Engels an Nikolai Franzewitsch Danielson


in Petersburg!


Werter Herr, London, 24.Febr. 1893


Entschuldigen Sie mein langes Schweigen. Es war nicht freiwillig. Ich
muß mich anstrengen, äußerst anstrengen, um Bd. III! in diesem Winter
und Frühling fertigzubekommen. Um das zu erreichen, muß ich mir alle
Nebenarbeit und sogar jede nicht unbedingt notwendige Korrespondenz
versagen. Sonst hätte mich nichts daran hindern können, die Diskussion
über unser hochinteressantes und wichtiges Problem mit Ihnen fortzusetzen[},

Ich habe jetzt - außer einigen formalen Dingen - die redaction des Abschnitts V (Banken und Kredit), des schwierigsten, sowohl was den Gegenstand als auch den Zustand: des Ms. angeht, abgeschlossen. Jetzt bleiben
nur noch zwei Abschnitte - 1/3 des Ganzen - von denen der eine - Grundrente - ebenfalls einen sehr schwierigen Gegenstand behandelt, aber soweit
ich mich erinnere, ist das Ms. vielmehr ausgearbeitet alsdas von Abschnitt V.
So daß ich noch immer hoffe, meine Aufgabe in der vorgesehenen Zeit fertigzustellen. Die große Schwierigkeit war, mich auf 3-5 Monate vonjeder Unterbrechung freizumachen, um die ganze Zeit dem Abschnitt V zu widmen, und
der ist jetzt glücklich geschafft. Bei der Arbeit habe ich oft daran gedacht,
welche große Freude Ihnen dieser Band bei seinem Erscheinen machen wird;
ich werde Ihnen, wie bei Bd.II, die Korrekturbogen schicken!?),

Maintenant revenons & nos moutons.?

Wir scheinen über alle Punkte bis auf den einen übereinzustimmen, den
Sie in Ihren beiden Briefen vom 3.Okt. und 27. Januar behandeln, wenn
auch jeweils unter verschiedenen Gesichtspunkten.

Im ersten fragen Sie: War die ökonomische Umgestaltung, die nach
1854 unvermeidlich geworden war, derart, daß sie die historischen Institutionen Rußlands, statt zu entwickeln, im Gegenteil in ihrer Wurzel angreifen mußte? Mit anderen Worten, könnte die Dorfgemeinde nicht als
Basis der neuen ökonomischen Entwicklung genommen werden?


3 des „Kapitals“ -? Kehren wir nun zu unserem Gegenstand zurück.




In Ihrem Brief vom 27. Jan. drücken Sie denselben Gedanken in folgender Form aus: Die grande industrie? war eine Notwendigkeit für Rußland
geworden, aber war es unvermeidlich, daß sie in kapitalistischer Form entwickelt wurde?

Nun, etwa um 1854 begann Rußland mit dem Gemeineigentum einerseits und der Notwendigkeit der grande industrie andererseits. Wenn Sie
nun den damaligen Zustand Ihres Landes in Rechnung stellen, sehen Sie
da eine Möglichkeit, die grande industrie auf die Bauerngemeinde in einer
Form aufzupfropfen, die einerseits die Entwicklung dieser grande industrie
möglich machen und andererseits das primitive Gemeineigentum in den
Rang einer gesellschaftlichen Einrichtung erheben würde, die allem überlegen wäre, was die Welt bisher gesehen hat? Und das, während der ganze
Westen noch unter dem kapitalistischen Regime lebt? Ich bin der Meinung,
daß eine solche Entwicklung, die alles, was aus der Geschichte überliefert
ist, übertroffen hätte, andere ökonomische, politische und intellektuelle Bedingungen erfordert hätte, als sie zu jener Zeit in Rußland vorhanden waren.

