Engels an Conrad Schmidt


in Berlin !!


u London, 27.Okt. 1890

Lieber Schmidt,

_ Ich benutze die erste freie Stunde dazu, Ihnen zu antworten. Ich glaube,
Sie werden sehr gut tun, den Züricher Posten anzunehmen.!#5] Ökonomisch können Sie da immer manches lernen, besonders, wenn Sie im Auge
behalten, daß Zürich immer doch nur ein Geld- und Spekulationsmarkt
dritten Rangs ist und daher die sich dort geltend machenden Eindrücke
durch doppelte und dreifache Rückspiegelung abgeschwächt resp. absichtlich gefälscht sind. Aber Sie lernen das Getriebe praktisch kennen und sind
genötigt, die Börsenberichte erster Hand aus London, New York, Paris,
Berlin, Wien zu verfolgen, und da tut sich Ihnen der Weltmarkt - in
seinem Reflex als Geld- und Effektenmarkt - auf. Es ist mit den ökonomischen, politischen und andern Reflexen ganz wie mit denen im menschlichen Auge, sie gehn durch eine Sammellinse und stellen sich daher verkehrt, auf dem Kopf, dar. Nur daß der Nervenapparat fehlt, der sie für die
Vorstellung wieder auf die Füße stellt. Der Geldmarktsmensch sieht die
Bewegung der Industrie und des Weltmarkts eben nur in der umkehrenden
Wirkung zur Ursache. Das habe ich schon in den ADer Jahren in Manchester
gesehn!?!*);: Für den Gang der Industrie und ihre periodischen Maxima
und Minima waren die Londoner Börsenberichte absolut unbrauchbar, weil
die Herren alles aus Geldmarktskrisen, die doch meist selbst nur Symptome
waren, erklären wollten. Damals handelte es sich darum, die Entstehung
der Industriekrisen aus temporärer Überproduktion wegzudemonstrieren,
und die Sache hatte also obendrein noch eine tendenzielle, zur Verdrehung
auffordernde Seite. Dieser Punkt fällt jetzt - wenigstens ein für allemal für
uns — weg, und zudem ist es ja Tatsache, daß der Geldmarkt auch seine
eignen Krisen haben kann, bei denen direkte Industriestörungen nur eine
untergeordnete Rolle oder selbst gar keine spielen, und hier ist noch manches, auch besonders historisch für die letzten 20 Jahre, festzustellen und
zu untersuchen.




- Wo Teilung der Arbeit auf gesellschaftlichem Maßstab, da ist auch.
Verselbständigung der Teilarbeiten gegeneinander. Die Produktion ist das
in letzter Instanz Entscheidende. Sowie aber der Handel mit den Produkten
sich gegenüber der eigtl. Produktion verselbständigt, folgt er einer eignen
Bewegung, die zwar im ganzen und großen von der der Produktion beherrscht wird, aber, im einzelnen und innerhalb dieser allgemeinen Abhängigkeit, doch wieder eignen Gesetzen folgt, die in der Natur dieses
neuen Faktors liegen, die ihre eignen Phasen hat und ihrerseits wieder auf
die Bewegung der Produktion zurückschlägt. Die Entdeckung Amerikas
war dem Goldhunger geschuldet, der die Portugiesen vorher schon nach
Afrika getrieben (cf. Soetbeers „Edelmetall-Produktien“), weil die im 14.
und 15. Jahrhundert so gewaltig ausgedehnte europäische Industrie und
der ihr entsprechende Handel mehr Tauschmittel erforderten, die Deutschland - das große Silberland 1450-1550 - nicht liefern konnte. Die Eroberung Indiens durch Portugiesen, Holländer, Engländer 1500-1800 hatte
zum Zweck den /mport von Indien, an Export dorthin dachte kein Mensch.
Und.doch, welch kolossaler Rückschlag dieser rein durch Handelsinteressen
bedingten Entdeckungen und Eroberungen auf die Industrie — erst die
Bedürfnisse für den Export nach jenen Ländern schufen und entwickelten
die große Industrie.

