„Das ist mithin die wahre Bedeutung Saint-Simons, diesen Gegensatz“ (von 
Bourgeoisie und peuple) „als einen bestimmten vorausgesehen zu haben.“ 

Be: feudale, mittlere und industrielle Klasse [187] - 2 Alles durch die Industrie, alles für sie - 
>Volk 

40 Karl Marx und Friedrich Engels 

Dies das Original zu der „Bedeutung“ des „Katechismus“ bei Herrn Grün. 
Stein: 

„Er“ (Saint-Simon im „Catechisme“) „beginnt mit dem Begriff des industriellen 
Arbeiters.“ 

Hieraus macht Herr Grün den kolossalen Unsinn, daß Saint-Simon, der 
die freie Konkurrenz als einen „unreinen Begriff“ vorfand, „den Begriff der 
Industrie reinigte und ihn auf den Begriff der Arbeiter reduzierte“. Daß der 
Begriff des Herrn Grün von der freien Konkurrenz und Industrie ein sehr 
„unreiner“ und „konfuser“ ist, zeigt er an allen Ecken. 

Noch nicht zufrieden mit diesem Unsinn, wagt er die direkte Lüge, Saint- 
Simon habe die Aufhebung des Erbrechts verlangt. 

“Immer noch auf die Art gestützt, wie er den „Catechisme“ nach Stein 
versteht, sagt er p. 88: 

„Saint-Simon hatte die Rechte des Proletariats festgesetzt, er hatte die neue Parole 
bereits ausgegeben: Die Industriellen, die Arbeiter sollen auf die erste Stufe der Macht 
erhoben werden. Das war einseitig, aber jeder Kampf führt die Einseitigkeit mit sich; 
wer nicht einseitig ist, kann nicht kämpfen.“ 

Herr Grün mit seiner schönrednerischen Maxime von der Einseitigkeit 
begeht hier selbst die Einseitigkeit, den Stein dahin mißzuverstehen, Saint- 
Simon habe die eigentlichen Arbeiter, die Proletarier, „auf die erste Stufe der 
Macht erheben“ wollen. Vgl. p. 102, wo über Michel Chevalier gesagt wird: 

„M.Chevalier spricht noch mit sehr großer Teilnahme von den Industriellen ... 
aber dem Jünger sind die Industriellen nicht mehr die Proletarier, wie dem Meister; er 
faßt Kapitalist, Unternehmer und Arbeiter in einen Begriff zusammen, rechnet also 
die Müßiggänger mit zu einer Kategorie, die nur die ärmste und zahlreichste Klasse 
umfassen sollte.“ 

Bei Saint-Simon gehören zu den Industriellen außer den Arbeitern auch 
die fabricants, negociants', kurz, sämtliche industrielle Kapitalisten, an die er 
sich sogar vorzugsweise adressiert. Herr Grün konnte dies bereits auf der 
ersten Seite des „Cat&chisme“ finden. Man sieht aber, wie er, ohne die Schrift 
selbst je gesehen zu haben, nach dem Hörensagen belletristisch über sie phan- 
tasiert. 

Bei seiner Besprechung des „Cat&chisme“ sagt Stein: 

„Von ... kommt Saint-Simon zu einer Geschichte der Industrie in ihrem Verhältnis 
zur Staatsgewalt ... er ist der erste, der es zum Bewußtsein gebracht hat, daß in der 

I Fabrikanten, Kaufleute 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün 49] 

Wissenschaft der Industrie ein staatliches Moment verborgen liege ... es läßt sich nicht 
leugnen, daß ihm ein wesentlicher Anstoß gelungen ist. Denn erst seit ihm besitzt 
Frankreich eine Histoire de l’economie politique“ pp., p. 165, 170. 

Stein selbst ist im höchsten Grade konfus, wenn er von einem „staatlichen 
Moment“ in „der Wissenschaft der Industrie“ spricht. Er zeigt indes, daß er 
eine richtige Ahnung hatte, indem er hinzufügt, daß die Geschichte des 
Staats aufs genaueste zusammenhänge mit der Geschichte der Volkswirt- 
schaft. 

Sehen wir, wie Herr Grün später, da er von der saint-simonistischen 
Schule spricht, diesen Fetzen Steins sich aneignet. 

„Saint-Simon hatte in seinem ‚Katechismus der Industriellen‘ eine Geschichte der 
Industrie versucht, indem er das staatliche Element in ihr hervöorhob. Der Meister selbst 
brach also die Bahn zur politischen Ökonomie.“ p. 99. 

Herr Grün verwandelt „also“ zunächst das „staatliche Moment“ Steins in 
ein „staatliches Element“ und macht es zu einer sinnlosen Phrase, indem er die 
näheren Data, die Stein gegeben hatte, wegläßt. Dieser „Stein, den die Bau- 
leute verworfen haben“, ist für Herrn Grün wirklich zum „Eckstein“ seiner 
„Briefe und Studien“ geworden. Zugleich aber auch zum Stein des Änstoßes. 
Aber noch mehr. Während Stein sagt, Saint-Simon habe durch Hervorhebung 
dieses staatlichen Moments in der Wissenschaft der Industrie die Bahn ge- 
brochen zur Geschichte der politischen Ökonomie, läßt Herr Grün ihn die 
Bahn zur politischen Ökonomie selbst brechen. Herr Grün räsoniert etwa so: 
Ökonomie gab es bereits vor Saint-Simon; wie Stein erzählt, hob er das 
staatliche Moment in der Industrie hervor, machte also die Ökonomie staat- 
lich - staatliche Ökonomie = politische Ökonomie, also brach Saint-Simon 
die Bahn zur politischen Ökonomie. Herr Grün verrät unleugbar einen sehr 
heitern Geist bei Bildung seiner Konjekturen. 

Der Art, wie Herr Grün Saint-Simon die Bahn zur politischen Ökonomie 
brechen läßt, entspricht die Art, wie er ihn die Bahn zum wissenschaftlichen 
Sozialismus brechen läßt: 

„Er“ (der Saint-Simonismus) „enthält ... den wissenschaftlichen Sozialismus, in- 
dem Saint-Simon sein ganzes Leben lang nach der neuen Wissenschaft suchte“! p. 82. 

3. „Nouveau christianisme“ 

Herr Grün gibt in derselben glänzenden Weise wie bisher Auszüge aus 
den Auszügen von Stein und Reybaud mit belletristischer Ausschmückung 
und unbarmherziger Zerreißung der bei diesen zusammengehörigen Glieder. 

492 | Karl Marx und Friedrich Engels 

Wir geben nur ein Beispiel, um zu zeigen, daß er auch diese Schrift nie in der 

- Hand gehabt hat. 

„Es galt für Saint-Simon, eine einheitliche Weltanschauung herstellen, wie sie für 
organische Geschichtsperioden paßt, die er ausdrücklich den kritischen gegenüberstellt. 
Seit Luther leben wir nach seiner Meinung in einer kritischen Periode, er gedachte den 
Anfang der neuen organischen Periode zu begründen. Daher das ‚Neue Christentum‘.“ 

p. 88. 

Saint-Simon hat nie und nirgends die organischen Geschichtsperioden 
den kritischen gegenübergestellt. Herr Grün lügt dies geradezu. Erst Bazard 
machte diese Einteilung. Herr Grün fand bei Stein und Reybaud, daß im 
„Nouveau christianisme“ Saint-Simon die Kritik Luthers anerkennt, aber 
seine positive, dogmatische Doktrin mangelhaft findet. Herr Grün wirft 
diesen Satz mit seinen Reminiszenzen aus ebendenselben Quellen über die 
saint-simonistische Schule zusammen und fabriziert daraus seine obige Be- 
hauptung. 

Nachdem Herr Grün in der geschilderten Weise über Saint-Simons Le- 
ben und Werke mit einziger Benutzung von Stein und dessen Leitfaden Rey- 
baud einige belletristische Phrasen gemacht hat, schließt er mit dem Ausruf: 

„Und diesen Saint-Simon haben die Philister der Moral, Herr Reybaud und mit 
ihm die ganze Schar deutscher Nachschwätzer, in Schutz nehmen zu müssen geglaubt, 
indem sie mit ihrer gewöhnlichen Weisheit orakelten, ein solcher Mensch, ein solches 
Leben seien nicht nach gewöhnlichen Maßstäben zu messen! - Sagt doch, sind Eure 
Maßstäbe von Holz? Sprecht die Wahrheit, es soll uns lieb sein, wenn sie von recht 
festern Eichenstamm sind. Gebt sie her, wir wollen sie als ein kostbares Geschenk dank- 
bar hinnehmen, wir wollen sie nicht verbrennen, behüte! Wir wollen den Rücken der 

. Philister mit ihnen — messen.“ p. 89. 

Durch solche belletristische burschikose Phrasen dokumentiert Herr Grün 
seine Überlegenheit über seine Vorbilder. 

4.Saint-simonistische Schule 

Da Herr Grün von den Saint-Simonisten geradesoviel gelesen hat wie 
von Saint-Simon selbst, nämlich Nichts, so hätte er wenigstens einen ordent- 
lichen Auszug aus Stein und Reybaud machen, die chronologische Reihen- 
foige beobachten, den Verlauf im Zusammenhange erzählen, die nötigen 
Punkte erwähnen sollen. Statt dessen tut er, durch sein böses Gewissen ver- 
leitet, das Gegenteil, wirft möglichst durcheinander, läßt die allernotwen- 
digsten Dinge aus und richtet eine Konfusion an, die noch größer ist als in 
seiner Darstellung von Saint-Simon. Wir müssen uns hier noch kürzer fassen, 

Rn 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün 495° 

da wir ein Buch schreiben müßten, so dick wie das des Herrn Grün, um jedes 
Plagiat und jeden Schnitzer hervorzuheben. 

