Marx an Nikolai Franzewitsch Danielson


in Petersburg


London, 10. April 1879

Werter Herr,

Als ich Ihren Brief vom Februar erhielt (und gleichzeitig die wertvollen
Druckschriften in meine Hände gelangten sowie die anderen Sachen, die
Sie erwähnen)!#, war meine Frau so krank, daß die Ärzte bezweifelten,
ob sie den Anfall übersteht, und inzwischen habe ich gesundheitlich
einiges durchgemacht. (Seitdem ich wegen der Lage in Deutschland und
Österreich meine jährliche Reise nach Karlsbad nicht unternehmen
konnte!, war es mit meiner Gesundheit in der Tat nie sonderlich gut bestellt.) Unter diesen Umständen, die sich erst vor ganz kurzer Zeit gebessert haben, konnte ich das mir zugesandte Material nicht studieren. In
der Zwischenzeit hatte ich Ihnen durch einen Deutschen, der auf dem
Wege nach St.Petersburg war, einen Brief geschickt, in dem ich mich auf
die Bestätigung Ihres Briefes beschränkte und Ihnen den Überbringer
empfahl. Doch zu meinem großen Erstaunen erschien er gestern wieder hier
und berichtete, daß er infolge einiger Zwischenfälle nicht weiter als nach
Berlin gekommen sei und ganz auf die Reise nach Petersburg verzichtet habe.

Und nun muß ich Ihnen zunächst mitteilen (cela est tout-a-fait confidentiel), daß ich aus Deutschland die Information erhielt, mein zweiter
Band!?09] könne nicht veröffentlicht werden, solange das gegenwärtige Regime
in seiner jetzigen Strenge bestehen bleibe. Diese Nachricht war in Anbetracht des status quo keine Überraschung für mich, und ich muß gestehen,
daß sie mich aus folgenden Gründen auch gar nicht ärgerte:

Erstens: Ich hätte unter keinen Umständen den zweiten Band veröffentlicht, ehe die augenblickliche industrielle Krise in England ihren Höhepunkt erreicht hat. Die Phänomene sind diesmal ganz eigenartig, sie unterscheiden sich in vieler Beziehung von den früheren, und dies - ganz abgesehen von anderen modifizierenden Umständen - erklärt sich leicht durch
die Tatsache, daß niemals zuvor der englischen Krise ungeheuere und jetzt






fast schon fünf Jahre andauernde Krisen in den Vereinigten Staaten, Südamerika, Deutschland, Österreich usw. vorausgingen.

Man muß also den gegenwärtigen Verlauf beobachten, bis die Dinge
ausgereift sind, dann erst kann man sie „produktiv konsumieren“, das -
heißt „theoretisch“.

Eine der Besonderheiten des augenblicklichen Zustandes ist diese: Es
fanden, wie Sie wissen, Bankkrachs in Schottland und in einigen englischen
Grafschaften, hauptsächlich in den westlichen (Cornwall und Wales) statt.
Doch das wirkliche Zentrum des Geldmarkts - nicht nur des Vereinigten
Königreiches, sondern der Welt -, London, ist bis jetzt nur wenig berührt
worden. Im Gegenteil, von wenigen Ausnahmen abgesehen, haben die
großen Aktienbanken, wie die Bank von England, bisher von der allgemeinen Flaute nur profitiert. Und was diese Flaute bedeutet, können Sie
schließen aus der völligen Hoffnungslosigkeit des englischen kommerziellen
und industriellen Philisters, jemals wieder bessere Zeiten zu sehen. Ich habe
so etwas noch nicht erlebt, bin noch nie Zeuge einer ähnlichen Kopflosigkeit
gewesen, obwohl ich 1857 und 1866 in London war!

