Engels an Marx


in Ventnor


London, 19. Dez.:1882
Lieber Mohr, Ze
Gestern abend 5 Uhr Deinen Brief, heute morgen das Ms.! "2! zurück-

erhalten. Dein Urteil sehr schmeichelhaft, ich kann's, wenigstens was die

Form angeht, nicht teilen. Da heute schöner warmer Mittag, wirst Du wohl

endlich auf ein paar Stunden vom Hausarrest entbunden worden sein. Wir

hier haben freilich seit I| Uhr wieder zunehmenden, ab und zu nächtlich
werdenden Nebel.

Die Podolinski-Geschichte!!#! stelle ich mir so vor. Seine wirkliche Entdeckung ist die, daß menschliche Arbeit imstande ist, Sonnenenergie länger
auf der Oberfläche der Erde festzuhalten und wirken zu lassen, als ohne sie
der Fall sein würde. Alle seine daraus gezognen ökonomischen Folgerungen
sind falsch. Ich habe das Ding nicht zur Hand, las es aber noch neulich
italienisch in der „Plebe“. Den Fragpunkt: Wie kann die in einer bestimmten
Menge Nahrungsmittel gegebne Energiemenge durch Arbeit eine größere
Energiemenge hinterlassen als sie selbst, löse ich mir so: Gesetzt, die für
einen Menschen täglich nötigen Lebensmittel repräsentieren eine Energiemenge, ausgedrückt durch 10 000 WE (Wärmeeinheiten). Diese 10 000 WE
bleiben in alle Ewigkeit = 10 000 WE und verlieren in der Praxis, bei der
Umwandlung in andre Energieformen, wie bekannt, durch Reibung etc.
einen nicht nutzbar zu machenden Teil. Im menschlichen Körper sogar bedeutend. Die in der ökonomischen Arbeit geleistete physikalische Arbeit
kann also nie = 10 000 WE sein, sie ist immer kleiner. |

Aber physikalische Arbeit ist darum noch lange keine ökonomische Arbeit.
Die von den 10 000 WE geleistete ökonomische Arbeit besteht keineswegs
in der Reproduktion derselben 10 000 WE ganz oder teilweise, in dieser oder
jener Form. Diese gehn im Gegenteil größtenteils verloren, in vermehrter
und ausgestrahlter Körperwärme etc., und was von ihnen nutzbar bleibt,
ist die Düngfähigkeit der Exkremente. Die ökonomische Arbeit, die ein


I Friedrich Engels: „Die Mark“


134 70 - Engels an Marx - 19. Dezember 1882


Mensch vermittelst Aufwendung dieser 10 000 WE leistet, besteht vielmehr in der Fixierung, auf längere oder kürzere Zeit, von neuen, von der
Sonne ihm zugestrahlten WE, die mit den ersten 10 000 WE nur diesen
Arbeitszusammenhang haben. Ob nun die durch Aufwendung der 10000 WE
der täglichen Nahrung fixierten neuen WE 5000, 10 000, 20 000 oder eine
Million betragen, das hängt allein von dem Entwicklungsgrad der Produktionsmittel ab.

Rechnungsmäßig darstellen läßt sich dies auch nur an den primitivsten
Produktionszweigen: Jagd, Fischerei, Viehzucht, Ackerbau. Bei Jagd und
Fischerei wird nicht einmal neue Sonnenenergie fixiert, sondern nur bereits
fixierte nutzbar gemacht. Dabei ist es klar, daß - normale Ernährung des
Betreffenden vorausgesetzt, das Quantum Eiweiß und Fett, das er erjagt oder
erfischt, unabhängig ist von dem Quantum dieser Stoffe, das er verzehrt.

Bei der Viehzucht wird insofern Energie fixiert, als sonst rasch verwelkende, absterbende und sich zersetzende Pflanzenteile planmäßig in
tierisches Eiweiß, Fett, Haut, Knochen etc. verwandelt, also länger fixiert
‚werden. Die Berechnung wird hier schon verwickelt.

Noch mehr beim Ackerbau, wo der Energiewert der Hülfsstoffe, Dünger etc. ebenfalls mit in Rechnung kommt.

Bei der Industrie hört vollends alle Berechnung auf: die dem Produkt
hinzugefügte Arbeit läßt sich meist gar nicht mehr in WE ausdrücken. Wenn
dies z.B. bei einem Pfund Garn allenfalls noch angeht, indem dessen Zähigkeit und Widerstandsfähigkeit sich mit Ach und Krach noch in einer mechanischen Formel wiedergeben läßt, so erscheint es hier doch schon als reine
nutzlose Pedanterie und wird schon bei einem Stück Rohtuch, noch mehr
beim gebleichten, gefärbten, gedruckten, absurd. Der Energiewert, den
Produktionskosten nach, eines Hammers, einer Schraube, einer Nähnadel
ist eine unmögliche Größe.

Ökonomische Verhältnisse in physikalischen Maßen een zu
wollen, ist meiner Änsicht nach rein unmöglich.

Was Podlolinski] total vergessen hat, ist, daß der arbeitende Mensch
nicht nur ein Fixierer gegenwärtiger, sondern ein noch viel größerer Verschwender vergangner Sonnenwärme ist. Was wir in Verschleuderung von
Energievorräten, Kohlen, Erze, Wälder usw. leisten, kennst Du besser als
ich. Von diesem Gesichtspunkt aus erscheint auch Jagen und Fischen nicht
als Fixierung neuer Sonnenwärme, sondern als Aufbrauchen und schon beginnende Verschwendung von bereits vorher akkumulierter Sonnenenergie.

Ferner: was der Mensch absichtlich durch Arbeit, das tut die Pflanze


unbewußt. Die Pflanzen - das ist ja schon eine alte Geschichte - sind die




großen Aufsauger und Äblagerer von Sonnenwärme in veränderter Form.
Durch die Arbeit, soweit sie Sonnenwärme fixiert (was in der Industrie und
auch sonst keineswegs ausnahmslos der Fall), bringt es der Mensch also
fertig, die natürlichen Funktionen des Energie verzehrenden Tiers mit
denen der Energie aufsammelnden Pflanze zu vereinigen.

Der Pod[olinski] ist von seiner sehr wertvollen Entdeckung ab auf Abwege gekommen, weil er einen neuen naturwissenschaftlichen Beweis für
die Richtigkeit des Sozialismus finden wollte und daher Physikalisches und
Ökonomisches vermengt hat.

Inl. cheque für £ 40, damit Du ihn einkassieren kannst, wann Du willst,
und den Rücken gedeckt hast.

Wegen Tussys Kommen werde ich heut abend mit ihr sprechen. Was
uns angeht, so ist Jollym[eyer] natürlich gleich darauf eingegangen; Näheres
kann erst arrangiert werden, wenn er kommt.” Morgen mehr.


Dein
F.E.


2 siehe vorl. Band, S.131


136 71 - Engels an Marx » 22. Dezember 1882