Engels an Eduard Bernstein
in Zürich


London, 9. Okt. 1886

Lieber Ede,

Nachdem ich mit einiger Verwunderung Deine 3 Seiten gründlicher
Erwägungen durchgelesen - Verwunderung darüber, wo das eigentlich
hinaus sollte -, mußte ich laut auflachen, als ich endlich an des Pudels
Kern kam, daß das alles Deine Heirat erklären sollte, die doch absolut
keiner Erklärung bedarf.!! Wenn alle Proletarier so bedenklich wären,
so würde das Proletariat aussterben oder sich nur durch uneheliche Kinder
fortpflanzen, und zu letzterem Modus werden wir doch wohl erst en masse
kommen, wenn es kein Proletariat mehr gibt. Also ich gratuliere Dir von
Herzen, daß Du Dich endlich über die schweren Bedenken hinweggesetzt
und dem Drang Deines Herzens freien Lauf gelassen hast. Du wirst
finden, auch im Pech lebt sich’s zu zweien besser als allein, ich hab’s lang
genug probiert, und stellenweise unter sehr pauvren Verhältnissen, und
es nie bereut. Also empfiehl mich Deiner Braut! bestens und spring bald
mit beiden Füßen in den T'halamus?.

Es ist aber schon vier Uhr und der Brief muß vor 5.30 fort, also jetzt
zu den Geschäften.

Der alte Becker war hier!, und wir haben viel über die Notwendigkeit
gesprochen, daß er seine Erinnerungen und Erlebnisse aufschreibt. Ich
habe ihn oft dazu aufgefordert und, wie er sagt, andre auch, aber wie soll
er’s machen? Um zu leben, schreibt er für 25 fr. die Woche an die Schneebergersche „Korrespondenz“ in Wien!! und muß dazu mühsam das
Material zusammensuchen. Das erschöpft seine Kräfte und seine schwachen
Augen so, daß er weiter nichts tun kann.!%? Er müßte also vor allem so gestellt werden, daß er leben könnte, und alle seine Zeit dafür frei haben.
Nun gibt ihm van Kol, wenn ich mich recht erinnere, fr. 25 den Monat.
Ein andrer Freund dieselbe Summe. Macht 600 fr. im Jahr. Ich habe mich
verpflichtet, ihm £ 5 = fr. 125 vierteljährlich zu schicken. Macht in allem


1 Regina Schattner -? das Ehebett




fr. 1100. Den Rest zu liefern ist meines Erachtens die Partei schuldig, sobald sie die Mittel hat, und nach dem, was Liebknecht mir sagte, hat sie
diese, Sie wäre eigentlich sogar verpflichtet, den alten Veteranen ganz auf
ihren Pensionsfonds zu übernehmen. Aber ich meine, es kann wenig Mühe
machen, die paar hundert fr., die noch nötig sind, von gutgestellten Parteigenossen aufzubringen, so daß die Partei nur Vermittlerin der regelmäßigen
Zahlung wäre.

Die Memoiren selbst wären ein höchst wertvoller Verlagsartikel der
Volksbuchhandhung?, eine neue Quelle für die Vorgeschichte (die revolutionäre Bewegung von 1827-60) und die Geschichte von den 50er Jahren bis
jetzt) unsrer Partei, ein Dokument, das kein wirklicher Geschichtsschreiber
übersehn dürfte. Und dabei - nach den in der „N[euen] Welt“ vor Jahren
gegebnen Proben!! - prächtig lebendig dargestellt, echte Volkslektüre.
Und je eher er sich dransetzt, desto besser, denn wenn einer schon 77 Jahre
auf dem Puckel hat, so nimmt die Geschwätzigkeit manchmal etwas mehr zu
als das Urteil über Wichtiges und Unwichtiges - dasist der Lauf der Natur.

Ich habe gestern darüber an August geschrieben, ich wollte erst vorher
an Dich schreiben, um zu hören, was Ihr an der Verlagsquelle davon haltet;
aber da er bald ins Kachot muß!), war keine Zeit zu verlieren. Ich halte
die Sache selbst für sehr wichtig. Die Darstellung dieser Verhältnisse von
einem Mithandelnden, und zwar dem einzigen aus den dreißiger Jahren, der
auf unserm Standpunkt steht, ist absolut notwendig, gibt die ganze Zeit
von [18]27-40 in einem neuen Licht, und wenn Bfecker] sie nicht gibt, ist
sie total verloren. Oder aber, sie wird von Leuten übernommen, die uns
feindlich sind, Volksparteilern und andern Vulgärdemokraten, und damit
ist uns nicht gedient. Es ist eine Gelegenheit, die sich nie wieder bietet, und
die fahrenzulassen ich für ein Verbrechen hielte.

