Engels an Paul Stumpf _


in Mainz


4l, Regent’s Park Road, N.W.
London, 3. Jan. 9

Lieber Alter,

Deine Gratulation zu meinem vollendeten 74sten (Du bist so liebenswürdig, mich ein Jahr jünger zu machen) erwidre ich, wie Du siehst, mit
einem kräftigen Prosit Neujahr. Hoffentlich trifft uns das nächste noch beide
gesund und munter, ich habe nämlich so ein Gelüst, noch so eben ins neue
Jahrhundert hineinzugucken, so gegen den I. Januar 1901 bin ich dann aber
auch total verschlissen, und dann kann’s losgehn.

Der Parteikrakeel hat mich nicht sehr gerührt, es ist viel besser, so etwas
kommt von Zeit zu Zeit und wird richtig ausgetratscht, als daß die Leute
einschlafen. Eben die stetig wachsende, unaufhaltsame Ausdehnung der
Partei bringt es mit sich, daß die neuen Elemente schwerer zu verdauen
sind als die früher zugeströmten. Die Arbeiter der Großstädte, also die
intelligentesten und gewecktesten, haben wir ja schon, was jetzt kommt,
sind entweder Arbeiter der Kleinstädte oder Landdistrikte, oder Studenten,
Kommis usw., oder mit dem Untergang ringende Kleinbürger und ländliche Hausindustrielle, die noch ein Stückchen Land zu eigen oder in Pacht
haben, und jetzt obendrein auch noch richtige Kleinbauern. Und da in der
Tat unsre Partei die einzige wirklich fortschrittliche Partei ist, die einzige
dazu, die stark genug ist, auch Fortschritte zu erzwingen, so liegt die Versuchung nah, auch den rebellisch werdenden verschuldeten Mittel- und
Großbauer ein bißchen mit Sozialismus zu bearbeiten, namentlich in solchen Gegenden, wo diese Leute auf dem Land vorherrschen. Dabei wird
dann auch wohl über die Grenze des unsrer Partei prinzipiell Erlaubten
hinausgegangen, das gibt dann einigen Krakeel, aber unsre Partei hat eine
so gesunde Konstitution, daß das alles nichts schadet. Im Ernst ist keiner
so dumm, sich von der großen Masse der Partei trennen zu wollen, und
keiner so eingebildet zu glauben, er könne neben unsrer großen Partei noch
einkleinesPrivatparteichen, ähnlich wie die schwäbischen Volksparteiler!32],
bilden, die es ja glücklich von sieben Schwaben auf elf Schwaben gebracht


J


368 194 - Engels an Paul Stumpf - 3. Januar 1895


haben. All dieser Krakeel dient nur zur Enttäuschung der Bourgeois, die
auf eine Spaltung nun seit 20 Jahren immer von neuem rechnen und ebenfalls seit 20 Jahren dafür sorgen, daß es bei uns nicht einmal zur Gefahr
einer Spaltung kommt. So auch jetzt mit der Umsturzvorlagel?, mit der
Erhebung Liebknechts zum Vertreter der Rechte des Reichstags und der
Reichsverfassung!”! und mit den Drohungen mit Staatsstreich und Rechtsbruch von oben. Sicher passieren auch bei uns Dummbheiten, aber um solchen Gegnern möglich zu machen, uns zu besiegen, dazu müßten wir von
einer gradezu rindviehmäßigen Dummheit sein, wie sie heutzutage für alles:
Geld in der Welt nicht mehr zu kaufen ist. Sonst wäre Dein Plan, der jungen
Generation auch einmal das Ruder in der Partei zu überlassen, damit sie sich
festreiten, gar so übel nicht; ich glaube aber, sie kommen auch ohne dies
Experiment zu Verstand und Erfahrung.

Wie Du aus der Adresse siehst, bin ich, wie man bei uns sagt, ein Häuschen weiter gezogen, es ist viel besser und kommoder und liegt ganz nah am
Parkeingang.

Ich hoffe, der Heilig Geist, wo wir seinerzeit diverse Schoppen vertilgten[Y, floriert immer 'noch, ich möchte wohl einmal wieder an einem
heißen Sommertag in dem gotischen Gewölbe mich abkühlen. Wer weiß,
was noch geschieht, man soll nichts für unmöglich erklären.

Also nochmals Prosit Neujahr und herzlichen Gruß von


Deinem


F. Engels