Engels an Eduard Bernstein

in Zürich

London, 15. Mai 85

Lieber Ede,

Ich muß Dir doch auch mal wieder ein paar Zeilen schreiben, Du wirst
mir sonst gar zu melancholisch. Du und Kautsky, Ihr scheint Euch gegen-
seitig soviel Trübsal zuzublasen, daß man ein ganzes Konzert in Moll davon
machen könnte, es ist ganz wie die Posaune bei Wagner, die auch immer los-
legt, wenn irgendein Pech passiert. Ihr vergeßt immer, wenn eine schlechte

‚Nachricht eintrifft, das alte Sprichwort: es wird nichts so heiß gegessen, wie
es gekocht wird.

Der Eindruck der ganzen Kollision zwischen „Fraktion und Redaktion“
ist also allgemein und unvermeidlich der, daß die Fraktion sich blamiert
hat. Und wenn die Fraktion darauf bestehn sollte, dies noch einmal zu tun,
so muß man das nicht verhindern. Hättest Du das erste Reskript!*"! gleich
nach Verlangen abgedruckt, so war sie erst recht blamiert, und der „Ent-
'rüstungssturm“ kam von allen Ecken. Das war allerdings nicht gut im ersten
Augenblick von Dir zu verlangen, aber es ist nicht minder sicher, daß wir
kein Interesse daran haben, die Fraktion daran zu hindern, daß sie sich zeigt,
wie sie ist. Wie die Sachen stehn, stehn jetzt „Fraktion und Redaktion“ sich
als gleichberechtigte Mächte gegenüber - vor dem Publikum - das ist das
‚Resultat der letzten langen Kompromißerklärung!?! und man kann Weite-
res abwarten. - de '

Ich hatte Singer hier am Sonntag! und schnitt alle seine Redensarten
kurz ab: die erste Erklärung der Fraktion, sagte er, sei nicht so sehr gegen
die Artikel im Blatt!%! gewesen, als gegen den (angeblich) versuchten Ver-
such, einen Entrüstungssturm gegen die Fraktion zu erregen. Das, sagte
ich, kann das Publikum nicht wissen. Wenn Sie eine öffentliche Erklärung
machen, so kann sie sich nur auf öffentlich vorliegende Tatsachen beziehn.
Schlagen Sie aber aufs Blatt los wegen Sachen, die gar nicht im Blatt
gestanden haben, so sagt das Publikum mit Recht: Was wollen die Herren

anders als die freie Meinungsäußerung unterdrücken? Das mußte er zugeben.
Dann sagte ich, nach dem mir sehr wohl bekannten Sti] zu urteilen, waren
die meisten der mißliebigen Artikel von Liebknfecht]. - Singer: Ganz
richtig, und wir haben es dem L[iebknecht] dafür auch in der Fraktion ge-
hörig gegeben. - Ich: Dafür aber das Blatt öffentlich zu tadeln, daß es
Sachen druckt, die aus der Fraktion selbst kamen, geht nicht an. Das mußten
Sie unter sich abmachen. Statt dessen greifen Sie die Redaktion öffentlich
an, für Sachen, die reine Interna der Fraktion sind. An wen soll sich denn
die Redaktion halten? Dagegen konnte er auch nichts sagen. Kurz, Sie
haben sich blamiert durch einen unüberlegten Schritt, und wer vor dem
Publikum den Sieg hat, ist die Redaktion. Das mußte er auch indirekt zu-
geben. Da ich mich einfach an die entscheidenden Punkte hielt und all
seinen persönlichen Klatsch, dessen er viel hatte, gleich Null setzte, waren
wir in zehn Minuten fertig.

Damit ist natürlich die Sache nicht abgemacht. Wir kennen jetzt aber
die schwache Seite der Herren. Wäre ich Redakteur des „S[ozialdemokrat]“,
so würde ich von Redaktions wegen die Fraktion wirtschaften lassen, wie
sie wollte, d.h. im Reichstag, die Kritik hierüber den Parteigenossen über-
lassen, kraft der beliebten „freien Meinungsäußerung“, und dem Lieb-
knfecht] ein für allemal erklären, daß er für seine Artikel gegenüber der
Fraktion selbst einzustehn hat, damit wenigstens soweit sein Doppelspiel
aufhört. Wenn dann im übrigen das Blatt in der bisherigen entschiednen
Richtung fortredigiert wird, so ist das alles, was wir brauchen. Es ist viel
wichtiger, daß dem in Deutschland gedruckten Quatsch gegenüber der
theoretische Standpunkt gewahrt wird, als daß die Handlungsweise der
‘Fraktion kritisiert wird. Die Gewählten selbst tun Ja ihr Möglichstes, die
Wähler aufzuklären über den Charakter der Gewählten. Und im übrigen
gibt ja die Tagesgeschichte Anlaß genug, den Standpunkt hervorzuheben,
auch wenn man die Fraktion der Fraktion und den Parteigenossen überläßt.
Was sie aber am meisten ärgert, ist grade der Standpunkt, und den wagen
sie nicht öffentlich anzugreifen.

Jetzt geht der Reichstag bald heim. Die Herren haben inzwischen - ob-
gleich sie fast alle geheime Schutzzöllner sind - gesehn, wie die Schutz-
zöllnerei wirtschaftet.!#] Das ist schon eine erste Enttäuschung. Deren er-
leben sie noch ein paar. Das ändert nicht ihren spießbürgerlichen Charakter,
wohl aber muß es ihr Auftreten unsicher machen und sie unter sich spalten
in Beziehung auf die Spießbürgerfragen, für die oder gegen die sie sich er-
klären sollen. Diese Sorte braucht bloß etwas Spielraum, dann machen sie
sich gegenseitig unschädlich.

Kurz, unsre Politik ist, glaube ich, temporisieren. Sie haben das Sozia-
listengesetz!?! für sich, und wenn sie während seiner Dauer nur Gelegen-
heit finden, sich zu zeigen, wie sie sind, so brauchen wir in der Hauptsache
weiter nichts. Inzwischen müssen wir jede Position, namentlich in der
Presse, behaupten bis aufs Äußerste, was nicht immer direkten Widerstand
nötig macht. Die Umgehung ist auch ein Mittel der Defensive mit offen-
siven Rückschlägen. Wir haben momentan viel gegen uns. Bebel ist krank
und, wie es scheint, entmutigt. Ich kann auch nicht helfen, wie ich möchte,
bis ich mit den Mlarx]schen Manuskripten fertig bin. So fällt die Wucht
des Kampfs auf Dich und Kautsky. Aber vergiß nicht die alte Regel: über
der Gegenwart der Bewegung und des Kampfs nicht die Zukunft der Be-
wegung zu vergessen. Und die gehört uns. Der dritte Band des „Kapital“
schlägt all die Kerle mit einem Schlag tot.

Dein
F.E.