Über die Zeit vom Tode Saint-Simons bis zur Julirevolution, die Zeit, 
worin mit die bedeutendste theoretische Entwicklung des Saint-Simonismus 
fällt, erfahren wir nichts: Hiermit fällt sogleich der bedeutendste Teil des 
Saint-Simonismus, die Kritik der bestehenden Zustände, ganz fort für Herrn 
Grün. Es war in der Tat auch schwer, hierüber etwas zu sagen, ohne die 
Quellen selbst, namentlich die Journale, zu kennen. - 

Herr Grün eröffnet seinen Kursus über die Saint-Simonisten mit folgen- 
dem Satze: 

„Jedem nach seiner Fähigkeit, jeder Fähigkeit nach ihren Werken, so heißt das 
praktische Dogma des Saint-Simonismus.“ 

Wie Reybaud, p. 96, diesen Satz als Übergangspunkt von Saint-Simon zu 
den Saint-Simonisten darstellt, so Herr Grün, der fortfährt: 

„Es entspringt unmittelbar aus dem letzten Worte Saint-Simons: allen Menschen 
die freiste Entwicklung ihrer Anlagen zu sichern.“ — 

Herr Grün wollte sich hier von Reybaud unterscheiden. Reybaud knüpft 
dieses „praktische Dogma“ an den „Nouveau christianisme“ an. Herr Grün 
hält dies für einen Einfall Reybauds und substituiert dem „Nouveau christia- 
nisme“ ungeniert das letzte Wort Saint-Simons. Er wußte nicht, daß Rey- 
baud nur einen wörtlichen Auszug aus der „Doctrine de Saint-Simon, Ex- 

position, premiere ann&e“, p. 70, gab. 

Herr Grün weiß sich nicht recht zu erklären, wie hier bei Reybaud, nach 
einigen Auszügen über die religiöse Hierarchie des Saint-Simonismus, das 
„praktische Dogma“ plötzlich hereingeschneit kommt. Während dieser Satz 
erst im Zusammenhang mit den religiösen Ideen des „Nouveau christianisme“ 
aufgefaßt auf eine neue Hierarchie hinweisen kann, während er ohne diese 
Ideen höchstens eine profane Klassifikation der Gesellschaft verlangt, bildet 
sich Herr Grün ein, aus diesem Satze allein folge die Hierarchie. Er sagt 
p. 91: 

„Jedem nach seiner Fähigkeit, das heißt die katholische Hierarchie zum Gesetz der 
gesellschaftlichen Ordnung machen. Jeder Fähigkeit nach ihren Werken: das heißt 
auch noch die Werkstatt zur Sakristei, auch noch das ganze bürgerliche Leben in eine 
Domäne des Pfaffen verwandeln.“ 

Bei Reybaud findet er Banlida im oben erwähnten Auszug aus der Ex- 
position: 

„L’eglise vraiment universelle va paraitre ... l’Eglise universelle gouverne le tem- 
porel comme le spirituel ... la science est sainte, lindustrie est sainte ... et tout bien 

494 Karl Marx und Friedrich Engels 

est bien d’eglise et toute profession est une fonction religieuse, un grade dans la hier- 
archie sociale. - A chacim selon sa capacite, a chaque capacite selon ses euvres.“* 

Herr Grün hatte offenbar nur diese Stelle umzudrehen, nur die vorher- 
gehenden Sätze in Folgerungen aus dem Schlußsatz zu verwandeln, um seinen 
ganz unbegreiflichen Satz herauszubringen. 

„So wirr und kraus gestaltet sich“ die Grünsche Widerspiegelung des 
Saint-Simonismus, daß er p. W erst aus dem „praktischen Dogma“ ein „gei- 
stiges Proletariat“, aus diesem geistigen Proletariat eine „Hierarchie der 
Geister“ und aus dieser Hierarchie der Geister eine Spitze der Hierarchie. 
hervorgehen läßt. Hätte er auch nur die Exposition gelesen, so würde er ge- 
sehen haben, wie die religiöse Anschauungsweise des „Nouveau christianisme“ 
in Verbindung mit der Frage, wie denn die capacite festzustellen sei, die Not- 
wendigkeit der Hierarchie und ihrer Spitze hereinbringt. 

Mit dem Einen Satz „A chacun selon sa capacite, a chaque capacite selon ses 
ceuvres“ hat Herr Grün seine ganze Darstellung und Kritik der Exposition 
von 1828/29 abgeschlossen. Den „Producteur“!"?? und „Organisateur“ erwähnt 
er außerdem kaum einmal. Er blättert in Reybaud und findet in dem Abschnitt 
„Dritte Epoche des Saint-Simonismus“, p. 126, Stein, p. 205: 

„... et les jours suivants le Globe parut avec le sous-titre de Journal de la doctrine de 
Saint-Simon, laquelle etait resumee ainsi sur la premiere page: 

Religion 
Science Industrie 
Association universelle.“ ? 

Herr Grün springt nun unmittelbar von dem obigen Satze ins Jahr 1831, 
indem er folgendermaßen Reybaud verarbeitet (p. 91): 

„Die Saint-Simonisten stellten folgendes Schema ihres Systems auf, dessen 
Formulierung besonders das Werk Bazards war: 
Religion 
Wissenschaft Industrie 

Allgemeine Association.“ 

1 „Die wahrhaft allumfassende Kirche wird erscheinen ... die allumfassende Kirche re- 
giert das Weltliche wie das Geistliche ... die Wissenschaft ist heilig, die Industrie ist heilig ... 
und alles Gut ist Kirchengut, und jeder Beruf ist ein geistliches Amt, ein Grad in der sozialen 
Hierarchie. — Jedem nach seiner Fähigkeit, jeder Fähigkeit nach ihren Werken.“ - ? „...und in 
den folgenden Tagen erschien der ‚Globe‘ mit dem Untertitel ‚Zeitschrift für die Lehre 
Saint-Simons‘, welche auf der ersten Seite wie folgt zusammengefaßt wurde: 

Religion 
Wissenschaft Industrie 
Allumfassende Vereinigung“ 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün 495 

Herr Grün läßt drei Sätze fort, die ebenfalls auf dem Titel des „Globe“ °9! 
stehen und sich Alle auf praktische soziale Reformen beziehen. Sie finden sich 
sowohl bei Stein wie bei Reybaud. Er tut dies, um dies bloße Aushängeschild 
eines Journals in ein „Schema“ des Systems verwandeln zu können. Er ver- 
schweigt, daß es auf dem Titel des „Globe“ stand, und kann nun im ver- 
stümmelten Titel dieses Blattes den ganzen Saint-Simonismus durch die 
kluge Bemerkung kritisieren, daß die Religion obenan stehe. Er konnte übri- 
gens bei Stein finden, daß im „Globe“ dies keineswegs der Fall ist. Der 
„Globe“ enthält, was Herr Grün freilich nicht wissen konnte, die ausführ- 
lichsten und wichtigsten Kritiken der bestehenden, besonders der ökonomi- 
schen Zustände. 

Woher Herr Grün die neue, aber wichtige Nachricht hat, daß die,, Formu- 
lierung dieses Schemas“ von vier Worten „besonders das Werk Bazards war“, 
ist schwer zu sagen. 

Vom Januar 1831 springt Herr Grün jetzt zurück zum Oktober 1830: 

„Ein kurzes, aber umfassendes Glaubensbekenntnis adressierten die Saint-Simo- 
nisten in der Periode Bazard“ (woher die?) „kurz nach der Julirevolution an die Depu- 
tiertenkammer, nachdem die Herren Dupin und Mauguin sie von der Tribüne herab 
bezichtigt hatten, Güter- und Weibergemeinschaft zu lehren.“ 

Folgt nun diese Adresse, und macht Herr Grün darauf die Bemerkung: 

„Wie vernünftig und gemessen ist das Alles noch. Bazard redigierte die Eingabe 

an die Kammer.“ p. 92-94. 
Was zunächst diese Schlußbemerkung betrifft, so sagt Stein, p. 205: 

„Seiner Form und Haltung nach stehen wir keinen Augenblick an, es“ (dies Akten- 
stück) „mit Reybaud Bazard mehr zuzuschreiben als Enfantin.“ 

Und Reybaud, p. 123: 

„Aux formes, aux pretentions assez moderees de cet Ecrit il est facile de voir qu’il 
provenait plutöt de l’impulsion de M.Bazard que de celle de son collegue.“! 

Herrn Grüns geniale Kühnheit verwandelt Reybauds Vermutung, daß 
Bazard eher als Enfantin den Anstoß zu dieser Adresse gab, in die Gewißheit, 
daß er sie ganz redigierte. Der Übergang zu diesem Aktenstück ist übersetzt 
aus Reybaud, p. 122: 

„MM.Dupin et Mauguiin signalerent du haut de la tribune une secte qui prechait 
“2 

la communaute des biens et la communaute des fenmes. 

! „An den Formen, an den ziemlich gemäßigten Forderungen dieser Schrift sieht man 
leicht, daß sie eher dem Anstoß des Herrn Bazard als dem seines Kollegen entsprang.*“ - 
2 „Die Herren Dupin und Mauguin wiesen von der Tribüne herab auf eine Sekte hin, die 
Güter- und Weibergemeinschaft predige.“ 

496 Karl Marx und Friedrich Engels 

Nur läßt Herr Grün das von Reybaud gegebne Datum weg und sagt dafür: 
„kurz nach der Julirevolution“. Die Chronologie paßt überhaupt nicht in die 
Art des Herrn Grün, sich von seinen Vorgängern zu emanzipieren. Von Stein 
unterscheidet er sich hier, indem er in den Text setzt, was bei Stein in einer 
Note steht, indem er den Eingangspassus der Adresse wegläßt, indem er fonds 
de production (produktives Kapital) mit „Grundvermögen“ und classement 
social des individus (gesellschaftliche Klassifizierung der Individuen) mit 
„gesellschaftliche Ordnung der Einzelnen“ übersetzt. 

