Engels an Paul Lafargue
in Le Perreux


London, den 5. Dez. 1892

Mein lieber Lafargue,

Ihre Äußerungen über Bebel zwingen mich, auf Ihren Brief aus Lille
zurückzukommen. Was Sie über ihn sagen, ist im höchsten Grade ungerecht. Nicht L[ie]bk[necht] korrigiert B[ebel], ganz gleich in welcher
Angelegenheit (amüsante Idee für den, der die Situation kennt), sondern
genau das Gegenteil ist der Fall. Es ist L[ie]bk[necht], der goldene Berge
verspricht, aber wenn das alles nicht einstürzt und in Rauch aufgeht, so ist
es Bebel zu verdanken, der arbeitet. Wenn L[ie]bk[necht] Ihnen in Marseille
nur angenehme Dinge gesagt hat, so vergessen Sie nicht, daß er sich so
zu jedermann verhält; daß er immer unter dem Eindruck des Augenblicks
steht und infolgedessen heute und hier weiß, aber morgen und anderswo
schwarz sagen wird und daß er mit der größten Aufrichtigkeit behaupten
wird, er habe sich nicht widersprochen. Sie sind unzufrieden mit dem Beschluß von Berlin über den 1. Mai; nun gut, unserer deutschen Presse
zufolge hat L[ie]bk[necht] gesagt, er habe Ihnen in Marseille die Situation
dargelegt, darunter auch die Unmöglichkeit einer Arbeitsniederlegung der
Deutschen am 1.Mai; und „die Franzosen“ hätten seinen Gründen durchaus zugestimmt. Wenn das wahr ist, mit welchem Recht beklagen Sie sich
dann über den Beschluß von Berlin? Wenn L[ie]bk[necht] sich geirrt hat
(denn er glaubt, was er sagt), was halten Sie dann von dem Mann, der
Ihnen zufolge Bebel „korrigieren“ soll? ;

Ich fürchte, daß hinter alledem die Unzufriedenheit unseres Eremiten
von Oxford steckt. Wenn ihn sein enthusiastischer Charakter zur Ungerechtigkeit gegen Bebel verleitet, einer ironischen und businessliken
Natur, so wird der Gefühlsüberschwang, angestaut während seiner erzwungenen Untätigkeit inmitten der einzigen Stadt der Welt, in der das-
Mittelalter noch ganz lebendig ist, diese Abneigung bis zum Haß steigern.
In der Tat erhalte ich nicht einen einzigen Brief von ihm, der nicht von






Schmähungen gegen Bebel wimmelte. Ich begreife das alles, ich erkenne
den guten Glauben und den guten Willen des Eremiten voll und ganz an,
aber vor allem ist ein Enthusiast wie er ein gefährlicher Führer in den
Dingen des praktischen Lebens, besonders wenn er in der Einsamkeit von
Oxford lebt und von dem Verlangen besessen ist, etwas für die Bewegung
zu tun. Und was er braucht, ist nicht nur irgend etwas zu tun, sondern etwas
Großes und Entscheidendes. Sie wissen, wie er uns wegen der Zeitung
zugesetzt hat. Vorgestern schickt er mir ein an die deutsche Partei adressier-
‚tes regelrechtes Ultimatum im Namen der französischen Partei (er spricht
immer im Namen des Kollektivs): wenn die Deutschen in Zürich vorschlagen, die Maifeier auf den ersten Sonntag zu verlegen, ziehen sich die
Franzosen ganz und gar von der Manifestation zurück, und es kommt, wenn
nicht zum Krieg, so doch mindestens zu so etwas wie einem Abbruch der
diplomatischen Beziehungen - was weiß ich? Schließlich warnt er die
Deutschen, „daß sie mit dem Feuer spielen“. Seine französische Logik erlaubt ihm jedoch hinzuzufügen, daß die Franzosen, wenn die Engländer
unbedingt am Sonntag demonstrieren wollen, daran keinen Anstoß nehmen
würden!

Ich habe ihm ziemlich ironisch geantwortet, daß ich Bebel sein Ultimatum mitteilen werde, aber als seine Privatmeinung.

Natürlich fasse ich die Aufwallungen B[onniers] nicht als Meinung der
französischen Partei auf; im Gegenteil, ich täte das auch dann nicht, wenn
Ihr ihm die Vollmacht gegeben hättet, ich kenne ihn - bei aller nur denkbaren Aufrichtigkeit ist er nicht fähig, die Ideen und die Äußerungen anderer wiederzugeben, ohne das Seinige hinzuzutun. Er kann nicht dagegen
an; wie L[ie]bk[necht] kennt er nur zwei Farben: weiß und schwarz; entweder liebt er, oder er haßt; und da er Bebel nicht lieben kann, muß er ihn
hassen. Aber Sie hätten ausgesprochen unrecht, wenn Sie über die deutsche
Bewegung nach seinen Ansichten urteilen würden. Laura, die auf dem Lande
wohnt, kann nicht allem Gerede über die Deutschen entgegentreten, und
es ist sehr schade, daß von Euch allen er der einzige ist, der Deutsch
versteht.

Haben Sie sein „Moment“ gesehen? Es gibt da Gedichte (die Poesiemusik von Heine, die Instrumental- und Vokalpoesie, die keine Musik ist),
Gedichte über Deutschland; dieses „unergründliche“ und äußerst nebelhafte Deutschland hat immer nur in der Einbildung Victor Hugos existiert.






Es war das Deutschland, von dem man glaubte, es beschäftige sich nur mit
Musik, mit Träumen und Wolken, und es überlasse den französischen
Bourgeois und Journalisten die Sorge, die Angelegenheiten hienieden zu
regeln. Der gute Mann spricht da nur von Eichen, von Wäldern, von Studenten mit Schmissen, von Gretchen und anderem Schnickschnack - und
das, nachdem er in dem Lande gelebt hat, das heute das prosaischste und
irdischste der Welt ist. Lesen Sie das, und wenn Sie ihm danach noch ein
einziges Wort von dem glauben, was er über Deutschland sagt, so ist das
Ihre Schuld.

Übrigens werden Sie sich daran erinnern, daß es neulich, als Sie Materialien wegen L[ie]bk[necht] brauchten, Bebel gewesen ist, der sich unverzüglich an die Arbeit machte, während L[ie]bk[necht], den das am
meisten anging, sich darauf beschränkte, Ihnen ein paar Zeitungen zu
schicken.

Genug. Wenn es sich bei alledem nicht darum handelte, falsche Urteile
über den Mann zu zerstören, der der klügste und vernünftigste, der energischste der deutschen Partei ist, hätte ich Ihnen nicht so ausführlich geschrieben. Ich wollte Ihnen vom Panama schreiben, aber nun bin ich
schon unten auf der 4. Seite - also schreibe ich darüber an Laura.


Freundschaftlichst Ihr
F. Engels.