Engels an Nikolai Franzewitsch Danielson
in Petersburg


London, 18. Juni 1892

Werter Herr,

Ich muß Ihnen für Ihre sehr interessanten Briefe vom 24. März, 30. April
und 18. Mai!*!?! danken und Sie um Entschuldigung bitten, daß ich nicht
schon früher antwortete. Aber ich war so mit Arbeit überhäuft, daß ich mich
auch nicht einen Augenblick dem III. Bd.! widmen konnte - nächste Woche
jedoch hoffe ich, die Arbeit daran wieder aufnehmen zu können.

Ich glaube, wir sind in Wirklichkeit völlig einer Meinung über die Tatsachen, welche die augenblickliche ökonomische Lage Ihres Landes bestimmen, und über deren Bedeutung. Nur scheinen Sie einige ironische
Wendungen meines letzten Briefes? ernst genommen zu ‚haben, besonders
das, was ich über verschiedene Dinge sagte, die letztlich der Sache des
menschlichen Fortschritts dienen. Faktisch gibt es ja in der Geschichte
nichts, was nicht in der einen oder anderen Weise dem menschlichen Fortschritt dient, aber. oft auf: einem ungeheuren Umweg. Und so mag es mit
:der augenblicklichen ökonomischen Umwälzung Ihres Landes sein.

Was ich besonders hervorheben wollte, ist, daß der eyposzaü des letzten Jahres, um den offiziellen Ausdruck zu gebrauchen, keine isolierte und
zufällige Erscheinung, sondern eine notwendige Folge der ganzen Entwicklung seit dem Krimkrieg ist, ein Resultat des Übergangs vom ackerbautreibenden Gemeinwesen und der patriarchalischen Hausindustrie zur
modernen Industrie, und es scheint mir, daß diese Umwälzung schließlich
die Existenz der oömmna?!36 gefährden und das kapitalistische System
auch in der Landwirtschaft einführen muß.

. Aus Ihren Briefen entnehme ich, daß Sie, was die Tatsache als solche
betrifft, mit mir übereinstimmen; ob wir.sie mögen oder nicht, das ist eine
andere Frage, und sie werden auch unabhängig davon, ob wir sie mögen
oder nicht, weiterbestehen. Je mehr wir unsere Sympathien und Antipathien






aus dem Spiel lassen, desto besser können wir die Tatsachen selbst und ihre
Folgen beurteilen.

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das augenblickliche stürmische
Wachstum der modernen „großen Industrie“? in Rußland nur durch künstliche Mittel, Schutzzölle, staatliche Subventionen usw. verursacht worden
ist. Das gleiche geschah in Frankreich, wo das Schutzzollsystem seit Colbert ohne Unterbrechung bestanden hat, in Spanien, in Italien und seit
1878 sogar in Deutschland. Und das, obwohl Deutschland seine Industrialisierung fast schon vollendet hatte, als 1878 die Schutzzölle eingeführt
wurden, um den Kapitalisten dazu zu verhelfen, ihren inländischen Abnehmern so hohe Preise aufzuzwingen, daß sie im Ausland unter dem
Kostpreis verkaufen konnten. Und Amerika hat genau das gleiche getan,
um die Periode abzukürzen, in der die amerikanischen Fabrikanten nicht in
der Lage gewesen wären, mit England unter gleichen Bedingungen zu
konkurrieren. Ich zweifle nicht daran, daß Amerika, Frankreich, Deutschland und selbst Österreich so weit kommen werden, daß sie der englischen
Konkurrenz auf dem freien Weltmarkt wenigstens in einer Anzahl wichtiger
Artikel mit Erfolg entgegentreten können. Frankreich, Amerika und
Deutschland haben das Industriemonopol Englands schon jetzt bis zu
einem gewissen Grade gebrochen, was sich hier sehr bemerkbar macht.
Wird Rußland es ebensoweit bringen? Ich bezweifle es, da Rußland, wie
Italien, unter Kohlenmangel an den für die Industrie günstigen Orten
leidet; und mehr noch, es muß, wie Sie in Ihrem Brief vom 12. (24.) März
so gut entwickeln, mit völlig andersgearteten historischen Bedingungen
fertig werden. Doch hier taucht eine andere Frage auf: Hätte Rußland 1890
als reines Agrarland, das Getreide exportiert und dafür fremde Industrieprodukte importiert, existieren und seine Stellung in der Welt behaupten
können? Und da, glaube ich, können wir mit Bestimmtheit sagen: Nein.
Eine Nation von 100 Millionen, die eine wichtige Rolle in der Weltgeschichte
spielt, konnte unter den gegenwärtigen ökonomischen und industriellen
Bedingungen nicht auf der Entwicklungsstufe stehenbleiben, auf der Rußland sich bis zum Krimkrieg befand. Die Einführung von Dampf- und
Arbeitsmaschinen, der Versuch, Textil- und Metallprodukte mit Hilfe
moderner Produktionsmittel wenigstens für den Inlandsbedarf herzustellen,
mußte früher oder später erfolgen, auf jeden Fall aber zu irgendeiner Zeit
zwischen 1856 und 1880. Wäre das nicht geschehen, so wäre Ihre patriarchalische Hausindustrie dennoch durch die Konkurrenz der englischen