Folgen nun einige liederliche Notizen über die Geschichte der saint- 
simonistischen Schule, welche mit derselben künstlerischen Plastik aus Stein, 
Reybaud und L.Blanc zusammengewürfelt sind wie oben das Leben Saint- 
Simons. Wir überlassen dem Leser, diese im Buche selbst nachzusehen. 

Wir haben dem Leser jetzt Alles mitgeteilt, was Herr Grün vom Saint- 
Simonismus in der Periode Bazard, d. h. seit dem Tode Saint-Simons bis zum 
ersten Schisma, zu sagen weiß. Er kann jetzt einen belletristisch-kritischen 
Trumpf ausspielen, indem er Bazard einen „schlechten Dialektiker“ nennt 

und fortfährt: 

„Aber so sind die Republikaner. Sie wissen nur zu sterben, Cato wie Bazard; wenn 
sie sich nicht erdolchen, lassen sie sich das Herz brechen.“ p.95. _ * 
„Wenige Monate nach diesem Streite brach ihm“ (Bazard) „das Herz.“ Stein, p. 210. 

Wie richtig die Bemerkung des Herrn Grün ist, beweisen Republikaner 
wie Levasseur, Carnot, Bartre, Billaud-Varennes, Buonarroti, Teste, d’Ar- 
genson etc, etc. 

Folgen nun einige banale Phrasen über Enfantin, wo wir bloß auf folgende 

Entdeckung des Herrn Grün aufmerksam machen: 
„Wird es an dieser geschichtlichen Erscheinung endlich klar, daß die Religion nichts 

ist als Sensualismus, daß der Materialismus kühn denselben Ursprung in Anspruch 

nehmen darf wie das heilige Dogma selbst ?“ p. 97. 

Herr Grün blickt selbstgefällig um sich: „Hat wohl schon Jemand daran 
gedacht?“ Er würde nie „daran gedacht“ haben, wenn nicht schon die „Halli- 
schen Jahrbücher“ bei Gelegenheit der Romantiker „daran gedacht“ hätten.!*?°! 
Man hätte übrigens hoffen können, daß seit der Zeit Herr Grün weiter ge- 
dacht hätte. 

Herr Grün weiß, wie wir gesehen haben, von der ganzen ökonomischen 
Kritik der Saint-Simonisten Nichts. Indessen benutzt er Enfantin, um auch 
über die ökonomischen Konsequenzen Saint-Simons, von denen er schon 
oben fabelte, ein Wort zu sagen. Er findet nämlich bei Reybaud, p. 129 seqq., 
und Stein, p. 206, Auszüge aus der „Politischen Ökonomie“ Enfantins, ver- 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün 497 

fälscht aber auch hier, indem er die Aufhebung der Steuern auf die notwen- 
digsten Lebensbedürfnisse, welche Reybaud und Stein nach Enfantin richtig 
als Konsequenz der Vorschläge über das Erbrecht darstellen, zu einer gleich- 
gültigen, unabhängigen Maßregel neben diesen Vorschlägen macht. Er be- 
weist auch darin seine Originalität, daß er die chronologische Ordnung ver- 
fälscht, zuerst vom Priester Enfantin und Menilmontant!"?"! und dann vom 
Ökonomen Enfantin spricht, während seine Vorgänger die Ökonomie Enfan- 
tins in der Periode Bazard gleichzeitig mit dem „Globe“ behandeln, für den 
sie geschrieben wurde.!"??! Wenn er hier die Periode Bazard in die Periode 
M&nilmontant hereinzieht, so zieht er später, wo er von der Ökonomie und 
M.Chevalier spricht, wieder die Periode von Menilmontant herein. Das „Livre 
nouveau“ "92 gibt ihm hiezu Gelegenheit, und wie gewöhnlich verwandelt 
er die Vermutung Reybauds, daß M.Chevalier der Verfasser dieser Schrift 
sei, in eine kategorische Behauptung. 

Herr Grün hat jetzt den Saint-Simonismus „in seiner Gesamtheit“ (p. 82) 
dargestellt. Er hat sein Versprechen gehalten, „ihn nicht in seine Literatur 
hinein kritisch zu verfolgen“ (ibid.), und hat sich daher in eine ganz andere 
„Literatur“, in Stein und Reybaud, höchst unkritisch verwickelt. Zum Er- 
satz gibt er uns einige Aufschlüsse über M.Chevaliers ökonomische Vor- 
lesungen von 1841/42, wo er längst aufgehört hatte, Saint-Simonist zu sein. 
Herrn Grün lag nämlich, als er über den Saint-Simonismus schrieb, eine 
Kritik dieser Vorlesungen in der „Revue des deux Mondes“ vor, die er in der- 
selben Weise benutzen konnte wie bisher Stein und Reybaud. Wir geben nur 
eine Probe seiner kritischen Einsicht: 

„Er behauptet darin, es würde nicht genug produziert. Das ist ein Wort, ganz 
würdig der alten ökonomischen Schule mit ihren verrosteten Einseitigkeiten ... Solange 
die politische Ökonomie nicht einsieht, daß die Produktion abhängig von der Konsum- 
tionist, solange kommt diese sogenannte Wissenschaft auf keinen grünen Zweig.“ p. 102. 

Man sieht, wie Herr Grün mit den ihm vom wahren Sozialismus über- 
lieferten Phrasen über Konsumtion und Produktion weit über jedes ökono- 
mische Werk erhaben dasteht. Abgesehen davon, daß er in jedem Ökonomen 
finden kann, daß die Zufuhr auch von der Nachfrage, d.h. die Produktion 
von der Konsumtion abhängt, gibt es in Frankreich sogar eine eigne ökono- 
mische Schule, die von Sismondi, die die Produktion in einer andern Weise 
von der Konsumtion abhängig machen will, als dies durch die freie Konkur- 
renz ohnehin der Fall ist, und die den entschiedensten Gegensatz bildet zu 
den von Herrn Grün angefeindeten Ökonomen. Wir werden Herrn Grün 
übrigens erst später mit dem ihm anvertrauten Pfunde, der Einheit von Pro- 
duktion und Konsumtion, mit Erfolg wuchern sehen. 

498 Karl Marx und Friedrich Engels 

Herr Grün entschädigt den Leser für die durch seine dünnen, verfälschten 
und mit Phrasen adulterierten Auszüge aus Stein und Reybaud erregte Lange- 
weile durch folgendes jungdeutsch sprühendes, humanistisch glühendes und 
sozialistisch blühendes Raketenfeuer: 

„Der ganze Saint-Simonismus als soziales Systern war nichts weiter als ein Sprudel- 
regen von Gedanken, den eine wohltätige Wolke über den Boden Frankreichs ausgoß“ 
‘(früher p. 82, 83 eine „Lichtmasse, aber noch als Lichtchaos“ (!), „nicht als geordnete 
Helle“ !!). „Er war ein Schaustück von der erschütterndsten und lustigsten Wirkung 
zugleich. Der Dichter starb noch vor der Aufführung, der eine Regisseur während der 
Vorstellung; die übrigen Regisseure und sämtliche Schauspieler legten ihre Kostüme 
ab, schlüpften in ihre bürgerlichen Kleider hinein, gingen heim undtaten, als sei Nichts 
vorgefallen. Es war ein Schauspiel, ein interessantes, zuletzt etwas verwirrt, einige 
Akteure chargierten - das war Alles.“ p. 104. 

Wie richtig hat Heine seine Nachkläfter beurteilt: -Ich habe Drachen- 

zähne gesäet und Flöhe geerntet.“ 

Fourierismus 

Außer einigen Übersetzungen über die Liebe aus den „Quatre mouve- 
ments“ "%] erfahren wir auch hier nichts, was nicht schon bei Stein voll- 
ständiger ist. Die Moral fertigt Herr Grün mit einem Satze ab, der schon 
lange vor Fourier von hundert anderen Schriftstellern gesagt war: 

„Die Moral ist nach Fourier weiter nichts als der systematische Versuch, die Leiden- 
schaften der Menschen zu unterdrücken.“ p. 147. 

Die christliche Moral hat sich selbst nie anders definiert. Auf Fire 
Kritik der jetzigen Landwirtschaft und Industrie geht Herr Grün gar nicht 
ein und begnügt sich, zur Kritik des Handels einige allgemeine Sätze aus der 
Einleitung („Origine de l’&conomie politique et de la controverse mercantile“!, 
p. 332, 334 der „Quatre mouvements“) zu einem Abschnitt der „Quatre 
mouvements“ zu übersetzen. Folgen dann einige Auszüge aus den „Quatre 
mouvements“ und einer aus dem „Traite de l’association “!!?°! über die franzö- 
sische Revolution, nebst den schon aus Stein bekannten Tabellen über die 
Zivilisation. So wird der kritische Teil Fouriers, der wichtigste, auf 28 Seiten 
wörtlicher Übersetzungen, die’sich mit sehr wenigen Ausnahmen auf das 
Allerallgemeinste und Abstrakteste beschränken und "Wichtiges und Un- 
wichtiges durcheinanderwerfen, mit der größten Oberflächlichkeit und Hast 
abgefertigt. 

1 ‚Ursprung der politischen Ökonomie und der Kontroverse über den Handel“ 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün | 499 

Herr Grün geht nun zur Darstellung des Fourierschen Systems über. 
Vollständigeres und Besseres liegt längst in der schon von Stein zitierten 
Schrift von Chouroa!"??! vor. Herr Grün hält es zwar für „unumgänglich nötig“, 
tiefe Aufschlüsse über die Serien Fouriers zu geben, weiß aber zu diesem 
Behufe nichts Besseres zu tun, als wörtliche Zitate aus Fourier selbst zu über- 
setzen und später, wie wir sehen werden, einige belletristische Phrasen über 
die Zahl zu machen. Er denkt nicht daran, zu zeigen, wie Fourier auf die 
Serien kam und wie er und seine Schüler Serien konstruiert haben; er gibt 
nicht den geringsten Aufschluß über die innere Konstruktion dieser Serien. 
"Derartige Konstruktionen, gerade wie die Hegelsche Methode, werden nur 
kritisiert, indem man aufzeigt, wie sie zu machen sind, und dadurch beweist, 
daß man Herr über sie ist. 

