Engels an Franz Mehring

in Berlin

Lieber Herr Mehring, könden, 14.Ji 9

Erst heute komme ich dazu, Ihnen für die mir gütigst zugesandte
„Lessing-Legende“* zu danken. Ich wollte Ihnen nicht eine bloß formelle
Empfangsanzeige des Buchs schicken, sondern Ihnen auch gleichzeitig
etwas darüber - über seinen Inhalt - sagen. Daher die Verzögerung.

Ich fange an mit dem Ende - dem Anhang „Über den historischen
Materialismus“, worin Sie die Haupttatsachen vortrefflich und für jeden
Unbefangnen überzeugend zusammengestellt haben. Wenn ich etwas auszusetzen finde, ist es, daß Sie mir mehr Verdienst zuschreiben als mir zukommt, selbst wenn ich alles einrechne, was ich möglicherweise selbständig
ausgefunden hätte - mit der Zeit -, was aber Marx bei seinem rascheren
coup d’eil! und weiteren Überblick viel schneller entdeckte. Wenn man
das Glück hatte, vierzig Jahre lang mit einem Mann wie Marx zusammenzuarbeiten, so wird man bei dessen Lebzeiten gewöhnlich nicht so anerkannt, wie man es zu verdienen glaubt; stirbt dann der Größere, so wird
der Geringere leicht überschätzt - und das scheint mir grade jetzt mein Fall
zu sein; die Geschichte wird das alles schließlich in Ordnung bringen, und
bis dahin ist man glücklich um die Ecke und weiß nichts mehr von nichts.

Sonst fehlt nur noch ein Punkt, der aber auch in den Sachen von Marx
und mir regelmäßig nicht genug hervorgehoben ist und in Beziehung auf
den uns alle gleiche Schuld trifft. Nämlich wir alle haben zunächst das
Hauptgewicht auf die Ableitung der politischen, rechtlichen und sonstigen
ideologischen Vorstellungen und durch diese Vorstellungen vermittelten
Handlungen aus den ökonomischen Grundtatsachen gelegt und legen
müssen. Dabei haben wir dann die formelle Seite über der inhaltlichen vernachlässigt: die Art und Weise, wie diese Vorstellungen etc. zustande
kommen. Das hat denn den Gegnern willkommnen Anlaß zu Mißverständnissen resp. Entstellungen gegeben, wovon Paul Barth ein schlagendes

Exempel.!91

2 Einblick

Die Ideologie ist ein Prozeß, der zwar mit Bewußtsein vom sogenannten
Denker vollzogen wird, aber mit einem falschen Bewußtsein. Die eigentlichen Triebkräfte, die ihn bewegen, bleiben ihm unbekannt; sonst wäre es
eben kein ideologischer Prozeß. Er imaginiert sich also falsche resp. scheinbare Triebkräfte. Weil es ein Denkprozeß ist, leitet er seinen Inhalt wie
seine Form aus dem reinen Denken ab, entweder seinem eignen oder dem
seiner Vorgänger. Er arbeitet mit bloßem Gedankenmaterial, das er unbesehen als durchs Denken erzeugt hinnimmt und sonst nicht weiter auf
einen entfernteren, vom Denken unabhängigen Ursprung untersucht, und
zwar ist ihm dies selbstverständlich, da ihm alles Handeln, weil durchs
Denken vermittelt, auch in letzter Instanz im Denken begründet erscheint.

Der historische Ideolog (historisch soll hier einfach zusammenfassend
stehn für politisch, juristisch, philosophisch, theologisch, kurz für alle
Gebiete, die der Gesellschaft angehören und nicht bloß der Natur) - der
historische Ideolog hat also auf jedem wissenschaftlichen Gebiet einen
Stoff, der sich selbständig aus dem Denken früherer Generationen gebildet
und im Gehirn dieser einander folgenden Generationen eine selbständige,
eigne Entwicklungsreihe durchgemacht hat. Allerdings mögen äußere
Tatsachen, die dem eignen oder andern Gebieten angehören, mitbestimmend
auf diese Entwicklung eingewirkt haben, aber diese Tatsachen sind nach der
stillschweigenden Voraussetzung ja selbst wieder bloße Früchte eines
Denkprozesses, und so bleiben wir immer noch im Bereich des bloßen
Denkens, das selbst die härtesten Tatsachen anscheinend glücklich verdaut
hat.

