Marx an Jenny Longuet


in Ärgenteuil


[Algier] 6. April 82

Mein süßes Kind, |

Gerade jetzt brachte mir Richter Ferm& Deinen Brief vom 31. März;
ich bin über Deine Briefe immer hocherfreut, doch wann, mein liebes Kind,
fandst Du bloß die Zeit, sie zu schreiben? Ich denke oft voller Sorge an
Deinen kleinen Haushalt, der auf die Dienste dieses wunderlichen Kauzes
Emilie beschränkt ist, und die vier kleinen Jungen! würden ja allein schon
die ganze Arbeitszeit eines erstklassigen Dienstboten in Anspruch nehmen.

Ferme übergab mir auch vor einigen Tagen die versprochenen Exemplare der „Justice“ (darin die Hirngespinste von Hirsch abgedruckt aus
Madame Adams „Revue“ 392)) - Longuets Artikel über den „greve“ ? sind
sehr gut. Nebenbei bemerkt: Er sagt, daß Lassalle nur die Worte erfunden hat
(nicht das Gesetz selbst!!, das von Ricardo, Turgot usw. entwickelt
wurde!#)), In Wirklichkeit hat Lassalle jedoch den dem deutschen „Gebildeten“ wohlbekannten Ausdruck Goethes entliehen, der seinerseits Sophokles’
„ewige unwandelbare Gesetze“ in „ewige eherne Gesetze“? änderte”),

Ferme& mußte mir in meinem „chambre“ schweigend und lesend gegenübersitzen, bis ich einen Brief an Tussy beendet hatte (von ihr hatte ich
am gleichen Tage einen Brief erhalten, ditto einen von Engels'?'), damit er
für den Boten nach Algier fertig würde.

Ich erwarte heute Dr. Stephann. Wenn er kommt, werde ich Dir über
seine Untersuchung berichten können, ehe ich morgen früh diese Zeilen an
Dich absende. Inzwischen geht die Besserung meines Gesundheitszustands
einigermaßen voran, wenn auch langsam für jemanden, der begierig ist,
wieder aktiv zu sein und dieses stupid metier* eines Invaliden aufzugeben.
Diese ganze Verzögerung rührt nur von diesem scheußlichen algerischen
Klima her. Es ist völlig abnormal, wie man es in den 12 Jahren von Fermes
Aufenthalt hier noch nie erlebt hat. Das Wetter ist weiterhin unbeständig,


unwandelbare Gesetze“, „ewige eherne Gesetze“ - * stupide Gewerbe




veränderlich, launenhaft; Aprilwetter, Sonne wechselt plötzlich in Regen,
Hlitze in Kühle und eisige Kälte, ein klarer Himmel wird plötzlich düster,
fast schwarz, und die trockene Atmosphäre ist auf einmal voller Wasserdampf; mit einem Wort: das Wetter ist weit davon entfernt, „beständig“
zu sein oder den Charakter eines durchschnittlichen „normalen“ algerischen
„Frühlingswetters“ anzunehmen. Gleichwohl, wenn der Wind nicht heftig
bläst, wenn es nicht regnet, dann sind die frühen Aprilstunden angenehm,
so daß ich meine morgendlichen Spaziergänge heute, gestern und vorgestern
unternehmen konnte. So genoß ich drei aufeinanderfolgende Morgenspaziergänge von ein bis zwei Stunden.

Ich werde gerade durch einen Lärm unterbrochen, der aus dem kleinen,
in Terrassen ansteigenden Garten (ein rotblühender Garten?) kommt, der
die Auffahrt zu unserer Veranda bildet (dahinter die erste- &fage unserer
Villa), während mein chambre auf der zweiten dtage (nebst 5 anderen) auf
die kleine Galerie über der Veranda führt, von beiden hat man einen Ausblick auf das Meer und nach allen Seiten auf ein entzückendes Panorama.
Also, der Lärm rief mich auf die Galerie; wie würde der kleine Johnny
lachen, wenn er jetzt bei mir wäre, so herzlich, so fröhlich, denn unten im
Garten tanzte ein wirklich pechschwarzer Neger, spielte auf einer kleinen
Fiedel, schlug seine langen Eisenkastagnetten, wand dabei seinen Körper in
wunderlichen Verrenkungen und verzog sein Gesicht zu einem breiten,
fröhlichen Grinsen. Diese algerischen Neger waren früher im allgemeinen
Sklaven der Türken, Araber usw., wurden aber unter dem französischen
regime frei. | |