Bei Herrn Grün tritt endlich ganz in den Hintergrund, was Stein wenig- 
stens einigermaßen hervorhebt, der Gegensatz von travail repugnant! und 
travail attrayant?. 

‚Die Hauptsache bei dieser ganzen Darstellung ist die Kritik Fouriers 
durch Herrn Grün. Wir rufen dem Leser ins Gedächtnis zurück, was wir 
schon oben über die Quellen der Grünschen Kritik sagten, und werden nun 
an einigen Beispielen zeigen, wie Herr Grün die Sätze des wahren Sozialismus 
erst akzeptiert und dann übertreibt und verfälscht. Daß die Fouriersche 
Teilung zwischen Kapital, Talent und Arbeit einen prächtigen Stoff zu breiter 
Klugtuerei bietet, daß man hier über die Unmöglichkeit und Ungerechtig- 
keit der Teilung, über das Hereinkommen der Lohnarbeit usw. weitläuftiges 
Gerede machen kann, ohne diese Teilung aus dem wirklichen Verhältnis von 
Arbeit und Kapital zu kritisieren, bedarf keiner weiteren Erwähnung. 
Proudhon hat das vor Herrn Grün schon Alles unendlich besser gesagt, ohne 
damit den Kern der Frage auch nur berührt zu haben. 

Die Kritik der Psychologie Fouriers schöpft Herr Grün, wie seine ganze 
Kritik, aus dem „Wesen des Menschen“: 

„Denn das menschliche Wesen ist Alles in Allem.“ p. 190. 

„Fourier appelliert ebenfalls an dies menschliche Wesen, dessen inneres Gehäuse“ (!) 
„er uns auf seine Weise in der Tafel der zwölf Leidenschaften enthüllt; auch er will, was 
alle redlichen und vernünftigen Köpfe wollen, das innere Wesen des Menschen zur 
Wirklichkeit, zur Praxis machen. Was drinnerfist, soll auch draußen sein, und so der 
Unterschied zwischen drinnen und draußen überhaupt aufgehoben werden. Die Geschichte 
der Menschheit wimmelt von Sozialisten, wenn wir sie an diesem Merkmale erkennen 
wollen ... es kommt bei Jedem nur darauf an, was er sich unter dem Wesen des Menschen 

denkt.“ p. 1%. 

1 abstoßender Arbeit - 2 anziehender Arbeit 

500 | - Karl Marx und Friedrich Engels 

Oder vielmehr, es kommt den wahren Sozialisten nur darauf an, Jedem 
Gedanken über das Wesen des Menschen unterzuschieben und die verschie- 
denen Stufen des Sozialismus in verschiedne Philosophien des Wesens des 
Menschen zu verwandeln. Diese ungeschichtliche Abstraktion verleitet hier 
Herrn Grün dazu, die Aufhebung alles Unterschiedes zwischen Innen und 
Außen zu proklamieren, eine Aufhebung, die sogar der Fortpflanzung des. 
Wesens des Menschen ein Ende machen würde. Man sieht übrigens gar nicht 
ein, weshalb die Deutschen so erschrecklich mit ihrer Weisheit vom Wesen 
des Menschen renommieren, da ihre ganze Weisheit, die drei allgemeinen 
Eigenschaften, Verstand, Herz und Wille, bereits seit Aristoteles und den 
Stoikern ziemlich allgemein bekannt sind. Von diesem Standpunkt aus wirft 
Herr Grün Fourier vor, daß er den Menschen in zwölf Leidenschaften „zer- 

klüftet“. 

„Von der Vollständigkeit dieser Tafel, psychologisch gesprochen, will ich gar nicht 
reden; ich halte sie für ungenügend“ - (wobei sich, „psychologisch gesprochen“, das 
Publikum beruhigen mag). - „Weiß man etwa durch diese Zwölfzahl, was der Mensch . 
ist? Noch keinen Augenblick. Fourier hätte ebensogut bloß die fünf Sensitiven nennen 
können; in ihnen liegt der ganze Mensch, wenn man sie erklärt, wenn man den mensch- 
lichen Inhalt derselben zu deuten versteht“ (als wenn dieser „menschliche Inhalt“ 
nicht ganz von der Stufe der Produktion und des Verkehrs der Menschen abhinge). „Ja, 
der Mensch liegt ganz allein in Einem Sinne, im Gefühle, er fühlt anders als das Tier“ pp., 

p. 205. 

Man sieht, wie Herr Grün, hier zum ersten Male im ganzen Buche, sich 
anstrengt, um vom Feuerbachschen Standpunkte nur irgend etwas über 
Fouriers Psychologie zu sagen. Man sieht ebenfalls, welch eine Phantasie 
dieser „ganze Mensch“ ist, der in einer einzigen Eigenschaft eines wirklichen 
Individuums „liegt“ und vom Philosophen aus ihr heraus interpretiert wird; 
was das überhaupt für ein „Mensch“ ist, der nicht in seiner wirklichen ge- 
schichtlichen Tätigkeit und Dasein angeschaut wird, sondern aus seinem 
eignen Ohrläppchen oder sonstigen Unterscheidungsmerkmal vom Tier ge- 
folgert werden kann. Dieser Mensch „liegt“ in sich selbst, wie sein eigner 
Komedon. Daß das menschliche Gefühl menschlich und nicht tierisch ist, 
diese Einsicht macht natürlich nicht nur jeden psychologischen Versuch über- 
flüssig, sondern ist auch zugleich die Kritik aller Psychologie. 

Fouriers Behandlung der Liebe kann Herr Grün sehr leicht kritisieren, 
indem er dessen Kritik der jetzigen Liebesverhältnisse an den Phantasien 
mißt, in denen Fourier sich eine Anschauung von der freien Liebe zu geben 
suchte. Herr Grün nimmt diese Phantasien ernsthaft als echter deutscher 
Philister. Sie sind das Einzige, das er ernsthaft nimmt. Wollte er einmal auf 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün 501 

diese Seite des Systems eingehen, so ist nicht abzusehen, weshalb er nicht 

auch auf Fouriers Ausführungen über Erziehung einging, die bei weitem das 
beste sind, was in dieser Art existiert, und die genialsten Beobachtungen ent- 
halten. Übrigens verrät Herr Grün bei Gelegenheit der Liebe, wie wenig er 
als echter jungdeutscher Belletrist von Fouriers Kritik gelernt hat. Er meint, 
es sei einerlei, ob man von der Aufhebung der Ehe oder des Privateigentums 
ausgehe, eins müsse immer das Andre nach sich ziehen. Es ist aber reine 
belletristische Phantasie, von einer.andern Auflösung der Ehe, als wie sie sich 
schon jetzt in der bürgerlichen Gesellschaft praktisch vorfindet, ausgehen zu 
wollen. Bei Fourier selbst konnte er finden, daß dieser überall nur von der 
Umänderung der Produktion ausgeht. 

Es nimmt Herrn Grün wunder, daß Fourier, der doch überall von der 
Neigung (soll heißen Attraktion) ausgeht, allerlei „mathematische“ Versuche 
macht, weshalb er auch p. 203 der „mathematische Sozualist* genannt wird. 
Selbst die ganzen Lebensverhältnisse Fouriers aus dem Spiel gelassen, hätte 
Herr Grün auf die Attraktion näher eingehen müssen, wo er sehr bald ge- 
funden haben würde, daß solch ein Naturverhältnis nicht ohne Berechnung 
näher bestimmt werden kann. Statt dessen regaliert er uns mit einer belle- 
tristischen, mit Hegelschen Traditionen verquickten Philippika gegen die 
Zahl, worin Stellen vorkommen wae: 

Fourier_„berechnet die Moleküle Deines abnormsten Geschmackes“, 
ein wahres Wunder - ferner: 

„Die so hart befehdete Zivilisation beruhte auf dem herzlosen Einmaleins ... die 
Zahl ist nichts Bestimmtes ... Was ist Eins? Die Eins hat keine Ruhe, sie wird Zwei, 
Drei, Vier“ - 

es geht ihr wie dem deutschen Landpfarrer, der auch ER Ruhe“ hat, bis 
er eine Frau und neun Kinder hat ... 

„Die Zahl tötet alles Wesentliche und Wirkliche, was ist eine halbe Vernunft, was 
ist ein Drittel Wahrheit“ — 

er hätte auch fragen können: Was ist ein grün angelaufener Logarithmus? ... 

„bei der organischen Entwicklung wird die Zahl verrückt“ . 

ein Satz, worauf die Physiologie und organische Chemie beruhen. (p. 203, 204.) 
„Wer die Zahl zum Maße der Dinge nimmt, der wird, nein - der ist'ein Egoist.“ 

An diesen Satz kann er den ihm von Heß überlieferten (s. oben) über- 
treibend anknüpfen: 

„Der ganze Fouriersche Organisationsplan beruht auf Nichts als auf Egoismus .. 
der ärgste Ausdruck des zivilisierten Egoismus ist gerade Fourier.“ p. 206, 208. 

502 Karl Marx und Friedrich Engels 

Er beweist dies sogleich, indem er erzählt, wie in der Fourierschen Welt- 
ordnung der Ärmste täglich von 40 Schüsseln speist, 5 Mahlzeiten täglich 
genommen: werden, die Leute 144 Jahre alt werden und dergl. mehr. Die 
kolossale Anschauung der Menschen, die Fourier der bescheidnen Mittel- 
mäßigkeit der Restaurationsmenschen mit naivem Humor gegenüberstellt, 
gibt Herrn Grün bloß Gelegenheit, die unschuldigste Seite herauszunehmen 
und darüber moralische Philisterglossen zu machen. 

