Engels an Eduard Bernstein


in Zürich


u London, 5. Juni 84
Lieber Ede,


War 8 Tage an der See.!?! Habe mir dabei den rechten Zeigefinger arg
verschnitten, kann also nur wenig und schlecht schreiben. Kfautsky] muß
also warten, da der „S[ozialdemokrat]“ wichtiger ist als die „Nleuel Zleit]*,
und bei letztrer die Sache ohnehin so liegt, daß es nichts macht, ob ich
meinen Senf dazu gebe oder nicht. Im übrigen halte ich alle Schritte
Kfautsky]s, soweit er sie mir mitgeteilt und soweit ich die Sachlage beurteilen kann, für vollkommen korrekt.!249!

Mit dem „Sl[ozialdemokrat]* ist es etwas andres. Seitdem die Herren
Heuler!!!2! sich förmlich zu einer Partei zusammengetan und in der Fraktion
die Majorität haben, seitdem sie diese ihre durch das Sozialistengesetz geschaffene Macht erkannt haben und benutzen, halte ich es für unsre doppelte
Pflicht, jeden Machtposten, den wir halten, festzuhalten bis .aufs äußerste;
vor allem den Machtposten am „S[ozialdemokrat]“, der der wichtigste.

Diese Leute leben vom Sozialistengesetz. Wäre morgen freie Debatte,
so wäre ich für sofortiges Losschlagen, und dann wären sie bald kaputt. Solange aber keine freie Debatte herrscht, sie die ganze in Deutschland gedruckte Presse beherrschen, und ihre Zahl (als Majorität der „Führer“)
ihnen die Möglichkeit gibt, Klatsch, Intrige, stille Verlästerung vollauf auszubeuten, müssen wir, glaublich alles vermeiden, was einen Bruch, d.h. die
Schuld des Bruchs uns zuschöbe. Es ist das allgemeine Regel im Kampf
innerhalb der eignen Partei, jetzt mehr geboten als je. Der Bruch muß so
eingerichtet werden, daß wir die alte Partei fortführen, sie austreten oder
hinausgeworfen werden.

Ferner die Zeit. Jetzt ist ihnen alles günstig. Wir können sie nicht verhindern, nach dem Bruch auf uns in Deutschland zu lästern und zu verleumden, sich als Repräsentanten der Massen hinzustellen (da die Massen
sie ja wählen!). Wir haben nur den „S[ozialdemokrat]“ und die Auslandspresse. Sie können sich Gehör verschaffen, wir nur unter Schwierigkeiten.
Veranlassen wir nun gar den Bruch, so sagt die ganze Parteimasse nicht




ohne Recht, daß wir die Zwietracht hineingeworfen, die Partei desorganisiert zu einer Zeit, wo sie sich eben erst mühsam und unter Gefahren
reorganisiert. Können wir’s vermeiden, dann wäre der Bruch - das ist noch
meine Ansicht - aufzuschieben, bis irgendeine Veränderung in Deutschland
uns etwas mehr Ellenbogenraum gibt.

Wird trotzdem der Bruch unvermeidlich, so darf’s kein persönlicher
sein, kein einzelner Krakeel (oder was sich als solcher darstellen läßt) zwischen Dir und den Stuttgartern z.B., sondern er muß erfolgen auf einen
ganz bestimmten prinzipiellen Punkt hin, d.h. also hier auf einer Programmverletzung. So faul das Programm!?!, so wirst Du doch bei einigem Studium desselben finden, daß darin Stützpunkte genug für Dich sind. Über
das Programm aber hat die Fraktion keine Gerichtsbarkeit. Ferner muß der
Bruch soweit vorbereitet sein, daß wenigstens Bebel damit einverstanden
ist, und gleich mitgeht. Und drittens mußt Du wissen, was Du machen
willst und kannst, wenn der Bruch da ist. Den „S[ozialdemokrat]“ in die
Hände dieser Leute übergehn zu lassen, wäre die Blamage der deutschen
Partei vor der ganzen Welt.

Ungeduld ist hier das Schlimmste, was es gibt; Entschlüsse des ersten
Augenblicks, diktiert von der Leidenschaft, kommen sich selbst stets ungeheuer edel und heroisch vor, führen aber regelmäßig zu Dummheiten,
wie ich aus hundertmaliger eigner Praxis nur zu gut weiß.

Also: I. den Bruch hinausschleppen wo möglich, 2. wird er unvermeidlich, ihn von jenen ausgehn lassen, 3. inzwischen alles präparieren, 4. nichts
tun, ohne wenigstens Bebel und wo möglich auch Liebknecht, der wieder
ganz gut (vielleicht zu gut) wird, sobald er sieht, daß die Sache unvermeidlich, und 5. den Machtposten am „S[ozialdemokrat]“ festhalten envers et
contre tous! bis auf die letzte Kartusche. Das ist meine Ansicht.

Die „Herablassung“ der Herren könntet Ihr ihnen doch wahrhaftig
1000fach zurückgeben. Ihr seid doch sonst nicht aufs Maul gefallen und
werdet doch wahrlich diesen Eseln gegenüber Hochmut wie Ironie genug
entwickeln können, um ihnen dies Auftreten zu verleiden. Mit solchen unwissenden und auf ihre Unwissenheit eingebildeten Leuten muß man
nicht ernsthaft diskutieren, sondern sie verhöhnen, mit ihren eignen Worten auf den Pott setzen usw.

Vergiß auch nicht, daß, wenn’s zum Klappen kommt, mir die Hände
durch kolossale Arbeitsengagements sehr gebunden sind, und ich nicht
Zeit haben werde, so mit draufzuschlagen, wie ich wohl möchte.


I gegen jedermann




Auch wäre mir lieb, wenn Du mir statt der allgemeinen Klagen über die
Biedermänner einige Details angeben wolltest, was sie auszusetzen haben
und was sie verlangen. Notabene, je länger Du mit ihnen verhandelst, desto
mehr Material zu ihrer eigenen Verurteilung müssen sie Dir 3a liefern!

Schreibe mir, inwieweit ich auf diese Sachen in meiner Korrespondenz
mit Bebe] einzugehn habe, ich werde ihm dieser Tage schreiben müssen,
und will es bis Montag 9. cr. aufschieben, bis wohin ich Deine Antwort
haben kann.

Grüße Kautsky.

Dein
F.E.