- So ist es auch mit dem Geldmarkt. Sowie sich der Geldhandel vom
Warenhandel trennt, hat er eine - unter gewissen durch Produktion und
Warenhandel gesetzten Bedingungen und innerhalb dieser Grenzen - eigne
Entwicklung, besondre, durch seine eigne Natur bestimmte Gesetze und
aparte Phasen. Kommt nun noch dazu, daß der Geldhandel sich in dieser
weitern Entwicklung zum Effektenhandel erweitert, daß diese Effekten
nicht nur Staatspapiere sind, sondern Industrie- und Verkehrsaktien dazukommen, der Geldhandel also eine direkte Herrschaft über einen Teil der
ihn, im ganzen und großen, beherrschenden Produktion sich erobert, so
wird die Reaktion des Geldhandels auf die Produktion noch stärker und
verwickelter. Die Geldhändler sind Eigentümer der Eisenbahnen, Bergwerke, Eisenwerke etc. Diese Produktionsmittel bekommen ein doppeltes
Angesicht: Ihr Betrieb hat sich zu richten bald nach den Interessen der
unmittelbaren Produktion, bald aber auch nach den Bedürfnissen der
Aktionäre, soweit sie Geldhändler sind. Das schlagendste Beispiel davon:
die nordamerikanischen Eisenbahnen, deren Betrieb ganz von den - der
speziellen Bahn und ihren Interessen qua! Verkehrsmittel total fremden -


tals




momentanen Börsenoperationen eines Jay Gould, Vanderbilt etc. abhängt.
Und selbst hier in England haben wir jahrzehntelange Kämpfe der verschtednen Bahngesellschaften um die Grenzgebiete zwischen je zweien
gesehn - Kämpfe, wo enormes Geld verpulvert wurde, nicht im Interesse
der Produktion und des Verkehrs, sondern einzig geschuldet einer Rivalität,
die meist nur den Zweck hatte, Börsenoperationen der die Aktien besitzenden Geldhändler zu ermöglichen.

In diesen paar Andeutungen meiner Auffassung des Verhältnisses von
Produktion zu Warenhandel und von beiden zu Geldhandel habe ich im
Grunde auch schon geantwortet auf Ihre Fragen über historischen Materialismus überhaupt. Die Sache faßt sich am leichtesten vom Standpunkt der
Teilung der Arbeit. Die Gesellschaft erzeugt gewisse gemeinsame Funktionen, deren sie nicht entraten kann. Die hierzu ernannten Leute bilden
einen neuen Zweig der Teilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft. Sie
erhalten damit besondre Interessen auch gegenüber ihren Mandataren, sie
verselbständigen sich ihnen gegenüber, und - der Staat ist da. Und nun
geht es ähnlich wie beim Warenhandel und später beim Geldhandel: Die
neue selbständige Macht hat zwar im ganzen und großen der Bewegung der
Produktion zu folgen, reagiert aber auch, kraft der ihr innewohnenden, d.h.
ihr einmal übertragnen und allmählich weiterentwickelten relativen Selbständigkeit, wiederum auf die Bedingungen und den Gang der Produktion.
Es ist Wechselwirkung zweier ungleicher Kräfte, der ökonomischen Bewegung auf der einen, der nach möglichster Selbständigkeit strebenden
und, weil einmal eingesetzten, auch mit einer Eigenbewegung begabten

etzt sich im ganzen
und großen durch, aber sie muß auch Rückwirkung erleiden von der durch
sie selbst eingesetzten und mit relativer Selbständigkeit begabten politischen Bewegung, der Bewegung einerseits der Staatsmacht, andrerseits
der mit ihr gleichzeitig erzeugten Opposition. Wie im Geldmarkt sich die
Bewegung des Industriemarkts im ganzen und großen, und unter oben
angedeuteten Vorbehalten, widerspiegelt, und natürlich verkehrt, so spiegelt
sich im Kampf zwischen Regierung und Opposition der Kampf der vorher
schon bestehenden und kämpfenden Klassen wider, aber ebenfalls verkehrt, nicht mehr direkt, sondern indirekt, nicht als Klassenkampf, sondern
als Kampf um politische Prinzipien, und so verkehrt, daß es Jahrtausend
gebraucht hat, bis wir wieder dahinterkamen.

Die Rückwirkung der Staatsmacht auf die ökonomische Entwicklung
kann dreierlei Art sein: Sie kann in derselben Richtung vorgehn, dann
geht’s rascher, sie kann dagegen angehn, dann geht sie heutzutage auf die




Dauer in jedem großen Volk kaputt, oder sie kann der ökonomischen Ent-
- wicklung bestimmte Richtungen abschneiden und andre vorschreiben -
dieser Fall reduziert sich schließlich auf einen der beiden vorhergehenden.
Es ist aber klar, daß in den Fällen II und III die politische Macht der
ökonomischen Entwicklung großen Schaden tun und Kraft- und Stoflvergeudung in Massen erzeugen kann.

