Engels an Nikolai Franzewitsch Danielson
in Petersburg


London, 5. Jan. 1888

Werter Herr,

Ich bin umgezogen. Meine neüe Adresse ist: Mrs. R[osher], Cottesloe,
Burton Road, Kilburn, London, N.W. Keine Nummer, Cottesloe ist der
Name des Hauses.

Ich habe sofort bei meinem hiesigen Buchhändler das Werk von Dr.
Keussler bestellt. Selbst wenn die ersten Bände auf unvollständigem Material basieren, habe ich genug von der Arbeit Ihrer Semstwos gesehen, um
zu wissen, daß ein resum& ungemein wertvolles Material enthalten und,
da es deutsch geschrieben ist, eine wahre Offenbarung für den Westen
sein muß.!! Ich werde dafür sorgen, daß von diesem Material Gebrauch
gemacht wird.

Ich fürchte, Ihre Landbank für den Ädel!! wird ungefähr denselben
Erfolg haben, den die preußischen Landbanken hatten. Dort nahm der Adel
Anleihen unter dem Vorwand auf, seine Güter zu verbessern, in Wirklichkeit
aber gab er den größten Teil des Geldes für die Aufrechterhaltung seiner
gewohnten Lebensweise aus, für Spiel, Reisen nach Berlin und den chefslieux! usw. Denn der Adel betrachtete es als seine erste Pflicht, standesgemäß zu leben“, und als die erste Pflicht des Staates, ihm das zu ermöglichen. Und so sind trotz aller Banken, trotz aller enormen direkten und
indirekten Geldgeschenke des Staates die preußischen Adligen bis über die
Ohren bei den Juden verschuldet, und keine Erhöhung der Einfuhrzölle
auf Agrarprodukte wird sie retten. Ich erinnere mich an einen bekannten
Deutschrussen, er gehörte illegitim dem russischen Adel an, der diese
preußischen Adligen noch zu geizig fand. Als er sie bei seiner Ankunft
OTB TOTO KB Apyromy Öepery!?! zu Hause sah, rief er aus: Wie doch
diese Leute Geld zu sparen versuchen, während bei uns ein Mensch als der
Armseligste der Armseligen gelten würde, gäbe er nicht um die Hälfte mehr


1 größeren Provinzstädten - ? in der Handschrift deutsch: standesgemäß zu leben




als sein Einkommen aus! Sollte das wirklich das Prinzip des russischen
ABOPAHCTBO? sein, dann wünsche ich seinen Banken viel Glück.

Auch die Bauernbank scheint den preußischen Bauernbanken ähnlich
zu sein; und es ist kaum faßbar, wie schwer manche Leute begreifen, daß
alle den Landbesitzern (großen oder kleinen) sich neu erschließenden Kreditquellen zu ihrer Versklavung durch die siegreichen Kapitalisten führen
müssen.

Meine Augen verlangen noch immer des m&nagements?, doch hoffe ich
in kurzer Zeit, vielleicht nächsten Monat, die Arbeit am 3.Band wieder
aufnehmen zu können; aber ich kann leider noch nicht rn wann
ich fertig werde.

lich gut für ein Buch dieses Umfangs und dieser Art; der Verleger ist von
seiner Spekulation begeistert. Die Kritiker hingegen bewegen sich weit,
weit unter dem üblichen niedrigen Niveau. Nur ein guter Artikel im
„Athenzum“; die übrigen geben entweder nur Auszüge aus dem Vorwort
oder sind, wenn sie sich das Buch selbst vornehmen, unsagbar kläglich.
Mode ist hier gerade die T'heorie von Stanley Jevons, nach der der Wert
durch die Nützlichkeit bestimmt wird, i.e. Tauschwert = Gebrauchswert”,
und auf der anderen Seite durch die Größe des Angebots (i.e. durch die
Produktionskosten), was nur eine konfuse Manier ist, hintenherum zu sagen,
daß der Wert durch Angebot und Nachfrage bestimmt werde.! Vulgärökonomie überall! Das zweite große literarische Organ hier, die „Academy“,
hat sich noch nicht geäußert.