Es ist dieser Schein einer selbständigen Geschichte der Staatsverfassungen, der Rechtssystemne, der ideologischen Vorstellungen auf jedem Sondergebiet, der die meisten Leute vor allem blendet. Wenn Luther und Calvin
die offizielle katholische Religion, wenn Hegel den Fichte und Kant,
Rousseau indirekt mit seinem republikanischen „Contrat social“ den konstitutionellen Montesquieu „überwindet“, so ist das ein Vorgang, der innerhalb der Theologie, der Philosophie, der Staatswissenschaft bleibt, eine
Etappe in der Geschichte dieser Denkgebiete darstellt und gar nicht aus dem
Denkgebiet hinauskommt. Und seitdem die bürgerliche Illusion von der
Ewigkeit und Letztinstanzlichkeit der kapitalistischen Produktion dazugekommen, gilt ja sogar die Überwindung der Merkantilisten durch die
Physiokraten und A.Smith für einen bloßen Sieg des Gedankens; nicht für
den Gedankenreflex veränderter ökonomischer Tatsachen, sondern für die
endlich errungene richtige Einsicht in stets und überall bestehende tatsächliche Bedingungen; hätten Richard Löwenherz und Philippe Auguste den

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Freihandel eingeführt, statt sich in Kreuzzüge zu verwickeln, so blieben
uns fünfhundert Jahre Elend und Dummheit erspart.

Diese Seite der Sache, die ich hier nur andeuten kann, haben wir, glaube
ich, alle mehr vernachlässigt, als sie verdient. Es ist die alte Geschichte: Im
Anfang wird stets die Form über den Inhalt vernachlässigt. Wie gesagt,
ich habe das ebenfalls getan, und der Fehler ist mir immer erst post festum
aufgestoßen. Ich bin also nicht nur weit entfernt davon, Ihnen irgendeinen
Vorwurf daraus zu machen - dazu bin ich als älterer Mitschuldiger ja gar
nicht berechtigt, im Gegenteil -, aber ich möchte Sie doch für die Zukunft
auf diesen Punkt aufmerksam machen.

Damit zusammen hängt auch die blödsinnige Vorstellung der Ideologen:
Weil wir den verschiednen ideologischen Sphären, die in der Geschichte
eine Rolle spielen, eine selbständige historische Entwicklung absprechen,
sprächen wir ihnen auch jede historische Wirksamkeit ab. Es liegt hier die
ordinäre undialektische Vorstellung von Ursache und Wirkung als starr
einander entgegengesetzten Polen zugrunde, die absolute Vergessung der
Wechselwirkung. Daß ein historisches Moment, sobald es einmal durch
andre, schließlich ökonomische Ursachen, in die Welt gesetzt, nun auch
reagiert, auf seine Umgebung und selbst seine eignen Ursachen zurückwirken kann, vergessen die Herren oft fast absichtlich. So Barth z.B. bei
Priesterstand und Religion, S.475 bei Ihnen. Über Ihre Abfertigung dieses
über alle Erwartung flachen Burschen habe ich mich sehr gefreut. Und den
Mann machen sie zum Geschichtsprofessor in Leipzig! Da war doch der
alte Wachsmuth, der auch flach von Hirnkasten war, aber einen sehr
großen Sinn für Tatsachen hatte, ein ganz andrer Kerl.

Im übrigen kann ich von dem Buch nur wiederholen, was ich schon von
den Artikeln, als sie in der „N[euen] Z[eit]“ erschienen, wiederholt gesagt
habe: Es ist bei weitem die beste Darstellung der Genesis des preußischen
Staats, die existiert, ja ich kann wohl sagen, die einzig gute, in den meisten
Dingen bis in die Einzelheiten hinein richtig die Zusammenhänge entwickelnde. Man bedauert nur, daß Sie nicht auch gleich die ganze Weiterentwicklung bis auf Bismarck haben mit hineinnehmen können, und hofft
unwillkürlich, daß Sie dies ein andermal tun und das Gesamtbild im Zusammenhang darstellen werden vom Kurfürsten Friedrich Wilhelm bis
zum alten Wilhelm?. Sie haben ja doch die Vorstudien einmal gemacht und
wenigstens der Hauptsache nach so gut wie beendigt. Und gemacht werden
muß es ja doch einmal, ehe der Rumpelkasten zusammenbricht; die

= Wilhelm I.

