Engels an Eduard Bernstein


in Zürich


London, 14. April 1881

Lieber Herr Bernstein,

Besten Dank für den Abzug - es ist uns jedoch aus vielen Gründen
wünschenswert, den ganzen Text der betr. Reden zu lesen. Kfautsky]
wird Sie schon gebeten haben, das Stenogramm!! auf ein paar Tage
herzuschicken. Es sind in Reichs- und Landtagen so manche Dinge gesagt
worden, die besser ungesagt geblieben wären, daß wir in diesen Dingen
kein Urteil abgeben können außer in voller Sachkenntnis.

Sehr unangenehm hat uns Ihre Anzeige überrascht, daß Sie vom Blatt!
abtreten wollen. Wir können absolut keinen Grund dafür sehn, und es wäre
uns sehr angenehm, wenn Sie diesen Entschluß zurücknähmen. Sie haben
das Blatt von Anfang an mit Geschick redigiert, ihm den richtigen Ton
gegeben, dabei den nötgen Witz entwickelt. Bei der Redaktion einer Zeitung
kommt es lange nicht so sehr auf Gelehrsamkeit an als darauf, daß man die
Sachen gleich rasch von der Seite auffaßt, auf die es ankommt, und das
haben Sie fast immer getan. Das würde z.B. Kautsky nicht können, er hat
immer zu viel Nebengesichtspunkte, das ist schon gut für längere Revue-
Artikel, aber bei einer Zeitung, wo man sich schnell entschließen muß, sieht
man da oft den Wald vor lauter Bäumen nicht, und das darf in einem Parteiorgan nicht vorkommen. Klautsky] neben Ihnen wäre schon ganz gut,
aber allein, fürchte ich, würden ihn theoretische Gewissensskrupel zu oft
verhindern, so direkt vom entscheidenden ÄAngriffspunkt aus vorzugehn,
wie es im „Sl[ozialdemokrat]“ nötig. Ich sehe nun nicht ein, wer augenblicklich an Ihre Stelle treten könnte, so lange L[iebknecht] sitzt!23*! und
nicht nach Zürich geht, was ohne Not Unsinn wäre, da er im Reichstag
weit nötiger ist. Sie werden also wohl oder übel doch wohl bleiben müssen,

Wenn wir noch nicht direkt und namentlich im „Slozialdemokrat]“
aufgetreten, so liegt das, dessen können Sie sicher sein, nicht an Ihrer bisherigen Art der Redaktion. Im Gegenteil. Es liegt eben an den eingangs


t ‚Der Sozialdemokrat“




erwähnten, in Deutschland gefallenen Äußerungen. Wir haben zwar Versprechungen, daß das nicht mehr vorkommen soll und auch der revolutionäre Charakter der Partei unumwunden ausgesprochen und festgehalten
werden soll. Aber wir möchten das erst sehn und haben von dem Revolutionarismus verschiedner der Herren zu wenig Sicherheit (eher das Gegenteil), daß uns grade deswegen Mitteilung der Stenogramme aller von
unsern Abgeordneten gehaltenen Reden sehr wünschenswert ist. Nach dem
Gebrauch könnten Sie sie ja leicht auf ein paar Tage herschicken, für
prompte Rücksendung stehe ich ein. Es wird dies dazu beitragen, die
letzten Hindernisse, die noch zwischen uns und der Partei in Deutschland -
nicht durch unsre Schuld - bestehn, aus dem Weg zu räumen. Dies unter uns.

Gladstone wird wahrscheinlich Most einen Triumph bereitet haben.
Es werden sich schwerlich I2 Geschworne finden, die Most einstimmig
verurteilen, und spricht nur einer frei, so fällt der Prozeß zu Boden, er kann
zwar nochmals vor andern Geschwornen geführt werden, aber das geschieht fast nie. Aber dazu ist das Gesetz von 1861, worunter Mjost] angeklagt, noch nie angewandt, und die Meinung der Juristen ist durchschnittlich die, daß der Wortlaut auf den Fall nicht anwendbar ist.!#!

Der Austritt Argylis aus dem Ministerium, weil die irische Landbil
den Pächtern ein gewisses Miteigentumam Boden überträgt, ist ein schlimmes
Vorzeichen für das Schicksal der Bill im Oberhaus. Unterdes hat Parnell
seine englische Ägitationsreise erfolgreich in Manchester angefangen. Die
Lage der großen liberalen Koalition wird immer kritischer. Aber es geht
hier halt alles langsam, dafür desto gründlicher.

Also lassen Sie sich durch die ersten Schwierigkeiten nicht abschrecken,
lassen Sie den Mut nicht sinken und redigieren Sie ruhig weiter wie bisher.
Im schlimmsten Fall schreiben Sie nach Leipzig, man soll Ihnen Hülfe
schicken, das würde doch wohl der beste Weg sein, die Schwierigkeiten zu
beseitigen, mit denen Sie zu kämpfen haben. Wenn Sie dann erst den neuen
Mann eingeschossen haben, ist immer noch Zeit, von Rücktritt zu sprechen.


Beste Grüße


71220]


von Ihrem


F. Engels