Engels an Laura Lafargue


in Paris


London, 26. Mai 1884


Meine liebe Laura,

Nach Erhalt Deines Briefes vom 15. haben wir sorgenvolle Tage gehabt.
Am 18. ist Pumps’ kleiner Junge gestorben und am 22. beerdigt worden.
Das Kind hatte Keuchhusten, Bronchitis, Krämpfe und Kehlkopfdiphtherie;
schon eine Woche vor seinem Tode war kaum noch Hoffnung. Ich nahm an,
Pumps oder Percy hätten Dir geschrieben, sie haben sich jedoch scheinbar
darauf verlassen, daß ich Dich benachrichtige; aber ich war damit beschäftigt, meine Schrift! zu Ende zu bringen, derentwegen ich sogar die
dringendsten Briefe aufgeschoben - und die ich, wie Du Dir denken kannst,
unter sehr schwierigen Umständen abgeschlossen habe. Nun, es ist geschafft, die letzten Seiten gehen morgen weg. Wieviel Zeit bis zum Druck
vergehen wird, weiß ich nicht.

Ich bedaure sehr, daß Du den Akkumulationsprozeß des Kapitals? nicht
übernehmen willst. Überlege es Dir noch einmal. Ich fürchte, wir werden
es ohne Hilfe von anderer Seite nicht schaffen, und, um Dir die Wahrheit zu
sagen, ich habe verdammt wenig Vertrauen in jene Unterstützung, die ich
hier bekommen mag. Aveling hat den besten Willen“, aber er soll fremden
Stoff übersetzen aus einem ihm unbekannten Deutsch in ein ihm unbekanntes Englisch; wenn es Naturwissenschaft wäre, wäre es leicht genug, aber
politische Ökonomie und industrielle Fakten, wo er nicht einmal mit den
allgemeinsten Begriffen vertraut ist. Und Sam, der das erste Kapitel weit
besser macht, als ich dachte, braucht so viel Zeit dazu. Und dabei wird die
Notwendigkeit, es herauszubringen, täglich größer, und K. Pfaul] und
Co., mit denen ich mich bald zu einigen hoffe, drängen; aber wenn ich
nicht das ganze Manuskript, sagen wir für November, versprechen kann,
werde ich schwerlich etwas abschließen können. Vielleicht versuchst Du es


1 „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ - * in der Handschrift
schrift deutsch: den besten Willen - in der Handschrift deutsch: aus einem ihm unbekannten Deutsch in ein ihm unbekanntes Englisch




mal mit einigen Seiten und siehst, wie Du damit zurechtkommst. Ein
- Deutsch-Englisches Wörterbuch wäre zwecklos; die Wörter, die Du nachsehen müßtest, würdest Du nicht darin finden; Du könntest sie auslassen,
und ich könnte sie einsetzen, es werden meist Fachausdrücke oder philosophische Termini sein.

Pauls conferences!!! sind ein großer Erfolg, die „New Yorker Volkszeitung“ druckt sie regelmäßig ab, in eigener Übersetzung, glaube ich.
Wenn die Franzosen zwei oder drei Leute hätten, die in der gleichen Weise
deutsche Publikationen aufnehmen könnten und würden, würde es ihnen
enorm weiterhelfen. Ich ahne schon, daß Paul, wenn mein „Ursprung der
Familie etc.“ herauskommt, ganz verrückt danach sein wird, ihn zu übersetzen; er enthält Dinge, die direkt auf seinem Gebiet liegen. Aber wenn er
es unternimmt, dann wird er die deutschen Wörter in der ihnen eigenen
Bedeutung übernehmen müssen und nicht in der Bedeutung, die er ihnen
zu geben beliebt, weil ich gar keine Zeit haben werde, daran zu arbeiten. Ich
werde jetzt mit dem 2.Band des „Kapitals“ anfangen und bei Tageslicht
daran arbeiten, die Abende sind für die Durchsicht der verschiedenen in
Arbeit befindlichen und angekündigten Übersetzungen vorgesehen. Diese
Schrift, mit der ich gerade fertig geworden bin, wird für eine ganze Weile
die letzte selbständige Arbeit sein. Würdest Du bitte Deville sagen, daß ich
bisher noch nicht Zeit gehabt habe, seine letzte conference zu lesen, es aber
noch im Laufe dieser Woche tun werde und hoffe, daß sie genausogut wie
die vorangegangenen ist. [4

Nun muß ich schließen, es ist schon nach elf Uhr und Nim will schlafen
gehen, sie hat „überall Schmerzen“, id est leichten Gelenkrheumatismus als
Folge einer Erkältung, und sie muß an der Tür stehen, während ich diesen
Brief einstecke, weil Annie schon zu Bett ist. Um Nim nun nicht länger von
ihrer so notwendigen Ruhe abzuhalten (sie hat schon ein bißchen in ihrem
Lehnsessel geschlummert), wirst Du hoffentlich den freien Platz hier unten
entschuldigen.

Übrigens scheint Liebknecht in Paris gewesen zu sein; die deutschen
Zeitungen berichten die erstaunlichsten Dinge über seine mysteriösen
Handlungen, so auch, daß er auf einem Bankett zusammen mit Leclere,
diesem Dummkopf, aufgetreten sei.”

Küsse von Nim und

Deinem Dir herzlich geneigten
F. Engels