Ohne Zweifel kommt dem Londoner Geldmarkt unter anderem die Lage
der Bank von Frankreich zugute, die seit der jüngsten Entwicklung des
Verkehrs zwischen den beiden Ländern eine Zweigstelle der Bank von
England geworden ist. Die Bank von Frankreich unterhält einen immensen
Vorrat an Edelmetall, da die Konvertibilität ihrer Banknoten noch nicht
wiederhergestellt ist, und bei dem geringsten Anzeichen einer Störung an
der Londoner Börse fließt französisches Geld herein, um momentan entwertete Papiere zu kaufen. Wäre im vergangenen Herbst das französische
Geld plötzlich zurückgezogen worden, so hätte die Bank von England
sicher zu ihrem letzten Heilmittel in extremis, zur Suspension des Bankgesetzes!*°”! Zuflucht nehmen müssen, und dann hätten wir den Krach
auf dem Geldmarkt gehabt.

Andererseits hat die ruhige Art, mit der man in den Vereinigten Staaten
die Wiederaufnahme der Barzahlungen bewerkstelligte, jede Anspannung
der Reserven der Bank von England, soweit sie von dorther kam, beseitigt.
Was aber bisher hauptsächlich dazu beigetragen hat, eine Explosion auf dem
Londoner Geldmarkt zu verhindern, ist die sichtlich ruhige Lage der
Banken von Lancashire und der anderen industriellen Distrikte (außer den
Bergbaudistrikten des Westens); und doch ist es ganz sicher, daß diese
Banken nicht nur einen großen Teil ihrer Mittel in Wechseldiskonte und in
Vorschüsse auf unprofitable Transaktionen der Fabrikanten gesteckt, son-.
dern auch, wie z.B. im Oldham, große Kapitalien durch Gründung neuer


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Fabriken angelegt haben. Gleichzeitig nehmen die Vorräte besonders an
Baumwollwaren nicht nur in Asien (vor allem in Indien), wohin sie auf
Konsignation geschickt werden, sondern auch in Manchester usw. usw.
- täglich zu. Wie das ohne einen allgemeinen Krach enden soll, der zuerst
die Fabrikanten und in der Folge die Lokalbanken erfaßt und dann unmittelbar auf den Londoner Geldmarkt zurückwirkt, ist schwer abzusehen.

Inzwischen werden Streiks und Verwirrung allgemein.

Ich bemerke en passant, daß während des vergangenen, für das übrige
Geschäftsleben so ungünstigen Jahres die Eisenbahnen florierten, allerdings
nur auf Grund außerordentlicher Umstände, wie der Pariser Ausstellung [#8
usw. In Wahrheit halten sie nur noch den Schein einer Prosperität durch
Anhäufung von Schulden aufrecht, mit denen sie täglich ihr Kapitalkonto
erhöhen.

Wie sich nun diese Krise auch entwickeln mag - deren detaillierte Beobachtung für den Erforscher der kapitalistischen Produktion und für den
professionellen Theoretiker freilich von höchster Wichtigkeit ist -, sie wird
wie ihre Vorgängerinnen vorübergehen und einen neuen „industriellen
Zyklus“ mit allen seinen verschiedenen Phasen vonProsperitätusw. einleiten.

Doch unter der Decke dieser „offensichtlich“ so soliden englischen Gesellschaft lauert eine andere Krise - die in der Agrikultur, die große und
tiefgehende Veränderungen in ihrer sozialen Struktur hervorrufen wird. Ich
werde auf diese Sache bei anderer Gelegenheit zurückkommen.? Im Augenblick würde es mich zu weit führen.

Zweitens: Die Masse an Material, die ich nicht nur aus Rußland, sondern
auch aus den Vereinigten Staaten usw. erhalten habe, gibt mir glücklicherweise den „Vorwand“, meine Untersuchungen fortzusetzen, „anstatt sie
endgültig für die Veröffentlichung abzuschließen“.

Drittens: Mein ärztlicher Berater hat mich ermahnt, meinen „Arbeitstag“ bedeutend zu verkürzen, wenn ich nicht wieder auf deri Zustand vor
1874 und der folgenden Jahre herunterkommen wollte, wo mir öfters
schwindlig wurde und ich nach wenigen Stunden ernster Anstrengung nicht
mehr weiterarbeiten konnte.

In bezug auf Ihren sehr bemerkenswerten Brief will ich mich mit
wenigen Hinweisen begnügen.

