Engels an Eduard Bernstein


in Zürich


London, 9. Aug. 1882
Lieber Herr Bernstein, | |
Heute in aller Eile einige Bemerkungen, da ich in ein paar Tagen an die

See gehe und alle Hände voll habe.

l. Die deutsche Herausgabe von „Socialisme utopique et socialisme
scientifique“ ist mir auch schon seit längerer Zeit durch den Kopf gegangen,
namentlich seit ich gesehn, welche förmliche Revolution das Ding in den
Köpfen vieler besseren Franzosen angerichtet. Es freut mich, daß unsre
Ansichten sich da begegnen.!*"! Nur aber ist der deutsche Text, weil gedrängter, auch bedeutend schwieriger, als der, manches vernachlässigende,
französische. Das Ding, ohne innere Schädigung, so zu popularisieren,
daß es für den Zweck einer allgemein brauchbaren Propagandabroschüre
tauglich wird, ist eine schwere Aufgabe, indes ich will an der See mein möglichstes tun. Wann können Sie anfangen zu drucken und wie lange Zeit
wird der Druck erfordern? Selbstredend müßte mir Revisionsabzug eingeschickt werden (doppelter nach französischer Art, was sehr viel Vorteile
[QA: garble stripped 2026-06-23]

2. Sie mußten selbstverständlich der Ansicht sein, bei unsrer alten
Freundschaft habe Liebkn[echt] ein förmliches Recht, Sie um Übergabe
meines Briefs! zu bitten, und Sie seien verpflichtet, ihn ihm zur Verfügung
zu stellen. Darin finde ich durchaus nichts, worüber ich mich beklagen
könnte. Sie konnten nicht wissen, daß von den vielen Differenzen, die ich
mit Lfiebknecht] gehabt, */, auf solche Eigenmächtigkeiten seinerseits
fielen, auf öffentlichen Mißbrauch von Privatbriefen, auf alberne oder dem
Sinn der Stelle direkt widersprechende Noten zu meinen Artikeln etc. Auch
jetzt hat er meinen Brief in einer nicht zu rechtfertigenden Weise gebraucht.
Der Brief war mit direktem Bezug auf Ihren Artikel geschrieben. L[iebknecht] behandelt ihn, als wäre er „meine“ Darstellung der ganzen irischen
Frage. Das ist furchtbar leicht, und namentlich, wenn man gegen ihn




Reden von Davitt ins Geschirr führt, die zur Zeit der Briefabfassung noch
gar nicht gehalten waren, auch den Brief gar nichts angehn, da DJ[avitt] mit
seinem Staatsgrundeigentum bis jetzt nur ein Symptom ist. Aber so leicht
macht sich’s L[iebknecht] immer, wenn er mal als der „Überlegene“ sich
präsentieren will. Nun, ich gönne ihm den Spaß, aber er soll meine Briefe
dazu nicht mißbrauchen und so zwingt er mich dazu, Sie für die Zukunft
zu bitten (ich will mich möglichst korrekt diplomatisch ausdrücken) de lui
donner - tout au plus - lecture de ae lettres sans cependant lui abandonner l’original ni lui en laisser copie“.

3. Ich habe Marx wegen der Hirsch-Mehringiade! das Nötige in möglichst humoristischer Form mitgeteilt”, und ich fürchte, Carlchen? wird,
wenn er Mlarx] sehen sollte, ein nicht sehr erfreuliches Viertelstündchen
durchzumachen haben.