Kein Zweifel, die Gemeinde und bis zu einem gewissen Grad das Artel
enthielten Keime, die sich unter bestimmten Bedingungen hätten entwickeln können und Rußland die Notwendigkeit erspart hätten, die Qualen des
kapitalistischen Regimes durchzumachen. Ich unterschreibe den Brief unseres Autors über }Kyrosckiä? voll und ganz.[*! Aber nach seiner wie nach
meiner Auffassung war die erste Bedingung dafür der Anstoß von außen,
die Umwälzung des ökonomischen Systems in Westeuropa, die Zerschlagung des Kapitalismus in seinen Ursprungsländern. Unser Autor erklärte
in einem gewissen Vorwort zu einem gewissen alten Manifest im Januar
188265] als Antwort auf die Frage, ob die russische Gemeinde nicht der
Ausgangspunkt einer höheren sozialen Entwicklung sein könne: Wenn die
Umwandlung des ökonomischen Systems in Rußland mit einer Umwandlung des ökonomischen Systems im Westen zusammenfällt, raxs, mro 06&
oH% HOIONHATE APYT% APyTa, TO GOBpeMmeHHoe@ PYCckKoe BemiteBuanb-
Hie MOKeTb ABHTBCH UCXONHEIMb IIYHRTOMb HOBATO OÖMECTBeHHATO
passntia.

Wären wir im Westen in unserer eigenen ökonomischen Entwicklung
schneller gewesen, hätten wir das kapitalistische System vor zehn oder
zwanzig Jahren stürzen können, dann hätte Rußland vielleicht noch Zeit
gehabt, die Tendenz seiner eigenen Entwicklung zum Kapitalismus zu umgehen. Leider sind wir zu langsam, und diese ökonomischen Konsequenzen


Gemeineigentum zum Ausgangspunkt einer neuen gesellschaftlichen Entwicklung werden




des kapitalistischen Systems, die es seinem kritischen Punkt entgegentreiben müssen, beginnen sich erst jetzt in den verschiedenen Ländern um
uns herum zu entwickeln: während England sein Industriemonopol schnell
verliert, nähern sich Frankreich und Deutschland dem industriellen Stand
Englands, und Amerika ist drauf und dran, sie alle vom Weltmarkt, sowohl
was Industrie- wie Agrarprodukte anlangt, zu vertreiben. Die Einführung
einer wenigstens relativen Freihandelspolitik in Amerika wird den Ruin
von Englands Industriemonopol bestimmt vollenden und zu gleicher Zeit
den industriellen Exporthandel Deutschlands und Frankreichs zugrunde
richten; dann muß die Krise kommen, tout ce qu’il ya de plus fin de siecle.
Doch in der Zwischenzeit verfällt die Gemeinde bei Ihnen, und wir können
nur hoffen, daß der Übergang zu einem besseren System bei uns bald
genug kommen wird, um wenigstens in einigen der entlegeneren Teile
Ihres Landes Einrichtungen zu retten, die unter solchen Umständen aufgerufen werden können, einer großen Zukunft zu dienen. Aber Tatsachen
sind Tatsachen, und wir dürfen nicht vergessen, daß diese Möglichkeiten
mit jedem Jahr geringer werden. N

Im übrigen gestehe ich Ihnen zu, daß der Umstand, daß Rußland das
letzte Land ist, dessen sich die kapitalistische grande industrie bemächtigt,
und gleichzeitig das Land mit der weitaus größten Bauernbevölkerung ist,
dazu führen muß, die durch diese ökonomische Umgestaltung hervorgerufene bouleversement” akuter werden zu lassen, als sie anderswo gewesen ist. Der Prozeß der Verdrängung von etwa 500 000 nomt&mnro»s
und von etwa 80 Millionen Bauern durch eine neue Klasse bürgerlicher
Grundbesitzer kann sich nur unter fürchterlichen Leiden und Konvulsionen vollziehen. Aber die Geschichte ist nun einmal die grausamste Bc&x%
6orun»°, und sie führt ihren Triumphwagen über Haufen von Leichen,
nicht nur im Krieg, sondern auch in Zeiten „friedlicher" ökonomischer
Entwicklung. Und wir Männer und Frauen sind unglücklicherweise so
stupide, daß wir nie den Mut zu einem wirklichen Fortschritt aufbringen
können, es sei denn, wir werden dazu durch Leiden angetrieben, die beinahe


) übersteigen.
jedes en übersteigen esse


P. W. R.66
Adressieren Sie bitte Frau Klautsky], nicht Frau Rlosher].