Die Eisenbahnen entstanden zuerst als „couronnement de l’&uvre“*in
jenen Ländern, in denen die moderne Industrie am weitesten entwickelt war,
in England, den Vereinigten Staaten, Belgien, Frankreich usw. Ich nenne






sie „couronnement de l’&uvre“ nicht nur in dem Sinn, daß sie endlich
(zusammen mit Dampfschiffen für den Ozeanverkehr und Telegraphen)
die Kommunikationsmittel waren, die den modernen Produktionsmitteln
adäquat sind, sondern auch, weil sie die Grundlage für riesige Aktiengesellschaften abgaben und damit gleichzeitig einen neuen Ausgangspunkt für
alle anderen Arten von Aktiengesellschaften bildeten, angefangen mit
Bankgesellschaften. Mit einem Wort, sie gaben der Konzentration des
Kapitals einen vorher nie geahnten Anstoß und trugen auch zur Beschleunigung und mächtigen Stergerung der kosmopolitischen Aktivität des
Leihkapitals bei, das nun die Welt mit einem Netzwerk finanziellen
Schwindels und gegenseitiger Verschuldung, der kapitalistischen Form
„internationaler“ Brüderlichkeit, umspannt.

Andererseits ermöglichte das Aufkommen des Eisen beltivstieme in den
führenden Ländern des Kapitalismus, ja es trieb sogar mit Notwendigkeit
dazu, daß Staaten, in denen der Kapitalismus noch auf wenige Punkte der
Gesellschaft beschränkt war, nunmehr in kürzester Zeit ihren kapitalistischen
Überbau schufen und zu Dimensionen erweiterten, die in völligem Mißverhältnis stehen zum überwiegenden Teil der Gesellschaft, der den Hauptteil der Produktion in den traditionellen Formen betreibt. Es besteht daher
nicht der geringste Zweifel, daß in diesen Staaten der Bau von Eisenbahnen die soziale und politische Zersetzung gefördert hat, wie er in den
fortgeschritteneren Staaten die endgültige Entwicklung der kapitalistischen
Produktion und damit ihre schließliche Wandlung beschleunigte. In allen
Staaten, mit Ausnahme Englands, wurden die Eisenbahngesellschaften
durch die Regierungen auf Kosten der Staatskasse bereichert und großgezogen. In den Vereinigten Staaten bekamen sie außer ihrem Profit einen
großen Teil des Staatslandes als Geschenk, und zwar nicht nur das zum Bau
der Eisenbahnlinien erforderliche, sondern darüber hinaus viele Meilen
Land auf beiden Seiten der Linien, mit Wäldern usw. So wurden sie die
größten Grundeigentümer, da natürlich die kleinen einwandernden Farmer
derart gelegenes Land bevorzugten, um sich bequeme Transportmöglichkeiten für ihre Produkte zu sichern.

Das in Frankreich von Louis-Philippe begründete System, die Eisenbahnen einer kleinen Bande von Finanzaristokraten auszuliefern, ihnen
langfristige Eigentumstitel zu gewähren, die Zinsen aus dem Staatssäckel
zu garantieren usw. usw. wurde von Louis Bonaparte auf die äußerste Spitze
getrieben, dessen Regime sich in der Tat im wesentlichen auf den Handel
mit Eisenbahnkonzessionen gründete, wobei er so gnädig war,verschiedenen
Konzessionären Kanäle usw. zu schenken. =




Aber in Österreich und vor allem in Italien waren die Eisenbahnen eine
neue Quelle unerträglicher Staatsverschuldung und Belastung der Massen.

