Engels an Laura Lafargue


in Le Perreux


London, 1.Dez. 1890

Meine liebe Laura,

Enfin!! Ich habe den 70. Geburtstag hinter mir. Am Donnerstag kamen
Bebel, Liebknecht und Singer. Am Freitag Briefe und Telegramme en
masse, letztere aus Berlin (3), Wien (3), Paris (rumänische Studenten und
Frankel), Bern (Russische Sozialdemokraten?), Leipzig Stadt und Land?,
Bochum (Klassenbewußte Bergleute* - miners), Stuttgart (Sozialdemokraten Württembergs), Fürth, Höchst (Pauli), London (Arbeiterverein!2"),
Hamburg. Die Fraktion schickte mir ein prächtiges Album mit ihren
35 Bildern, Dietz ein Buch mit Photos einiger ausgezeichneter Münchener
Bilder, die Solinger ein Messer mit Signum usw. usw. Enfin j’&tais Ecrase!
Schließlich hatten wir abends die ganze Gesellschaft zu Besuch, später
verschönt durch den kleinen Oswald und vier Delegierte des Arbeitervereins (wovon einer unsagbar betrunken war), und wir hielten durch bis
um halb vier morgens und tranken außer Claret 16 Flaschen Champagner -
am Morgen hatten wir 12 Dutzend Austern verzehrt. Du siehst also, ich
habe mein Bestes getan, um zu beweisen, daß ich immer noch munter und
fidel bin.

Doch es ist eine gute Sache. Man kann seinen 70. Geburtstag nur einmal
feiern. Es wird mich höllisch viel Zeit kosten, auf all diese Briefe zu antworten - allein auf diejenigen, die ich persönlich beantworten muß. Das ist
die Prosa, die der Poesie des Lebens folgt, und um mich daran zu gewöhnen,
beginne ich mit dem einzigen Brief, den ich mit wahrer Freude schreiben
kann - den einen an Dich.

Louise Kautsky kam am Dienstag, nachdem Du fortgefahren warst,
und hat seitdem außerordentlich für mich gesorgt. Was die Zukunft anlangt, so haben wir bis jetzt noch nicht darüber gesprochen. Ich möchte,
Auch Leipzig Stadt und Land -* in der Handschrift deutsch: Klassenbewußte Bergleute -


ganz erschlagen!




daß sie erst sieht, wie sich die Dinge anlassen werden, ehe ich sie bitte, zu
einem endgültigen Entschluß zu kommen. Mit Pumps kommen wir sehr
gut aus; meine Strafpredigt und ein paar - später wiederholte - Andeutungen, daß ihre Position in meinem Hause sehr von ihrem eigenen Verhalten
abhänge, scheinen einige Wirkung gehabt zu haben. Hoffen wir, daß es anhält.

Bebel sieht ziemlich angegriffen und erheblich älter aus als beim letzten
Mal. Auch Singer wird grau, und natürlich auch Liebknecht, obwohl er
dick und content de lui-même” aussieht; er beschwert sich fürchterlich
darüber, daß es zu wenig Fähige unter der jüngeren Generation gibt, und
über die daraus resultierende Unmöglichkeit, gute Leute für seine Zeitung
zu bekommen; doch sonst ist er mit den Dingen im allgemeinen sehr zufrieden und mit den Berlinern im besonderen. Morgen wird der Reichstag?
eröffnet, und wir hatten die größte Mühe, Singer und Bebel hier zu halten,
damit sie mit Burns, CJunninghame-]Graham, Thorne und anderen bei
Tussy zusammenkommen. Und jetzt, wo wir sie hier festgehalten haben,
setzt ein verflixter Nebel ein (2 Uhr nachmittags), der mich sogar am
Schreiben hindert und der, wenn er sich nicht rechtzeitig auflöst, die
ganze beabsichtigte internationale Konferenz verhindern kann.

Vom Nebel unterbrochen - bei Gaslicht zu schreiben verboten - donc!?
‚Schluß.

Immer Dein


F. Engels


qu’ä l’interieur il ya un rhume de cerveau."




10 also — U Sagt Meme,-daß es meiner Nase äußerlich vortrefflich geht, innerlich ist sie
jedoch verschnupft.