Engels an Eduard Bernstein


in Zürich


London, 12.März 1881

Lieber Herr Bernstein,

Hierbei einiges Material für das Ehebruchsverbot.!2!5! Ob Sie’s werden
benutzen können, weiß ich freilich nicht. Der Punkt ist kitzlich, und Sie
müssen wissen, ob seine Berührung mehr schadet als nutzt. Jedenfalls wollte
ich Ihnen einen Weg zeigen, wie man dies Gebot behandeln kann, ohne in
Moralphilisterei zu verfallen, und es kann Ihnen immerhin nützlich sein,
das historische Material über diesen Kasus, soweit es mir zu Gebot stand,
zusammengestellt zu haben.

Im übrigen hält sich das Blatt! im ganzen recht gut, einzelne Nrn. sind.
sehr gut, etwas weniger doktrinäre Artikel, wie der über den Staatssozialismus!??#], könnten nicht schaden. Wie kann man T’urgot, einen der
ersten Ökonomen des 18. Jahrhunderts, in einen Topf werfen mit dem
sehr praktischen Mann der haute finance‘, Necker, dem Vorgänger der
Laffittes und Pereires, und gar dem elenden Calonne, dem Mann der
Auskunftsmittel von der Hand in den Mund, der ein echter Aristokrat
war: apres moi le deluge? Wie diese, besonders Turgot und selbst Necker,
zusammenstellen mit Bismarck, der höchstens & la Calonne Geld um jeden.
Preis will, und diesen Bismarck wieder ohne weiteres mit Stoecker und
andrerseits Schäflle & Co., die jeder wieder ganz andre Tendenzen verfolgen? Wenn die Bourgeois dies alles in einen Topf werfen, so ist das kein
Grund, daß wir ebenso unkritisch verfahren. Das ist ja eben die Wurzel des
Doktrinarismus, daß man den interessierten und bornierten Behauptungen
des Gegners glaubt und dann auf diese Behauptungen ein System baut, das
natürlich mit ihnen steht und fällt. Bei Bis[marck] handelt es sich um Geld,
abermals Geld, zum dritten Mal Geld, und die Vorwände dafür wechselt er
nach rein äußerlichen Rücksichten. Gebt ihm eine andre Zusammensetzung






der Majorität im Reichstag, und er wirft alle seine jetzigen Pläne fort und
macht entgegengesetzte. Darum kann man nie und nimmermehr eine
Bankerutterklärung der modernen Gesellschaft herauslesen aus irgend
etwas, das ein theoretisch so unvernünftiges und praktisch so wechselndes
Tier tut wie Bismarck. Ebensowenig aus den geistigen Veitstänzen eines
Narren wie Stoecker. Auch nicht aus dem Kohl der „denkenden Männer“
a la Schäffle. Diese Leute „denken“ (es ist ungefähr alles, was sie „denken“)
nicht daran, die moderne Gesellschaft für bankerott zu erklären. Im Gegenteil, sie leben ja bloß davon, daß sie sie wieder zurechtflicken wollen. Was
aber z.B. Schäffle für ein denkender Mann ist: in der „Quintessenz“ 179
gesteht der dumme Schwab, er habe zehn Jahre lang über einen (der einfachsten) Punkte im „Kapital“ nachgedacht, eh er dahintergekommen, und
dann ist er hinter puren Blödsinn gekommen!

Es ist eine rein interessierte Fälschung der Manchesterbourgeois, jede
Einmischung des Staats in die freie Konkurrenz als „Sozialismus“ zu bezeichnen: Schutzzölle, Innungen, Tabaksmonopol, Verstaatlichung von
Industriezweigen, Seehandlung, kgl. Porzellanmanufaktur. Das sollen wir
kritisieren, nicht aber glauben. Tun wir das letztere und basieren eine
theoretische Entwicklung darauf, so fällt diese mit ihren Voraussetzungen,
also mit dem einfachen Nachweis, daß dieser angebliche Sozialismus
nichts ist als einerseits feudale Reaktion, andrerseits Vorwand zur Geldpresse, mit der Nebenabsicht, möglichst viele Proletarier in vom Staat
abhängige Beamte und Pensionäre zu verwandeln, neben dem disziplinierten Kriegs- und Beamtenheer auch ein dito Arbeiterheer zu organisieren. Wahlzwang durch staatliche Vorgesetzte statt durch Fabrikaufseher -
schöner Sozialismus! Dahin aber kommt man, wenn man dem Bourgeois
glaubt, was er selbst nicht glaubt, sondern nur vorgibt: Staat sei = Sozialismus.