Im allgemeinen gaben natürlich die Eisenbahnen der Entwicklung des
auswärtigen Handels einen mächtigen Impuls, doch dieser Handel steigerte
in Ländern, die hauptsächlich Rohprodukte exportieren, das Elend der
Massen. Nicht nur, daß die neuen von den Regierungen zugunsten der
Eisenbahnen kontrahierten Schulden die die Massen niederdrückende
Steuerlast vergrößerten, sondern es kam hinzu, daß seit dem Augenblick,
da die gesamte lokale Produktion in kosmopolitisches Gold verwandelt werden konnte, viele früher billige, weil großenteils unverkäufliche Waren,
wie Obst, Wein, Fisch, Wild usw., sich verteuerten und dem Konsum des
Volkes entzogen wurden; andrerseits wurde die Produktion selbst, ich meine
die spezielle Art des Produkts, entsprechend ihrer mehr oder weniger guten
Eignung für den Export verändert, während sie früher hauptsächlich dem
Konsum in loco’ angepaßt war.-So wurde z.B. in Schleswig-Holstein
Ackerland in Weide verwandelt, weil der Export von Vieh profitabler war;
gleichzeitig aber wurde die Landbevölkerung vertrieben. All diese Veränderungen waren für den großen Grundeigentümer, den Wucherer, den Kaufmann, die Eisenbahnen, die Bankiers usw. in der Tat sehr vorteilhaft, aber
sehr traurig für den wirklichen Produzenten!

Es ist, um damit diesen Brief abzuschließen (die Zeit, ihn zur Post zu
bringen, rückt immer näher), unmöglich, wirkliche Analogien zwischen den
Vereinigten Staaten und Rußland zu finden. Dort vermindern sich die
Regierungskosten täglich, und die Staatsschuld reduziert sich rasch und in
jedem Jahr, hier erscheint der Staatsbankrott immer mehr als das unvermeidliche Ende. Dort ist der Staat (wenn auch in höchst infamer Weise zum
Vorteil der Gläubiger und auf Kosten des menu peuple) vom Papiergeld
losgekommen, hier geht keine Fabrik so gut wie die Papiergeldfabrik. Dort
ist die Konzentration des Kapitals und die schrittweise Expropriation der
Massen nicht nur Voraussetzung, sondern auch das natürliche (allerdings
durch den Bürgerkrieg künstlich beschleunigte) Ergebnis einer beispiellos
raschen industriellen Entwicklung, eines Fortschritts in der Agrikultur usw.;
Rußland erinnert mehr an die Zeiten Ludwigs XIV. und Ludwigs XV., wo
der finanzielle, kommerzielle, industrielle Überbau oder vielmehr die Fassade des sozialen Gebäudes wie eine Satire auf den stagnierenden Zustand
des Hauptteils der Produktion (Agrikultur) und auf die Not der Produzenten
wirkte (obwohl man eine viel solidere Grundlage hatte als in Rußland). Im


5 lokalen Konsum = der kleinen Leute




Tempo des ökonomischen Fortschritts haben die Vereinigten Staaten England jetzt weit übertroffen, wenn sie auch noch, was das Ausmaß des angeeigneten Reichtums angeht, zurückstehen; aber gleichzeitig sind die
Massen regsamer und haben größere politische Mittel in den Händen, die
Form eines Fortschritts abzulehnen, der sich auf ihre Kosten vollzieht. Ich
brauche die Antithesen nicht fortzusetzen.

Apropos. Was ist nach Ihrer Meinung das beste russische Werk über
Kredit und Banken?

Herr Kaufman war so freundlich, mir sein Buch über „Theorie und
Praxis des Bankgeschäftes“ zu schicken, aber ich war etwas erstaunt, daß
sich mein ehemaliger intelligenter Kritiker vom Petersburger „Messenger de
l’Europe“ 489] in eine Art Pindar des modernen Börsenschwindels verwandelt hat. Außerdem ist das Buch lediglich vom Fachstandpunkt” betrachtet - und im allgemeinen erwarte ich nicht mehr von Büchern dieser
Art -, in seinen Einzelheiten alles andere als originell. Der beste Teil darin
ist die Polemik gegen das Papiergeld.

Es wird behauptet, gewisse ausländische Bankiers, bei denen eine gewisse Regierung neue Anleihen aufnehmen wollte, hätten als Garantie eine
Verfassung verlangt. Ich glaube das kaum, da ihre moderne Methode, Geschäfte zu machen, sich bis jetzt wenigstens mit allen Regterungsformen
vertrug und das auch konnte.

Ihr ergebener


A.Williams?