Engels an August Bebel
in Plauen bei Dresden

Lieber Bebel, London, 18.Nov. 1884

Ich wollte Dir über den Rodbertusschwindel schreiben, aber nun erscheint ‚meine Vorrede zur „Misere de la Philosophie“! in der „Neuen
Zeit“ #0, und da findest Du das Nötigste besser entwickelt, als ich es in
einem Brief tun könnte. Das Weitere folgt dann in der Vorrede zum „Kapital“ II.Buch.?

Es ist aber ein andrer Punkt, über den ich Dir sagen möchte, wie ich
davon denke, und der mir dringender scheint.

Das ganze liberale Philisterium hat einen solchen Respekt vor uns bekommen, daß es einstimmig schreit: Ja, wenn die Sozialdemokraten sich
auf den gesetzlichen Boden stellen wollen, die Revolution abschwören, dann
sind wir dafür, daß das Sozialistengesetz[! sofort aufgehoben wird. Es ist
also kein Zweifel, daß man Euch diese Zumutung sofort im Reichstag
machen wird. Die Antwort darauf, die Ihr gebt, ist wichtig - nicht sowohl
für Deutschland, wo unsre braven Jungens sie in den Wahlen gegeben, als
für das Ausland.! Eine zahme Antwort würde den kolossalen Eindruck,
den die Wahlen gemacht, sofort vernichten.

Meiner Ansicht nach liegt der Fall so:

Der bestehende politische Zustand in ganz Europa ist das Ergebnis von
Revolutionen. Der Rechtsboden, das historische Recht, die Legitimität, ist
überall tausendmal durchlöchert oder ganz umgestoßen worden. Esistaber
die Natur aller durch Revolutionen zur Herrschaft gekommenen Parteien
resp. Klassen, zu verlangen, daß nun aber auch der neue, durch die Revolution geschaffne Rechtsboden unbedingt anerkannt, heilig gehalten werde.
Das Recht zur Revolution hat existiert - sonst wären Ja die jetzt Herrschenden unberechtigt -, aber es soll von nun an nicht mehr existieren.

In Deutschland beruht der bestehende Zustand auf der Revolution,
die mit 1848 anfing und mit 1866 abschloß. 1866 war eine vollständige

1 „Vorwort zur ersten deutschen Ausgabe von Karl Marx’ Schrift ‚Das Elend der Philoso”

Revolution. Wie Preußen, nur durch Verrat und Krieg gegen das deutsche
Reich, im Bunde mit dem Ausland (1740, 1756; 1795 3) zu etwas geworden, so hat es das deutsch-preußische Reich nur zustande gebracht
durch gewaltsamen Umsturz des Deutschen Bundes und Bürgerkrieg. Daß
es behauptet, die andern hätten den Bundesvertrag gebrochen, tut nichts
zur Sache. Die andern sagen das Gegenteil. Noch nie hat eine Revolution
des Vorwands der Gesetzlichkeit entbehrt - vide 1830 Frankreich, wo
König? und Bourgeoisie jeder Recht zu haben behauptete. Genug, es provozierte den Bürgerkrieg und damit die Revolution. Nach dem Sieg stürzte es
drei Throne „von Gottes Gnaden“ um und annexierte die Gebiete nebst dem
der ex-freien Stadt Frankfurt.'%2! Wenn das nicht revohutionär war, so weiß
ich nicht, was das Wort bedeutet. Damit nicht genug, konfiszierte es das
Privateigentum der verjagten Fürsten. Daß das nicht gesetzlich, also revolutionär, gab es zu, indem es den Akt nachträglich von einer Versammlung
gutheißen ließ - vom Reichstag -, der ebensowenig Recht hatte, über diese
Fonds zu verfügen, wie die Regierung.

‚Das deutsch-preußische Reich, als Vollendung des durch 1866 gewaltsam geschaffnen Norddeutschen Bundes, ist eine durchaus revolutionäre
Schöpfung. Ich beklage mich nicht darüber. Was ich den Leuten vorwerfe;
die es gemacht haben, ist, daß sie nur armselige Revolutionäre waren, nicht
viel weiter gingen und gleich ganz Deutschland an Preußen annexierten.
Aber wer mit Blut und Eisen operiert, Throne umstürzt, ganze Staaten
verschluckt und Privateigentum konfisziert, der soll nicht andre Leute als
Revolutionäre verdammen. Wenn die Partei nur das Recht behält, nicht
mehr und nicht minder revolutionär zu sein als die Reichsregierüng' gewesen, so hat sie alles, was sie braucht. ’