Indem Herr Grün Fourier Vorwürfe macht über seine Auffassung der 
französischen Revolution, gibt er zugleich einen Vorschmack seiner eignen 
Einsicht in die Revolutionszeit: 

„Hätte man nur vierzig Jahre früher um die Assoziation gewußt“ (läßt er Fourier 
sagen), „so wäre die Revolution vermieden worden. Wie kam es denn aber“ (fragt Herr 

‘Grün), „daß der Minister Turgot das Recht zur Arbeit kannte und daß dennoch der 

Kopf Ludwigs XVI. fiel? Mit dem Rechte zur Arbeit hätte man doch leichter als mit 
Hühnereiern die Staatsschuld bezahlen können.“ p. 211. 

Herr Grün übersieht nur die Bagatelle, daß das Recht zur Arbeit, wovon 
Turgot spricht, die freie Konkurrenz ist, und daß ebendiese freie Konkurrenz 
die Revolution nötig hatte, um sich durchzusetzen. 

Herr Grün kann seine ganze Kritik Fouriers zusammenfassen in dem 
Satz, daß Fourier „die Zivilisation“ keiner „gründlichen Kritik“ unterworfen 
habe. Und warum tat Fourier dies nicht? Man höre: - 

„Sie ist kritisiert worden in ihren Erscheinungen, nicht in ihren Grundlagen; sie ist 
als Daseiendes perhorresziert, lächerlich gemacht, in ihrer Wurzel aber nicht untersucht 
worden. Weder die Politik noch die Religion sind vor das Forum der Kritik gezogen 
worden, und deshalb blieb das Wesen des Menschen ununtersucht.“ p.209. 

Herr Grün erklärt hier also die wirklichen Lebensverhältnisse der Men- 
schen für Erscheinungen, Religion und Politik aber für die Grundlage und 
Wurzel dieser Erscheinungen. Man sieht an diesem abgeschmackten Satze, 
wie die wahren Sozialisten die ideologischen Phrasen der deutschen Philo- 
sophie gegenüber den wirklichen Darstellungen französischer Sozialisten als 
höhere Wahrheit geltend machen und zugleich, wie sie ihr eigentliches 
Objekt, das Wesen des Menschen, mit den Resultaten der französischen 
Kritik der Gesellschaft zu verbinden streben. Daß, wenn Religion und Politik 
als Grundlage der materiellen Lebensverhältnisse gefaßt werden, Alles in 
letzter Instanz auf Untersuchungen über das Wesen des Menschen, d. h. über 
das Bewußtsein des Menschen von sich selbst ausläuft, ist ganz natürlich. — 
Man sieht zugleich, wie wenig es dem Herrn Grün darauf ankommt, was er ab- 
schreibt; an einer späteren Stelle, wie auch in den „Rhein[ischen] Jahrbüchern“, 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün 503 

eignet er sich in seiner Weise an, was in den „Deutsch-Französischen Jahr- 
büchern“ über.das Verhältnis von citoyen und bourgeois gesagt war! und 
was dem obigen Satze direkt widerspricht. 

Wir haben dem Leser bis zuletzt die Ausführung des vom wahren Sozialis- 
mus Herrn Grün anvertrauten Satzes über Produktion und Konsumtion vor- 
“ behalten. Sie ist ein schlagendes Exempel, wie Herr Grün die Sätze des wah- 
ren Sozialismus als Maßstab an die Leistungen der Franzosen legt und sie 
dadurch, daß er sie aus ihrer völligen Unbestimmtheit herausreißt, als voll- 
ständigen Unsinn darlegt. 

„Produktion und Konsumtion lassen sich in der Theorie und in der äußern Wirk- 
lichkeit zeitlich und räumlich trennen, dem Wesen nach sind sie nur Eins. Ist nicht die 
Tätigkeit des gewöhnlichsten Gewerbes, z.B. des Brotbackens, eine Produktion, welche 
für hundert Andre zur Konsumtion wird? Ja, welche es für den Backenden selbst ist, der 
ja Korn, Wasser, Milch, Eier pp. konsumiert? Ist die Konsumtion von Schuhen und 
Kleidern nicht die Produktion bei Schustern und Schneidern? ... Produziere ich nicht, 
wenn ich Brot esse? Ich produziere ungeheuer, ich produziere Mühlen, Backtröge, 
Backöfen und folglich Pflüge, Eggen,Dreschflegel, Mühlräder, Schreinerarbeit, Maurer- 
arbeit“ („und folglich“ Schreiner, Maurer und Bauern, „folglich“ ihre Eltern, „folg- 
lich“ alle ihre Vorfahren, „folglich“ Adam). „Konsumiere ich nicht, wenn ich produ- 
ziere? Ebenfalls ungeheuer ... Lese ich ein Buch, so konsumiere ich zwar zunächst 
das Produkt ganzer Jahre, wenn ich es für mich behalte oder verderbe, ich konsumiere 
den Stoff und die Tätigkeit der Papierfabrik, der Buchdruckerei, des Buchbinders. 
Produziere ich aber nichts? Ich produziere vielleicht ein neues Buch, und dadurch 
neues Papier, neue Typen, neue Druckerschwärze, neue Buchbinderwerkzeuge; lese 

“ich es bloß, und lesen es tausend Andre auch, so produzieren wir durch unsre Konsum- 
* tion eine neue Auflage und dadurch alle jene Materialien, die zur Beschaffung der- 
selben erforderlich sind. Die Alles das verfertigen, konsumieren wieder eine Masse 
Rohmaterial, das aber produziert werden will und nur durch Konsumtion produziert 
werden kann ... Mit Einem Worte, Tätigkeit und Genuß sind Eins, eine verkehrte Welt 
hat sie nur auseinandergerissen, hat den Begriff des Wertes und Preises zwischen Beide 
hineingeschoben, durch diesen Begriff den Menschen mitten auseinandergerissen und 

mit dem Menschen die Gesellschaft.“ p. 191, 192. 

Produktion und Konsumtion stehen in der Wirklichkeit vielfach im Wider- 
spruch gegeneinander. Man braucht aber nur diesen Widerspruch wahrhaft 
zu interpretieren, das wahre Wesen der Produktion und Konsumtion zu be- 
greifen, um die Einheit Beider herzustellen und allen Widerspruch aufzuheben. 
Diese deutsch-ideologische Theorie paßt daher auch ganz vortrefflich auf die 
bestehende Welt; die Einheit von Produktion und Konsumtion wird an 
Exempeln aus der gegenwärtigen Gesellschaft bewiesen, sie existiert an sich. 

1 Siehe Bd. I unserer Ausgabe, S. 355, und vorl. Bd., S. 127 und 156 

‚ 32* 

504 Karl Marx und Friedrich Engels 

Herr Grün beweist vor allen Dingen, daß überhaupt ein Verhältnis zwischen 
Produktion und Konsumtion existiert. Er setzt auseinander, daß er keinen 
Rock tragen, kein Brot essen kann, ohne daß Beides produziert ist, und daß 
es in der heutigen Gesellschaft Leute gibt, die Röcke, Schuhe, Brot produ- 
zieren, von welchen Dingen andre Leute die Konsumenten sind. Herr Grün 
hält diese Einsicht für neu. Er drückt sie in einer klassischen, belletristisch- 
ideologischen Sprache aus. Z.B.: 

„Man glaubt, der Genuß des Kaffees, des Zuckers usw. sei bloße Konsumtion; 
ist dieser Genuß aber nicht Produktion in den Kolonien?“ 

Er hätte ebensogut fragen können: Ist dieser Genuß nicht der Genuß der 
Peitsche für den Negersklaven und die Produktion von Prügeln in den 
Kolonien? Man sieht, wie bei dieser überschwenglichen Manier nichts als 
eine Apologie der bestehenden Zustände herauskommt. Die zweite Einsicht 
des Herrn Grün besteht darin, daß er konsumiert, wenn er produziert, näm- 
lich das Rohmaterial, überhaupt die Produktionskosten; dies ist die Einsicht, 
daß Nichts aus Nichts wird, daß er Material haben muß. Er konnte in jeder 
Ökonomie unter dem Kapitel „Reproduktive Konsumtion“ ausgeführt fin- 
den, welche verwickelten Beziehungen in dies Verhältnis hereinkommen, 
wenn man sich nicht mit Herrn Grün auf die triviale Erkenntnis beschränkt, 
daß man ohne Leder keine Stiefel machen kann. 

Bisher hat Herr Grün sich davon überzeugt, daß produziert werden muß, 
um zu konsumieren, und daß bei der Produktion Rohmaterial konsumiert 
wird. Die eigentliche Schwierigkeit für ihn beginnt da, wo er beweisen will, 
daß er produziert, wenn er konsumiert. Herr Grün macht hier einen gänzlich 
verfehlten Versuch, sich über das allertrivialste und allgemeinste Verhältnis 
von Nachfrage und Zufuhr ein geringes Licht zu verschaffen. Er bringt es zu 
der Einsicht, daß seine. Konsumtion, d.h. seine Nachfrage, neue Zufuhr 
produziert. Er vergißt aber, daß seine Nachfrage eine effektive Nachfrage 
sein, daß er ein Äquivalent für das verlangte Produkt bieten muß, damit sie 
neue Produktion hervorrufe. Die Ökonomen beziehen sich ebenfalls auf die 
Untrennbarkeit von Konsumtion und Produktion und die absolute Identität 
von Nachfrage und Zufuhr, gerade wenn sie beweisen wollen, daß nie Über- 
produktion stattfindet; aber so ungeschickte und triviale Dinge wie Herr 
Grün bringen sie nicht vor. Übrigens ist diese. Manier ganz dieselbe, wo- 
durch alle Adlige, Pfaffen, Rentiers usw. von jeher ihre Produktivität be- 
wiesen haben. Herr Grün vergißt ferner, daß Brot heutzutage durch Dampf- 
mühlen, früher durch Wind- und Wassermühlen, noch früher durch Hand- 
mühlen produziert wurde, daß diese verschiedenen Produktionsweisen vom 
bloßen Brotessen gänzlich unabhängig sind und also eine geschichtliche Ent- 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün . 505 

