Engels an Conrad Schmidt


in Berlin !!


London, 5. Aug. 90

Lieber Schmidt,

Ihr Brief ist in meiner Tasche mit bis zum Nordkap und durch ein
halbes Dutzend norwegischer Fjords gewandert; ich wollte ihn auf der
Reise beantworten, aber die Schreibgelegenheit auf dem Schiff, auf dem
Schorl[emmer] und ich die ganze Reise gemacht haben, war zu elend. Ich
hole also jetzt nach.

Besten Dank für Ihre Mitteilungen über Ihr Tin und Treiben, die mich
immer sehr interessieren. Den Artikel über Knapp!** sollten Sie doch zu
machen suchen, der Punkt ist zu wichtig. Es handelt sich darum, die
preußische Tradition in einem ihrer Kernpunkte zu vernichten und die
alten Renommagen auf den Humbug zu reduzieren, worauf sie hinauslaufen.

Die englischen Blaubücher!! für das „Archiv“ zu bearbeiten, kann
schwerlich von jemand geschehn, der nicht in London wohnt und dadurch
in den Stand gesetzt wird, selbst über die theoretische oder praktische Bedeutung der einzelnen Publikationen zu urteilen. Die Anzahl der parlamentarischen Publikationen ist so groß, daß eigne Monatskataloge darüber erscheinen - da wären Sie in der Lage, Nähnadeln in einem Wagen Heu
suchen zu müssen und doch noch manchmal eine Stecknadel in die Hand
zu bekommen. Wenn Sie aber dennoch hier und da etwas in dieser Branche
unternehmen wollen - es ist meist eine schaurige Arbeit, wenn’s gut sein
soll -, so bin ich gern zu jeder Auskunft bereit. Wenn übrigens Braun da
einen regelmäßigen Mann haben will, so kann er nicht besser tun, als. sich
an E.. Bernstein wenden, 4, Corinne Road, Tufnell Park, N. Ede Blernstein]
will grade englische Verhältnisse studieren, sobald er vom „Soz[ialldem[okraten]“ frei wird, und das würde also wohl passen. Er geht: heut oder
morgen auf einige Wochen an die See, ich kann ihn also nicht über diesen
mir eben einfallenden Kasus befragen.

Das Buch von Paul Barth sah ich angezeigt in den Wiener „Deutschen
Worten“ von dem Unglücksvogel Moritz Wirth, und diese Kritik hat mir






einen auch für das Buch selbst ungünstigen Eindruck hinterlassen. Ich
werde es mir ansehn, aber ich muß sagen, daß, wenn das Moritzchen ihn
“darin richtig zitiert, daß Barth in allen Marxschen Schriften nur das
einzige Beispiel der Abhängigkeit der Philosophie etc. von den materiellen
Daseinsbedingungen finden kann, daß Descartes die Tiere für Maschinen
erklärt, mir der Mann leid tut, der so was schreiben kann. Und wenn der
Mann noch nicht entdeckt hat, daß, wenn die materielle Daseinsweise das
primum agens ist, das nicht ausschließt, daß die ideellen Gebiete eine
reagierende, aber sekundäre Einwirkung auf sie hinwiederum ausüben, so
kann er doch unmöglich den Gegenstand begriffen haben, worüber er
schreibt. Aber, wie gesagt, das ist alles zweiter Hand, und Moritzchen ist
ein fataler Freund. Auch die materialistische Geschichtsauffassung hat
deren heute eine Menge, denen sie als Vorwand dient, Geschichte nicht zu
studieren. Ganz wie Marx von den französischen „Marxisten“ der letzten
70er Jahre sagte: „Tout ce que je sais, c’est que je ne suis pas Marxiste.“!

Da ist auch in der „Volks-Trib[üne]“ eine Diskussion gewesen über die
Verteilung der Produkte in der künftigen Gesellschaft, ob das nach dem
Arbeitsquantum geschieht oder anders.! Man hat die Sache auch sehr
„materialistisch“ angefaßt gegen gewisse idealistische Gerechtigkeitsredensarten. Aber sonderbarerweise ist es niemandem eingefallen, daß der Verteilungsmodus doch wesentlich davon abhängt, wieviel zu verteilen ist, und
daß dies doch wohl mit den Fortschritten der Produktion und gesellschaftlichen Organisation sich ändert, also auch wohl der Verteilungsmodus sich
ändern dürfte. Aber bei allen Beteiligten erscheint die „sozialistische Gesr
griffenes, sondern als ein stabiles, ein für allemal fixiertes Ding, das also
auch einen ein für allemal fixierten Verteilungsmodus haben soll. Vernünftigerweise aber kann man doch nur 1. versuchen, den Verteilungsmodus zu entdecken, mit dem angefangen wird, und 2. suchen, die allgemeine Tendenz zu finden, worin sich die Weiterentwicklung bewegt. Davon aber finde ich kein Wort in der ganzen Debatte.