54 » Engels an Franz Mehring - 14. Juli 1893 99

Auflösung der monarchisch-patriotischen Legenden ist, wenn auch nicht
grade eine notwendige Voraussetzung der Beseitigung der die Klassenherrschaft deckenden Monarchie (da eine reine, bürgerliche Republik in Deutschland überholt ist, ehe sie zustande kam), aber doch einer der wirksamsten
Hebel dazu.

Dann werden Sie auch mehr Raum und Gelegenheit haben, die preu-
Bische Lokalgeschichte als Stück der deutschen Gesamtmistre darzustellen.
Es ist das der Punkt, wo ich von Ihrer Auffassung hier und da etwas abweiche, namentlich in der Auffassung der Vorbedingungen der Zersplitterung Deutschlands und des Fehlschlagens der deutschen bürgerlichen Revolution des 16. Jahrhunderts. Wenn ich dahin komme, die historische Einleitung zu meinem „Bauernkrieg“ neu zu bearbeiten, was, wie ich hoffe,
nächsten Winter geschieht, dann werde ich die bezüglichen Punkte dort
entwickeln können."#% Nicht daß ich die von Ihnen angegebnen für unrichtig hielte, aber ich stelle andre daneben und gruppiere etwas anders.

Beim Studium der deutschen Geschichte - die ja eine einzige fortlaufende Misere darstellt - habe ich immer gefunden, daß das Vergleichen
der entsprechenden französischen Epochen erst den rechten Maßstab gibt,
weil dort das grade Gegenteil von dem geschieht, was bei uns. Dort die
Herstellung des Nationalstaats aus den disjectis membris des Feudalstaats,
grade als bei uns der Hauptverfall. Dort eine seltne objektive Logik in dem
ganzen Verlauf des Prozesses, bei uns öde und stets ödere Zerfahrenheit.
Dort repräsentiert der englische Eroberer im Mittelalter in seiner Einmischung zugunsten der provenzalischen Nationalität gegen die nordfranzösische die fremde Einmischung; die Engländerkriege stellen sozusagen den 30jährigen Krieg vor, der aber mit der Vertreibung der ausländischen Einmischung und der Unterwerfung des Südens unter den
Norden endigt. Dann kommt der Kampf der Zentralmacht mit dem sich
auf ausländische Besitzungen stützenden burgundischen Vasallen?, der die
Rolle von Brandenburg-Preußen spielt, der aber mit dem Sieg der Zentralmacht endigt und die Herstellung des Nationalstaats endgültig macht.
Und grade in dem Moment bricht bei uns der Nationalstaat vollständig
zusammen (soweit man das „deutsche Königtum“ innerhalb des Heiligen
Römischen Reichs einen Nationalstaat nennen kann) und die Plünderung
deutsches Gebiets auf großem Maßstab fängt an. Es ist ein im höchsten
Grad für den Deutschen beschämender Vergleich, aber eben darum um so
lehrreicher, und seitdem unsre Arbeiter Deutschland wieder in die erste

3 zersplitterten Gliedern - * Karl der Kühne
7*

100 54 - Engels an Franz Mehring - 14. Juli 1893

Reihe der geschichtlichen Bewegung gestellt haben, können wir die
Schmach der Vergangenheit etwas leichter schlucken.

Ganz besonders bezeichnend für die deutsche Entwicklung ist noch,
daß die beiden Teilstaaten, die schließlich ganz Deutschland unter sich geteilt, beides keine rein deutschen, sondernKolonien auf erobertemslawischem
Gebiet sind: Österreich eine bayrische, Brandenburg eine sächsische Kolonie, und daß sie sich Macht in Deutschland verschafft haben nur dadurch,
daß sie sich auf fremden, undeutschen Besitz stützten: Österreich auf
Ungarn (von Böhmen nicht zu sprechen), Brandenburg auf Preußen. An der
am meisten bedrohten Westgrenze fand so was nicht statt, an der Nordgrenze überließ man den Dänen, Deutschland gegen die Dänen zu schützen,
und im Süden war so wenig zu schützen, daß die Grenzwächter, die
Schweizer, sich sogar selbst von Deutschland losreißen konnten!

Doch ich gerate auf allerhand Allotria - lassen Sie sich dies Gerede
wenigstens zum Beweis dienen, wie anregend Ihre Arbeit auf mich wirkt.

Nochmals herzlichen Dank und Gruß von

Ihrem

F. Engels