wicklung der Produktion hereinkommt, an die der „ungeheuer produzierende“ 
Herr Grün nicht denkt. Daß mit diesen verschiedenen Stufen der Produktion 
auch verschiedene Verhältnisse der Produktion zur Konsumtion, verschiedne 
Widersprüche Beider gegeben sind, daß diese Widersprüche zu verstehen 
sind nur aus einer Betrachtung, zu lösen nur durch eine praktische Ver- 
änderung der jedesmaligen Produktionsweise und des ganzen darauf basieren- 
den gesellschaftlichen Zustandes, das ahnt Herr Grün nicht. Wenn Herr 
Grün in seinen übrigen Beispielen an Trivialität schon unter den allergewöhn- 
lichsten Ökonomen steht, so beweist er bei seinem Beispiel vom Buch, daß 
diese viel „menschlicher“ sind als er. Sie verlangen gar nicht, daß er, wenn er 
ein Buch konsumiert hat, sogleich ein neues produziere! Sie sind damit zu- 
frieden, daß er seine eigne Bildung dadurch produziert und damit auf die 
Produktion überhaupt günstig wirkt. Durch die Auslassung des Mittelgliedes, 
der baren Zahlung, die Herr Grün durch bloße Abstraktion von ihr über- 
flüssig macht, wodurch seine Nachfrage erst effektiv wird, verwandelt sich 
die reproduktive Konsumtion des Herrn Grün in ein blaues Wunder. Er liest, 
und durch sein bloßes Lesen setzt er die Schriftgießer, Papierfabrikanten und 
Drucker in den Stand, neue Typen, neues Papier, neue Bücher zu produ- 
zieren. Seine bloße Konsumtion ersetzt allen diesen Leuten die Produktions- 
kosten. Wir haben übrigens bisher die Virtuosität hinreichend nachgewiesen, 
womit Herr Grün.aus alten Büchern neue Bücher herauszulesen und sich als 
Produzent von neuem Papier, neuen Typen, neuer Druckerschwärze und 
neuen Buchbinderwerkzeugen um die kommerzielle Welt verdient zu machen 
weiß. Der erste Brief des Grünschen Buchs endet mit den Worten: „Ich stehe 
im Begriff, mich in die Industrie zu stürzen.“ Nirgendwo im ganzen Buche 
verleugnet Herr Grün diese seine Devise. 

Worin bestand also die ganze Tätigkeit des Herrn Grün? Um den Satz des 
wahren Sozialismus von der Einheit von Produktion und Konsumtion zu be- 
weisen, nimmt Herr Grün seine Zuflucht zu den allertrivialsten Sätzen der 
Ökonomie über Nachfrage und Zufuhr, und um diese wieder für seinen Zweck 
zurechtzustutzen, ‚wirft er aus ihnen die notwendigen Mittelglieder her- 
aus und verwandelt sie damit in reine Phantasien. Der Kern des Ganzen 
ist also eine unwissende und phantastische Verklärung der bestehenden Zu- 
stände. 

Charakteristisch ist noch der sozialistische Schluß, worin er wieder ganz 
seinen deutschen Vorgängern nachstammelt. Produktion und Konsumtion 
sind getrennt, weil eine verkehrte Welt sie auseinandergerissen hat. Wie fing 
das diese verkehrte Welt an? Sie schob einen Begriff zwischen Beide. Durch 
diesen Schub riß sie den Menschen mitten auseinander. Damit nicht zufrieden, 

reißt sie hierdurch die Gesellschaft, d.h. sich selbst, ebenfalls mitten aus- 

506 Karl Marx und Friedrich Engels 

einander. Diese Tragödie hat sich im Jahre 1845 zugetragen. 

Die Einheit von Konsumtion und Produktion, die bei den wahren Sozia- 
listen ursprünglich die Bedeutung hat, daß die Tätigkeit selbst Genuß bieten 
soll (bei ihnen freilich eine rein phantastische Vorstellung), wird von Herrn 
Grün dahin weiter bestimmt, daß „Konsumtion und Produktion, ökonomisch 
gesprochen, sich decken müssen“ (p. 196), daß kein Überschuß der Produkten- 
masse über die unmittelbaren Konsumtionsbedürfnisse stattfinden darf, wo- 
mit natürlich alle Bewegung ein Ende hat. Er wirft daher auch Fourier mit 
wichtiger Miene vor, daß er diese Einheit durch eine Überproduktion stören 
wolle. Herr Grün vergißt, daß die Überproduktion nur durch ihren Einfluß 
auf den Tauschwert der Produkte Krisen hervorruft, und daß nicht nur bei 
Fourier, sondern auch in der besten Welt des Herrn Grün der Tauschwert 
verschwunden ist. Über diese philisterhafte Albernheit ist weiter nichts zu 
sagen, als daß sie des wahren Sozialismus würdig ist. 

Herr Grün wiederholt an vielen Orten mit großer Selbstgefälligkeit seinen 
Kommentar zur Theorie des wahren Sozialismus über Produktion und Kon- 
sumntion. So auch bei Gelegenheit Proudhons: 

„Predigt die soziale Freiheit der Konsumenten, so habt Ihr die wahre Gleichheit 
der Produktion.“ p. 433. 

Nichts leichter als das zu predigen! Der Fehler lag bisher bloß daran, 

„daß die Konsumenten nicht erzogen, nicht gebildet sind, daß nicht Alle menschlich 
konsumieren“. p. 432. „Dieser Gesichtspunkt, daß die Konsumtion der Maßstab der 
Produktion ist, nicht umgekehrt, ist der Tod jeder bisherigen ökonomischen Anschau- 
ung.“ (ibid.) „Die wahre Solidarität der Menschen untereinander macht sogar den Satz 
zur Wahrheit, daß die Konsumtion eines Jeden die Konsumtion Aller zur Voraussetzung 

hat.“ (ibid.) 

Die Konsumtion eines Jeden hat innerhalb der Konkurrenz plus ou moins" 
fortwährend die Konsumtion Aller zur Voraussetzung, ebenso wie die Pro- 
duktion eines Jeden die Produktion Aller. Es handelt sich nur darum, wie, in 
welcher Weise dies der Fall ist. Hierauf antwortet Herr Grün nur mit dem 
moralischen Postulat der menschlichen Konsumtion, der Erkenntnis des „wah- 
ren Wesens der Konsumtion“ (p. 432). Da er von den wirklichen Produktions- 
und Konsumtionsverhältnissen nichts weiß, so bleibt ihm keine andre Zu- 
flucht übrig als der letzte Schlupfwinkel der wahren Sozialisten, das Wesen 
des Menschen. Aus demselben Grunde beharrt er darauf, nicht von der 

- I mehr oder weniger 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün 507 

Produktion, sondern von der Konsumtion auszugehen. Wenn 'man von der 
Produktion ausgeht, so muß man sich um die wirklichen Produktionsbe- 
dingungen und die produktive Tätigkeit der Menschen bekümmern. Wenn 
man aber von der Konsumtion ausgeht, so kann man sich bei der Erklärung, 
daß jetzt nicht „menschlich“ konsumiert werde, und bei dem Postulat der 
„menschlichen Konsumtion“, der Erziehung zur wahren Konsumtion und 
dergleichen Phrasen beruhigen, ohne sich im Geringsten auf die wirklichen 
Lebensverhältnisse der Menschen und ihre Tätigkeit einzulassen. 

Schließlich ist noch zu erwähnen, daß gerade die Ökonomen, die von der 
Konsumtion ausgingen, reaktionär waren und das revolutionäre Element in 
der Konkurrenz und großen Industrie ignoriert haben. 

Der „bornierte Papa Cabet“ und Herr Grün 

Herr Grün schließt seinen Exkurs über die fourieristische Schule und 
Herrn Reybaud mit folgenden Worten: 

„Ich will den Arbeitsorganisierern das Bewußtsein ihres Wesens beibringen, ich will 

ihnen historisch zeigen, woher sie stammen ... diesen Zwittern ... die auch nicht den 
mindesten Gedanken aus sich selbst geschöpft haben. Und später werde ich vielleicht Raum 
finden, an dem Herrn Reybaud ein Exempel zu statuieren, nicht nur an Herrn Reybaud, 
sondern auch an Herrn Say. Im Grunde genommen ist der erstere so schlimm nicht, 
er ist bloß dumm; der Zweite aber ist mehr als dumm, er ist gelehrt. 

Also.“ p. 260. 

Die gladiatorische Stellung, in die sich Herr Grün wirft, seine Drohungen 
gegen Reybaud, die Verachtung gegen die Gelehrsamkeit, seine schmettern- 
den Versprechungen, alles das sind sichre Zeichen, daß er hier mit großen 
Dingen schwanger geht. Im vollen „Bewußtsein seines Wesens“ ahnten wir 
aus diesen Symptomen, daß Herr Grün im Begriffe stehe, einen der unge- 
heuerlichsten plagiarischen Coups auszuführen. Wenn man seiner 'Taktik 
einmal auf die Spur gekommen ist, verliert seine Marktschreierei ihre Un- 
schuld und löst sich überall in eine pfiffige Berechnung auf. 

„Also“: 
Folgt ein Kapitel mit der Überschrift: 
„Die Organisation der Arbeit!“ 
„Wo wurde dieser Gedanke geboren? - In Frankreich. - Aber wie?“ 
Auch unter der Etikette: 
„Rückblick auf das achtzehnte Jahrhundert.“ 

508 Karl Marx und Friedrich Engels 

„Wo wurde dies“ Kapitel des Herrn Grün „geboren? In Frankreich. Aber 
wie?“ Das wird der Leser sogleich erfahren. | 

Noch einmal erinnre sich der Leser, daß Herr Grün hier den französischen 
Arbeitsorganisierern das Bewußtsein ihres Wesens durch eine historische 
Demonstration auf gründliche deutsche Weise beibringen will. 

