Engels an Eduard Bernstein


in Zürich


London, 27. Okt. 1882
Lieber Herr Bernstein,
In aller Eile Schluß der Pariser Geschichten!, da ich nicht annehmen
kann, daß die Pariser Ihnen die Sachen zuschicken - wir selbst hier müssen
sie den Leuten gewaltsam abpressen.

Also der „Citoyen“ unter der alten Redaktion erschien fort, während
Lisslagaray| „Le Citayen et la Bataille“ redigierte, mit Beihülfe zweier
Anarchisten Mals und Crie. Freitag abend läßt „Citloyen] et Batlaille]“
einen Versuch machen, den „Cit[oyen]“* zu konfiszieren (polizeilich) wegen
eines Feuilletons Wanda Kryloft, worauf der Eigentümer des alten „Cit[oyen]“, Blommestein, holländischer Finanzier und jetzt Associ& von Lisslagaray], Eigentumsrechte beanspruchte. Rechtzeitig gewarnt, nahm man
das Feuilleton heraus, und der konfiszierende Polizeikommissar mußte mit
langer Nase abziehn. Am Sonntag erklärt die Redaktion von „Citoyen et
Bataille“, wenn wieder Beschlagnahmeversuche gemacht werden sollten
gegen den „Citoyen“, werde sie en masse (3 Mann) abtreten. Denselben
Abend, Sonntag, wird der „Citoyen des deux mondes“, wie er sich auf Juristischen Rat genannt, beschlagnahmt wegen unberechtigter Titelführung,
wiederum auf Antrag von Blommestein. Am Montag, d.h. Dienstag morgen erscheint er wieder als „Citoyen international“ und fordert die Redaktion von „Citloyen] et Bat[aille]“ auf, ihr Wort zu halten und abzutreten.
Fällt dieser nicht ein. Mals und Cri& erklären unterderhand, sie würden
jedenfalls abtreten, tun es aber nicht; Cri& wird wegen angeblicher Mitschuld in Montceau-les-Mines!*”! verhaftet und sitzt.

Inzwischen, da die Redaktion des „Cit[oyen]“ jeden Tag Beschlagnahme
befürchten muß, wenn sie nicht den Titel ändert, hat sie seit 4 Tagen das
Blatt „L'Egalite“ genannt, woneben die wöchentliche „Egalite“ forterscheinen soll. Woher sie das Geld haben, weiß ich nicht, seit 3 Wochen
haben wir keine Nachricht von den Leuten. Heute ist auch keine „Egalite“






angekommen. Aber das genie eminemment organisateur? der Franzosen
beweist sich, namentlich bei unsern Freunden, in der Organisation der
kolossalsten Unordnung, so daß daraus keine Schlüsse zu ziehn.

Der Versuch, den „Cit[oyen]“ mit Hülfe der Gerichte und Polizei totzumachen, reißt den Liss[agaray] den letzten deckenden Fetzen vom Leibe.
Er hat Dummheit und Gemeinheit in seltnem Maß vereinigt.

Marx läßt Siebitten, ihm einen Abdruck des Schweizer Fabrikgesetzes!"!
zukommen zu lassen. Wenn Sie uns sagen können, in welchem Jahr ungefähr das jetzt in Deutschland herrschende Fabrikgesetz zustande gekommen und ob es ein besondres Gesetz ist oder Teil der Reichsgewerbeordnung, würden Sie uns verbinden. Wir können es uns dann schon verschaffen.
Mlarx] braucht es zur 3. Auflage des I.Bands, und verspricht Ihnen dafür,
gelegentlich auch etwas für den „S[ozialdemokrat]“ zu schicken. Er geht
in einigen Tagen nach der Insel Wight, wo er, wenn nichts Böses passiert,
den Winter über bleiben wird (5-6 Stunden Fahrt von hier).

Ihr Mister Garcia ist einer von den vielen kleinen Demokrätchen, die
hier in London herumlaufen und in allen Vereinen mitmachen. Ihr neustes
Zentralhaupt oder, wie Stieber sagte, Hauptchef ist ein Barrister Hyndman,
stark demokratischer Streber und durchgefallner Parlamentskandidat der
letzten Wahlen. Alle diese Leutchen haben niemand hinter sich als einer
den andern. Sie spalten sich in allerhand Sekten und in den nichtsektiererischen allgemein-demokratischen Duselschwanz. Hauptsache ist, sich der
Welt als wichtig aufzuspielen. Daher alle die Aufzählung der unbekannten
Zelebritäten in seinen Korrespondenzen. Guter Wille ist bei den meisten
‚reichlich vorhanden, aber auch der gute Wille, eine Rolle zu spielen. Ich
würde Ihnen daher raten, sehr vorsichtig mit den Briefen des Manns zu sein:
eine kleine Clique, die seit zwanzig Jahren unter verschiednen Namen und
Formen dieselbe Nullität geblieben — diese Nullität als wichtige Partei aufzuspielen, ist schließlich Hauptzweck. Der „S[ozialdemokrat]“ scheint mir
aber nicht deshalb da zu sein, um diesen emsigen Impotenzen einen kontinentalen Ruf zu verschaffen. Inl. eine Karte von einem der kleinen Vereine,
wo Garcia Sekretär, und wo er mich auch neulich einen Vortrag zu halten
aufforderte; ich bedankte mich natürlich. |

Ich warte mit Schmerzen auf das Bismarck-Material.* Wenn Marx] jetzt
abreist, geh’ ich ernsthaft an die Arbeit, und gerate ich da fest in einer
größeren Arbeit’, die längst abgemacht sein sollte, so komme ich so bald






nicht wieder los, und ich sage Ihnen im voraus, dann müssen Sie warten.
Hätte ich die Sachen hier, so könnte ich gleich dran und dieses Geschäft
vorher abmachen. Bebel hat versprochen, aber nichts geschickt und geht
nun noch gar ins Loch, wo Liebk[necht] schon ist!), und von den andern
werde ich wohl erst recht nichts bekommen!

Inl. für Kautsky.!°°] Besten Gruß.


Ihr
F.E.