Dazu nun noch der Fall der Eroberung und brutalen Vernichtung von
ökonomischen Hülfsquellen, woran unter Umständen früher eine ganze
ökonomische Lokal- und Nationalentwicklung zugrund gehn konnte. Dieser
Fall hat heute meist entgegengesetzte Wirkungen, wenigstens bei den
großen Völkern: Der Geschlagne gewinnt auf die Dauer ökonomisch, politisch und moralisch manchmal mehr als der Sieger.

‚Mit dem Jus ist es ähnlich: Sowie die neue Arbeitsteilung nötig wird,
die Berufsjuristen schafft, ist wieder ein neues, selbständiges Gebiet eröffnet,
das bei aller seiner allgemeinen Abhängigkeit von der Produktion und dem
Handel doch auch eine besondre Reaktionsfähigkeit gegen diese Gebiete
besitzt. In einem modernen Staat muß das Recht nicht nur der allgemeinen
ökonomischen Lage entsprechen, ihr Ausdruck sein, sondern auch ein in sich
zusammenhängender Ausdruck, der sich nicht durch innere Widersprüche
selbst ins Gesicht schlägt. Und um das fertigzubringen, geht die Treue der
Abspiegelung der ökonomischen Verhältnisse mehr und mehr in die
Brüche. Und dies um so mehr, je seltner es vorkommt, daß ein Gesetzbuch
der schroffe, ungemilderte, unverfälschte Ausdruck der Herrschaft einer
Klasse ist: Das wäre ja selbst schon gegen den „Rechtsbegriff“. Der reine,
konsequente Rechtsbegriff der revolutionären Bourgeoisie von 1792-96 ist
ja schon im Code Napol&on!*!! nach vielen Seiten gefälscht, und soweit er
darin verkörpert, muß er täglich allerhand Abschwächungen erfahren durch
die steigende Macht des Proletariats. Was den Code Napoleon nicht hindert,
das Gesetzbuch zu sein, das allen neuen Kodifikationen in allen Weltteilen
zugrunde liegt. So besteht der Gang der „Rechtsentwicklung“ großenteils
nur darin, daß erst die aus unmittelbarer Übersetzung ökonomischer Verhältnisse in juristische Grundsätze sich ergebenden Widersprüche zu beseitigen und ein harmonisches Rechtssystem herzustellen gesucht wird und
dann der Einfluß und Zwang der ökonomischen Weiterentwicklung dies
System immer wieder durchbricht und in neue Widersprüche verwickelt
(ich spreche hier zunächst nur vom Zivilrecht).

Die Widerspiegelung ökonomischer Verhältnisse als Rechtsprinzipien ist
notwendig ebenfalls eine auf den Kopf stellende: Sie geht vor, ohne daß
sie den Handelnden zum Bewußtsein kommt, der Jurist bildet sich ein, mit




aprioristischen Sätzen zu operieren, während es doch nur ökonomische
Reflexe sind - so steht alles auf dem Kopf. Und daß diese Umkehrung, die,
solange sie nicht erkannt ist, das konstituiert, was wir ideologische Anschauung
nennen, ihrerseits wieder auf die ökonomische Basis zurückwirkt und sie
innerhalb gewisser Grenzen modifizieren kann, scheint mir selbstverständlich. Die Grundlage des Erbrechts, gleiche Entwicklungsstufe der Familie
vorausgesetzt, ist eine ökonomische. Trotzdem wird es schwer nachzuweisen sein, daß z.B. in England die absolute Testierfreiheit, in Frankreich deren starke Beschränkung in allen Einzelheiten nur ökonomische
Ursachen haben. Aber in sehr bedeutender Weise wirken beide zurück
auf die Ökonomie, dadurch, daß sie die Vermögensverteilung beeinflussen.