Der Verkauf der deutschen Ausgabe des I. und II.Bandes? geht sehr
gut weiter. Es werden viele Artikel über das Buch und seine Theorien geschrieben, ein Extrakt oder vielmehr eine selbständige Reproduktion in:
„Karl Mfarx’s] Ökonomische Lehren“ von K.Kautsky, nicht schlecht,
wenn auch nicht immer ganz richtig; ich werde es Ihnen zusenden. Dann
hat ein miserabler abtrünniger Jude, Georg Adler, Privatdozent in Breslau?,
einen dicken Wälzer geschrieben”! - den Titel habe ich vergessen - um
Mlarx] zu widerlegen, aber es ist einfach ein gemeines und lächerliches
Pamphlet, durch das der Verfasser die Aufmerksamkeit - des Ministeriums
und der Bourgeoisie — auf sich und seine Bedeutung lenken will. Ich habe
alle meine Freunde gebeten, davon keine Notiz zu nehmen. So ist es nun


Handschrift deutsch: Tauschwert = = Gebrauchswert - in der Handschrift deutsch: Privatdozent in Breslau




mal, wenn irgendein miserabler, unfähiger Kerl für sich faire de la reclame”
will, so greift er unseren Autor an.

Pariser Freunde haben die Richtigkeit Ihrer sehr traurigen Nachricht
über Mr. Mutual bezweifelt. "9! Können Sie mir auf dem einen oder anderen Wege Einzelheiten über dieses Ereignis zukommen lassen?

Ich lege eine vor einigen Jahren publizierte kleine Sache bei.


Ihr ergebener


P.W.Rosher!!!








Ei an Fredich Adolph Sorge


in Rochester


London, 7. Jan. 88

Lieber Sorge,

Zuerst Prosit Neujahr und die Hoffnung, daß Du Dich in die neue Lokalität bald eingewöhnen wirst"?! und daß Du von allen Unfällen des Sommers
wieder vollständig kuriert bist.

Hoffentlich bläst die Kriegswolke vorbei - es geht alles ohnehin so schön
nach unsern Wünschen, daß wir eine Störung durch einen allgemeinen
Krieg, und zwar einen so kolossalen wie nie vorher, sehr gut entbehren
können, obwohl auch dies schließlich zu unsern Gunsten ausschlagen müßte.
Die Politik Bismarcks treibt uns die Arbeiter- und Kleinbürgermassen
haufenweis zu; die Jämmerlichkeit der so pompös angekündigten Sozialreform!!, die ein purer Vorwand ist zu Zwangsmaßregeln gegen die Arbeiter (Strike-Erlaß Puttkamers!*', vorgeschlagne Wiedereinführung der Arbeitsbücher, Diebstahl von Gewerkschafts- und Hülfskassen), wirkt enorm.
Das neue Sozialistengesetz[!?! wird wenig schaden, die Verbannung geht
diesmal schwerlich durch, und wenn sie durchgeht, ist ihre Dauer fraglich.
Denn wenn - was für uns am besten wäre - der alie Wilhelm? bald krepierte
und dann der Kronprinz? auch nur für sechs Monate ans Ruder käme, so
würde wahrscheinlich alles in Verwirrung kommen. Bismarck hat so stark
daran gearbeitet, den Kronprinzen ganz zu beseitigen und eine Regentschaft
des jungen Wilhelm’, einesschnoddrigen Jardeleutnants, zustande zu bringen,
daß er in diesem Fall wohl beseitigt würde und ein kurzes illusionsvolles
liberales Regime ihn ersetzte. Das würde hinreichen, das Vertrauen des
Philisters in die Beständigkeit der Bismarckschen Wirtschaft zu zerstören;
und wenn dann auch nachher mit dem jungen Bengel Bismarck wieder
drankäme, so ist doch der Glaube des Philisters fort und der Junge eben
nicht der Alte. Denn die falschen Bonapartes von heute sind nichts, wenn
man nicht an sie und ihre Unbesiegbarkeit glaubt. Und wenn dann der
Junge und sein Mentor Bism[arck] frech würden und noch schnoddrigere






Maßregeln als jetzt vorbrächten, dann würden die Dinge rasch auf den kritischen Punkt losmarschieren.

