Engels an Paul Lafargue


in Paris !50%


London, den 14. November 1885

Mein lieber Lafargue,

Dank für das Porträt - was für ein mißvergnügtes Gesicht läßt man mich
in Frankreich machen, einem Lande, wo man doch - wie es heißt - von Zeit
zu Zeit lacht; vielleicht wird man über mich lachen. Nim sagt, ich sehe
darauf zehn Jahre älter aus; aber das ist wahrscheinlich eine Schmeichelei.

Die Maiaufstände von 1849 waren durch die Weigerung der meisten
deutschen Regierungen hervorgerufen, sich der von der Frankfurter
Nationalversammlung für ganz Deutschland beschlossenen Verfassung zu
unterwerfen. Diese Versammlung, die niemals über materielle Macht verfügt und jede Maßnahme unterlassen hatte, um sich diese zu verschaffen,
verlor schließlich auch den letzten Rest moralischen Einflusses gerade in
dem Augenblick, als sie ihre ziemlich romantische „Verfassung“ auf dem
Papier zustande gebracht hatte. Dennoch war diese Verfassung damals das
einzige Banner, unter dem man eine neue Bewegung versuchen konnte,
mit der Absicht, sich ihrer nach dem Sieg zu entledigen: Folglich wollte
man in den kleinen Ländern die Regierungen zwingen, sie anzuerkennen;
daraus ergaben sich die Aufstände von Dresden (3.Mai) und einige Tage
später in der bayrischen Pfalz und im Großherzogtum Baden, wo der Großherzog! die Flucht ergriff, als sich die Armee für das Volk erklärte.

Der Dresdener Aufstand wurde nach heroischem Widerstand - viertägigem Kampf - mit Hilfe von preußischen Truppen niedergeschlagen (in
Preußen hatte die Reaktion durch den Staatsstreich vom November 1848
gesiegt, Berlin war entwaffnet und der Belagerungszustand erklärt). Aber
um die Pfalz und die Badenser zu unterwerfen, bedurfte es einer Armee.
Also begann man in Preußen, die Landwehr? einzuberufen. In Iserlohn
(Westfalen) und in Elberfeld (Rheinpreußen) weigerten sich die Männer
loszumarschieren. Man schickte Truppen, die die Städte verbarrikadiert
fanden und abgewiesen wurden. Iserlohn wurde, vierzehn Tage später,


1 Leopold Karl Friedrich -? in der Handschrift deutsch: Landwehr
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nach zweitägigem Widerstand genommen; Elberfeld bot nicht so viele Verteidigungsmöglichkeiten, und als die Truppen von allen Seiten dagegen anliefen, beschlossen die Verteidiger, etwa tausend an der Zahl, sich einen
Weg nach den aufständischen Ländern im Süden zu bahnen; sie wurden
unterwegs vollständig zerschlagen, einer großen Anzahl gelang es jedoch,
von den Einwohnern unterstützt, sich durchzuschlagen. Ich war Adjutant
des Kommandanten Mirbach in Elberfeld; aber dieser schickte mich, ehe
er seinen Plan durchführte, mit einem Auftrag nach Köln, das heißt in das
Lager des Feindes, wo ich mich bei Daniels verbarg; in Wirklichkeit wollte
er in seinem Korps keinen bekannten Kommunisten haben, um die Bourgeoisie in den Orten, die er durchqueren mußte, nicht zu erschrecken; er
verabredete ein Treffen mit mir in der Pfalz, wo er jedoch nicht eintraf, da
er in Gefangenschaft geraten war (ein Jahr später wurde er vom Gericht in
Elberfeld freigesprochen). Mirbach hatte die Feldzüge in Griechenland von
1825 bis 29 und in Polen von 1830 und 3] mitgemacht; später ging er wieder
nach Griechenland, wo er gestorben ist.

Inzwischen hatte der Aufstand im Süden an Boden gewonnen, aber man
beging den verhängnisvollen Fehler - nicht anzugreifen. Die Truppen der
benachbarten kleineren Staaten suchten nur einen Vorwand, um sich dem
Aufstand anzuschließen, sie waren entschlossen, nicht gegen das Volk zu
kämpfen. Dann hatte man den Vorwand, man müsse vorrücken, um die von
preußischen und österreichischen Soldaten umstellte Frankfurter Versammlung zu schützen. Marx und ich waren nach der Unterdrückung der „Neuen
Rheinischen Zeitung“ nach Mannheim gegangen, um den: Führern diesen
Marsch vorzuschlagen. Aber man hatte alle möglichen Einwände: die Armee
sei durch die Flucht der ehemaligen Offiziere desorganisiert, es fehle an
allem usw. usw.

In den ersten Junitagen rückten die Preußen von der einen, die Bayern
von der anderen Seite - durch eben diese Truppen der kleineren Staaten
verstärkt, welche wir mit mehr Kühnheit hätten gewinnen können, die aber
jetzt von den Fluten der reaktionären Armeen hinweggeschwemmt wurden - gegen die aufständischen Gebiete vor. Eine Woche genügte, um die
Pfalz auszufegen - es standen dort 36000 Preußen gegen 8-9000 Aufständische, und die beiden Festungen des Landes blieben in den Händen
der Reaktion. Man zog sich auf die Badenser Truppen zurück, etwa
8000 Mann Linientruppen und 12000 Freischärler; sie wurden von einem
30000 Mann starken Korps reaktionärer Truppen bedrängt. Es fanden vier
große Gefechte statt, in denen die Reaktionäre das Übergewicht erhielten
dank ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit und durch die Verletzung des




württembergischen Territoriums, was ihnen ermöglichte, uns im entscheidenden Augenblick zu umgehen. Nach zehn Wochen Kampf mußten
die Reste der aufständischen Armee sich in die Schweiz zurückziehen.

Im Verlauf dieses Krieges war ich Adjutant des Obersten Willich, des
Kommandeurs eines Freischärlerkorps ausgesprochen proletarischen Charakters; ich habe an drei kleineren Gefechten und an der letzten Entscheidungsschlacht an der Murg teilgenommen. ?0”!

Das genügt, denke ich, um ein kurzes Resume daraus zu machen, wenn
Sie durchaus darauf bestehen, einen Kommentar zu dem schönen Werk
von Bürger Clarus zu schreiben.

Ich hoffe, daß Ihr interessanter Furunkel bald von seinem eitrigen
Inhalt befreit wird. Waschen Sie die Wunde mit 2% Karbolsäure auf 8%
Wasser, das ist ausgezeichnet, um die Eiterzellen zu töten.

Herzliche Grüße an Laura.


Freundschaftlichst Ihr
F.E.