Was nun die noch höher in der Luft schwebenden ideologischen Gebiete
angeht, Religion, Philosophie etc., so haben diese einen vorgeschichtlichen,
von der geschichtlichen Periode vorgefundnen und übernommnen Bestand
von - was wir heute Blödsinn nennen würden. Diesen verschiednen falschen
Vorstellungen von der Natur, von der Beschaffenheit des Menschen selbst,
von Geistern, Zauberkräften etc. liegt meist nur negativ Ökonomisches zum
Grunde; die niedrige ökonomische Entwicklung der vorgeschichtlichen
Periode hat zur Ergänzung, aber auch stellenweise zur Bedingung und
selbst Ursache, die falschen Vorstellungen von der Natur. Und wenn auch
das ökonomische Bedürfnis die Haupttriebfeder der fortschreitenden
Naturerkenntnis war und immer mehr geworden ist, so wäre es doch pedantisch, wollte man für all diesen urzuständlichen Blödsinn ökonomische
Ursachen suchen. Die Geschichte der Wissenschaften ist die Geschichte
der allmählichen Beseitigung dieses Blödsinns, resp. seiner Ersetzung durch
neuen, aber immer weniger absurden Blödsinn. Die Leute, die dies besorgen,
gehören wieder besondern Sphären der Teilung der Arbeit an und kommen
sich vor, als bearbeiteten sie ein unabhängiges Gebiet. Und insofern sie
eine selbständige Gruppe innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung
bilden, insofern haben ihre Produktionen, inkl. ihrer Irrtümer, einen rückwirkenden Einfluß auf die ganze gesellschaftliche Entwicklung, selbst auf
die ökonomische. Aber bei alledem stehn sie selbst wieder unter dem beherrschenden Einfluß der ökonomischen Entwicklung. Z.B. in der Philosophie läßt sich dies am leichtesten für die bürgerliche Periode nachweisen.
Hobbes war der erste moderne Materialist (im Sinn des 18. Jahrhunderts),
aber Absolutist zur Zeit, wo die absolute Monarchie in ganz Europa ihre
Blütezeit hatte und in England den Kampf mit dem Volk aufnahm. Locke
war in Religion wie Politik der Sohn des Klassenkompromisses von 16881738],




Die englischen Deisten!#”] und ihre konsequenteren Fortsetzer, die französischen Materialisten, waren die echten Philosophen der Bourgeoisie — die
Franzosen sogar der bürgerlichen Revolution. In der deutschen Philosophie
. von Kant bis Hegel geht der deutsche Spießbürger durch - bald positiv,
bald negativ. Aber als bestimmtes Gebiet der Arbeitsteilung hat die Philosophie jeder Epoche ein bestimmtes Gedankenmaterial zur Voraussetzung,
das ihr von ihren Vorgängern überliefert worden und wovon sie ausgeht.
Und daher kommt es, daß ökoriomisch zurückgebliebne Länder in der Philosophie doch die erste Violine spielen können: Frankreich im 18. Jh. gegenüber England, auf dessen Philosophie die Franzosen fußten, später Deutschland gegenüber beiden. Aber auch in Frankreich wie in Deutschland war die
Philosophie, wie die allgemeine Literaturblüte jener Zeit, auch Resultat
eines ökonomischen Aufschwungs. Die schließliche Suprematie der ökonomischen Entwicklung auch über diese Gebiete steht mir fest, aber sie findet
statt innerhalb der durch das einzelne Gebiet selbst vorgeschriebnen Bedingungen: in der Philosophie z.B. durch Einwirkung ökonomischer Einflüsse (die meist wieder erst in ihrer politischen usw. Verkleidung wirken)
auf das vorhandne philosophische Material, das die Vorgänger geliefert
haben. Die Ökonomie schafft hier nichts a novo2, sie bestimmt aber die Art
der Abändrung und Fortbildung des vorgefundnen Gedankenstoffs, und
auch das meist indirekt, indem es die politischen, juristischen, moralischen
Reflexe sind, die die größte direkte Wirkung auf die Philosophie üben.

Über die Religion habe ich das Nötigste im letzten Abschnitt über
Feuerbach? gesagt. :

Wenn also Barth meint, wir leugneten alle und jede Rückwirkung der
politischen usw. Reflexe der ökonomischen Bewegung auf diese Bewegung
selbst, so kämpft er einfach gegen Windmühlen. Er soll sich doch nur den
„18.Brumaire“ von Marx ansehn, wo es sich doch fast nur um die besondre
Rolle handelt, die die politischen Kämpfe und Ereignisse spielen, natürlich
innerhalb ihrer allgemeinen Abhängigkeit von ökonomischen Bedingungen.
Oder das „Kapital“, den Abschnitt z.B. über den Arbeitstag, wo die Gesetzgebung, die doch ein politischer Akt ist, so einschneidend wirkt. Oder
den Abschnitt über die Geschichte der Bourgeoisie (24. Kapitel).* Oder
warum kämpfen wir denn um die politische Diktatur des Proletariats, wenn
die politische Macht ökonomisch ohnmächtig ist? Die Gewalt (d.h. die
Staatsmacht) ist auch eine ökonomische Potenz!






