Engels an Wilhelm Liebknecht


in Dresden


London, 9. März Q

Lieber Liebknecht,

- Ich gratuliere Dir zu den 42000 Stimmen, die Dich zum premier &lu de
l’Allemagne!?! machen. Wenn jetzt wieder ein Kar-, Hell-, oder sonstiger
J unkerdorf Dir ins Wort fällt, so kannst Du ihm antworten: Ziehen Sie sich
in Ihre Vorhaut zurück, wenn Sie eine haben, ich vertrete soviel Wähler
wie ein Dutzend Ihrer Sorte!

Wir kommen hier allmählich wieder in eine gewisse Ernüchterung, aber
ohne Kater, nach dem langen Siegesrausch. Ich hoffte auf 1200000 Stimmen, wurde aber allgemein für übersanguin erklärt - jetzt zeigt sich, daß
ich noch zu bescheiden war. Unsre Jungens haben sich ganz prachtvoll
gehalten, aber das ist bloß der Anfang, es stehn ihnen schwerere Kämpfe
bevor. Unsre Erfolge in Schleswig-Holstein, Mecklenburg und Pommern
verbürgen uns jetzt riesige Fortschritte unter den Ackerbauarbeitern des
Ostens. Jetzt, wo wir die Städte haben und der Ruf unsrer Siege bis in die
abgelegensten Rittergüter dringt, können wir auf dem Lande einen ganz
andern Brand anzünden als die Strohfeuer von vor 12 Jahren. In drei
Jahren können wir die Landarbeiter haben, und dann haben wir die Kernregimenter der preußischen Armee. Und das zu verhindern, gibt’s nur ein
Mittel, und das rücksichtslos anzuwenden, das ist der einzige Punkt, worin
Wilhelmchen! und Bismarck noch einig sind: eine kräftige Schießerei mit
obligatem akutem Schrecken. Dazu werden sie jeden Vorwand benutzen,
und wenn Puttkamers „Kanonen“ 878 erst einmal in den Straßen ‚einiger
großen Städte geschrapnellt haben, dann gibt’ s Belagerungszustand über
ganz Deutschland, der Philister kommt wieder in die richtige Verfassung
und wählt blindlings nach Vorschrift, und wir sind auf Jahre lahmgelegt.

Das müssen wir verhindern. Wir dürfen uns nicht im Siegeslauf irremachen lassen, nicht unser eignes Spiel verderben, nicht unsre Feinde


1 Wilhelm II.


366 172 - Engels an Wilhelm Liebknecht - 9. März 1890


verhindern, unsre Arbeit zu tun. Ich bin also darin Deiner Ansicht, daß wir
für jetzt so friedfertig und gesetzlich wie möglich aufzutreten [haben] und
jeden Vorwand zu Kollisionen vermeiden müssen. Freilich halte ich Deine
Philippiken gegen die Gewalt, in jeder Form und unter allen Umständen,
für unangebracht, erstens, weil Dir doch kein Gegner das glaubt - so dumm
sind sie doch nicht -, und zweitens, weil ich und Marx nach Deiner Theorie
dann auch Änarchisten wären, da wir nie gesonnen waren, als gute Quäker
die linke Backe auch hinzuhalten, falls uns jemand auf die rechte hauen
sollte. Diesmal hast Du entschieden etwas übers Ziel hinausgeschossen.

Den Nieuwenhuis halte ich für ziemlich unschuldig an dem Artikel, auf
den Du antwortest!?”; wie man hieher schreibt, ist Croll der Krippenbeißer, der Dich nicht in Ruhe läßt - er soll ein Krakeeler erster Sorte sein.
Diese Kleinstaatler sind unser internationales Pech - machen enorme Ansprüche, wollen stets mit Glac&handschuhen angefaßt sein, sich selbst aber
jede Grobheit erlauben, fühlen sich immer zurückgesetzt, weil sie nicht
immer erste Violine spielen können; aller Tuck und alle Schererei beim
vorigen Kongreß, vorher und während, war nur durch sie verursacht, erst
die Schweizer mit ihrer Illusion, die Possibilisten!!”! abspenstig machen zu
können, dann die Brüsseler, darauf die Holländer. Nun, unser deutscher
Sieg wird sie wohl etwas ins Gleise bringen und uns erlauben, großmütig
zu sein. |

Sei so gut, mich etwas vorher wissen zu lassen, wann Du zu uns übers
Wasser kommst. Wir haben nur das eine Zimmer frei, und das ist im Frühjahr manchmal mit Beschlag belegt - so um Ostern durch Schorl[emmer],
möglicherweise kommen auch Lafargues oder Louise Kautsky; es ist also
vielleicht ein bißchen management? nötig, um es für Dich frei zu halten.

Da du eine spezielle Dresdner Adresse angibst, muß ich das für einen
Wink ansehn, Dir dorthin zu schreiben.

„19. Century“ ist neben „Contemporary Review“ jetzt die angesehenste
Revue hier - da ich aber die beiden stets verwechsle, werde ich Dir Details
erst nachher schreiben können, sobald Avelings hier sind. Einstweilen nur
dies: 1.1aß Dich gut zahlen, 2. nach hiesigem Recht gehört der Artikel der
Revue und kann die Red. daran beliebige Änderungen vornehmen, wenn
sie will, und wenn Du nicht Gegenteiliges vorher ausmachst. Ich bedinge in
solchem Fall I. that the copyright remains vested in me, 2. that no alterations are made without my express consent”.


2 Vorbereitung -? 1. daß mir das Urheberrecht vorbehalten bleibt, 2. daß keine Änderungen
ohne meine ausdrückliche Zustimmung vorgenommen werden




Abend. „19. Century“ gehört Herrn Knowles, Gladstone schreibt ab
und zu in diese und „Contemporary“, die dem Percy Bunting gehört, zu
dem die Schack Dich nahm. Sonst ist dem Obigen nichts zuzusetzen.
Knowles ist ein reiner Geschäftsmann, sieh Dich also vor.

Grüße von Nim, Avelings, Edes, Dr.Zadek und Frau Romm-Zadek,
ditto Pumps und Percy, die alle hier.

Dein
F.E.


368 173 - Engels an Laura Lafargue - 14. März 1890