Also: 

Als Herr Grün gemerkt hatte, daß Cabet „borniert“ und seine „Mission 
eine längst in sich abgeschlossene“ sei, was er freilich längst gemerkt hatte, 
hörte nicht „natürlich alles auf“. Im Gegenteil, er gab dem Cabet die neue 
Mission, in einigen willkürlich zusammengewürfelten Zitaten den franzö- 
sischen „Hintergrund“ zu Herrn Grüns deutscher Geschichte der sozialisti- 
schen Entwicklung des 18. Jahrhunderts zu bilden. 

Wie beginnt er dies? Er liest „produktiv“. 

Cabet in seiner „Voyage en Icarie“ würfelt im zwölften und dreizehnten 
Kapitel die Meinungen alter und neuer Autoritäten für den Kommunismus 
zusammen. Er macht durchaus nicht die Prätension, eine historische Be- 
wegung zu schildern. Der Kommunismus gilt den französischen Bourgeois 
für eine anrüchige Person. Gut, sagt Cabet, ich werde Euch Zeugenbeweise 
der respektabelsten Männer aller Zeiten beibringen, die für den Charakter 
meines Klienten einstehen; und Cabet verfährt wie ein Advokat. Selbst die 
seinem Klienten ungünstigen Zeugenaussagen verwandelt er in günstige. 
Historische Treue ist in einem Plaidoyer nicht zu verlangen. Wenn ein be- 
rühmter Mann gelegentlich einmal gegen das Geld, gegen die Ungleichheit, 
gegen den Reichtum, gegen soziale Mißstände ein Wort hat fallen lassen, 
Cabet hebt es auf, bittet es zu wiederholen, macht es zum Glaubensbekenntnis 
des Mannes, läßt es drucken, klatscht in die Hände und ruft mit ironischer 
Bonhomie seinem geärgerten Bourgeois zu: Ecoutez, &coutez, n’etait-il pas 
communiste?! Da entgeht ihm keiner, nicht Montesquieu, nicht Sieyes, nicht 
Lamartine, nicht einmal Guizot - alles Kommunisten malgre& eux?. Voila mon 
communiste tout trouve! 

Herr Grün in seiner produktiven Laune liest die von Cabet für das acht- 
zehnte Jahrhundert gesammelten Zitate; er zweifelt keinen Augenblick, daß 
das alles seine Richtigkeit habe, er phantasiert dem Leser einen mystischen 
Zusammenhang vor zwischen den Schriftstellern, die bei Cabet sich zufällig 
auf einer Seite begegnen, er übergießt das Ganze mit seiner jungdeutsch-belle- 
tristischen Jauche und tauft es dann wie oben. 

Also. 

1 Hört, hört, war er nicht Kommunist? — ? gegen ihren Willen. - * Da haben wir meinen 
Kommunisten ertappt! 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün 509 

‚Herr Grün: 

Herr Grün eröffnet seinen Rück- 
blick mit folgenden Worten: 

„Die soziale Idee.ist nicht vom Him- 
mel gefallen, sie ist organisch, d.h. im 
Wege der allmählichen Entwicklung ent- 
standen. Ich kann hier ihre vollständige 
Geschichte nicht schreiben, kann nicht 
bei Indern und Chinesen beginnen, nach 
Persien, Ägypten und Judäa übergehen, 
die Griechen und Römer um ihr gesell- 
schaftliches Bewußtsein fragen, das Chri- 
stentum, den Neuplatonismus und die 
Patristik verhören, das Mittelalter und die 
Araber reden lassen, die Reformation und 
die erwachende Philosophie untersuchen 
und so bis aufs achtzehnte Jahrhundert 
kommen.“ p. 261. 

Cabet: / 

Cabet eröffnet seine Zitate mit 
folgenden Worten: 

„Vous pretendez, adversaires de la 
communaute, qu’elle n’a pour elle que 
quelques opinions sans credit et sans 
poids; eh bien, je vais interroger devant 
vous l’histoire et tous les philosophes: 
ecoutez! Je ne m’arr&te pas ä vous parler 

- de plusieurs peuples anciens, qui prati- 

quaient ou avaient pratique la commu- 
naute des biens! Je ne m’arräte non plus 
aux Hebreux ... ni aux prätres Egyptiens, 
ni a Minos ... Lycurgue et Pythagore ... 
je ne vous parle non plus de Confucius 
Be 5 
et de Zoroastre, qui l'un en Chine et 
l’autre en Perse ... proclamerent ce prin- 
. “] . . “ .. 
cipe.“! „Voyage en Icarie“, deuxieme 

edition, p. 470. 

Nach den angeführten Stellen geht Cabet auf die griechische und römi- 

sche Geschichte ein, verhört das Christentum, den Neuplatonismus, die 
Patristik, das Mittelalter, die Reformation, die erwachende Philosophie. Vgl. 
Cabet, p. 471-482. Herr Grün überläßt das Abschreiben dieser elf Seiten 
andern „geduldigeren Leuten, dafern der Bücherstaub den“ (zum Abschrei- 
ben nämlich) „nötigen Humanismus in ihrem Herzen hat bestehen lassen“. 
Gr[ün,] p. 261. Nur das soziale Bewußtsein der Araber gehört Herrn Grün. 
Wir harren mit Sehnsucht der Aufschlüsse, die er hierüber der Welt mit- 
zuteilen hat. „Ich muß mich aufs achtzehnte Jahrhundert beschränken.“ 
Folgen wir Herrn Grün ins achtzehnte Jahrhundert und bemerken wir 
nur vorher, daß fast ganz dieselben Worte bei Grün wie bei Cabet unter- 
strichen sind. 

1 „Ihr Gegner der Gemeinschaft behauptet, sie habe nur einige Meinungen ohne An- 
sehen und Gewicht für sich; nun, ich werde vor euren Augen die Geschichte und alle Philo- 
sophen befragen: hört! Ich halte mich nicht damit auf, euch von mehreren alten Völkern zu 
erzählen, die die Gütergemeinschaft praktizierten oder praktiziert hatten! Ebensowenig halte 
ich mich bei den Hebräern auf ... bei den ägyptischen Priestern, bei Minos ... Lykurg und 
Pythagoras ... ich sage euch auch nichts von Konfuzius und Zarathustra, die, der eine in 
China und der andere in Persien ... dieses Prinzip verkündeten.“ 

510 . Karl Marx und Friedrich Engels 

Herr Grün: 

„Locke, der Begründer des Sensualis- 
mus sagt: Derjenige, welcher über seine 
Bedürfnisse hinaus besitzt, überspringt 
die Grenzen der Vernunft und der ur- 
sprünglichen Gerechtigkeit und raubt, 
was Andern gehört. Jeder Überfluß ist eine 
Usurpation, und der Anblick des Dürfti- 
gen muß! die Gewissensbisse in der Seele 
des Reichen erwecken. Verderbte Men- 
schen, die ihr im Überflusse und der 
Wollust schwimmt, zittert, daß eines 
Tages der Unglückliche, der des Not- 
'wendigen ermangelt, wahrhaft die Rechte 
des Menschen kennenlerne. Der Betrug, die 
Treulosigkeit, die Habsucht haben die 
Ungleichheit des Besitzes hervorgebracht, 
welche das Unglück des menschlichen Ge- 
schlechts ausmacht, indem sie auf der einen 
Seite neben den Reichtümern, auf der 
andern neben dem Elende alle Leiden auf- 
häuft. Der Philosoph muß also den Gebrauch 
der Münze als eine der verderblichsten Er- 
findungen der menschlichen Industrie be- 
trachten.“ p. [265,] 266. 

Cabet: 

„Mais voici Locke, Ecoutez-le s’Ecrier 
dans son admirable Gouvernement civil: 
‚Celui qui possede au delä de ses besoins, 
passe les bornes de la raison et de la justice 
primitive et enleve ce qui appartient aux 
autres. Toute superfluiteestune usurpation, 
et la vue de l’indigent devrait Eveiller le 
remords dans l’äme du riche. Hommes 
pervers, qui nagez dans l’opulence et les 

“ voluptes, tremblez qu’un jour l'infortune 

qui manque du necessaire n’aprenne & 
connaitre vraiment les droits de I’homme.' 
Ecoutez-le s’ecrier encore: ‚La fraude, la 
mauvaise foi, l’avarice ont produit cette 
inegalite dans les fortunes, qui fait le mal- 
heur de l’espece humaine, en amoncelant 
d’un cöte tous les vices avec la richesse et 
de l’autre tous les maux avec la misere‘ 
(woraus Herr Grün Unsinn macht). Le 
R . .i, D 

philosophe doit donc considerer l’usage 
de la monnaie comme une des plus funestes 
S . „ = . “g 
inventions de l’industrie humaine. 

p. 485. 

Herr Grün schließt aus Zitaten Cabets, daß Locke „ein Gegner 

des Geldsystems“ (p. 264), „der erklärteste Gegner des Geldes und jedes 
Besitzes, der über das Bedürfnis hinausgeht“ (p. 266) gewesen sei. Leider ist 
dieser Locke einer der ersten wissenschaftlichen Verfechter des Geldsystems, 

 * bei Grün: müßte —-2 „Doch hier ist Locke; hört ihn in seiner bewundernswürdigen 
‚Bürgerlichen Regierung‘ ausrufen: ‚Derjenige, der über seine Bedürfnisse hinaus besitzt, 
überschreitet die Grenzen der Vernunft und der ursprünglichen Gerechtigkeit und raubt 
das, was den anderen gehört. Jeder Überfluß ist eine Usurpation, und der Anblick des Be- 
dürftigen müßte den Gewissensbiß in der Seele des Reichen wecken. Verderbte Menschen, 
die ihr in Überfluß und Wollust schwimmt, zittert, daß eines Tages der Unglückliche, der 
des Notwendigen ermangelt, wahrhaft die Rechte des Menschen kennenlerne.‘ Hört ihn 
weiter ausrufen: ‚Der Betrug, die Unredlichkeit, die Habsucht haben, indem sie auf der 
einen Seite alle Laster neben dem Reichtum und auf der anderen alle Leiden neben dem 
Elend aufhäuften, jene Ungleichheit des Besitzes hervorgebracht. die das Unglück des mensch- 
lichen Geschlechts ausmacht.‘ Der Philosoph muß also den Gebrauch des Geldes als eine der 

verderblichsten Erfindungen der menschlichen Betriebsamkeit betrachten.“ 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün 5il 

ein ganz spezieller Patron des Durchpeitschens der Vagabunden und Paupers, 
einer der Doyens der modernen Nationalökonomie. 