5 in der Handschrift deutsch: „große Industrie“




Maschinen zerstört wörden, und das Ende wäre gewesen - Indien, ein Land,
das der großen Werkstatt der Welt, England, ökonomisch untertan ist.
Aber sogar Indien hat sich durch Schutzzölle gegen englische Baumwollwaren gewehrt, und auch die übrigen britischen Kolonien schützten, kaum
daß sie die Selbstverwaltung erlangten, ihre eigene Industrie gegen die
übermächtige Konkurrenz des Mutterlandes. Englische Interessen vertretende Schriftsteller können es nicht verstehen, daß alle Welt es ablehnt,
ihr Freihandelsbeispiel zu befolgen, und statt dessen Schutzzölle eingeführt
hat. Natürlich wagen sie nicht zu sehen, daß dieses jetzt fast allgemeine
Zollsystem ein - mehr oder weniger kluges und in manchen Fällen absolut
dummes — Mittel der Selbstverteidigung gegen ebendenselben englischen
Freihandel ist, der das. englische Industriemonopol zu seiner höchsten Vollendung geführt hat. (Dumm z.B. im Falle Deutschlands, das unterm Freihandel ein großes Industrieland geworden ist und wo der Schutzzoll auf
landwirtschaftliche Produkte und Rohstoffe ausgedehnt wird, was die
Kosten der industriellen Produktion erhöht!) Ich betrachte dieses allgemeine Zurückgreifen auf den Schutzzoll nicht als einen bloßen Zufall,
sondern als Reaktion gegen das untragbare Industriemonopol Englands;
die Form dieser Reaktion mag, wie gesagt, unzulänglich und sogar noch
schlechter sein, aber die historische Notwendigkeit einer solchen Reaktion
scheint mir klar und offensichtlich.

Alle Regierungen, seien sie noch so unabhängig, sind en dernier lieu nur
die Vollstrecker der ökonomischen Notwendigkeiten der nationalen Lage.
Sie mögen diese Aufgabe in verschiedener Weise - gut, schlecht oder leidlich-besorgen; sie mögen die ökonomische Entwicklung und ihre politischen
und juristischen Konsequenzen beschleunigen oder hemmen, aber schließlich müssen sie ihr doch folgen. Ob die Mittel, mit denen die industrielle
Revolution in Rußland durchgeführt worden ist, die geeignetsten waren,
ist eine Frage für sich, die zu diskutieren zu weit führen würde. Für meinen
Zweck genügt der Nachweis, daß diese industrielle Revolution als solche
unvermeidlich war.

Was Sie über die notwendigen Begleiterscheinungen solcher ungeheuren
ökonomischen Umwälzungen sagen, ist ganz. richtig, trifft aber mehr oder
weniger auf alle Länder zu, die diesen Prozeß durchgemacht haben oder
noch durchmachen. Erschöpfung des Bodens - siehe Amerika; Entwaldung -
siehe England, Frankreich und gegenwärtig Deutschland und Amerika;
Klimawechsel, Austrocknen von Flüssen zeigt sich vermutlich in Rußland


$ in letzter Instanz




stärker als irgendwo anders wegen der Ebenheit des Landes, das diese ungeheuren Ströme mit Wasser versorgt, und wegen des Fehlens eines alpinen
Schneereservoirs, das den Rhein, die Donau, die Rhöne und den Po speist.
Die Zerstörung der alten Agrarverhältnisse, der schrittweise Übergang zur
kapitalistischen Landwirtschaft auf großen Pachtungen sind Prozesse, die
in Englandund Ostdeutschland vollzogen sind und jetztüberallfortschreiten.
Und es scheint mir offensichtlich zu sein, daß la grande industrie en Russie
tuera Ja commune agricole’, wenn nicht andere große Veränderungen vor
sich gehen, die die oömmma erhalten könnten. Die Frage ist, ob genug Zeit
für einen Wandel in der öffentlichen Meinung Rußlands bleiben wird, der
es ermöglicht, moderne Industrie und moderne Agrikultur auf die o6muna
aufzupfropfen und diese gleichzeitig so umzuformen, daß sie ein geeignetes
und taugliches Instrument für die Organisation dieser modernen Produktion und für die Umwandlung dieser Produktion aus einer kapitalistischen
in eine vergesellschaftete Form wird? Ehe an eine solche Umwälzung auch
nur gedacht werden kann, muß - das werden Sie mir einräumen - ein gewaltiger Fortschritt in der öffentlichen Meinung Ihres Landes gemacht
werden. Wird genug Zeit dafür bleiben, bevor die kapitalistische Produktion, unterstützt von den Auswirkungen der jetzigen Krise, die o6muma zu
tief unterminiert? Ich zweifle nicht im geringsten daran, daß sich in recht
zahlreichen Distrikten die o6mmma von dem im Jahre 1861 erhaltenen
Schlag erholt hat (wie von W. W[oronzow] beschrieben '#), Aber wird sie
den unausgesetzten Schlägen widerstehen können, die ihr durch die
industrielle Umgestaltung, durch den sich stürmisch entwickelnden Kapitalismus, durch die Zerstörung der Hausindustrie, durch das Fehlen
kommunaler Weide- und Waldrechte, durch die Verwandlung der bäuerlichen Naturalwirtschaft? in Geldwirtschaft? und durch den wachsenden
Reichtum und die zunehmende Macht der kyiarm! und mipo&nu versetzt werden?

