Engels an Karl Kautsky
in Stuttgart


London, 25. Juni 92

Lieber Baron,

Von wegen der Namensaffäre hast Du mich mißverstanden, wenn Du
meinst, ich sähe in der Annahme Deines Vorschlags durch Louise ein Opfer,
das sie Dir brächte!. Was ich Dir anzudeuten wünschte, war, daß nach
meiner Ansicht, unter den Umständen, ein derartiges Ansinnen nicht von
Deiner Seite ausgehn durfte. Louise hat wahrhaftig Dir gegenüber mehr
getan, als von ihr verlangt werden konnte, und obendrein Dich hier in einer
Weise empfangen, die Dir selbst unerwartet gewesen zu sein scheint und
die Euch beide wieder auf einen Fuß setzte, wo ihr untereinander und wir
alle mit Euch ohne Zwang und Gene gesellschaftlich verkehren konnten.
Warum mußt Du da, einer solchen Kleinigkeit wegen, die alte Geschichte
wieder an die Oberfläche zerren? Die gesellschaftliche Stellung der geschiednen Frau ist ohnehin fatal genug, hat sie doch nach heutigen Begriffen
zu ihrer Rehabilitierung vor aller Welt erst den Beweis zu liefern, daß sie
nicht der „schuldige Teil“ ist. Und siehst Du nicht, daß es die geschiedne
Frau tief verletzen muß, wenn ihr geschiedner Mann ihr die Zumutung
stellt, sie soll nicht ihren gesetzlichen Namen vor der Öffentlichkeit tragen,
sondern einen andern, den er ihr obendrein fix und fertig angibt?

Von dem Brauch geschiedner Frauen, den Du angibst, ist mir nichts
bekannt. Ich weiß nur, daß Johanna Mockel, verehelichte und geschiedne
Matthieux, später Kinkel, nach ihrer Scheidung und bis zu ihrer Hochzeit
mit Kinkel nur als J. Matthieux figurierte, auch auf ihren veröffentlichten
Liederkompositionen usw.

Was die Schack angeht, so hat sie einfach von dem aristokratischen
Privilegium Gebrauch gemacht, das ihr das preußische Landrecht gibt:
Teil II, Titel I, $ 740: „Ist sie (die geschiedne Frau) nicht für den schuldi-


gen Teil erklärt worden, so kann sie in den höheren Stand, den sie vor der






Heirat hatte, wieder hinauftreten.“ Und $ 741: „In der Regel hat die Frau
die Wahl, ob sie, besonders in dem Fall des$ 740, ihren vorigen Geschlechtsoder Witwennamen wieder annehmen wolle.“ - Selbst wenn die Schack
Schweizerin geworden oder geblieben sein sollte, kann sie in Preußen von
diesem Recht Gebrauch machen und außer Preußen sich darauf berufen.

Die Wischnewetzky hat ihren Namen Kelley nie fallenlassen, wenn sie
jetzt den Wisch[newetzky] fallenläßt, so kann sie dies, weil in Amerika
englisches gemeines Recht die Basis ist, und nach diesem, wie Sam Moore
sagt, a man's name is what he is known by? und kann nach Belieben geändert werden.

Alles das geht also nicht auf Louise, die nun einmal an den östreichischen
Polizeistaat gebunden ist, der ihr nicht erlauben will, einen andern Namen
zu führen als den Deinigen.

Warum aber soll Louise nun platterdings, Dir zulieb, vor der Öffentlichkeit einen andern als ihren gesetzlichen Namen führen? Muß denn jeder
weibliche Kautsky, der vor die Öffentlichkeit tritt, Deine Frau sein? Und
da die Welt doch nicht den Vornamen Deiner jetzigen Frau kennt, müßte
da nicht auch Deine Mutter sich durch einen andern Namen dahin individualisieren, daß sie nicht Deine Frau ist? Die Welt teilt sich in zwei Teile:
diejenigen, die Deine Frau kennen und die sie nicht kennen. Die ersteren
wissen, daß die L[ouise] Kfautsky] in London, die Louise] Kfautsky] der
„Arbeiter-“ und „Arbeiterinnen-Zeitung“, nicht Deine Frau ist. Die andern
werden auch durch die vorgeschlagne Namensänderung darüber absolut
nicht aufgeklärt, da sie nicht wissen können, was Deine Frau für eine
„geborne“ ist.

Ich habe Louise mitgeteilt, daß Du sagst, die Sache sei für Dich begraben. Ich fürchte, das ist für sie nicht der Fall, ich fürchte, Du hast mit
der Aufrührung dieser Geschichte mehr Erinnerungen wachgerufen, als
sich so leicht wieder begraben lassen. Du hast Louise durch Deine Zumutung tief verletzt, ich fürchte tiefer, als Du wieder gutmachen kannst.
Sie hat es die ganze Zeit mit sich herumgetragen, jetzt will sie Dir selbst
schreiben.

Sonnenschein will die englische „Entwicklung“ bis nach der Wahl #7)
liegenlassen. Dann aber ist hier die Sauregurkenzeit, und da kann erst recht
nichts vor Ende Sept. herauskommen. Ich schreibe also an S[onnenschein]
neuerdings um bestimmte Auskunft und schicke Dir ‘dann das Ms.'?, das


des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“




Du einstweilen setzen lassen kannst, aber nicht veröffentlichen vor der Dir
dann auch mitzuteilenden Zeit.

Von dem armen Schorlemmer habe ich weiter nichts gehört, es ist also
keinenfalls eine wesentliche Änderung eingetreten.

Besten Dank für Deine Mitteilungen re* Sorge-Dietz.!*#?} Da Sorge mir
nicht geschrieben, wie weit die durch Dich geführten Verhandlungen gediehen, und dies mir doch zu wissen nötig, ehe ich selbst was tun konnte,
war mir dies von Wichtigkeit. Dietz geht viel zu ausschließlich auf den
Massenabsatz los. Will er der Verleger der wissenschaftlichen Sozialisten
sein, so muß er eine Abteilung anlegen, wo auch Bücher, die langsameren
Absatz finden, ihren Platz erhalten. Sonst muß ein andrer gefunden werden.
Die wirklich wissenschaftliche Literatur kann nicht zu Zehntausenden
Absatz finden, und darauf muß der Verleger sich einrichten.

Bei den Wahlen hier herrscht noch große Konfusion. Aber eine erste
Lektion bekommen die Liberalen von den Arbeitern doch.


Dein
General


zz Cs