"Vor kurzem hieß es offiziös: die Reichsverfassung sei kein Vertrag der
Fürsten mit dem Volk, sie sei nur einer zwischen 'den Fürsten und freien
Städten, die ihn jederzeit durch einen neuen ersetzen könnten. Die Regierungsorgane, die dies lehrten, verlangten also für die Regierungen das
Recht, die Reichsverfassung umzustoßen. Man hat kein Ausnahmegesetz
gegen sie gemacht, sie nicht verfolgt. Nun gut, mehr verlangen .wir auch
nicht für uns im alleräußersten Fall, als hier: für die Regierungen‘ verlangt
wird:

Der Herzog von Cumberland ist der Iaeitime inbeetriniene Erbe de
Braunschweigschen Throns. Der König von Preußen sitzt mit keinem
andern Recht in Berlin, als der C[umberland] in Braunschweig beansprucht.

? Karl X.

Was man sonst von ihm will, kann man erst beanspruchen, nachdem der
Clumberlandl von seinem rechtlichen legitimen Thron Besitz ergriffen. Die
revolutionäre deutsche Reichsregierung aber verhindert ihn mit Gewalt
daran. Neuer revolutionärer Akt.

Wie steht’s mit den Parteien?

Die konservative hat den im März 1848 geschaffnen neuen Rechtsboden
im Nov. 1848 ohne Zaudern durchbrochen. #' Sie erkennt den konstitutionellen Zustand ohnehin nur als provisorisch an und würde jedem absolutistisch-feudalen Staatsstreich zujubeln.

Die liberale Partei aller Schattierungen hat an der Revolution von 1848
bis 1866 mitgewirkt und würde sich auch heute nicht das Recht absprechen
lassen, einem gewaltsamem Verfassungsumsturz mit Gewalt entgegenzutreten.

Das Zentrum!” erkennt über dem Staat die Kirche als höchste Macht,
also eine Macht, die ihm gegebnenfalls die Revolution zur Pflicht machen
kann.

Und das sind die Parteien, die von uns verlangen, wir sollen, wir allein
von allen, erklären, daß wir unter keinen Umständen zur Gewalt greifen, uns
jedem Druck, jeder Gewalttat unterwerfen wollen, nicht nur, sobald sie nur
formell gesetzlich - nach dem Urteil unsrer Gegner gesetzlich ist -, sondern
auch wenn sie direkt ungesetzlich?

Keine Partei hat je das Recht auf bewaffneten Widerstand imter gewissen
Umständen verleugnet, ohne zu lügen. Keine hat auf dies äußerste Recht je
verzichten können.

Kommt es aber erst darauf an, die Umstände zu diskutieren, für die eine
Partei sich dies Recht vorbehält, so hat man gewonnen Spiel. Da geht’s vom
Hundertsten ins Tausendste. Und namentlich eine rechtlos erklärte, also
von Oben herab auf die Revolution direkt angewiesene Partei. Solche Rechtloserklärung kann sich täglich wiederholen, wie sie schon einmal gekommen.
Einer solchen Partei eine solche bedingungslose Erklärung abverlangen, ist
rein widersinnig.

Übrigens können die Herren ruhig sein. Wie die militärischen Verhältnisse jetzt liegen, schlagen wir nicht los, solange noch eine bewaffnete
Macht gegen uns ist. Wir können warten, bis die bewaffnete Macht selbst
aufhört, eine Macht gegen uns zu sein. Jede frühere, selbst siegreiche Revolution brächte nicht uns an die Herrschaft, sondern die radikalsten der
Bourgeois resp. Kleinbürger. |

Im übrigen haben die Wahlen gezeigt, daß wir von Nachgiebigkeit nichts
zu erwarten haben, d.h. von Konzessionen an unsre Gegner. Nur durch

trotzigen Widerstand haben wir uns in Respekt gesetzt und sind eine Macht
geworden. Nur die Macht wird respektiert, und nur solange wir eine sind,
respektiert uns der Philister. Wer ihm Konzessionen macht, den verachtet
er, der ist schon keine Macht mehr. Man kann die eiserne Faust im sammtnen Handschuh fühlen lassen, aber fühlen lassen muß man sie. Das deutsche Proletariat ist eine mächtige Partei geworden, mögen seine Repräsentanten seiner würdig sein!
Dein

(Postschluß) F.E.