Engels an Eduard Bernstein


in Zürich


London, 6. Jan. 82

Lieber Herr Bernstein,

Ich schreibe Ihnen heute in der Eile, um Sie über die sonderbaren
Ausdrücke aufzuklären, die in der letzten „Egalité“ über den „S[oziaidemokrat!“ vorkommen. Guesde in seiner Gutmütigkeit hat nämlich für die
deutsche Partie des Blattes den bekannten Todfeind alles, was „zürchrisch“
ist!, engagiert und da hat dieser es nicht lassen können, auf diese Weise sein
Mißvergnügen darüber auszudrücken, daß der „Sloziialdemokrat]“ besteht
und die „Laterne“ nicht. Tun Sie uns und der Sache den Gefallen, keine
Notiz davon zu nehmen. Wenn es sich wiederholt, werden wir dem Ding
sofort ein Ende machen. Wir im Gegenteil haben uns gefreut, daß der
„Slozialdemokrat]“ den Herren Abgeordneten sofort direkt ihre Feigheit
vorwarf!”?), und damit die Angelegenheit zur Entscheidung brachte, der
manche, bei Abwesenheit Bebels, sicher gern ausgewichen wären.

_ Übrigens haben die Leute von der „Egalite“ mehr Glück gehabt, als sie
au fond? verdienten. Malon und Brousse haben sich greulich blamiert, als
sie bei der Kandidatur Joffrin ein abgeschwächtes Programm - gegen den
Kongreßbeschluß von Reims!??! - aufstellten und unter den in Reims
zur Diskussion gestellten Punkten einen ihnen unangenehmen, ohne weiteres
unterdrückten („Egallite]“ Nr.4, Seite 7. Paris). Damit haben sie der
„Egalite“ den Rechtsboden gegeben, der unter den Umständen aus taktischen Gründen unumgänglich war - nicht Guesde und Co., sondern
Malon und Co. sind die wirklichen „autoritaires“, die Änstreber der Diktatur, und da der Kampf jetzt offen ausgebrochen, sind unsre Sympathien
natürlich alle mit Guesde und seinen Freunden. Überdies ist die „Egalite“,
wie schon immer dem „Proletlaire]“ an Inhalt unendlich überlegen. Malon
und Brousse agieren wieder als echte Bakunisten: sie werfen andern
Diktaturgelüste vor und wollen selbst unter scheinbarer Hochhaltung der
„Autonomie“, ohne Rücksicht auf die Parteibeschlüsse, herrschen.


1 Carl Hirsch - ? im Grunde




Mlarx] ist in. Ventnor, Isle of Wight, schreibt aber, daß er sehr schlechtes
Wetter hat”, schlechter, als wir hier. Das wird sich nun auch wohl bald
ändern, jedenfalls sind die Gefahren eines Rückfalls schon jetzt ziemlich
gründlich beseitigt. Die Eilfertigkeit, womit die Bourgeoispresse die
Nachricht von seinem sicher bevorstehenden Tod verbreitete, hat ihm
sehr gut getan: „jetzt muß ich den verdammten Hunden zum Trotz erst
recht lange leben“.

Kautsky muß noch ein paar Tage Geduld haben, Schorlemmer ist hier,
und da kann höchstens etwas Naturwissenschaft getrieben werden, dazu
das viele Herumlaufen, das erst nächste Woche zum Abschluß kommt.
Dann schreib’ ich ihm wegen der Polen‘, wo ja auch Zeit haben, wie
Schl[orlemmer] als Darmstädter sagt.

Beste Grüße an ihn und Sie


von Ihrem


F. Engels