Engels an Paul Lafargue

in Paris!2%!

Nönkehsr Tahrene London, den 31.Okt. 91

Louise und ich senden Ihnen unsere herzlichen Glückwünsche zu dem
Ergebnis der Abstimmung am letzten Sonntag!. „Das ist großartig“, und
das ist „der Krieg“. Es gibt zwar 4400 Stimmenthaltungen und irregeführte
Wähler, aber es müßten sich mehr als 3100 von diesen Stimmenthaltungen
auf Ihren Konkurrenten vereinigen, damit Depasse sie einholend überholt
(o, dieser Kalauer!?”), das geht wie ein Anfall von Durchmarsch, hoffen wir,
daß es vorübergeht!). Und das ist noch nie vorgekommen. Sie haben da
einen berauschenden Erfolg. Also morgen in acht Tagen werden wir auf
Ihren endgültigen Erfolg anstoßen - aber auch morgen werden wir Sie
keinesfalls vergessen.

Ich sehe aus den Zeitungen, die Laura und Sie mir geschickt haben, daß
die radikalistische Regierungspresse sich endlich mit Ihrer Wahl befassen
muß. Die Dummbheiten des „Temps“ können Ihnen nur nützlich sein. Ist
das Eis erst einmal gebrochen, so wird alles, was diese Herren sagen können,
zu Ihren Gunsten wirken. Selbst der brave Pelletan von der „Justice“ hat
sich für. Sie erklären müssen.

Wenn Sie gewählt sind, wird für die Kammer eine neue Verlegenheit
entstehen: wird sie für Ihre Freilassung stimmen oder nicht?

Was bedeutet denn diese neue Spaltung unter den Radikalen!* in der
Kammer, die sich zwischen Millerand, Hovelacque, Moreau auf der einen
Seite und der Masse der Clemencisten auf der anderen anbahnt? Sie sprechen von der Möglichkeit einer Vereinigung mit den ersteren.!??!} Aber bis
zu welchem Punkt gehen Sie mit Ihnen? Die dem Namen nach „sozialistischen“ Radikalen in der Kammer sind, soviel ich weiß, bis jetzt nur die
Trümmer des Proudhonismus gewesen und somit ausgesprochene Gegner
der Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Und meiner Ansicht nach ist
es für uns unmöglich, eine Fusion mit Leuten vorzunehmen, eine Gruppe
zu bilden, die das nicht anerkennen, wenigstens im Prinzip. Andererseits
glaube ich, könnte man mit ihnen eine mehr oder weniger vorübergehende
Allianz eingehen, aber ohne Fusion. Da es jedoch offenbar irgendeine neue
Entwicklung gibt, die ich nicht kenne, erwarte ich Ihre Informationen,
bevor ich mir ein Urteil bilde. Es wäre ja tatsächlich großartig, wenn die
Radikalen in der Kammer anfingen, zu uns überzugehen —- was für ein
Symptom!

Ich bin sehr froh, daß Laura und Sie meinen Artikel gut und aktuell
finden!??! - aber was werden die anderen, Argyriades & Co., vom „Almanach“ sagen? Ich habe immer wieder festgestellt, daß ich nicht das Glück
habe, den Wünschen dieser Herren, die aller Welt Freund sind, zu entsprechen, und daß es, wenn ich ihnen den Artikel schrieb, den sie von mir
verlangten, es immer ein ganz anderer Artikel war, als der, den sie sich
wünschten. Neben den feierlichen Ergüssen des Herrn Benoit Malon und
anderer Koryphäen des Pariser Sozialismus wird das fast unmöglich sein.
Im übrigen ist mir das ganz egal. Ich habe Laura von vornherein gesagt, daß
mich die Situation zwingen würde, für viele Leute unangenehme Dinge zu
schreiben, nun, sie hat es gewollt, und ich habe mich gefügt. Ich weiß sehr
wohl, daß sich der „Socialiste“ daran nicht stoßen würde, aber der „Almanach“ - das ist etwas anderes. Nun, auf die eine oder andere Weise werden
wir die Sache veröffentlichen, und wahrscheinlich wird es Lärm geben.

In Erfurt ging alles gut ab.!?2#! Die Esel der Opposition haben vor den
Vertretern der ganzen Partei bewiesen, daß sie wirklich Esel und Feiglinge
sind, die keine Sympathie verdienen. Es sind entweder Dummköpfe oder
versteckte Anarchisten oder Polizeiagenten. Gestern abend haben Versammlungen in Berlin stattgefunden, wo die Delegierten Bericht erstatten
mußten, das wird wahrscheinlich die Herren von der Opposition endgültig
vernichtet haben.!???! Andererseits mußte Vollmar nicht nur in Erfurt den
Rückzug antreten, sondern sogar, und noch eindeutiger, vor seinen eigenen
Wählern in München, die eine von ihm vorgeschlagene Resolution zurückgewiesen haben; er hatte dort Sätze einfügen wollen, die, ohne gegen die in
Erfurt gegen ihn gefaßten Beschlüsse zu sehr zu verstoßen, den Standpunkt
vertraten, den er in seinen reaktionären Reden eingenommen hatte; Vollmar
selbst ist gezwungen worden, eine neue Resolution vorzuschlagen: eine klare
und unzweideutige Unterwerfung unter die Erfurter Beschlüsse; das ging
einstimmig durch.!?! Wie Bebel mir schreibt, ist derjenige, der aus der
Partei austritt oder von der Partei vor die Tür gesetzt wird, politisch tot!?”*,
und Herr Vollmar hat das wohl eingesehen und sich sehr gehütet, eine
Handlung zu begehen, die ihn in eine solche Situation brächte. Aber das
ändert nichts daran, daß er der gefährlichste Klüngler in unserer Partei ist.

Kurzum, in Deutschland geht es voran, und bald wird es bei Euch ebenso
sein, vielleicht kommen wir um den Krieg herum, und da wir langsam und
methodisch sind, könnte das den Franzosen die Chance geben, uns von
neuem durch einen großen Schlag zuvorzukommen. Das „Ende des Jahrhunderts“ scheint sich gut anzulassen, das könnte 1793 in den Schatten
stellen.

Wie dumm Eure Bourgeois und die Russen sind! In einem Krieg hält
England mit seiner Flotte und der Beherrschung des Meeres das Gleichgewicht - darum stoßen es diese Herren in die Arme der Deutschen, indem
sie es wegen Ägypten verärgern.

Grüße an Laura - die Zeitung der Wienerinnen? ist noch nicht erschienen - wahrscheinlich fehlt es an Geld.

Freundschaftlichst Ihr
F.E.