Ein Krieg dagegen würde uns um Jahre zurückwerfen. Der Chauvinismus würde alles überfluten, da es einen Kampf um die Existenz gäbe.
Deutschland würde an die 5 Millionen Bewaffnete stellen, oder 10% der
Bevölkerung, die andern etwa 4-5%, Rußland relativ weniger. Aber 10 bis
15 Mill. Kombattanten wären da. Wie sie zu ernähren, möchte ich sehn; es
würde eine Verwüstung geben wie im 30jährigen Krieg. Und rasch ist nichts
zu erledigen, trotz der kolossalen Streitkräfte. Denn Frankreich ist durch
sehr ausgedehnte Befestigungen an der Grenze im Nordwesten und im Südosten geschützt, und die Neuanlagen von Paris sind musterhaft. Das dauert
also lange, und ebenso ist Rußland nicht im Sturm unterzukriegen. Selbst
wenn also alles nach Bismarcks Wunsch geht, werden Ansprüche an die
Nation gestellt wie nie vorher, und möglich genug ist, daß Verschleppung
des entscheidenden Siegs und partielle Schlappen einen Umschwung im
Innern hervorrufen. Würden aber die Deutschen von vornherein geschlagen oder auf die dauernde Defensive gedrängt, so ging’s sicher los.
Wenn der Krieg ohne innere Bewegungen bis zuletzt ausgekämpft würde,
so träte eine Erschöpfung ein, wie Europa sie seit 200 Jahren nicht durchgemacht. Die amerikanische Industrie würde dann auf der ganzen Linie
siegen und uns alle vor die Alternative stellen: entweder Rückfall in die reine
Agrikultur für den Selbstgebrauch (jeden andern verbietet das amerikanische
Getreide) oder - soziale Umgestaltung. Ich vermute daher, daß man es nicht
zum Äußersten, zu mehr als einem Scheinkrieg nicht zu bringen vorhat.
Aber ist der erste Schuß gefallen, so hört die Kontrolle auf, das Roß kann
durchgehn.

So drängt alles zur Entscheidung, Krieg oder Friede, und ich muß mich
beeilen, mit dem III. Band? fertig zu werden. Aber die Ereignisse verlangen,
daß ich au courant? bleibe, und das nimmt viel Zeit weg, besonders nach
der militärischen Seite; und doch muß ich meine Augen noch schonen. Ja,
“wenn ich mich auf den reinen Stubengelehrten zurückziehen könnte! Indes,
es muß gehn, spätestens nächsten Monat geh’ ich dran.

Schorlfemmer], der hier ist, grüßt bestens.

Die Pariser Präsidentschaftskrisis ist direkt durch unsre Leute entschieden worden.#] Die Blanquisten stellten sich an die Spitze, Vaillant
riß das Büro des Stadtrats mit sich. Vaillant, wenn es bald losgeht, wird die
Seele der nächsten provisorischen Regierung. Er hat es gut, als Blanquist


4 des „Kapitals“ -° auf dem laufenden




braucht er keine ökonomische Theorie zu vertreten, kann also manchem
Krakeel fernbleiben. Die Possibilisten!!”! haben sich total blamiert, waren
für Abstention von aller Aktion, haben dem Stadtratsbüro, das sich so gut
benahm, wie von solchen Radikalen nur erwartet werden konnte, ein Tadelsvotum im Stadtrat bringen wollen, zusammen mit den Reaktionären, helen
aber durch.

„Cl[ommon]wrea]l“, „Gleichheit“, „To-Day“ hast Du hoffentlich regelmäßig erhalten.

Dein alter


F.E.