Engels an Joseph Bloch
in Königsberg

London, 21. Sept. 1890

Sehr geehrter Herr,

Ihr Brief vom 3. cr. wurde mir nach Folkestone nachgeschickt; da ich
aber das betr. Buch! nicht dort hatte, konnte ich ihn nicht beantworten. !#)
Am 12. wieder zu Hause eingetroffen, fand ich einen solchen Haufen dringender Arbeit vor, daß ich erst heute dazu komme, Ihnen ein paar Zeilen
zu schreiben. Dies zur Erklärung des Aufschubs mit Bitte um gefl. Entschuldigung.

Ad 1. Erstens ersehen Sie auf S.19 des „Ursprungs“*, daß der Prozeß
des Heranwachsens der Punaluafamilie als so allmählich verlaufend dargestellt wird, daß selbst noch in diesem Jahrhundert in der königlichen
Familie in Hawai Ehen von Bruder und Schwester (von einer Mutter) vorkamen. Und im ganzen Altertum finden wir Beispiele von Geschwisterehen, z.B. noch bei den Ptolemäern. Hier aber ist - zweitens — der Unterschied zu machen zwischen Geschwistern von mütterlicher oder bloß von
väterlicher Seite; ’«deApös, ’aderpn? kommen her von $erp6s Gebärmutter,
bedeuten also ursprünglich nur Geschwister von Mutterseite. Und aus der
Periode des Mutterrechts hat sich noch lange das Gefühl erhalten, daß
Kinder einer Mutter, wenn auch verschiedener Väter, einander näherstehen,
als Kinder eines Vaters, aber verschiedener Mütter. Die Punaluaform der
Familie schließt nur Ehen zwischen ersteren, keineswegs aber zwischen letzteren aus, die nach der entsprechenden Vorstellung ja gar nicht einmal verwandt sind (da Mutterrecht gilt). Nun beschränken sich, soviel ich weiß, die
im griechischen Ältertum vorkommenden Fälle von Geschwisterehen auf
solche, wo die Leute entweder verschiedene Mütter haben oder doch solche,
von denen dies nicht bekannt, also auch nicht ausgeschlossen ist, widersprechen also dem Punaluagebrauch absolut nicht. Sie haben eben übersehen, daß zwischen der Punaluazeit und der griechischen Monogamie der

1 Friedrich Engels: „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ -

Sprung aus dem Matriarchat ins Patriarchat liegt, der die Sache bedeutend
ändert.

Nach Wachsmuths „Hellenlischen] Alterthümern“ ist im heroischen
Zeitalter bei den Griechen „von Bedenken über zu nahe Verwandtschaft
der Ehegatten, abgerechnet das Verhältnis von Eltern und Kindern, keine
Spur“ (III, p.157). „Ehe mit der leiblichen Schwester war in Kreta nicht
anstößig“ (ib. p. 170). Letzteres nach Strabo, X.Buch, ich kann aber die
Stelle augenblicklich nicht finden wegen mangelnder Kapiteleinteilung. -
Unter leiblicher Schwester verstehe ich bis zum Gegenbeweis Schwestern
von Vaterseite.

Ad II qualifiziere ich Ihren ersten Hauptsatz so: Nach materialistischer
Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der
Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens.Mehr
hat weder Marx noch ich je behauptet. Wenn nun jemand das dahin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt
er jenen Satz in eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase. Die ökonomische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus -
politische Formen des Klassenkampfs und seine Resultate - Verfassungen,
nach gewonnener Schlacht durch die siegende Klasse festgestellt usw. -
Rechtsformen, und nun gar die Reflexe aller dieser wirklichen Kämpfe im
Gehirn der Beteiligten, politische, juristische, philosophische Theorien,
religiöse Anschauungen und deren Weiterentwicklung zu Dogmensystemen,
üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe
aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form. Es ist eine
Wechselwirkung aller dieser Momente, worin schließlich durch alle die unendliche Menge von Zufälligkeiten (d.h. von Dingen und Ereignissen, deren
innerer Zusammenhang untereinander so entfernt odar so unnachweisbar
ist, daß wir ihn als nicht vorhanden betrachten, vernachlässigen können)
als Notwendiges die ökonomische Bewegung sich durchsetzt. Sonst wäre
die Anwendung der Theorie auf eine beliebige Geschichtsperiode ja leichter als die Lösung einer einfachen Gleichung ersten Grades.