Herr Grün: 

„Schon Bossuet, der Bischof von 
Meaux, sagt in seiner ‚Politik, aus der 
Heiligen Schrift gezogen‘: ‚Ohne die 
Regierungen‘ (‚ohne die Politik‘ - lächer- 
licher Zusatz des Herrn Grün) ‚würde die 
Erde nebst allen ihren Gütern ebenso ge- 
meinschaftlich den Menschen gehören als 
Luft und Licht; nach dem Urrechte der 
Natur hat Niemand das besondre Recht 
auf irgend etwas. Alles gehört Allen, aus 
der bürgerlichen Regierung entspringt das 
Eigentum. Ein Pfaff aus dem siebzehnten 
Jahrhundert besitzt die Ehrlichkeit, solche 
Dinge zu sagen, solche Anschauungen! 
Auch der germanische Puffendorf, den 
man“ (i.e. Herr Grün) „nur aus einem 
Schillerschen Epigramm!1%0] kennt, 
meinte: ‚Die gegenwärtige Ungleichheit des 
Vermögens ist eine Ungerechtigkeit, welche 
die übrigen Ungleichheiten nach sich 
ziehen kann durch die Unverschämtheit 
der Reichen und durch die Feigheit der 
Armen.‘“ p.270.Herr Grün fügt noch hin- 
zu: „Wir wollen nicht abschweifen, son- 

dern in F rankreich bleiben.“ 

Cabet: _ 
„Ecoutez le baron de Puffendorff, pro- 

fesseur de droit naturel en Allemagne et 
conseiller d’etat a Stockholm et & Berlin, 
qui dans son droit de la nature et des gens 
refute la doctrine d’Hobbes et de Grotius 
sur la monarchie absolue, qui proclame 
l'egalit€ naturelle, la fraternite, la com- 
munaute des biens primitive, et qui re- 
connait que la propriete est une institution 
humaine, qu’elle resulte d’un partage con- 
senti pour assurer a chacun et surtout au 
travailleur une possession perpe£tuelle, 
indivise ou divise, et que par consequent 
l'inegalite actuelle de fortune est une 
injustice qui n’entraine les autres inegali- 
tes“ (unsinnig von Herrn Grün übersetzt) 
„que par l’insolence des riches et la lächete 
des pauvres. 

Et Bossuet, l’eveque de Meaux, le 
precepteur du dauphin de France, le 
celebre Bossuet, dans sa ‚Politigque tire de 
l’Ecriture sainte‘, redig&e pour l’instruc- 
tion du Dauphin, ne reconnait-il pas aussi 

. que sans les gouvernementslaterre ettous 

les biens seraient aussi communs entre les 
hommes que l’air et la lumiere: Selon le 
droit primitif de la nature nul n’a le droit 
particulier sur quoi que ce soit: tout est ä 
tous, et c’est du gouvernement civil que 
nait la propriete."! p. 486. 

1 „Hört den Baron von Puffendorff, Professor des Naturrechts in Deutschland und Staats- 

rat in Stockholm und Berlin, der in seinem Natur- und Völkerrecht die Lehre von Hobbes 
und Grotius über die absolute Monarchie widerlegt, der die natürliche Gleichheit, die Brü- 
derlichkeit und die ursprüngliche Gütergemeinschaft verkündet und der erkennt, daß das 
Eigentum eine menschliche Einrichtung ist, daß es aus einer allgemein gebilligten Teilung 
hervorgeht, um jedem und vor allem dem Arbeiter einen dauernden, ungeteilten oder ge- 
teilten Besitzzu sichern, und daß folglich diegegenwärtige UngleichheitderVermögen eine Un- 
gerechtigkeit ist, die die anderen Ungleichheiten (...) nur durch die Unverschämtheit der Reichen 

512 Karl Marx und Friedrich Engels 

Herrn Grüns „Abschweifung“ von Frankreich besteht darin, daß Cabet 
einen Deutschen zitiert. Er orthographiert sogar den deutschen Namen nach 
der unrichtigen Orthographie des Franzosen. Abgesehen davon, daß er ge- 
legentlich falsch übersetzt und ausläßt, überrascht er durch seine Verbesse- 
rungen. Cabet spricht zuerst vonPufendorff und dann von Bossuet, Herr Grün 
spricht zuerst von Bossuet und dann von Pufendorff. Cabet spricht von Bossuet 
als einem berühmten Mann; Herr Grün nennt ihn „einen Pfaffen“. Cabet 
zitiert den Pufendorff mit seinen Titeln; Herr Grün macht die aufrichtige Be- 
merkung, daß man ihn nur aus einem Schillerschen Epigramm kenne. Jetzt 
kennt er ihn auch aus einem Cabetschen Zitat, und es zeigt sich, daß der 
bornierte Franzose Cabet nicht nur seine eignen Landsleute, sondern auch 
die Deutschen besser’studiert hat als Herr Grün. 

Cabet sagt: „Ich beeile mich, auf die großen Philosophen des achtzehnten 
Jahrhunderts zu kommen, und ich beginne mit Montesquieu“, p. 487; Herr 
Grün, um auf Montesquieu zu kommen, beginnt mit einer Schilderung „des 
legislativen Genies des achtzehnten Jahrhunderts“, p. 282. Man vergleiche 
ihre wechselseitigen Zitate aus Montesquieu, Mably, Rousseau, Turgot. Uns 
genügt es hier, Cabet und Herrn Grün über Rousseau und Turgot zu ver- 
gleichen. Cabet kommt von Montesquieu zu Rousseau; Herr Grün konstruiert 
diesen Übergang: „Rousseau war der radikale Politiker, wie Montesquieu der 
konstitutionelle.“ 

Herr Grün zitiert aus Rousseau: 

„Das größte Übel ist schon gesche- 
hen, wenn man Arme zu verteidigen 
und Reiche im Zaum zu halten hat etc.“ 

daß der soziale Zustand den Menschen 

Cabet: 

 Ecoutez maintenant Rousseau, l’auteur 
de cet immortel ‚Contrat social‘ ... ecou- 
tez: ‚Les hommes sont &gaux en droit. La 
nature a rendu tous les biens communs ... 
dans le cas de partage le part dechacun 
devient sa propriete. Dans tous les cas la 
societe est toujours seule proprietaire de 

nur dann vorteilhaft ist, wenn sie Allevon tous les biens.“ (Pointe, die Herr Grün 
ihnen etwas und keiner von ihnen zuviel wegläßt.) „Ecoutez encore: ...“ (endet:) 
hat.“ Rousseau wird nach, Herrn Grün „d’oü il suit que l’etat social n’est avan- 

und die Feigheit der Armen nach sich zieht. - Und Bossuet, der Bischof von Meaux, der Lehrer 
des Thronfolgers von Frankreich,der berühmte Bossuet, erkennt er nicht auch in seiner ‚Poli- 
tik, aus der Heiligen Schrift gezogen‘, die er für den Unterricht des Thronfolgers verfaßte, 
daß ohne die Regierungen die Erde und alle Güter den Menschen ebenso gemeinsam gehören 
würden wie die Luft und das Licht: Nach dem ursprünglichen Recht der Natur.hat niemand 
das besondere Recht auf irgend etwas; alles gehört allen, und erst aus der bürgerlichen Re- 
gierung entspringt das Eigentum.“ 

Deutsche Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün 513 

„konfus und völlig schwankend, wenn er 
sich über die Frage erklären soll: Welche 
Umwandlung geht mit dem früheren Be- 
sitz vor, wenn der naturwilde Mensch in 
die Gesellschaft tritt? Was antwortet er? 
Er antwortet: Die Natur hat alle Güter 
gemeinschaftlich gemacht“ ... (endet mit 
den Worten:) „im Fall einer Teilung wird 

tageux aux hommes qu’autant qu'il ont 
tous quelque chose et qu’aucun d’eux n’a 
rien ‚de trop.‘ 

[4 

Ecoutez, &coutez encore Rousseau 
dans son ‚Economie politigue‘: ‚Le plus 

‘grand mal est deja fait quand on a des 

pauvres a defendre, et des riches a con- 
tenir'“", etc. etc. p. 489, 490. 

der Anteil eines Jeden sein Eigentum.“ 

p. 284, 285. 

Herrn Grüns geniale Neuerungen bestehen hier darin, erstens, daß er die 
Zitate aus dem „Contrat social“ und der „Economie politique“ durcheinander- 
wirft, und zweitens, daß er damit anfängt, womit Cabet schließt. Cabet nennt 
die Titel der Rousseauschen Schriften, woraus er zitiert, Herr Grün ver- 
schweigt sie. Diese Taktik erklären wir daraus, daß Cabet von einer „Economie 
politique“ des Rousseau spricht, die Herr Grün nicht einmal aus einem 
Schillerschen Epigramme kennen kann. Herrn Grün, der alle Geheimnisse 
der „Encyclopedie“ durchschaut hat (vgl. p. 263), war es ein Geheimnis, daß 

. Rousseaus „E.conomie politique“ nichts andres ist als der Artikel der „Ency- 

clopedie“ über die &conomie politique. 

Gehen wir zu Turgot über. Bei diesem begnügt sich Herr Grün nicht mehr 
mit dem bloßen Kopieren der Zitate, er schreibt die Schilderung ab, die Cabet 
von Turgot gibt. 

Herr Grün: Cabet: 

„Einer der edelsten und vergeblich- „Et cependant, tandis que le roi de-