Engels an Eduard Bernstein


in Zürich


London, 15. Juli 1882

Lieber Herr Bernstein, |

Ich antworte Ihnen gleich auf Ihren letzten Brief, wegen des Postsonntags
gibt das sonst 3 Tage Unterbrechung.

Die Mehringiade!”! war mir hier durch einen Bekannten mitgeteilt, ich
erkannte sofort Verfasser und Zuflüsterer. Hirsch hat sich, seit seine Pläne
wegen des „Slozialdemokrat]* damals bei Ihrer und Bebels Anwesenheit
so gründlich scheiterten, in einen lächerlichen Zorn gegen die „Züricher“
hineingearbeitet. Wir haben ihm oft genug die stärksten Winke gegeben,
daß wir ihm auf dies Gebiet nicht folgten, er vielmehr alles auf eigneVerantwortlichkeit tue, aber das hilft nur so weit, daß er uns mit seinen Lamentationen in Ruhe läßt. Er ist übrigens längst wieder (geduldet) in Paris und
hat sich vorigen Samstag, 8. Juli, mit einem Frl. Lina Haschert verheiratet.

Was den Inhalt der Sache selbst angeht, so liegt für uns kein Grund vor,
einzuschreiten. Mehring hat über uns so viel Lügen in die Welt geschickt,
daß wir die andern alle indirekt für Wahrheit erklären würden, wollten wir
eine einzige dementieren. Seit Jahren haben wir all das Lügengeschwätz
unberücksichtigt gelassen, wenn nicht höchste Notwendigkeit zur Antwort
zwang. Da unsre Leute über die „Volks-Ztg.“ disponieren, würde die einfache Mitteilung genügen, daß am ? Juni ein Artikel von mir mit meiner
Unterschrift im „Slozialdemokrat]“ stand.! Das ist die beste Antwort. Sie
selbst können ja auch im „Slozialdemokrat]“, wie beabsichtigt, darauf Bezug nehmen, und daß Mlarx] und ich unsre öffentlichen Schritte stets nach
Verabredung tun. Es ist mir sehr lieb, daß der Artikel im „S[ozialdemokrat]“
grade jetzt erschienen, das schlägt all den Dummheiten auf den Kopf.

Ändrerseits aber glaube ich, daß Sie gut tun, Höchberg aus dem Spiele
zu lassen. Er will ja grade als bloßer Privatmann erscheinen und kann sich
daher auch selbst verteidigen, wenn er’s für nötig hält. Ich weiß nicht, ob
ihm damit gedient wäre, die alte Geschichte mit dem Jahrbuchartikel °?°!
etc. wieder aufzuwärmen - sollten da innerhalb der Partei Zweifel über unsre




Stellung entstehn, so könnten wir genötigt sein, darauf zurückzukommen,
was ich wenigstens für ganz überflüssig halte.

Da Mlarx] in Argenteuil ganz verborgen lebt und seine Anwesenheit
möglichst geheimhält, so hat er Hlirsch]! gar nicht gesehn, wenigstens
meines Wissens nicht, und wird auch gar nicht auf ihn versessen sein.
Mlarx] hat Ruhe nötig und so will ich ihn nicht mit der ganzen Geschichte
belästigen, eh es absolut nötig wird, d.h. ehe Hirsch] weiterklüngelt.

Kautsky hat mir einen, ja zwei lange Briefe geschrieben !], über alles
und andres, aber, wie ich Ihnen schon schrieb“, ich habe nicht mehr die
Zeit zu solchen langen Korrespondenzen und müßte sogar, um auf dies und
jenes einzugehn und antworten zu können, noch Spezialstudien machen.
Das ist der ganze Grund meines Stillschweigens.

Über Chartismus kenne ich absolut nichts Gutes. Wenn ich unsern
alten Freund Harney in Boston (Exredakteur des „Northern Star“) dahin
bringen könnte, eine Geschichte des Chartismus zu schreiben, so wäre das
der Mann.

Besten Gruß.

Ihr
F. Engels


Ich selbst bin mit Hirsch] so sehr außer aller Korrespondenz, daß ich
gar keinen Anlaß habe, ihm über diese Geschichte meine Ansicht mitzuteilen. Sollte sich Anlaß bieten, so würde ich ihn natürlich benutzen.