Ich habe August geschrieben, das Nähere sowohl über den zu zahlenden
Zuschuß wie über die Verlagsmodalitäten wäre wohl am besten - wenn es
soweit ist - persönlich durch Dich mit Bfecker] abzumachen. Und dabei
wäre noch ein Punkt, den ich vorderhand bei August zu berühren noch nicht
für nötig hielt, nämlich der: daß der Zuschuß einfach als Pension angesehen
werde, nicht als Abschlagszahlung auf das Honorar. Letzteres dürfte von
einigen „Führern“ verlangt werden, wäre aber durchaus schäbig gegenüber
dem alten Kriegsmann. Deswegen schlug ich auch vor, soviel wie möglich
von dem Zuschuß durch Privatzeichnung aufzubringen, dann fällt diese
Zumutung von selbst weg.








Sollte die Sache in Ordnung kommen und Du mit Becker] wegen des
Verlags verhandeln, so darfst Du Dich nicht von seinen Vorstellungen über
Vertrieb usw., Prospektus etc. beeinflussen lassen. Er lebt noch ganz in den
Vorstellungen der 40er Jahre über Vertrieb verbotner Bücher und hat keine
Vorstellungen, wie wir das jetzt in eine große Industrie verwandelt haben.

Also überleg Dir die Sache, und laß mich Deine Meinung wissen.

Die Bulgaren benehmen sich in der Tat bis jetzt unerwartet gut, und
wenn sie noch 8-10 Tage aushalten, sind sie entweder durch, oder die
Russen können nur gegen sie vorgehn auf Gefahr eines europäischen
Kriegs.!%%%! Das verdanken sie dem Umstand, daß sie so lange unter den
Türken standen, die ihre alten Reste von Gentilinstitutionen ruhig konserviert haben und nur dem aufkommenden Bürgertum - durch Brandschatzung der Paschas - hinderlich waren. Die Serben dagegen, die seit 80 Jahren
frei von den Türken, haben ihre alten Gentilinstitutionen durch eine östreichisch geschulte Bürokratie und Gesetzgebung ruiniert und deswegen
von den Bulgaren unvermeidlich Prügel bekommen. Gib den Bulgaren
60 Jahre bürgerlicher Entwicklung - wo sie doch es zu nichts bringen - und
bürokratischer Regierung, und sie sind ebenso im Arsch wie jetzt die
Serben. Für die Bulgaren wie für uns wäre es unendlich besser gewesen,
“ wenn sie türkisch geblieben bis zur europäischen Revolution; die Gentilinstitutionen hätten einen famosen Anknüpfungspunkt gegeben zur Fortentwicklung in den Kommunismus, ganz wie der russische Mir, der uns
jetzt auch vor der Nase kaputtgemacht wird.

Wie die Sachen jetzt liegen, ist meine Ansicht die:

l. Die Südslawen unterstützen, wenn und solange sie gegen Rußland
gehn, dann gehn sie mit der europäischen revolutionären Bewegung.

2. Gehn sie aber gegen die Türken, d.h., verlangen sie & tout prix.die
Annexierung der wenigen jetzt noch türkischen Serben und Bulgaren, so
tun sie bewußt oder unbewußt das Werk Rußlands, und da können wir nicht
mit. Dies kann nur erreicht werden auf Gefahr eines europäischen Kriegs,
und das ist die Sache nicht wert, die Herren müssen eben warten ebensogut
wie die Elsässer und Lothringer, die Trientiner usw. Außerdem würde
jeder neue Angriff gegen die Türken - unter jetzigen Verhältnissen - nur
dazu führen, daß die siegreichen kleinen Natiönchen - siegreich könnten
sie aber nur durch die Russen werden - entweder direkt unter russisches
Joch kämen oder - vgl. die Sprachenkarte der Halbinsel - einander unrettbar in die Haare gerieten.


4 die Dorfgemeinde




3, Sobald aber in Rußland die Revolution losbricht, können die Herren
machen, was sie wollen. Dann werden sie aber auch sehn, daß sie mit den
Türken nicht fertig werden.

Postschluß.

Dein
F.E.