‚Wir machen unsere Geschichte selbst, aber erstens unter sehr bestimmten
Voraussetzungen und Bedingungen. Darunter sind die ökonomischen die
schließlich entscheidenden. Aber auch die politischen usw., ja selbst die in
den Köpfen der Menschen spukende Tradition, spielen eine Rolle, wenn
auch nicht die entscheidende. Der preußische Staat ist auch durch historische, in letzter Instanz ökonomische Ursachen entstanden und fortentwickelt. Es wird sich aber kaum ohne Pedanterie behaupten lassen, daß unter
den vielen Kleinstaaten Norddeutschlands gerade Brandenburg durch

ökonomische Notwendigkeit und nichtauch durchandereMomente (vorallen
seine Verwickelung, durch den Besitz von Preußen, mit Polen und dadurch
mit internationalen politischen Verhältnissen - die ja auch bei der Bildung
der österreichischen Hausmacht entscheidend sind) dazu bestimmt war, die
Großmacht zu werden, in der sich der ökonomische, sprachliche und seit der
Reformation auch religiöse Unterschied des Nordens vom Süden verkörperte. Es wird schwerlich gelingen, die Existenz jedes deutschen Kleinstaates der Vergangenheit und Gegenwart oder den Ursprung der hochdeutschen Lautverschiebung, die die geographische, durch die Gebirge
von den Sudeten bis zum Taunus gebildete Scheidewand zu einem förmlichen Riß durch Deutschland erweiterte, ökonomisch zu erklären, ohne
sich lächerlich zu machen.

- Zweitens aber macht sich die Geschichte so, daß das Endresultat stets
aus den Konflikten vieler Einzelwillen hervorgeht, wovon jeder wieder
durch eine Menge besonderer Lebensbedingungen zu dem gemacht wird,
was er ist; es sind also unzählige einander durchkreuzende Kräfte, eine unendliche Gruppe von Kräfteparallelogrammen, daraus eine Resultante - das
geschichtliche Ergebnis - hervorgeht, die selbst wieder als das Produkt einer,
als Ganzes, bewußtlos und willenlos wirkenden Macht angesehen werden
kann. Denn was jeder einzelne will, wird von jedem andern verhindert, und
was herauskommt, ist etwas, das keiner gewollt hat. So verläuft die bisherige
Geschichte nach Art eines Naturprozesses und ist auch wesentlich denselben Bewegungsgesetzen unterworfen. Aber daraus, daß die einzelnen
Willen - von denen jeder das will, wozu ihn Körperkonstitution und äußere,
in letzter Instanz ökonomische Umstände (entweder seine eignen nersönlichen oder allgemein-gesellschaftliche) treiben - nicht das erreichen, was
sie wollen, sondern zu einem Gesamtdurchschnitt, einer gemeinsamen
Resultante verschmelzen, daraus darf doch nicht geschlossen werden, daß
sie =0 zu setzen sind. Im Gegenteil, jeder trägt zur Resultante bei und ist
insofern in ihr einbegriffen.

Des weiteren möchte ich Sie bitten, diese Theorie in re Originalauellen und nicht aus zweiter Hand zu studieren, es ist wirklich viel leichter. Marx hat kaum etwas geschrieben, wo sie nicht eine Rolle spielt. Besonders aber ist „Der 18. Brumaire desL. Bonaparte“ ein ganz ausgezeichnetes
Beispiel ihrer Anwendung. Ebenso sind im „Kapital“ viele Hinweise. Dann
darf ich Sie auch wohl verweisen auf meine Schriften: „Herrn E. Dühring’s
Umwälzung der Wissenschaft“ und „L.Feuerbach und der Ausgang der
klassischen deutschen Philosophie“, wo ich die ausführlichste Darlegung des
historischen Materialismus gegeben habe, die meines Wissens existiert.

Daß von den Jüngeren zuweilen mehr Gewicht auf die ökonomische
Seite gelegt wird, als ihr zukommt, haben Marx und ich teilweise selbst verschulden müssen. Wir hatten, den Gegnern gegenüber, das von diesen geleugnete Hauptprinzip zu betonen, und da war nicht immer Zeit, Ort und
Gelegenheit, die übrigen an der Wechselwirkung beteiligten Momente zu
ihrem Recht kommen zu lassen. Aber sowie es zur Darstellung eines historischen Abschnitts, also zur praktischen Anwendung kam, änderte sich die
Sache, und da war kein Irrtum möglich. Es ist aber leider nur zu häufig,
daß man glaubt, eine neue Theorie vollkommen verstanden zu haben und
ohne weiteres handhaben zu können, sobald man die Hauptsätze sich angeeignet hat, und das auch nicht immer richtig. Und diesen Vorwurf kann
ich manchem der neueren „Marxisten“ nicht ersparen, und es ist da dann
auch wunderbares Zeug geleistet worden.

Ad I habe ich gestern (ich schreibe dies am 22. Sept.) noch folgende entscheidende, meine obige Darstellung vollauf bestätigende Stelle gefunden
bei Schoemann, „Griech[ische] Alterthümer“, Berlin 1855, I, p.52: „Daß
aber Ehen zwischen Halbgeschwistern von verschiedenen Müttern im späteren Griechenland nicht als Blutschande galten, ist bekannt.“

Ich hoffe, die entsetzlichen Einschachtelungen, die mir der Kürze halber
in die Feder geflossen sind, werden Sie nicht zu sehr abschrecken, und bleibe

Ihr ergebener

F . Engels

1.Jg., Nr. 19. Berlin, 1.Oktober 189.