Engels an August Bebel
in Borsdorf bei Leipzig!?0


Lieber Bebel, London, 10. Mai 83


Daß Du lieber nicht im Reichstag sitzest, glaub’ ich Dir gern. Aber Du
siehst, was Deine Abwesenheit möglich gemacht hat. Vor Jahren schon
schrieb mir Bracke: von uns allen ist es doch nur Bebel, der wirklichen
parlamentarischen Takt hat.°! Und das habe ich immer bestätigt gefunden. Es wird also wohl nicht anders gehn, als daß Du bei erster Gelegenheit
Deinen Posten wieder einnimmst, und ich würde mich sehr freuen, wenn
Du in Hamburg gewählt und damit von Deinen Zweifeln durch die Notwendigkeit erlöst würdest. !?)

Agitatorische und parlamentarische Arbeit werden auf die Dauer
sicher sehr langweilig. Es ist damit wie mit dem Annoncieren, Reklamemachen und Herumreisen im Geschäft: der Erfolg tritt nur langsam und
für manchen gar nicht ein. Aber es geht nun einmal nicht anders, und wer
einmal darin ist, muß das Ding bis zu Ende durchmachen, oder all die
vorige Mühe ist verloren. Und unter dem Sozialistengesetz!?! ist dieser
einzige offengebliebne Weg absolut nicht zu entbehren.

Der Bericht über den Kopenhagener Kongreß [#2] war immer so abgefaßt, daß ich genügend zwischen den Zeilen lesen und mir danach Liebknfecht]s wie immer rosig gefärbte Mitteilung berichtigen konnte. Jedenfalls sah ich, daß die Halben!?! eine derbe Niederlage erlitten, und glaubte
damit allerdings, daß sie jetzt die Hörner einziehn würden. Das scheint
also doch nicht in dem Grad der Fall zu sein. Über diese Leute haben wir
uns nie getäuscht. Hasenclever ebensowenig wie Hasselmann hätten nie
zugelassen werden dürfen, aber Liebkn[echt]s Überstürzung der Einigung,
gegen die wir damals aus Leibeskräften protestierten!, hat uns einen
Esel und für eine Zeitlang auch einen Schuft aufgeladen. Blos war seinerzeit
ein frischer couragierter Kerl, ist aber seit seiner Verheiratung etc. durch
Nahrungssorgen rasch mürbe gemacht. Geiser war immer eine Schlafmütze voller Einbildung und Kayser ein schwadronierender Commis-
Voyageur. An Rittinghausen war schan 48 nichts, er ist nur Sozialist pro




forma, um mit unsrer Hülfe seine direkte Volksregierung durchzusetzen.
Da haben wir doch Besseres zu tun.

Was Du über Lfie]bkfnecht] sagst, hast Du wohl schon lange gedacht.
Wir kennen ihn seit langen Jahren. Seine Popularität ist ihm Existenzbedingung. Er muß also vermitteln und vertuschen, um die Kriisis aufzuschieben. Dabei ist er Optimist von Natur und sieht alles rosenfarben.
Das erhält ihn so frisch und ist ein Hauptgrund seiner Popularität, aber es
hat auch seine Schattenseite. Solange ich nur mit ihm korrespondierte,
berichtete er nicht nur alles nach seiner eignen rosenfarbnen Anschauung,
sondern verschwieg uns auch alles, was unangenehm war, und wenn interpelliert, antwortete er soleichtfertig in den Taghhinein, daß mansich immer am
meisten darüber ärgerte: hält der Mann uns für sodumm, daß wir uns damit
fangen lassen! Dabei eine rastlose Geschäftigkeit, die in der laufenden Agitation gewiß sehr nützlich, die aber uns hier eine Masse nutzlose Schreiberei
auflud, eine ewige Projektenmacherei, die darauf hinauslief, andern Arbeit
aufzuladen - kurz, Du begreifst, daß bei alledem eine wirklich geschäftliche
und sachliche Korrespondenz, wie ich sie seit Jahren mit Dir und auch mit
Bernstein führe, rein unmöglich war. Daher ewiger Zank und der Ehrentitel,
den er mir scherzend hier einmal gab, ich sei der gröbste Kerl in Europa.
Meine Briefe an ihn waren allerdings oft grob, aber die Grobheit war bedingt
durch den Inhalt der seinigen. Niemand wußte das besser als Marx.

