Engels an Eduard Bernstein
in Zürich


London, 13. Sept. 84

Lieber Ede,

Seit 14 Tagen (beinah) wieder hier.!28% Eisengarten, der während meiner Abwesenheit den fertigen Teil des Ms. II. Teil! ins reine schreiben
sollte, hat bei der Hitze teils gebummelt, teils so schön, aber so langsam und
so wenig geschrieben, daß ich nicht wagen darf, das Fertige an Meißner
zu schicken, weil ich nicht rasch genug nachliefern könnte. So wird aus der
raschen Veröffentlichung zunächst nichts; was Meißner] nun machen wird,
weiß ich nicht. Mir ist’s teilweis doch lieb so, ich bin um so sichrer, daß
nichts übers Knie gebrochen zu werden braucht.

Was Du von Übersetzung meiner Broschüre? sagst, ist sehr schön und
gut. Aber wie übersetzt Lafargue? Er fragt weder seine Frau noch das
Wörterbuch; er macht alles allein, dekretiert: dies deutsche Wort heißt auf
französisch so, und schickt mir dann das Ms. ein, stolz auf sein Meisterstück. Grad so gut mach ich’s selber. Er will natürlich gleich dran - doch
nous verrons ce que nous verrons. Was eine englische angeht, so hat A[veling] genug zu tun vorderhand und wollte auch meine „Entwicklung“ übersetzen. Aber zahlende Verleger? Und ohne Zahlung kann er bei seiner Lage
nicht mehr arbeiten als schon geschieht. Auch hat das keine solche Eile.
Vorab müssen wir das „Kapital“ * englisch haben, und das wird noch Mühe
und Arbeit genug kosten.

Sehr amüsiert hat mich die Abfertigung von Bahr und Fabian, ditto von
Freund Gumbel wegen der Börsensteuer!*°2) (diesen erkenne ich jedesmal,
ob er Heilbronner Philister verteidigt, mit denen er biedermännisch stammkneipt, oder sonst was). An Bahr und Fabian habt Ihr zwei schöne Exempel
der deutschen „Wissenschaft“, und es macht mir immer Freude, die recht
derb abgeführt zu sehn. Man schlägt den Bahr und meint den Geiser.


} zweiter Band des „Kapitals“ - ? offensichtlich „Der Ursprung der Familie, des Privateigen”




Besonders gefreut hat mich aber auch die Manier Deines Zuschlagens, das
Hervorheben der wesentlichen Punkte und die Schneid.

Jetzt muß ich unterbrechen, ich kann immer noch nur kurze Zeit am
Pult sitzen. Ich habe kalte Bäder an der See genommen, die haben mir mehr
geschadet als genützt. Also bis morgen.

14. Sept. Ms. „Misere“ 202] hab’ ich vorige Woche, 4.Sept., an Dich rekommandiert geschickt, nebst Anmerkungen, Du hast’s wohl erhalten. Bei
Vergleichung meiner Änderungen mit dem Original werdet Ihr finden, daß
doch verschiedne Wendungen nicht richtig aufgefaßt waren (bei einigen hab’
ich Glossen gemacht), das ist aber unvermeidlich, wenn man nicht länger
im Land selbst gelebt.

Dem Künstler, ich hab’ seinen Namen vergessen und seinen Brief verlegt, der Marx farbendrucken will, hab’ ich endlich eine Kopie meiner vergrößerten Photographie besorgen können. Ich schicke sie an Dich, morgen
oder übermorgen.

Da es sich bei den diesmaligen Wahlen!#! um einen großen Effekt handelt, so müssen wir uns alle anstrengen, und so lege ich Dir für den Wahlfonds eine Anweisung für £ 25 bei.

Sorge schickt mir Gronlund, „The Cooperative Commonwealth“ - die
Darstellung der Theorie nach Marx] ziemlich flach, aber dem Philister
faßbar; Hauptzweck scheint, seine Zukunftskonstruktion, die mir zum
Lesen zu langweilig, als echten German Socialism ausgeben zu können.
Marx wird nicht zitiert, sondern nur gesagt: such noble Jews as Marx and
Lassalle! Au weih!

„To-Day“ wird unter Hyndman immer schlechter. Um es interessanter
zu machen, wird alles mögliche genommen: die Redaktion schreibt mir, in
der Oktobernummer käme eine Kritik des „Kapital“ !!!, und fordert mich
auf zu antworten - was ich mit Dank ablehnte. Also aus einem sozialistischen Organ ein Organ, worin Krethi und Plethi Sozialismus diskutiert, pro
und kontra.

Ich schicke Dir eine „Kölnische“, woraus Du sehn kannst, wie selbst die
humane zivilisatorische Association Internationale des Stanley-Leopold von
Belgien in Afrika operiert. °%%! Was mögen da erst die Portugiesen und Franzosen machen - und erst unsre Prügel- und Erschieß-Preußen, wenn die anfangen! Übrigens hat Bismarck mit dem Kolonialschwindel #%! einen famosen Wahlcoup gemacht. Darauf fällt der Philister hinein, ohne Gnade und
massenhaft. Es wird ihm wohl wieder gelingen, eine Doppelmajorität zur






gefälligen Auswahl zu bekommen: Konservative + Nationalliberale, oder

wenn letztere doch mal wieder mucken sollten, Konservative + Zentrum.

Uns macht das nichts aus.

Wenn ich noch Zeit bekomme, lege ich ein paar Zeilen an K.Kautsky]

bei. j

Dein
F.E.
15.Sept. Keine Zeit, K.Kautsky] muß etwas warten.