Engels an August Bebel
in Berlin


London, 20. Januar 86

Lieber Bebel,

Der große Schreckschuß ist also losgelassen, Schramm hat mir die
Ehre angetan, mir ein Ex. des graußen Werks zukommen zu lassen; ich
muß aber sagen, es ist gar zu pauvre!, und der frühe Hinweis im „S[ozialdemokrat]“ darauf hat ihm viel zuviel Ehre angetan. Ede wird dem Mann
schon heimleuchten, auf einige mir aufgefallne Punkte hab’ ich ihn schon
durch Kfautsky] aufmerksam gemacht, und die Hauptsachen findet er
selbst. 5!

Für Klautsky] ist diese ganze Polemik mit Schrfamm] sehr nützlich
gewesen. °2! Schr[amm] ist geschickt genug - da er in der Sache selbst
nichts sagen kann -, alle die Formfehler herauszugreifen, die KJautsky]
teils aus jugendlichem Eifer, teils aus angelernter Universitäts- und literarischer Praxis macht, und das war ihm eine sehr nützliche Lektion. In dieser
Beziehung ist Ede, weil kein Universitätsmensch, kein Literat von Profession und doch im „Slozialdemokrat]“ in stetem Kampf begriffen, dazu
Geschäftsmann und, was nicht das Geringste ist, Jude, dem Klautsky]
schon jetzt sehr überlegen. Man lernt den Krieg eben nur im Kriege.

Deine Nachrichten über die Stimmung in der Fraktion sind sehr erfreulich. 55°] Solange die Partei gut bleibt - und da bekommt die Kleinbürgerei sicher nicht das Oberwasser -, können die Böcke der Herren
Vertreter nur dazu dienen, ihnen selbst derbe Lektionen zuzuziehn. Wie
Du selbst sagst, und was auch meine Ansicht ist, bekommen wir in Friedenszeiten nie das ganz richtige Material von Leuten in den Reichstag, und da
ist die Hülfe, die uns die Partei durch ihren Druck auf die Herren Vertreter bringt, nicht hoch genug anzuschlagen; das zeigt ihnen, daß sie jeden
ernstlichen Konflikt vermeiden müssen, und die Gewißheit, daß dem so ist,
kann in einem entscheidenden Moment sehr wichtig werden, weil sie uns
die Gewißheit gibt, daß man ohne Schaden resolut auftreten kann.


3. armselig




über Auskunft wegen allerlei. Ich habe die Gelegenheit benutzt, ihm meine
Meinung über sein widerspruchsvolles Auftreten in aller Freundschaft
kurz, aber bestimmt zu sagen!!; und als er das, wie gewöhnlich, auf mir
zugekommne Klatschereien schieben wollte, ihm gesagt, der einzige Mensch,
der ihm bei mir etwas am Zeuge flicken könne, heiße W.Liebknecht, der
immer vergesse, was er in Briefen geschrieben und in Zeitungen habe
drucken lassen. Im übrigen müßten wir diese seine Schwächen eben hinnehmen und täten das um so leichter, als wir wüßten, daß im wirklich entscheidenden Moment er doch auf dem rechten Fleck zu finden sein werde.
Wobei er sich gegen seine Gewohnheit, immer das letzte Wort zu behalten,
denn auch beruhigt hat. .

Da er die Schleswig-Holsteinische Kanalgeschichte? erwähnte, so benutzte ich die Gelegenheit, ihm zu sagen, daß es töricht sein würde, aus
angeblicher Opposition gegen die Benutzung des Kanals durch die Flotte
für einen seichten, weniger als 8-9 Meter tiefen Kanal zu stimmen. Die
großen Handelsdampfer werden immer größer, 5-6000 Tons sind jetzt
schon gewöhnlich, und die Häfen werden mehr und mehr für den entsprechenden Tiefgang eingerichtet. Diejenigen, die das nicht können, veralten und verkommen, und das wird auch in der Ostsee der Fall sein. Soll
die Ostsee am überseeischen Handel teilnehmen, so müssen dort entsprechend tiefe Häfen eingerichtet werden, und das geschieht dort ebenso
sicher wie anderswo. Den Kanal aber so einrichten, daß er in 10-20 Jahren
ebenso nutzlos und veraltet ist wie der alte Eiderkanal, hieße Geld zum
Fenster hinauswerfen.

