Engels an Nikolai Franzewitsch Danielson
in Petersburg


London, 13.Nov. 1885
Werter Herr,
Ich erhielt Ihre beiden Bricfe vom 6. (18.) und 9. (21.) August in Jersey


und sandte Ihnen sofort den von Ihnen gewünschten Brief für den „C#Bep-
Hut Bicruugs“ 14691, Seitdem war ich durch dringende Arbeit verhindert,
sowohl diese Briefe wie den vom 25. Aug. (5.Sept.) ausführlicher zu beantworten.

Ich zweifelte nicht daran, daß der2.Band? Ihnen das gleiche Vergnügen
wie mir bereiten würde. Die Ausführungen, die er enthält, haben tatsächlich ein so außerordentlich hohes Niveau, daß sich der gewöhnliche Leser
nicht die Mühe nehmen wird, sie ganz zu durchdenken und bis ins letzte
zu verfolgen. Das erleben wir jetzt in Deutschland, wo die gesamte historische Wissenschaft, einschließlich der politischen Ökonomie, so tief gesunken ist, daß sie kaum noch tiefer sinken kann. Unsere Kathedersozialisten?!29) sind theoretisch nie viel mehr gewesen als ganz unbedeutende
philanthropische Vulgärökonomen?, und jetzt sind sie auf das Niveau simpler Apologeten des Bismarckschen Staatssozialismus? hinabgesunken. Für
sie wird der 2. Band immer ein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Es ist ein
gutes Beispiel dafür, was Hegel die Ironie der Weltgeschichte nennt",
daß die deutsche Geschichtswissenschaft durch die Erhebung Deutschlands zur ersten europäischen Macht wieder auf den gleichen jämmerlichen
Stand reduziert werden sollte, auf den sie durch die tiefste politische Erniedrigung Deutschlands nach dem Dreißigjährigen Krieg gebracht wurde.
Aber so ist es. Und so beglotzt die deutsche „Wissenschaft“ diesen neuen
Band, ohne ihn verstehen zu können; lediglich eine gesunde Angst vor den
Konsequenzen hindert sie, ihn öffentlich zu kritisieren, und daher hüllt sich
die offizielle ökonomische Literatur in vorsichtiges Schweigen. Der 3.Band
wird sie jedoch zwingen, Rede zu stehen.


schrift deutsch: die Ironie der Weltgeschichte




Bei dem 3.Band bin ich nun mit der ersten Übertragung aus dem Original in eine leserliche Kopie fertig. Dreiviertel davon sind im jetzigen Zustand beinahe publikationsreif; aber das letzte Viertel oder vielleicht Drittel
wird noch ein gut Stück Arbeit kosten: es sind das der erste Abschnitt (Verhältnis von Mehrwertsrate und Profitrate) und die folgenden über Kredit
und teilweise auch über Grundrente; außerdem bestimmte Teile von fast
allen anderen Abschnitten. Während der letzten beiden Monate habe ich
eine ganze Menge anderer Arbeiten, die durch meine ausschließliche Beschäftigung mit dem 2. und 3.Bd. vernachlässigt worden waren, erledigen
müssen. Das wird noch einige Zeit so weitergehen, und danach wird mich
die Revision der englischen Übersetzung des I.Bandes, die fast fertig ist,
wohl noch einen weiteren Monat in Anspruch nehmen; aber dann werde
ich an den 3.Bd. gehen und ihn fertigmachen. Vielleicht wird er in 2 Teilen
veröffentlicht, da er ungefähr 1000 Seiten stark werden dürfte.

Ich danke Ihnen sehr für die Auszüge aus den Briefen des Autors von
1879 bis 1881.02! Ich konnte sie nicht ohne ein schmerzliches Lächeln
lesen. Nun ja, wir sind so an diese Entschuldigungen für die Nichtvollendung
des Werks gewöhnt! Immer, wenn sein Gesundheitszustand es nicht zuließ,
sich mit Arbeit zu befassen, bedrückte ihn das sehr, und er war nur zu froh,
wenn erirgendeine theoretische Entschuldigung dafür finden konnte, warum
das Werk damals nicht an Abschluß kam. Alle diese Argumente hat er
seinerzeit vis-A-vis de moi’ gebraucht; sie schienen sein Gewissen zu beruhigen.

Nach Beendigung des 3. Bandes und sobald ich aus den anderen Ms. das
zur Veröffentlichung Geeignete ausgewählt habe, werde ich sehr gern versuchen, den wissenschaftlich bedeutenden Teil der Korrespondenz unseres
Autors zu sammeln, und da gehören seine Briefe an Sie zu den wichtigsten.
Wenn es soweit ist, werde ich daher auf Ihr freundliches Anerbieten, mir
Abschriften dieser Briefe zur Verfügung zu stellen, zurückkommen.

Ich habe oft Gelegenheit, Ihnen Broschüren usw., Neudrucke der Schriften des Autors und meiner eigenen usw. zuzuschicken, aber ich weiß nicht,
ob es angebracht ist, sie Ihnen direkt zu senden. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mich wissen ließen, was ich tun soll.

Die Gesundheit unseres gemeinsamen Freundes? bessert sich hoffentlich,
trotz der schlechten Prognose seiner Ärzte.#! Jede Nachricht über ihn
wird immer willkommen sein.


8 German Alexandrowitsch Lopatin






Die Krise, von der der Autor in seinem Brief spricht, war wirklich eine
außergewöhnliche. Tatsache ist, daß sie noch anhält, ganz Europa und
Amerika leiden bis auf den heutigen Tag unter ihr. Eine der Ursachen ist
das Ausbleiben des Börsenkrachs. Aber die Hauptursache ist zweifellos die
vollkommen veränderte Lage auf dem Weltmarkt?. Seit 1870 sind Deutschland und besonders Amerika zu Rivalen Englands in der modernen Industrie
geworden, während die meisten anderen europäischen Länder ihre eigene
Industrie so weit entwickelt haben, daß sie aufhören, von England abhängig
zu sein. Die Folge war, daß der Prozeß der Überproduktion sich über ein
viel größeres Gebiet erstreckte als zu der Zeit, da sie sich hauptsächlich auf
England: beschränkte, und daß sie - wenigstens bis jetzt - einen chronischen
statt einen akuten Charakter angenommen hat. Durch diese Verzögerung
des Gewitters, das früher alle zehn Jahre einmal die Atmosphäre reinigte,
muß diese lang anhaltende chronische Depression einen Krach von bisher
beispielloser Gewalt und Ausdehnung vorbereiten. Dies um so mehr, als
auch die Agrarkrise, von der der Autor spricht, bis jetzt anhält und auf fast
alle europäischen Länder übergegriffen hat; und sie wird fortdauern, solange die jungfräuliche Yepnogem»! der Prärien im Westen Amerikas nicht
erschöpft ist.

Ihr sehr ergebener


P.W.Rlosher] 3




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