Ich habe Ihnen noch für die Bücher zu danken, die Sie mir freundlicherweise gesandt haben, besonders für Kablukow und Karyschew. Augenblicklich bin ich so mit Arbeit überlastet, daß ich seit 6 Monaten nicht dazu
gekommen bin, auch nur ein einziges Buch in irgendeiner Sprache ganz zu
lesen; ich lege mir Ihre Bücher für meine Arbeitspause im August zurück.
Was Sie über Kablukow sagen, scheint mir völlig richtig, soweit ich das


? die große Industrie in Rußland die Dorfgemeinde vernichten wird - in der Handschrift
12 Ausbeuter




beurteilen kann, ohne das Buch gelesen zu haben.'#*!! Der Landarbeiter,
der kein eigenes und kein gepachtetes Land hat, findet nur für einen Teil
des Jahres Beschäftigung und muß, wenn er nur für diese Arbeit bezahlt
wird, während der ganzen unbeschäftigten Zeit hungern, es sei denn, er hat
währenddessen andere Arbeit; aber die moderne kapitalistische Produktion
nimmt ihm jede Möglichkeit dazu. Diese Schwierigkeit wird, soweit wie
möglich, in West- und Mitteleuropa auf folgende Weise überwunden:
1. Der kapitalistische Pächter oder Grundeigentümer behält einen Teil der
Arbeiter während des ganzen Jahres auf seinem Gut und ernährt sie möglichst mit den Produkten seines Gutes, um nur wenig bares Geld auszugeben. So ist es in großem Ausmaß in Nordostdeutschland, in kleinerem
hier in England, wo das Klima allerdings einen großen Teil landwirtschaftlicher Arbeiten im Winter zuläßt. Zudem muß in der kapitalistischen Landwirtschaft eine Menge Arbeit auf der Pachtung gerade im Winter erledigt
werden. 2. Alles, was nötig ist, um die Landarbeiter im Winter gerade noch
so am Leben zu erhalten, wird häufig genug durch Frauen- und Kinderarbeit in einem neuen Zweig der Hausindustrie verdient (siehe „Kapital“
Bd.I, Kap. 13, 8, d!2). Dies ist der Fall in Süd- und Westengland und bei
der Kleinbauernschaft in Irland und Deutschland. Natürlich treten die verheerenden Wirkungen der Trennung zwischen Landwirtschaft und patriarchalischer Hausindustrie in der Übergangsperiode am deutlichsten hervor,
und das trifft gerade jetzt bei Ihnen zu.

Dieser Brief ist mir schon zu lang geraten, als daß ich noch auf die
Einzelheiten Ihres Briefes vom 18.Mai eingehen könnte; aber es scheint
mir, daß auch die dort von Ihnen angeführten Tatsachen den Ruin der
Bauernschaft beweisen und daneben die wenigstens zeitweise Erschöpfung
des Bodens. Ich stimme ganz mit Ihnen darin überein, daß jetzt beides mit
wachsender Schnelligkeit fortschreitet. Wird das jetzige System beibehalten,
so muß das Ende der Ruin sowohl der nomtmnxu!? wie der myruem!* und
die Entstehung einer neuen Klasse bürgerlicher Grundeigentümer sein.
Aber die Frage hat noch eine andere Seite, die Euer „BEerHunks drHaHc0B%“, wie ich fürchte, nicht sonderlich hervorheben wird. Das ist der
Zustand der öffentlichen Finanzen. Die letzte Anleihe in Paris (1891) sollte
20 Millionen £ bringen. Sie wurde mehrmals überzeichnet, aber man sagt
hier, daß in Wirklichkeit nur 12 Millionen eingezahlt wurden und 8 Millionen
niemals das Petersburger Schatzamt erreichten.'?! Wenn das in Frankreich nach Kronstadt 98] passierte, was soll erst werden, wenn die nächste






Anleihe aufgelegt werden muß? Und kann diese Anleihe noch lange auf sich
warten lassen nach den ungeheuren Opfern, die dem Schatzamt durch den
Heypokaäi aufgezwungen wurden? Vyschnegradsky serait-il Calonne, et y
äurait-il un Necker apr&s lui??"°
Aufrichtigst der Ihre
P.W.Rosher'?*!




15 Wird Wyschnegradski ein Calonne sein, und wird es nach ihm einen Necker geben??