Engels an Eduard Bernstein


in Zürich


Bridlington Quay, Yorkshire
| 17. Aug. 1881

Lieber Herr Bernstein, |

Seit 3 Wochen hier an der See, benutze ich das eingetretne schlechte
Wetter, Ihnen vor meiner, Montag, 22., erfolgenden Rückreise ein paar
Zeilen zu schreiben. Wenn ich Zeit habe, auch an Kautsky', der aber jedenfalls sehr rasch auch Antwort und Abdruck seines Artikels im „LJ[abour]
S[tandard]* 7°] erhält.

Die Antiyudenschriften haben Sie wohl richtig zurückerhalten!2%, ich
sandte sie an Klautsky], da Sie keine nähere Adresse gaben. Ich habe nie
etwas so Dummes und Kindisches gelesen. Diese Bewegung hat nur die
Wichtigkeit, die in Deutschland, bei der Feigheit der Bourgeoisie, jede
von oben her eingeleitete Bewegung hat: Wahlmanöver, um konservative
Wahlen zu erzielen. Sobald die Wahlen vorbei oder schon früher die Bewegung über das höheren Orts gesteckte Ziel hinausschießt (wie jetzt in
Pommern), fällt sie auf höheren Befehl zusammen wie eine angestochene
Schweinsblase „und ward nicht mehr gesehn“ #3, Solche Bewegungen
kann man nicht verächtlich genug behandeln, und ich freue mich, daß
der „Slozialdemokrat]“ dies getan.!%2! Übrigens schreibt mir C. Hfirsch],
der den plötzlichen Sparren einer Spritztour nach Berlin bekommen und
ausgeführt hat, von dort: „Die antisemitische Bewegung ist rein von oben
arrangiert, Ja fast kommandliert. Ich bin in die ärmlichsten Lokale gegangen,
und niemand hat sich an meiner Nase gestoßen; in dem Omnibus, auf der
Eisenbahn, nirgends hab’ ich ein Wort gegen die Juden zu hören bekommen.
Die offiziösen Zeitungen, die den Artikel Judenhetze vertreiben, haben sehr
wenig Leser. Die Deutschen haben eine natürliche Abneigung gegen die
Juden, aber der Haß, den ich bei den Arbeitern wie bei den fortschrittlichen
Kleinbürgern und Philistern gegen die Regierung konstatiert habe, ist weit
energischer.“






Von den 1001 Geheimpolizisten in Berlin sagt er, man kenne sie alle
und „infolgedessen wissen sie nichts. Sie sind naiv genug, immer in den
gleichen Kneipen an denselben Tischen zu sitzen.“ 1763

Ihre Artikel über die „Intelligenzen“ %*) sind sehr gut. Sowohl die Behandlung der Bismarckschen Verstaatlichungsmanie als eine Sache, für die
wir nicht einzutreten haben, die aber doch, wie alles sich Ereignende, nolens
volens zu unsern Gunsten ausschlägt, wie auch die der „Intelligenzen“ als
von Leuten, die, soweit sie etwas wert sind, uns von selbst zufallen, die aber,
soweit wir sie erst werben müßten, uns nur durch Reste alten Sauerteigs
schädlich werden können, ist ganz vortrefflich. Ebenso vieles einzelne, am
Ausdruck findet jeder natürlich hie und da zu flicken. Überhaupt war die
letzte Nr. wieder sehr gut, der rechte, frische, siegsgewisse Ton, der den
Führern nach Ättentaten! und Ausnahmegesetz!*! abhanden gekommen
‚war, ist wieder da und ersetzt, was Friedrich] Wilh[elm] IV. die „Hosentrompeterei“ nannte. Den Bradlaugh haben Sie sehr gut mitgenommen. !?!

Im einzelnen einige Glossen:

l. Valles brauchen Sie gar nicht so zu bekomplimentieren.!# Er ist ein
elender literarischer oder vielmehr literarischer Phrasenmacher, an dem
absolut gar nichts ist, der aus Mangel an Talent unter die Äußersten gegangen ist, um in Tendenz, sog. Gesinnung zu machen und damit seine
schlechten Belletristereien an den Mann zu bringen. Während der Kommune hat er nichts getan als große Worte machen, und wenn er irgendwie
gewirkt hat, dann schädlich. Lassen Sie sich von der Pariser Kameraderie
(für die auch Malon große Schwäche hat), über diesen dröle de fanfaron?
nichts-aufbinden. Was er als Politiker ist, zeigt sein Brief an Grevy!#”], als
dieser Präsident wurde: er solle par ordre du mufti? die soz. Republik einführen etc., ein Brief, der die Amnestie um Monate verzögert hat.