Aber das Buch! zu kritisieren hab’ ich jetzt keine Zeit. Der III.Band°
muß zuerst heraus, und übrigens glaube ich, daß auch z.B. Bernstein ganz
gut das abmachen könnte.

Was den Herren allen fehlt, ist Dialektik. Sie sehn stets nur hier Ursache, dort Wirkung. Daß dies eine hohle Abstraktion ist, daß in der wirklichen Welt solche metaphysische polare Gegensätze nur in Krisen existieren,
daß der ganze große Verlauf aber in der Form der Wechselwirkung - wenn
auch sehr ungleicher Kräfte, wovon die ökonomische Bewegung weitaus
die stärkste, ursprünglichste, entscheidendste - vor sich geht, daß hier
nichts absolut und alles relativ ist, das sehn sie nun einmal nicht, für sie hat
Hegel nicht existiert.

Was den Parteikrakeel angeht, so haben die Herren von der Opposition
mich mit Gewalt hineingezerrt, und da blieb mir keine Wahl. Die Art, wie
Herr Ernst mich behandelt hat, ist absolut unqualifizierbar, wenn ich ihn
nicht einen Schuljungen nennen soll.!! Daß der Mann krank ist und
schreiben muß, um zu leben, tut mir leid. Aber wer eine so starke Phantasie
hat, daß er nicht eine Zeile lesen kann, ohne das Gegenteil des Gesagten
herauszulesen, der kann seine Phantasie auf andern Gebieten anwenden
als auf dem nicht phantastischen des Sozialismus. Er soll Romane, Dramen,
Kunstkritiken und dergleichen schreiben, da schadet er nur der Bourgeoisbildung und nützt uns damit. Vielleicht kommt er dann auch so weit zur
Reife, daß er imstande ist, auch auf unserm Feld etwas zu leisten. Aber das
muß ich sagen: Solch ein Wust unreifen Zeugs und absoluten Blödsinns,
wie diese Opposition zutage gefördert, ist mir noch nie und nirgends vor-


gekommen. Und diese grünen Jungen, die nichts sehn als ihren maßlosen
Eigendünkel, wollen die Parteitaktik vorschreiben! Aus einer einzigen
Bebelschen Korrespondenz in der Wiener „Arbjeiter-]Z[eilt[un]g“ habe ich
mehr gelernt als aus dem ganzen Wust dieser Leute. Und die bilden sich
ein, mehr wert zu sein als dieser klare Kopf, der die Verhältnisse so wunderbar richtig auffaßt und so handgreiflich in zwei Worten schildert! Es sind
alles mißratne Belletristen, und selbst der wohlgeratne Belletrist ist schon
ein schlimmes Tier.

Wenn die „Volks-Trib[üne]“ unterginge, sollte mir das leid tun. Unter
Ihrer Redaktion hat sich gezeigt, daß ein solches Wochenblatt mehr theoretischen als aktuellen Inhalts schon etwas leisten könnte - und ich weiß ja,
welche Sorte Mitarbeiter Sie haben! Aber freilich, neben der „Neuen Zeit“,


seitdem die wöchentlich geworden, wird’s vielleicht fraglich, ob sie haltbar.


5 des „Kapitals“


236 - Ze an Conrad Schmidt -.27.Oktober 1890 =


Tedenfalls werden Sie sich and die Leiden und Freuden der Redaktion
ablegen zu können und Zeit für andre als rein journalistische Arbeiten zu’
finden. Und auch in Berlin wird die nächste Zeit noch durch allerhand
Nachklänge des letzten Krakeels beherrscht sein, und dabei kommt nichts
heraus für den, der mitten drinsteht.

Der Abdruck der Stelle meines Briefs hat nichts geschadet [##?], aber so
etwas geschieht doch besser nicht. In Briefen schreibt man aus dem Kopf
und rasch, ohne Nachschlagen etc., und da kann denn immer ein Ausdruck
mit unterlaufen, an den sich dann einer von jenen, bei uns am Rhein als
Korinthenscheißer bezeichneten, Leuten hängt und Gott weiß was für
Blödsinn daraus ableitet.

Besten Dank für Ihre antizipierten Glückwünsche zu meinem 70. Ce
burtstag, zu dem es immer noch einen Monat Zeit hat. Es geht mir soweit
noch recht wohl, nur daß ich meine Augen noch immer schonen muß und
bei Gaslicht nicht schreiben darf. Wollen hoffen, daß es so bleibt.

Jetzt muß ich aber schließen.


Mit herzlichen Grüßen
Ihr


F. Engels