Hinter ihm, dem besagten Neger, schaut eine andere Gestalt zu, in
würdevoller Haltung, und lächelt ziemlich herablassend über die Darbietung des Schwarzen. Das ist ein Maure (englisch Moor, deutsch Mohr);
übrigens werden die Mauren in Algerien die Araber genannt, eine kleine
Minderheit derselben, die sich aus der Wüste und ihren Gemeinschaften
zurückgezogen hat, wohnt in den Städten neben den Europäern. Sie sind
größer als im Durchschnitt die Franzosen,. haben ovale Gesichter, Adlernasen, große und glänzende Augen, schwarzes Kopf- und Barthaar, und
ihre Hautfarbe durchläuft eine echelle von fast weiß bis dunkel-bronzefarben. Ihre Kleidung - selbst wenn zerlumpt - ist elegant und anmutig,
eine culotte” (oder ein Mantel, eher eine Toga aus feiner, weißer Wolle) oder
ein capot d capuchon?; ihre Kopfbedeckung (wozu auch der capuchon bei


puzenumhang




ungünstigem (zu heißem usw.) Wetter dient), ist ein Turban oder ein Stück
weißer Musselin, der um die calottes? gewunden wird; im allgemeinen lassen
sie ihre Beine nackt, auch die Füße, manchmal aber tragen sie pantoufles
aus gelbem oder rotem Saffian. |

Selbst der ärmste Maure übertrifft den größten europäischen Komödianten in der „art de se draper“ dans son capot! und natürliche, anmutige und
würdevolle Haltung zu bewahren, ob er geht oder steht. (Wenn sie reiten
auf ihren Maultieren oder Eseln oder ausnahmsweise auf Pferden - sie
lassen immer beide Beine auf einer Seite herunterhängen, statt wie ein
Europäer das Pferd zwischen die Beine zu nehmen -, dann bieten sie ein
Bild der Lässigkeit.)

Also, der besagte Maure - hinter dem Neger in unserem Garten - bietet
mit lauter Stimme „Orangen“ und „Hähne“ (einschließlich Hennen) feil,
eine seltsame Mischung dieser gängigen Artikel. Zwischen dem Mauren,
der sogar jetzt majestätisch wirkte, und dem tanzenden grinsenden Nigger
stolziert ein Tier einher - ein höchst eitler Pfau (der einem der Pensionäre
bei uns gehört) mit einem wundervollen blauen Hals und einem reich verzierten langen Schwanz. Wie gern hörte ich das Lachen meines Johnny
über dieses Trio!

Es ist jetzt 4 Uhr nachmittags (einen Teil des Nachmittags unterhielt ich
mich natürlich mit Ferme, der mir Deinen Brief gebracht hatte, später
begab er sich nach Algier). Es regnet in Strömen, das plötzliche Absinken
der Temperatur ist äußerst unangenehm. Meine besten Grüßs an Dr.
Dourlen!


7. April 82


Es regnete die ganze Nacht hindurch; heute morgen ist der Himmel bedeckt, aber kein Regen; angenehme Luft, aber zu sehr mit Wasserdampf
gesättigt. Ich bin eine Stunde spazierengegangen (9-10 Uhr vormittags),
ungewiß, ob der Regen mich nicht überraschen wird - aber bis jetzt nicht.
Da Dr. Stephann weder gestern noch vorgestern kam, schrieb ich ihm heute
morgen, aber keinesfalls können diese Zeilen die ärztliche Untersuchung
abwarten, weil sie heute noch abgeschickt werden sollen. Er wird nicht vor
5 Uhr nachmittags kommen. Du siehst, es ist ein gutes Zeichen, daß der
Doktor mich ein bißchen vernachlässigt; mit anderen Worten, er ist nicht
mehr so besorgt, daß er seine Visiten in kurzen Abständen genau einhält.


9 Köpfe - "° „Kunst, sich“ in seinen Umhang „zu hüllen“




Wie glücklich werde ich sein, wenn ich zu meinen Enkeln und ihrer vortrefflichen Mama zurückkehre! Ich bin absolut nicht geneigt, meinen Aufenthalt hier länger auszudehnen, als der Doktor für absolut notwendig hält.


Viele Küsse von Deinem


Old Nick


Den beigefügten Ausschnitt aus einer deutsch-amerikanischen Zeitung
schickte mir Engels. Es ist eine amüsante Kritik der letzten „Teutschen
Bedientenpoesie“". Ich hoffe, daß Longuet versucht, sie zu verstehen. ?!

Liebes Kind, ich hatte diesen Brief schon versiegelt, aber ich mußte ihn
wieder öffnen. Dr. Stephann kam etwas früher als erwartet. Durch die neue
Untersuchung kam er zu der Ansicht - und ich bin sehr froh, daß ich Dir
das mitteilen kann -, daß meine linke Seite inzwischen fast ebenso gut geheilt ist wie die rechte.




11 jn der Handschrift deutsch: „Teutschen Bedientenpoesie“