Dann ist Lfiebknecht] bei seinen vielen wertvollen Eigenschaften ein
geborner Schulmeister. Wenn einmal ein Arbeiter im Reichstag Mir statt
Mich sagt oder einen lateinischen kurzen Vokal lang ausspricht und die
Bourgeois lachen, dann ist er in Verzweiflung. Daher muß er „jebildete“
Leute haben, wie den Schlappes Viereck, die uns mit einer Rede im Reichstag ärger blamieren würden als 2000 falsche „Mir“. Und dann kann er
nicht warten. Der augenblickliche Erfolg, und wenn damit ein weit größerer
späterer geopfert wird, geht allem vor. Das werdet Ihr in Amerika erfahren, wenn Ihr nach Fritzsche und Viereck kommt.!*!! Deren Sendung
war ein ebenso großer Bock wie die überstürzte Einigung mit den Lassalleanern, die Euch 6 Monate später von selbst zugefallen wären -, aber als
desorganisierte Bande, ohne die verlumpten Führer.

Du siehst, ich spreche, im Vertrauen, ganz offen mit Dir. Ich glaube
aber auch, daß Du gut tätest, der überredenden Suade Lfielb[knechtls
einen entschiednen Widerstand entgegenzusetzen. Dann wird er schon
nachgeben. Wenn er wirklich vor die Entscheidung gestellt ist, geht er
sicher den richtigen Weg. Er täte es aber lieber morgen als heute und lieber
über ein Jahr als morgen.




Wenn in der Tat einige Abgeordnete für Bismarcksche Gesetze stimmten!}, also den Tritt in den Hintern mit einem Kuß auf den seinigen beantworteten, und wenn die Fraktion die Leute nicht ausstieß, so wäre ich
allerdings ebenfalls in der Lage, mich öffentlich von der Partei loszusagen,
die das duldet. Soweit ich weiß, wäre das indes nach der bestehenden
Parteidisziplin, wo die Minorität mit der Majorität stimmen muß, unmöglich. Doch das weißt Du besser als ich.

Ich würde jede Spaltung, unter dem Sozialistengesetz, für ein Unglück
halten, da jedes Mittel der Verständigung mit den Massen abgeschnitten
ist. Aber es kann uns aufgezwungen werden, und dann muß man den Tatsachen ins Gesicht sehn. Wenn also so etwas passiert - wo Du auch sein
magst -, sei so gut, mich zu unterrichten, und zwar sofort, denn ich bekomme meine deutschen Zeitungen immer erst sehr spät.

Blos hat mir allerdings, als er, aus Hamburg ausgewiesen, nach Bremen
ging, einen sehr jammervollen Brief geschrieben, und ich ihm sehr entschieden geantwortet.[#! Nun liegen aber meine Briefschaften seit Jahren
in der ärgsten Konfusion, und es würde Tagesarbeit kosten, diesen zu
finden. Ich muß aber einmal Ordnung schaffen, und wenn es sein muß,
schicke ich Dir den Brief im Original.

Deine Auffassung der Geschäftsverhältnisse bestätigt sich in England,
Frankreich und Amerika.!“*! Es ist eine Zwischenkrise wie die von 1841-42,
aber auf weit kolossalerer Stufenleiter. Der zehnjährige Kreislauf hat sich
überhaupt erst seit 1847 (wegen der kalifornischen und australischen Goldproduktion und damit vollständigen Herstellung des Weltmarkts) klar
entwickelt. Jetzt, wo Amerika, Frankreich, Deutschland anfangen, das
Weltmarktmonopol von England zu brechen, und wo daher die Überproduktion wieder, wie vor 47, anfängt, sich rascher geltend zu machen,
jetzt kommen auch die fünfjährigen Zwischenkrisen wieder auf. Beweis
der vollständigen Erschöpfung der kapitalistischen Produktionsweise. Die
Periode der Prosperität kommt nicht mehr zu ihrer vollen Entwicklung,
schon nach 5 Jahren wird wieder überproduziert, und selbst während
dieser 5 Jahre geht es im ganzen schofel ab. Was aber keineswegs beweist,
daß wir nicht 1884-87 wieder eine ganz flotte Geschäftszeit haben, wie
1844-47. Dann aber kommt der Hauptkrach ganz sicher.

11.Mai. Ich wollte. Dir noch weiter über die allgemeine Handelslage
schreiben, allein es ist Post-Einschreibezeit darüber geworden. Also auf
nächstens.

Dein |
F.E.