2. Die Spanier sind keineswegs lauter Änarchisten. In Madrid sitzt ein
ganz vortrefflicher Kern (die ehemalige nueva federaciön madrilena)),
dazu sind sehr gute Elemente, namentlich in Valencia und einigen kleineren
katalanischen Fabrikstädten, dazu andre zerstreut. Der energischste und
klarstsehende ist unser Freund Jose Mesa, jetzt in Paris, ein ganz aus-
‚gezeichneter Kerl, der auch mit Guesde und den andern dortigen zusammenwirkt, und die Verbindungen aufrechterhält. Wollen Sie Nachrichten über
‚Spanien, so schreiben Sie französisch an ihn (Malon wird direkt oder durch
Guesde den Brief besorgen können, ich hab’ seine Adresse nicht hier).
Beziehn Sie sich auf mich.








Im ganzen ist meine Änsicht, daß ein Junger Mann, der sich auf und für
seinen Posten so gut entwickelt wie Sie, eigentlich auch den Posten behaupten muß.* Ob Kegel, der zudem ja noch sitzt, sich in derselben Weise
einschießen würde, ist mir sehr fraglich. Sein theoretischer Standpunkt ist
mir unbekannt, ob seine Fähigkeiten über ein Lokal- und Witzblatt hinausgehn, jedenfalls nicht erwiesen. Die Engländer sagen: let well alone; bessert
nicht an dem, was gut ist. Ich gestehe, ich sehe jeder Ändrung mit Mißtrauen und Mißbehagen entgegen.

Nun also: Revolutionärer Kongreß. 1 Baar er einen le
aufgeschnappt, der Delegierter war, aber, ich weiß nicht weshalb, an die
Luft gesetzt wurde. Zudem hat L[afargue] bei einem französischen Weinund Eßwarenhändler, auch Anarchiste, verschiedne getroffen von der:Bande.
Es stellt sich heraus: |

l. Der Kongreß bestand aus 20 und einigen Leuten, von denen die melsten Londoner Einwohner mit Mandaten von draußen waren. Dann einige
Franzosen, Italiener, ein Spanier. Sie hielten ihre Sitzungen öffentlich. Aber
kein Mensch, kein Reporter, kein Hund, keine Katze kam. Nachdem diese
vergebliche Erwartung eines Publikums 3-4 Tage gedauert, und stets gleich
vergeblich blieb, faßten sie den heroischen Beschluß: die Sitzungen für
geheim zu erklären!

2. Das erste, was konstatiert wurde, war die allgemeine Enttäuschung
über die Nichtigkeit der ganzen anarchistischen Bewegung und die Gewißheit, daß aber auch nirgendwo irgend jemand hinter den paar Schreiern
stehe. Von sich und seiner Lokalität wußte das jeder, aber obgleich jeder den
andern die kolossalsten Lügen aufgebunden über den kolossalen Fortgang
der Bewegung in seiner Gegend, hatte doch jeder den Lügen der andern geglaubt. Der Zusammenbruch der Illusionen war so kolossal, daß sie ihr Erstaunen über ihre eigne Nichtigkeit sogar in PSBENWarE Fremder nicht
unterdrücken konnten.

3, Erst das Meeting!?’?!, wohin sie natürlich Reporter bestellten und
dann die albernen Anfragen dummer Tories und noch dummerer Radikaler
im Parlament haben den Kongreß einigermaßen gerettet. Daß die Presse
bei der jetzigen Nihilistenseuche aus dem von höchstens 700 Mann besuchten Meeting Kapital schlagen würde, war zu erwarten.

Wenn also die „Freihleilt“ von Delegierten Nr. 63 usw. spricht!?!, so
bezieht sich das auf die Nr. des Mandats des von 1-2-3 Mann in blanko


oder auf den Namen eines ihnen total unbekannten, in London wohnenden




. 34 - Engels an Eduard Bernstein - 17. August 1881 217


Mannes, oder wovon 10-20 auf einen nach London reisenden Delegierten
ausgestellt wurden. Die Anzahl der wirklich anwesenden Delegierten war
näher 20 als 30; und die der von außen wirklich zugereisten sicher nicht 10.
NB alles dies vorsichtig zu gebrauchen, da ich es aus dritter Hand habe.
Z.B. in Frageform, ob sich das so verhalten, könnte man davon sprechen. !?"*!
Die Herren klammern sich stets an ein ungenaues Wort. Es ist ganz die
alte Geschichte aller anarchistischen Kongresse. Lesen Sie in den „Pretendues Scissions dans l’Internat[ionale]* den Bericht der Leute über ihren
eignen Kongreß der Fed[eration] Jurassienne oder in der „Alliance de la
Demjlocratie] Soclialiste]“ den über ihren ersten Kongreß nach der Spaltung.[2] Die Anarchie nimmt bei diesen Leuten zunächst die Form an,
daß jeder Offizier werden will, aber keiner Soldat. Wie dann auch der
wütende Anarchist Adh&mar Schwitzguebel (quel nom!?) die Annahme
eines Amts vom Staate als Verrat an der Sache verschreit, was ihn nicht
verhindert, Lieutenant dans l’armee federale suisse zu sein!
Beste Grüße auch an Klautsky], der bei nächstem Regenwetter einen
Brief erhält. |
Ihr
F. Engels


5 welch ein Name! - $8 Offizier in der schweizerischen Bundesarmee