Marx an Ferdinand Domela Nieuwenhuis
in Den Haag

22. Februar 1881
41, Maitland Park Road
London, N.W.

Sehr geehrter Parteigenosse, |

Mein langes Schweigen ward dadurch veranlaßt, daß ich mit meiner
Alntwlort! auf Ihr Schreiben vom 6. Januar zugleich eine Übersicht der
Änderungen beilegen wollte, die Ihrerseits etwa im Fall einer 2. Ausgabe
von „Kapitaal en Arbeid* 49°! auszuführen wären. Infolge häuslicher Störungen, nicht vorhergesehner Arbeiten und andrer Unterbrechungen bin
ich noch nicht zu Ende gekommen, schicke also diese Zeilen zunächst ohne
die Beilage ab, da fortgesetztes Schweigen Ihrerseits mißdeutet werden
könnte. Die mir nötig scheinenden Änderungen betreffen Details;die Hauptsache, der Geist der Sache, ist gegeben.

Ich danke Ihnen für die freundliche Widmung, da Sie damit den bürgerlichen Antagonisten persönlich den Fehdehandschuh ins Gesicht geworfen.1?)

Der Verfasser“ der „Mannen van beteekenis“ 49”), Schulinspektor or
something of that sort, hatte sich brieflich an mich gewandt, um Materialien zu meiner Biographie zu haben, außerdem seinen B[uch]händler! an
meinen Schwager Juta sich wenden lassen, damit letzterer mich bewege,
auf das Anliegen einzugehn, da ich gewöhnlich dergleichen abweise. Der
Herr schrieb mir - der Verfasser der „Mannen“ -, er teile nicht meine Ansichten, aber erkenne deren Wichtigkeit an, Achtungserklärungen etc. Dasselbe Individuum hatte nachher die Schamlosigkeit, in seine Broschüre ein
Verleumdungsfabrikat des berüchtigten preußischen Spions Stieber einzuverleiben, ditto - wahrscheinlich unter Inspiration eines Bonner Kathedersozialisten — mich absichtlicher Fälschung von Zitaten zu zeihen, wobei der
Ehrenmann sich nicht die Mühe gegeben, meine Polemik gegen den würdigen
Brentano selbst im „Volksstaat“ nachzulesen, wo er gesehn hätte, daß:

1 Papier beschädigt - 2 Arnold Kerdijk - 3 oder etwas Ähnliches |

Brentano, der mich ursprünglich in der „Concordia“ (Fabrikantenblatt) „formeller und materieller Fälschung“ halber denunziert, sich später durch die
Lüge herauswand, er habe das anders verstanden etc.! Ein holländisch
_ Journal zur Züchtigung des „Schulinspektors“ wollte seine Spalten öffnen,
aber ich antworte prinzipiell auf solche Wanzenbisse [nich]t*. Selbst in
London habe ich nie die geringste Notiz von ähnlichem literarischem Gekläff genommen. Bei umgekehrtem Verfahren hätte ich den besten Teil
meiner Zeit mit Berichtigungen von Kalifornien bis Moskau totzuschlagen.
Als ich jünger war, schlug ich manchmal heftig ein, aber das Alter bringt
soweit Weisheit, daß man nutzlose dissipation of force? vermeidet.

Die „Frage“ des bevorstehenden Züricher Kongresses, die Sie mir mitteilen, scheint mir - ein Fehlgriff.119°! Was in einem bestimmten, gegebnen
Zeitmoment der Zukunft zu tun ist, unmittelbar zu tun ist, hängt natürlich
ganz und gar von den gegebnen historischen Umständen ab, worin zu handeln ist. Jene Frage aber stellt sich in Nebelland, stellt also in der Tat ein
Phantomproblem, worauf die einzige Antwort - die Kritik der Frage selbst
sein muß. Wir können keine Gleichung lösen, die nicht die Elemente ihrer
Lösung in ihren Data einschließt. Übrigens sind die Verlegenheiten einer
plötzlich durch einen Volkssieg entstandnen Regierung keineswegs etwas
spezifisch „Sozialistisches“. Umgekehrt. Die siegreichen Bourgeoispolitiker fühlen sich sofort durch ihren „Sieg“ geniert, während der Sozialist
wenigstens ungeniert eingreifen kann. Auf eins können Sie sich verlassen,
eine sozialistische Regierung kommt nicht ans Ruder eines Landes ohne so
entwickelte Zustände, daß sie vor allem die nötigen Maßregeln ergreifen
kann, um die Bourgeoismasse so ins Bockshorn zu jagen, daß das erste
desideratum - Zeit für nachhaltige Aktion - gewonnen wird.

Sie werden mich vielleicht auf die Pariser Kommune verweisen; aber
abgesehn davon, daß dies bloß Erhebung einer Stadt unter ausnahmsweisen
Bedingungen war, war die Majorität der Kommune keineswegs so[zial]istisch“, konnte es auch nicht sein. Mit geringem Quantum common sense’
hätte sie jedoch einen der ganzen Volksmasse nützlichen Kompromiß mit
Versailles — das allein damals Erreichbare - erreichen können. Die Appropriation der Banque de France allein hätte der Versailler Großtuerei ein
Ende mit Schrecken gemacht, etc. etc.

Die allgemeinen Forderungen der französischen Bourgeoisie vor 1789
waren ungefähr ebenso, mutatis mutandis°, festgestellt, wie heutzutag die

stands - mit den nötigen Abwandlungen

ersten unmittelbaren Forderungen des Proletariats es ziemlich uniform in
allen Ländern kapitalistischer Produktion sind. Aber die Weise, worin die
Forderungen der französischen Bourgeoisie durchgesetzt wurden, hatte
irgendein Franzos’ des 18. Jahrhunderts vorher, a priori, die geringste
Ahnung davon ? Die doktrinäre und notwendig phantastische Antizipation des
Aktionsprogramms einer Revolution der Zukunft leitet nur ab vom gegenwärtigen Kampf. Der "Traum vom nah bevorstehenden Untergang der
[WJelt? feuerte die primitiven Christen an in ihrem Kampf gegen das
römische Weltreich und gab ihnen Siegesgewißheit. Die wissenschaftliche
Einsicht in die unvermeidbare und stetig unter unseren Augen vorgehende
Zersetzung der herrschenden Gesellschaftsordnung und die durch die alten
Regierungsgespenster selbst mehr und mehr in Leidenschaft gegeißelten
Massen, die gleichzeitig riesenhaft fortschreitende positive Entwicklung
der Produktionsmittel-dies reicht hin als Bürgschaft, daß mit dem Moment
des Ausbruchs einer wirklich proletarischen Revolution auch die Bedingungen Ihres (wenn auch sicher nicht idyllischen) unmittelbaren, nächsten
Modus operandi! gegeben sein werden.

Nach meiner Überzeugung ist die kritische Konjunktur einer neuen
internationalen Arbeiterassoziation noch nicht da; ich halte daher alle
Arbeiterkongresse, resp. Sozialistenkongresse, soweit sie sich nicht auf unmittelbare, gegebne Verhältnisse in dieser oder jener bestimmten Nation
beziehn, nicht nur für nutzlos, sondern für schädlich. Sie werden stets verpuffen in unzählig wiedergekäuten [allge]Jmeinen? Banalitäten.

Ihr freundlichst ergebner
Karl Marx

9 Papier beschädigt - !° Handelns

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