Sonst finde ich Ihre Auffassung von der dem Blatt zu gebenden
Haltung ganz stimmend mit der meinigen, freue mich auch, daß in der
letzten Zeit nicht mehr so viel Aufwand mit dem Wort Revolution gemacht
wird wie zuerst. Das war anfangs ganz gut nach der argen Abwiegelei von
1880, aber es ist besser, auch gegenüber Most, vor großen Phrasen auf der
Hut zu sein.’ Man kann revolutionäre Gedanken aussprechen, ohne
fortwährend mit dem Wort Revolution um sich zu werfen. Der arme Most
ist übrigens ganz aus dem Häuschen, er weiß nicht mehr, wo anbinden,
und nun nimmt ihm auch noch der Erfolg von Frlitzsche] und VJiereck]
in Amerikal”!! den letzten Wind aus den Segeln.

Das Blatt kann jetzt unsern Leuten in Deutschland doch wirklich zur




Aufmunterung und Erheiterung dienen, die sie, wenigstens die sog. Führer,
teilweise sehr nötig haben. Ich habe wieder einige Jammerbriefe erhalten
und gebührend beantwortet. Auch VJiereck] war anfangs sehr melancholisch, aber ein paar Tage in der freien Londoner Luft genügten, ihm wieder
Elastizität zu geben. Diese freie Luft muß das Blatt nach Deutschland
hineintragen, und dazu dient vor allem, daß der Gegner mit Verachtung
behandelt, verhöhnt wird. Wenn die Leute .erst wieder über Bismarck & Co.
lachen lernen, ist viel gewonnen. Man darf aber nicht vergessen, daß
dies das erste Mal ist, daß so etwas den Leuten passiert, wenigstens der
großen Mehrzahl, und daß namentlich eine Menge Agitatoren und Redakteure aus ganz angenehmen Stellungen sehr unangenehm aufgerüttelt
wurden. Da ist Erheiterung nötig, ebensosehr wie die stete Erinnerung
daran, daß Bismarck & Co. immer noch dieselben Esel, dieselben Kanaillen
und dieselben, gegenüber der geschichtlichen Bewegung machtlosen,
armen Tröpfe sind wie vor den Attentaten!). Also jeder Witz über dies
Pack ist wertvoll.

Wegen Irland nur soviel: die Leute sind viel zu klug, um nicht zu
wissen, daß ein Aufstand ihr Ruin wäre; der kann nur im Fall eines Kriegs
zwischen England und Amerika Chance haben. Inzwischen haben die
Irländer im Parlament Gladstlone] genötigt, kontinentale Geschäftsordnung einzuführen und damit den ganzen englischen Parlamentarismus
zu untergraben.[?! Sie haben Gladst[one] ferner gezwungen, alle seine
Phrasen zu verleugnen und torystischer zu werden als selbst die ärgsten
Tories. Die Zwangsbills!! sind durch, die Landbill!229 wird vom Oberhaus entweder verworfen oder kastriert, und dann geht der Tanz los,
nämlich die geheime Zersetzung der Parteien wird öffentlich. Seit Gladst[one]s Ernennung tun sich Whigs und gemäßigte Tories, d.h. die Gesamtheit der Großgrundbesitzer im stillen zu einer großen Grundbesitzpartei im stillen zusammen. Sobald dies gereift, die Familien- und Personeninteressen ausgeglichen, oder sobald etwa infolge der Landbill die
neue Partei an die Öffentlichkeit gedrängt wird, zerfällt das Ministerium
und die jetzige Majorität. Gegenüber der neuen konservativen Partei tritt
dann die neue bürgerlich-radikale, aber ohne jeden andern Hinterhalt als
die Arbeiter und die irischen Bauern. Und damit hier nicht wieder Prellerei
und Mogelei stattfindet, bildet sich soeben eine proletarisch-radikale Partei
unter Führung von Joseph Cowen (M.P.* für Newcastle), der ein alter
Chartist, halber, wenn nicht ganzer Kommunist, und sehr braver Kerl ist.






Irland bewirkt das alles, Irland ist das treibende Element im Reich. Dies
zu Ihrer Privat-Information. Nächstens mehr darüber.


Gruß.
Ihr


F.E.


Da Kautsky, den Sie grüßen wollen, doch bald herkommt, wäre es
zwecklos, ihm ausführlich zu antworten. Grüßen Sie Beust, wenn Sie ihn


sehn.