Engels an Eduard Bernstein
in Zürich


London, 28. Jan. 1884

Lieber Bernstein,

Meinen Brief vom I. werden Sie erhalten haben. Ditto Kl den
vom 9.1 Wegen letzteren etwas unsicher wegen zweifelhafter Hausnummer
(38?), ich sandte ihm auch die gewünschten Photographien?.

“ Heute Anfrage wegen folgendem:

Unter Mlarx’]s Nachlaß wird sich Diverses fürs Parteiarchiv[!?”! eignen;
ich bin grade am Sortieren der Bücher etc. und bin froh, daß ich wieder
dazu imstande. Daneben aber findet sich manches hier Überflüssige, was
für eine Redaktionsbibliothek des Parteiorgans? sehr brauchbar wäre und
hier überflüssig ist, weil in duplo vorhanden. Zunächst Wörterbücher:
I. der große französisch-deutsche Mozin-Peschier, 5 Bände Quart, Einband sehr delabriert, 2. der alte italienische Jagemann, ebenfalls sehr gut,
3. spanische, holländische, dänische, vielleicht noch mehr. Ich weiß noch
nicht genau, ob Tussy nicht dies oder jenes zu behalten wünscht, wenn
nicht, soll ich sie nach Zürich schicken mit dem Rest? Daneben wird sich
auch noch dies und jenes finden, was man Ihnen offerieren könnte, sobald
ich weiß, daß Sie darauf eingehn.

Ferner wegen „Justice“. Dies Blatt ist ohne hinreichende finanzielle
und ohne jede literarische Vorbereitung plötzlich durch Hyndman in die
Welt geschleudert worden. „To-Day“ konnte sich halten, und nach
6-12 Monaten einem Wochenblatt den Weg bahnen. So aber müssen die
beiden sich die Kräfte entziehn. Aber H{yndman] kann nicht warten und
wird sich wahrscheinlich noch einmal die Finger verbrennen. Man hat
mich zur Mitarbeiterschaft aufgefordert, ich habe aus Zeitmangel abgelehnt. An „To-Day“ kann man sich ohne weiteres beteiligen, mit einem
als Parteiorgan auftretenden Wochenblatt geht das nicht, ehe man weiß,
wo und wie. Die beiden ersten Nummern zeigen durch ihren kompletten
Ideenmangel, daß die Leute schon am End ihres Lateins sind und das






Weitere von neuen Mitarbeitern erwarten. Kurz, es ist ein Fehlschuß, nur
unverhofft günstige Wendungen können ihm auf die Beine helfen.

Für den Fall, daß Herr v[on] d[er] Mark oder sonst jemand noch von
„Konzessionen“ unsrerseits an die Änarchisten sprechen sollte!!?], beweisen folgende Stellen, daß wir das Aufhören. des Staats proklamierten,
ehe es Änarchisten überhaupt gab: „Misere de la Philosophie“, pag. 177:

„La classe laborieuse substituera, dans son developpement, & l’ancienne
société civile une association qui excluera les classes et leur antagonisme,
et il n'y'aura plus de pouvoir politigue proprement dit, puisgue le pouvoir
politigue est precisement le resume officiel de l’antagonisme dans la societe
civile.“ ö

„Manifest“, Schluß des II. Abschnitts:

„Sind im Lauf der Entwicklung die Klassenunterschiede verschwunden ... so verliert die öffentliche Gewalt den politischen Charakter. Die politische Gewalt im eigentlichen Sinn ist die organisierte Gewalt einer Klasse
zur Unterdrückung einer andern.“ °

Die letzte Nr. des „S[ozialdemokrat]“ war wieder sehr gut. Lustig und
viel Stoff. Letzteres hängt allerdings nicht immer von der Redaktion ab.
Ihre Bearbeitung von Laflargue] ist allerliebst!"}, die deutschen Substitutionen haben mich enorm aufgeheitert.

Gruß an Klautsky].

i i Ihr

F.E.


4 „Die arbeitende Klasse wird in der Entwicklung an die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft eine Assoziation setzen, welche die Klassen und ihren Gegensatz ausschließt, und
es wird keine eigentliche politische Gewalt mehr geben, weil gerade die politische Gewalt der
offizielle Ausdruck des Klassengegensatzes innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft ist.“ (Vgl.

Band 4 unserer Ausgabe, S.182) - vgl. Band 4 unserer Ausgabe, S.482 - vom 24. Januar