Was meinen Vorschlag wegen der Produktivgenossenschaft auf Domänen? anging, so hatte der nur den Zweck, der Majorität, die ja damals
für die Dampfersubvention!!! war, einen Ausweg zu zeigen, wie sie mit
Anstand dagegen stimmen könne, aus der Sackgasse komme, in der sie
festsaß. Er war aber meiner Ansicht nach prinzipiell durchaus korrekt,
Ganz richtig, wir sollen nur durchführbare Vorschläge machen, wenn wir
Positives vorschlagen. Aber durchführbar der Sache nach, einerlei, ob die
bestehende Regierung es kann. Ich gehe noch weiter: wenn wir sozialistische, zum Sturz der kapitalistischen Produktion führende Maßregeln
vorschlagen (wie diese), dann nur solche, die sachlich praktisch, aber für
diese Regierung unmöglich sind. Denn diese Regierung versaut und verdirbt
jede solche Maßregel, führt sie nur durch, um sie zu ruinieren. Diesen






Vorschlag aber führt keine junkerliche oder Bourgeoisregierung durch.
Dem Landproletariat der Ostprovinzen den Weg zeigen, es selbst auf den
Weg stellen, auf dem es die Junker- und Pächterausbeutung vernichten
kann. - gerade die Bevölkerung in die Bewegung zu ziehn, deren Verknechtung und Verdummung die Regimenter liefert, auf denen das ganze
Preußen beruht, kurz, Preußen von innen, an der Wurzel kaputtmachen,
das fällt ihnen nicht ein. Es ist dies eine Maßregel, die wir unter allen Umständen poussieren müssen, solange das große Grundeigentum dort besteht, und die wir selbst durchführen müssen, sobald. wir ans Ruder
kommen: die Übertragung - pachtweise zunächst - der großen Güter an
selbstwirtschaftende Genossenschaften unter Staatsleitung und so, daß
der Staat Eigentümer des Bodens bleibt. Die Maßregel hat aber den großen
Vorteil, daß sie praktisch durchführbar ist, der Sache nach, aber daß keine
Partei außer uns sie in Angriff nehmen, also auch keine Partei sie verfumfeien kann. Und damit allein ist Preußen kaputt, und je früher wir sie
popularisieren, desto besser für uns.

Die Sache hat weder mit Sch[ulze]-Delitzsch noch mit Lassalle zu tun.
Beide proponierten kleine Genossenschaften, der eine mit, der andre‘ohne
Staatshülfe, aber bei beiden sollten die Genossenschaften nicht in den
Besitz schon bestehender Produktionsmittel kommen, sondern neben der
bestehenden kapitalistischen Produktion eine neue genossenschaftliche
herstellen. Mein Vorschlag verlangt Einrücken der Genossenschaften in die
bestehende Produktion. Man soll ihnen Land: geben, das sonst doch kapitalistisch ausgebeutet würde; wie die Pariser Kommune verlangte, die Arbeiter
sollten die von den Fabrikanten stillgesetzten Fabriken genossenschaftlich
betreiben. Das ist der große Unterschied. Und daß wir beim Übergang in
die volle kommunistische Wirtschaft den genossenschaftlichen Betrieb als
Mittelstufe in ausgedehntem Maß werden anwenden müssen, daran haben
Marx und ich nie gezweifelt. Nur muß die Sache so eingerichtet werden,
daß die Gesellschaft, also zunächst der Staat, das Eigentum an den Produktionsmitteln behält und so die Sonderinteressen der Genossenschaft, gegenüber der Gesellschaft im ganzen, sich nicht festsetzen können. Daß das
Reich keine Domänen hat, macht nichts aus; man kann die Form finden,
ganz wie bei der Polendebatte, wo die Ausweisungen das Reich auch direkt
nichts angingen.!)

Eben weil die Regierung solche Dinge nie akzeptieren kann, eben deshalb war es ungefährlich, die von mir vorgeschlagne Dotation als Gegenstück gegen die Dampferdotation zu verlangen. Hätte die Regierung darauf
eingehn können, so hättest Du natürlich recht.




Das Zerbröckeln der Deutschfreisinnigen!! auf ökonomischem Gebiet entspricht ganz dem, was bei den englischen Radikalen!**2! vorgeht.
Die alten Manchesterleute & la John Bright sterben ab, und die jüngere
Generation macht, ganz wie die Berliner, in sozialer Flickreform. Nur daß
hier der Bourgeois nicht sowohl dem Industriearbeiter als dem Landarbeiter helfen will, der ihm soeben bei den Wahlen!! so ausgezeichnete
Dienste geleistet, und daß nach englischer Art nicht sowohl der Staat wie
die Gemeinde einschreiten soll. Für die Landarbeiter Gärtchen, und Kartoffelfeldchen, für die städtischen sanitäre und dgl. Verbesserungen, das ist
ihr Programm. Es ist ein vortreffliches Zeichen, daß die Bourgeois schon
ihre eigne klassische ökonomische Theorie opfern müssen, teils aus politischen Rücksichten, teils aber, weil sie selbst durch die praktischen Konsequenzen dieser Theorie an ihr irre geworden sind. Dasselbe beweist das
Wachsen des Kathedersozialismusl??', der in dieser oder jener Form die
klassische Ökonomie auch hier und in Frankreich von den Lehrstühlen
mehr und mehr verdrängt. Die tatsächlichen Widersprüche, die die Produktionsweise erzeugt, sind so grell geworden, daß eben keine Theorie
mehr sie vertuschen kann, es sei denn der kathedersozialistische Mischmasch, der aber keine T'heorie mehr ist, sondern Kohl.

