Engels an Eduard Bernstein
in Zürich


(Entwurf)


London, 122, Regent’s Park Road, N.W.
26. Juni 1879

Werter Genosse,

Es tut mir leid, daß Sie mir nicht von vornherein sagten, daß es bei Ihrer
Anfrage auf meine Berichterstattung abgesehn war, Sie hätten! dann gleich
bestimmte Antwort erhalten.?

Ich habe, schon als ich mich auf vieles Drängen entschloß, den langstieligen Herrn Dühring in die Hand zu nehmen!?t!, Liebknecht positiv erklärt, dies sei nun aber das letztemal, daß ich mich in meinen größeren
Arbeiten durch journalistische Tätigkeit unterbrechen lasse, es sei denn,
daß politische Ereignisse dies absolut erforderten, worüber ich allein entscheiden müsse. Ich habe seit den neun Jahren, die ich hier in London bin,
erfahren, daß es nicht angeht, größere Arbeiten zum Abschluß zu bringen
und gleichzeitig in der praktischen Ägitation tätig zu sein. Ich werde mit
der Zeit ein ziemlich alter Kerl und muß mich endlich einmal auf bestimmte
Sachen beschränken, wenn ich mit irgend etwas fertig werden will. Dasselbe schrieb ich Herrn Wiede bei Gründung der „Neuen Gesellschaft“ .*

Was Herrn Höchberg angeht, so täuschen Sie sich, wenn Sie glauben,
ich hätte irgendwelche „Abneigung“ gegen ihn. Als Herr H[öchberg] die
„Zukunft“ gründete, erhielten wir Aufforderungen zur Mitarbeit, unterzeichnet „die Redaktion“. Wenn ich mich nicht sehr irre, war uns damals selbst der Name des Herrn Hf[öchberg] nicht bekannt, und es war
selbstredend, daß wir von solchen anonymen Zuschriften keine Notiz nahmen. Bald darauf veröffentlichte Herr HJöchberg] sein Programm der „Zukunft“ 1402], nach welchem der Sozialismus aus dem Begriff der „Gerechtigkeit“ begründet werden sollte. Ein solches Programm schloß von vornherein alle diejenigen direkt aus, die den Sozialismus in letzter Instanz nicht
- als Schlußfolgerung aus irgendwelchen Ideen oder Prinzipien, wie Gerech-






tigkeit etc., auffassen, sondern als ideelles Produkt eines materiell-ökonomischen Prozesses, des gesellschaftlichen Produktionsprozesses auf gewisser
Stufe. Damit hatte also Herr Hföchberg] selbst jede Mitarbeiterschaft
unsrerseits unmöglich gemacht. Außer obigem Programm aber ist mir nichts
zu Gesicht gekommen, woraus ich mir über Herrn Hl[öchberg]s philosophische Ansichten ein authentisches Urteil bilden könnte. Das ist aber alles
kein Grund, weshalb ich gegen ihn irgendwelche „Abneigung“ haben, oder
gegen eine von ihm eingeleitete literarische Unternehmung voreingenommen sein sollte. Im Gegenteil. Ich verhalte mich dazu wie zu jeder andern
angekündigten sozialistischen Publikation, solange ich nicht weiß, was darin
stehn wird: sympathisch-abwartend.

Doch das sind alles Nebensachen: die Hauptsache ist, daß ich mir die
Mitarbeit an Zeitschriften verbieten muß, wenn ich mit Arbeiten fertig
werden will, die doch für die Gesamtbewegung etwas wichtiger sein dürften als ein paar Journalartikel. Und wie Sie sehn, habe ich diese Regel seit
ein paar Jahren gegen alle und jede gleichmäßig befolgt.

Interessant ist mir noch Ihre Mitteilung, man habe Ihnen von hier aus
vorgeredet, ich, und also wohl auch Marx, sei mit der Haltung der hiesigen
„Freiheit“ - „vollkommen einverstanden“. Dies ist das grade Gegenteil der
Wahrheit. Herrn Most haben wir seit Beginn seiner Angriffe gegen die
sozialdemokratischen Abgeordneten!! nicht gesehn. Was unsre Meinung
darüber ist, hat er erst erfahren können Mitte des Monats durch meine Antwort an den Sekretär des Arbeitervereins? [422], der mich aufgefordert hatte,
dort einen Vortrag zu halten. Ich habe dies direkt abgeschlagen, weil man
sonst in Deutschland etc. schließen müsse, ich sei mit der Art der Polemik
einverstanden, die die „Freiheit“, und noch dazu öffentlich, gegen die
sozialdemokratischen Abgeordneten eröffnet; so wenig ich auch gewisse
Äußerungen im Reichstag billige, so sei dies keineswegs der Fall.

Da uns auch von andrer Seite ähnliche Nachrichten zugekommen, so
möchten wir in den Stand gesetzt werden, diesen Vorspiegelungen ein für
allemal ein Ende zu machen. Dies geschähe am einfachsten, wenn Sie die
Güte haben wollten, uns die betreffenden Briefstellen abschriftlich mitzuteilen, damit wir genau wüßten, was über uns gesagt worden, und unser
Auftreten danach einrichten könnten. Ihre Andeutung konnte selbstredend
nur allgemeiner Natur sein, macht aber ebendeshalb bestimmte Mitteilungen für uns wünschenswert, um daraufhin direkt einzuschreiten. Das
Revolutionsgeklapper ist uns seit beinah 40 Jahren nichts Neues mehr.






Sollte Herr Most] den Anarchisten und gar den Russen von der Sorte
Tkatschow in die Hände fallen, so wäre das höchstens für ihn selbst ein
Unglück. Diese Leute gehn unter in der Anarchie, die sie unter sich selbst
errichten. Womit nicht gesagt sein soll, daß es nicht ganz gut ist, wenn man
ihnen von Zeit zu Zeit eins auf den Kopf gibt.

Von den von Ihnen erwähnten Schriften, wenn nicht diese oder jene
noch im Buchhandel zu haben sein sollte, könnte ich Ihnen Exemplare nicht
verschaffen, ich habe selbst von einigen kein Exemplar mehr und suche
vergebens danach auf antiquarischem Wege.

Betreffs der französischen Bewegung stehn wir, außer mit den hiesigen
Parteigenossen, auch noch direkt mit Paris in Verbindung, wie denn überhaupt die zur Zeit der Internationale geknüpften Fäden keineswegs abgebrochen sind. So erhielten wir noch neuerdings ein in Oporto neugegründetes sozialistisches Blatt: „O operaio“.