Engels an Jenny Longuet


in Ärgenteuil


122, Regent’s Park Road, N.W.
London, 31.Mai 81

Meine liebe Jenny,

Vielen Dank für Deinen lieben Brief, es ist wirklich zu freundlich von
Dir, daß Du Dich bei aller Sorge, die Du durchzumachen hast, hinsetzt
und uns schreibst. Aber laß mich gleich zur Hauptsache kommen. Ich habe
alle Ursache zu hoffen, daß Du, wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt, doch bald Deine Mama bei Dir haben wirst; Mohr sagte mir am
Sonntag, daß der Arzt! glaubt, sie werde kräftig genug sein, die Reise zu
unternehmen. Ihr Befinden ist zeitweise starken Veränderungen unterworfen, manchmal ist sie tagsüber beschäftigt und geht sogar abends ins
Theater, doch ein andermal leidet sie an sehr heftigen Schmerzen und
verläßt ein paar Tage lang kaum das Bett. Aber diese Anfälle scheinen
vorüberzugehen, wie sie kommen, und ihren Zustand nicht sichtbar zu verschlechtern. Doch sie magert insgesamt ab, und das scheint das einzig
ständige Symptom zu sein, das gefährlich werden kann, wenn es nicht aufgehalten wird. Über die Art des Leidens weiß ich absolut nichts, und ich
neige zu der Ansicht, daß auch die Ärzte im Dunklen tappen, jedenfalls
scheinen sie sich nicht einig zu sein. Als Tussy Dir schrieb, hatte Deine
Mama gerade einen dieser Anfälle, und ich glaube, es gab ein kleines Mißverständnis über das, was der Ärzt sagte, nämlich, daß sie damals vorübergehend nicht imstande war zu reisen. Der Arzt möchte selbst sehr gern, daß
sie fährt, da er sich von der Veränderung ein gutes Ergebnis verspricht. -
Nun über Mohrs türkische Bäder; die brauchen Dich nicht zu ängstigen,
er nimmt sie bloß wegen seines rheumatisch steifen Beins, das ihn beim
Laufen stört. Was seine Erkältung betrifft, so wird sie bei dem gegenwärtig
warmen Wetter fast ganz zurückgehen, und durch eine Luftveränderung
an der See völlig verschwinden - das ist meine Meinung. Ich habe ihn
gerade nach Hampstead Heath mitgenommen und hoffe, daß der Spazier-


X Donkin




gang ihm guttun wird. Mama war ausgegangen, so kann es ihr im Äugenblick nicht allzu schlecht gehen.

Ich freue mich, daß Du inmitten all der petites mistres de la vie de
campagne” noch immer an Haus, Garten und Klima Deine Freude hast,
was schließlich die Hauptsache ist, dem Übrigen wirst Du entweder allmählich abhelfen oder - Du wirst Dich daran gewöhnen. Mein besonderer
Neid gilt natürlich dem Weinkeller und den Kellern überhaupt, nach
denen wir hier in London vergeblich seufzen können.

Ihr müßt in den Augen des alten Collets gewaltig gestiegen sein, seit Du
und Longuet Clemenceau zu der einzig „richtigen“ Ansicht über Tunis?
herumgekriegt habt. Ich kann mir die Begeisterung des alten Mannes sehr
gut vorstellen, als er die echt orthodoxe Politik in einer großen Pariser
Tageszeitung” verkündet sah. Stell Dir den alten Kauz vor, der sein ganzes
Leben lang die Macht der Krone verteidigt hat und jetzt von einem Retter
der Republik spricht.

Wir leben hier in der üblichen Weise, außer, daß wir Mrs. Pauli hier
haben, die ihre älteste Stieftochter nach Manchester bringt, wo sie einige
Zeit bei einer alten Freundin Paulis bleiben wird. Sie ist nicht mehr ganz
so dick wie früher, aber genau so lebhaft. Letzten Sonntag bekamen wir
durch ein Geschenk des Himmels etwas Waldmeister* und brauten mit Hilfe
von einem Dutzend Flaschen Mosel drei Bowlen Maitrank, die von einer -
ziemlich zahlreichen - Gesellschaft prompt geleert wurden. Wir waren vierzehn, und sie waren alle sehr vergnügt. Lenchen war auch da und erzählte
mir heute morgen, es wäre ihr nicht sehr gut bekommen: „Sie hätte niemals
in ihrem Leben einen solchen Katzenjammer gehabt.“ (Bitte, verrate es
nicht!) Mrs. Pauli bedauert es sehr, daß sie Dich diesmal hier nicht sehen
kann und läßt Dich freundlichst grüßen.

Hartmann”? kam gestern mit der Nachricht, daß er nach Amerika geht;
für ihn ist das gut, er konnte hier niemals recht heimisch werden, bis er
für kurze Zeit in Siemens’ Kabelfabrik in Woolwich Arbeit fand, aber das
ist jetzt auch vorbei. Er hat die Absicht, in wenigen Monaten zurückzukofnmen.

Pumps geht es wie immer, sie leidet ab und zu an Kopfschmerzen; mein
einziges Leiden ist eine zunehmende Taubheit des linken Ohrs; ich hoffe,
daß der Sommer es heilen wird. |


2 kleinen Unzulänglichkeiten des Landlebens - 3 „La Justice“ - *in der Handschrift deutsch:
Katzenjammer -? L.N. Hartmann




Freundliche Grüße an Longuet. Pumps sendet ihre herzlichsten Grüße,
und ich schließe mich ihr an.
In Zuneigung
Dein
F. Engels