‘Vor 6 Wochen hieß es hier, es zeigten sich Symptome der Besserung im
Geschäft. Jetzt ist das alles schon wieder verrauscht, die Not ist größer als
je und die Aussichtslosigkeit auch, dazu ein ungewohnt strenger Winter.
Dies ist nun schon das achte Jahr des Drucks der Überproduktion auf die
Märkte, und statt besser, wird’s immer schlimmer. Es ist kein Zweifel
mehr, die Lage hat sich wesentlich gegen früher geändert; seit England bedeutende Nebenbuhler auf dem Weltmarkt bekommen, ist die Periode der
Krisen im bisherigen Sinn abgeschlossen. Wenn die Krisen aus akuten zu
chronischen werden, aber dabei an Intensität nichts verlieren, wie kann das
auslaufen? Eine wenn auch kurze Periode der Prosperität muß doch einmal
wiederkommen, nachdem der Schwarm der Waren sich verlaufen hat; aber
wie das alles sich machen wird, bin ich begierig zu sehn. Zweierlei ist aber
sicher: wir sind in eine Periode eingetreten, die dem Bestand der alten
Gesellschaft ungleich gefährlicher ist als die Periode der zehnjährigen
Krisen; und zweitens: England wird von der Prosperität, wenn sie kommt,
in viel geringerem Maß betroffen werden als früher, wo es den Rahm vom
Weltmarkt allein abschöpfte. An dem Tag, wo das hier klar wird, an dem
Tag wird die sozialistische Bewegung hier ernstlich, früher nicht.

Über die Zusammensetzung der englischen Liberalen ein andermal. Das
ist ein weitläuftiges Thema, weil Schilderung eines Übergangszustands.[##!




Die Debatte über den Polenantrag (1. Tag) habe ich heut morgen von
Dresden erhalten. Der 2. Tag folgt wohl bald. Diese Sendungen sind mir
um so wichtiger, als ich jetzt nur noch die Wochenausgabe der „Kölnfischen] Ztg.“ sehe, die nur ganz kurze Auszüge der Debatten gibt. Wie werden die stenographischen Berichte verkauft? Ich zahle gern für alle Debatten, in denen unsre Leute ernstlich eingreifen.

Die Reise nach Amerika solltest Du unter allen Umständen mitmachen. Einerseits hängt der Erfolg sehr von Deiner Anwesenheit mit.
ab. Zweitens ist die Partei nur dann vollständig richtig vertreten, wenn Du
dabei bist. Gehst Du nicht, so wird der erste beste mit L[iebknecht] geschickt, und wer weiß, was dann passiert. Drittens solltest Du die Gelegenheit nicht versäumen, das progressivste Land der Welt mit eignen Augen
zu sehn. Das Leben in den deutschen Verhältnissen übt auf jeden, auch
den besten, einen drückenden und beengenden Einfluß aus, ich weiß das
aus eigner Erfahrung, man muß wenigstens von Zeit zu Zeit heraus. Und
dann bekommen wir Dich auch einmal wieder her. Könnte ich von meinen
Arbeiten abkommen, ich wäre längst einmal hinübergerutscht, ich hoffte?
immer, es einmal mit Mlarx] tun zu können. Du und LJiebknecht] repräsentiert einmal für das Ausland die Partei, und da ist keiner von Euch beiden zu ersetzen. Bleibst Du weg, so macht das einen Ausfall von 5000 bis
10.000 Mark, vielleicht mehr.

Die Sache kann aber auch sehr angenehm werden. Nämlich Tussy und
Aveling sind in Korrespondenz mit den amerikanischen Freidenkern wegen
einer Spekulationsreise dahin und wünschen, sie mit der Eurigen zu verbinden. Die Antwort wird wohl in 3-4 Wochen hier sein. Das gäbe dann
eine ganz nette Reisegesellschaft zu vieren.

Jetzt aber leb wohl für heute. Apropos, Ede hat. meine Erwartungen in
seinem ersten Artikel gegen Schrlamm] °*! übertroffen. Ganz famos. Er
hat in der Tat den Krieg nach Strategie und Taktik gelernt.

Dein
F.E.
23. Jan.


nn nn ns,