Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken


London, 24.Okt. 1891
Lieber Sorge, i

Deine Briefe vom 15.Sept., 2. und 9.Okt. habe ich vor mir.

Über Barondess’ Durchbrennerei (wohl mit der Kasse?) könntest Du
mir wohl einiges Nähere mitteilen für den Fall, daß das Männchen hier
auftaucht.

Um alles in der Welt tu mir den Gefallen und schick mir keine amerikanische Monatsschrift regelmäßig zu. Ich schmachte danach, wieder einmal
ein Buch lesen zu können, trotzdem ich nur ?/, der mir zugehenden Zeitungen ordentlich ansehn kann, fressen sie mir alle Zeit - aber die Bewegung
ist ja jetzt so riesig, und au courant! bleiben muß man doch! Dagegen
schicke mir [...]2

Daß es bei Euch mal wieder Ebbe gibt in der Bewegung, glaub’ ich
gern. Bei Euch geht alles mit großen ups und downs?. Aber jeder up gewinnt endgültig Terrain, und so kommt man schließlich doch voran. So hat
auch die gewaltige Welle der Knights of Labor!#!! und Strikebewegung
von 1886-88 trotz aller Rückschläge uns im ganzen doch vorangebracht.
Es ist doch ein ganz andres Leben in den Massen als vorher. Das nächste
Mal wird noch mehr Terrain gewonnen. Aber bei alledern ist die Lebenshaltung des native American working-man* bedeutend höher als selbst die
des englischen, und das allein genügt, um ihm noch für einige Zeit einen
Posten im Hintertreffen anzuweisen. Dazu die Einwanderungskonkurrenz
und andre Dinge. Wenn der Zeitpunkt erreicht ist, wird’s drüben kolossal
rasch und energisch gehn, aber bis dahin kann’s noch etwas dauern. Wunder geschehn nirgends. Nun kommt noch das Pech dazu mit den hochnäsigen Deutschen, die dort Schulmeister und Kommandant in einem spielen
wollen und es den Eingebornen verleiden, auch die besten Sachen von ihnen
zu lernen.


und Rückschlägen - * eingebornen amerikanischen Arbeiters




Dem „Soelialiste]* werde ich das Geld schicken, sobald ich erst weiß,
an wen; Laflargue] sitzt, wie Du weißt; ich habe noch keine Antwort.

Die „Entwicklung dfes] S[ozialismus]* wird hier, von Aveling übersetzt und von mir durchgesehn, englisch erscheinen (in Sonnenscheins
Social Series), gegenüber dieser autorisierten Übersetzung wird die amerikanische Piratenausgabel?, die ein ganz miserables Englisch leistet, ziemlich unschädlich. Sie ist dabei nicht einmal vollständig, was ihnen zu schwer,
lassen sie aus.

Mutter Wischnewetzky hat natürlich mit Vergnügen akzeptiert, die
„Lage etc.“ in ihrer Übersetzung bei Sonnenschein abdrucken zu lassen.
Das Honorar soll jedoch an Frau Foster-Amery gehn. Cela m’est bien &gal.
Im übrigen scheint sie recht froh, wieder anbinden zu können, erzählt, wie
schlecht es ihnen geht etc. etc.

Die Biographie Bakunins wäre mir angenehm, man erfährt daraus, wie
die heutige anarchistische Tradition von diesem Messias lautet. 292]

Brief vom 12. cr. auch noch erhalten. Dank!

In Erfurt ging alles sehr gut ab. Ich werde Dir das offizielle Protokoll zuschicken, sobald es heraus; Bebel sagt, die Reden seien in den Berichten sehr verhunzt. Die Opposition der schnoddrigen Berliner, statt
anzuklagen, geriet sofort selbst auf die Anklagebank, benahm sich elend
feig und: muß jetzt außerhalb der Partei wirtschaften, wenn sie was will. Es
sind ganz zweifellos Polizeielemente darunter, ein andrer Teil versteckte
Anarchisten, die im stillen unter unsern Leuten werben wollten; daneben
Esel, aufgeblasene Studenten und Durchfallskandidaten, Gerngroße aller
Art. In allem keine 200 Mann. - Ebenso mußte Herr Vollmar klein beigeben, dieser ist viel gefährlicher als jene, er ist schlauer und ausdauernder,
eitel bis zur Verrücktheit und will um jeden Preis eine Rolle spielen. Bzbel
hat sich sehr gut gehalten, ditto Singer, Auer, Fischer (der hier am „Soz[ial]-
demokrat“ war, ein sehr tüchtiger Kerl, saugrober Bayer dazu). Liebknecht
hatte die bittre Rolle, den Programmentwurf von Kautsky empfehlen zu müssen, der, von Bebelund mir unterstützt”, zur Grundlagedes neuen Programms,
theoretischer Teil, genommen wurde. Wir haben die Satisfaktion, daß die
Marxsche Kritik komplett durchgeschlagen hat. - Auch der letzte Rest
Lassalleanismus ist entfernt. Mit Ausnahme einiger schwächlich redigierten
Stellen (wo aber nur der Ausdruck matt und allgemein) läßt sich nichts mehr
gegen das Programm sagen, wenigstens nicht nach erster Lesung.)


5 Friedrich Engels: „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ - * Das ist mir auch ganz
Arbeiterpartei“




Daß Lafargue in Lille kandidiert, wirst Du gesehn haben. !! Das Resultat der morgigen Wahl erhältst Du lange vor diesem Brief. Wird er nicht
gewählt, so ist ihm bei der nächsten allgemeinen Wahl ein Sitz im Nord-
Departement sicher.

Trotz der russischen Hungersnot wird die Kriegsgefahr größer. Die
Russen wollen die neue französische Allianz!? rasch und gründlich diplomatisch ausbeuten, und obgleich ich überzeugt bin, daß die russische Diplomatie keinen Krieg will und die Hungersnot ihn blödsinnig erscheinen
lassen würde, so können doch militärische und panslawistische (jetzt von
der sehr starken industriellen Bourgeoisie behufs Marktausdehnung unterstützte) Strömungen das Oberwasser bekommen und ebenso in Wien, Berlin oder Paris Dummheiten passieren, die den Krieg zum Ausbruch bringen.
Über diesen Punkt haben Bebel und ich korrespondiert°, und wir sind der
Ansicht, daß, wenn die Russen Krieg mit uns anfangen, die deutschen
Sozialisten & outrance! auf die Russen und ihre Bundesgenossen, wer sie
auch seien, loshauen. Wird Deutschland erdrückt, dann auch wir; während
der Kampf im günstigsten Fall ein so heftiger wird, daß Deutschland sich
nur durch revolutionäre Mittel halten kann und daß daher sehr möglicherweise wir gezwungen werden, ans Ruder zu kommen und 1793 zu spielen.
Bebel hat darüber in Berlin eine Rede gehalten, die in der französischen
Presse viel Aufsehn gemacht.!#5 Ich werde versuchen, dies den Franzosen
in ihrer eignen Sprache klarzumachen!!, was nicht leicht ist. Aber obwohl
ich es für ein großes Pech halte, wenn es zum Krieg käme und wenn dieser
uns vorzeitig ans Ruder brächte, so muß man doch für diesen Fall gerüstet
sein, und es freut mich, daß ich da Bebel, der weitaus der tüchtigste unsrer
Leute ist, auf meiner Seite habe.

Nächste Woche geht’s an den 3.Band',

Herzliche Grüße an Deine Frau und Dich selbst.

Dein
F. Engels