Engels an Eduard Bernstein
in Zürich
’ [London, nach dem 21. Juli 1884]
Lieber Ede,

Nebiges kannst Du, wenn Du willst, an Auer schicken, ich hab's deswegen so eingerichtet.

Was die Verteilung der Wahlkreise angeht!2”), so hab’ ich mich auch
schon oft drüber geärgert, aber das kommt davon, daß man in rein taktischen Fragen nach allgemeinen Prinzipien verfahren will, und das geschieht immer auf Kongressen: dann ist die Sache doch so schön ins klare
gebracht. Doppelkandidaturen sind allerdings in der Regel nichts nutz;
wenn man aber darauf rechnet, daß die besten Leute in unsichern Wahlkreisen eher durchkommen als andre, und sie deshalb dahin stellt, so muß
man entweder Doppelkandidaturen für sie zulassen oder riskieren, daß sie
gar nicht gewählt werden. Wenn man also absolut keine Doppelkandidaturen will, so muß man auch die besten Leute in die sichersten Wahlkreise
stellen. Nun ist es aber sonderbar, daß dies Verweisen in unsichre Wahlkreise dem Liebknl[echt] nie passiert, sondern nur dem Bebel, und daß z.B.
bei der vorigen Wahl, wenn ich nicht irre, L[iebknecht] zwei ganz gute
Wahlkreise hatte. Enfin!, das sind die Unvermeidlichkeiten. Man muß
auch nicht vergessen, daß es im Kampf immer auf und ab geht, und deswegen sich nicht zuviel daraus machen, wenn’s mal etwas abwärts geht.

Jedenfalls ist soviel sicher, solange wir den „S[ozialdemokrat]“ haben,
können die Herren Opportunisten machen, was sie wollen; und selbst,
wenn sie die Herrschaft in der Fraktion bekämen (was doch nur möglich,
wenn Bebel nicht wieder gewählt), hätten sie damit noch lange nicht gewonnen Spiel. Was wollen sie machen gegen die Massen? Die drängen sie
selbst doch immer weiter, sie mögen wollen oder nicht. Und wenn es den
Weisen Männern!??”! gelänge, auch über den „S[ozialdemokrat]“ Herr zu
werden, so würde das nicht so lange dauern wie die erste schlappe Periode
des „Slozialdemokrat]“, die ja auch anfangs selbst bei den Bessern unter


2 Nun


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den „Führern“ Unterstützung fand, aber von den Massen über den Haufen
geworfen wurde.

Was die Große Wissenschaft des berühmten Nicht-Atheisten angeht!?), so wird es sehr erfreulich sein, wenn sie möglichst Gelegenheit
findet, sich breitzumachen. In Paul de Kock’s „Amant de la Lune“ kommt
auch so ein mysteriöser Gelehrter? vor; als man endlich nach der größten
Mühe und Arbeit hinter seine Wissenschaft kam, fand man, daß sie in ein
paar Kunststücken mit Flaschenkorken bestand. Was hat es bis jetzt schon
für Mühe gekostet, bis der berühmte Mann sich dazu verstand, uns nur
einige Proben seiner Wissenschaft zu geben! Und so schön! Und ist bereits
beim Hellsehen angekommen.!?°! Was wollen wir noch mehr - cela
marche!?

Gruß an K.Klautsky], auch von Schorl[emmer].

F Dein
F.E.


Sag dem Manz, der mir geschrieben, ein Porträt ganz wie meins, sei für
ihn in Arbeit‘, er soll's haben, sobald es fertig; ich kann aber den Sachen
in dem weitläuftigen London nicht persönlich nachlaufen und hänge daher
von andern Leuten ab.


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2 Saucissard - die Sache geht voran! - * siehe vorl. Band, S. 171




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