4. Es scheint mir, daß Sie in der ägyptischen Sachel! die sog. Nationalpartei zu sehr in Schutz nehmen. !*!?! Von Arabi wissen wir nicht viel, aber
es ist 10 zu ] zu wetten, daß er ein ordinärer Pascha ist, der den Financiers
die Steuereinnahmen nicht gönnt, weil er sie selbst auf gut orientalisch in
den Sack stecken will. Es ist wieder die ewige Geschichte der Bauernländer.
Von Irland bis Rußland, von Kleinasien bis Ägypten ist der Bauer eines
Bauernlands dazu da, exploitiert zu werden. So war es seit dem assyrischen
und persischen Reich. Der Satrap alias Pascha ist die orientalische Hauptform des Ausbeuters, der Kaufmann und Jurist die moderne westliche.
Repudiation der Khedivschulden ist schon ganz gut, aber die Frage ist,
was dann? Und wir westeuropäischen Sozialisten sollten uns da nicht so
einfach fangen lassen wie die ägyptischen Fellahs und wie - alle Romanen.
Sonderbar. Alle romanischen Revolutionäre jammern darüber, daß sie stets
Revolutionen zum Besten andrer Leute gemacht - sehr einfach, weil sie
stets auf die Phrase „Revolution“ hereingefallen sind. Und doch kann kaum
irgendwo ein Krawall losgehn, so schwärmt das ganze revolutionäre Romanentum dafür - ohne alle Kritik. Meiner Ansicht nach können wir sehr
gut für die unterdrückten Fellahs auftreten, ohne deren momentane Ilusionen (denn ein Bauernvolk muß jahrhundertelang geprellt werden, eh es
durch Erfahrung klug wird) zu teilen, und gegen die Brutalitäten der Engländer, ohne grade deshalb für deren momentane militärische Gegner solidarisch einzutreten. In allen Fragen internationaler Politik sind die gefühlspolitischen französischen und italienischen Parteiblätter mit höchstem Miß-


2 ihm meine Briefe - allerhöchstens - zum Lesen zu geben, ohne ihm jedoch weder das




trauen zu gebrauchen, wir Deutschen aber sind verpflichtet, die theoretische Überlegenheit, die wir einmal haben, auch auf diesem Gebiet durch
Kritik zu bewähren.

Jetzt aber genug der Kritik. Leider habe ich heute nicht mehr die Zeit,
Ihnen einen Beitrag zum Feuilleton zu schicken. **! Ich halte speziell
darauf, dem braven Carlchen durch die Tat zu beweisen, welch kolossale
Kindereien er dem Mehring über mein Verhältnis zum „S[ozialdemokrat]“
aufgebunden hat. Sie bekommen’s aber bald, und können dann, wenn Sie
Lust haben, meinetwegen in einer Notiz direkt darauf hinweisen, - natürlich ohne Carlchen zu nennen, der allerdings jetzt in der Tat nach frischem
Wasser schreien dürfte.

Nun besten Gruß. Von der Kiste aus schicke ich Ihnen, wenn irgend
möglich, auch einen Brief für ce brave? Kautsky, dessen Adressen, soweit
ich sie habe, etwas alt geworden sind. Die letzte war an ein Frauenzimmerchen mit französischem Namen - hoffentlich eine tatsächliche Dechk-
Adresse?

Ihr
[QA: garble stripped 2026-06-23]








Eüsd: an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken


London, 10. Aug. 82

Lieber Sorge,

Inl. Quittung von der „Egalite“, eine bessere kann ich Dir von dieser
tamosen Geschäftsführung nicht verschaffen. Seit Laura Lafargue nach
Paris, sehen und hören wir hier nichts mehr von dem Blatt. Die gezahlte
Summe war 14 Schillings.

„Labour Stand[ard]“, 1. Juli-5. Aug. geht heute in 2 Paketen ab. Es
wäre Unsinn, wenn Du speziell auf das Ding abonnieren wolltest. Ich
schicke Dir einfach mein Exemplar, statt es in den Papierkorb zu werfen.!

Mlarx] noch in Argenteuil #39), Schwefelkur brauchend in Enghien für
chronische Bronchitis. Vor Rückfällen von Pleuritis hat er sich noch sehr
zu hüten. Weiteres wissen die Ärzte oder vielleicht auch nicht.

In großer Eile

Dein
[QA: garble stripped 2026-06-23]


u LLLLLe—— ea... Gi rn