Überhaupt dient das Wort „materialistisch“ in Deutschland vielen
jüngeren Schriftstellern als eine einfache Phrase, womit man alles und jedes
ohne weiteres Studium etikettiert, d.h. diese Etikette aufklebt und dann
die Sache abgetan zu haben glaubt. Unsere Geschichtsauffassung aber ist
vor allem eine Anleitung beim Studium, kein Hebel der Konstruktion & la
Hegelianertum. Die ganze Geschichte muß neu studiert werden, die


1 „Alles, was ich weiß, ist, daß ich kein Marxist bin.“




Daseinsbedingungen der verschiednen Gesellschaftsformationen müssen im
einzelnen untersucht werden, ehe man versucht, die politischen, privatrechtlichen, ästhetischen, philosophischen, religiösen etc. Anschauungsweisen, die ihnen entsprechen, aus ihnen abzuleiten. Darin ist bis jetzt nur
wenig geschehn, weil nur wenige sich ernstlich darangesetzt haben. Darin
können wir Hülfe in Massen brauchen, das Gebiet ist unendlich groß, und
wer ernstlich arbeiten will, kann viel leisten und sich auszeichnen. Statt
dessen aber dient die Phrase des historischen Materialismus (man kann
eben alles zur Phrase machen) nur zu vielen jüngeren Deutschen nur dazu,
ihre eignen relativ dürftigen historischen Kenntnisse -— die ökonomische
Geschichte liegt ja noch in den Windeln! - schleunigst systematisch zurechtzukonstruieren und sich dann sehr gewaltig vorzukommen. Und dann
kann denn ein Barth kommen und die Sache selbst angreifen, die in seiner
Umgebung allerdings zur bloßen Phrase degradiert worden ist.

Indes, das wird sich alles schon ausgleichen. Wir sind jetzt in Deutschland stark genug, um viel vertragen zu können. Einer der größten Dienste,
die uns das Sozialistengesetz!"?! tat, war, uns von der Zudringlichkeit des
sozialistisch angehauchten deutschen Studiosus zu befreien. Wir sind jetzt
stark genug, auch den deutschen Studiosus verdauen zu können, der sich
wieder sehr breitmacht. Sie, der Sie wirklich etwas geleistet haben, müssen
selbst bemerkt haben, wie wenige von den jungen Literaten, die sich an die
Partei hängen, sich die Mühe geben, Ökonomie, Geschichte der Ökonomie,
Geschichte des Handels, der Industrie, des Ackerbaus, der Gesellschaftsformationen zu treiben. Wie viele kennen von Maurer mehr als den Namen!
Die Süffisance des Journalisten muß da alles leisten, und es ist auch danach. Es ist manchmal, als glaubten diese Herren, es sei alles gut genug für
die Arbeiter. Wenn diese Herren wüßten, wie Marx seine besten Sachen
noch immer nicht gut genug für die Arbeiter hielt, wie er es für ein Verbrechen ansah, den Arbeitern etwas Geringeres als das Allerbeste zu
bieten!

Auf unsre Arbeiter, und nur auf sie, habe ich seit der brillanten Probe,
die sie seit 1878 bestanden, unbedingtes Vertrauen. Sie, wie jede große
Partei, werden in den Einzelheiten der Entwicklung Fehler begehn, vielleicht große Fehler. Massen lernen eben nur durch die Folgen ihrer eignen
Fehler, durch Experimente am eignen Körper. Aber alles das wird überwunden, und bei uns viel leichter als anderswo, weil unsre Jungen in der
Tat von unzerstörbarer Gesundheit sind, und dann, weil Berlin, das
‚schwerlich so bald über sein spezifisches Berlinertum hinauskommt, bei
uns nur formell Zentrum, ähnlich wie London, nicht wie Paris in Frank-




reich. Ich habe mich über die französischen und englischen Arbeiter oft genug geärgert - trotz der Erkenntnis der Ursachen ihrer Böcke -, aber über
die Deutschen seit 1870 nie, wohl über einzelne Leute, die in ihrem Namen
sprachen, nie über die Massen, die alles wieder ins Gleise brachten. Und
ich möchte wetten, ich werde nie in den Fall kommen, mich über sie zu
ärgern.
Ihr
F. Engels


Ich adressiere „Volks-Tribüne“, da ich nicht weiß, ob „Pankow“ noch
gültig.