Marx.an Engels

in Ramsgate°

[London] 23. Juli 1877
Dear Fred,
Beiliegend „Journal des Debats“, ist schon ältere Nummer, aber, nament-

lich auch der leader! über den Oriental-Krieg und Korrespondenz von Ruß-

land, interessant. Ferner „Volksfreund“, Moniteur des Herrn Dühring,
wie’s scheint, geworden. [Ad]? Collets: „England, enemy of Turkey etc.“
Ich hatte vor, für 2, 3 Tage Dich in Ramsgate zu besuchen; Reise zu

Gumpert wäre nutzlos, da ich alles weiß, by heart?, von ihm sowohl wie

von den Karlsbader Ärzten und Professoren, was die medizinischeWissen-

schaft in diesem bestimmten Fall nicht leisten kann. Außerdem geht’s etwas
besser mit der insomnie. Aber un homme propose et l’autre dispose. Der
andre in diesem Fall ist Hirsch, der expreß nach London gekommen, um
mit mir während Woche zu verkehren. Weiteres über ihn und seine-Mitteilungen im Verlauf dieses Epistels. Tout d’abord aber meine Pläne für
nächste Zukunft.

Ich habe vor, wo möglich I2ten August schon nach Neuenahr aufzubrechen!!! und nicht nach Karlsbad, und zwar aus folgenden Gründen:

Erstens von wegen der Kosten: Du weißt, daß meine Frau ernsthaft an

Verdauungsstörungen leidet, und da ich Tussy, die wieder arge Attacke

hatte, jedenfalls mitnehme, würde meine Frau ihr Zurückbleiben sehr übel-

nehmen. Die bloße Hin- und Herreise für uns 3, mit Gepäck, und wenn
man, wie ich’s mehrmals getan, für die Kur nicht zu forciert reist, kommt
an 70 £. Außerdem habe ich Lenchen, die sehr knackschälig, seit lange versprochen, sie nach ihrer Heimat zu fördern, wo sie nicht ganz gratis leben
kann. Außerdem hat die Familie noch allerlei Anschaffung für die Reise
nötig.

Zweitens: Die Karlsbader Ärzte selbst haben in Augenblicken des Vertrauens mir gesagt, daß, wenn man Karlsbad nicht jedes Jahr besüchen will,

1 Leitartikel - in der Handschrift undeutlich - ? auswendig - * Schlaflosigkeit - ein
Mensch denkt und der andere lenkt - Zunächst

Neuenahr als Intermezzo wohltätig sein möchte. Natürlich, sie wünschen,
daß man immer nach Karlsbad geht. Es ist aber wahrscheinlich sogar
hygienisch besser, einmal zu alterieren und schwächeres Bad zu nehmen,
denn variatio delectat corpus’. Zudem ist mein Übel jetzt viel weniger
lever als das davon herkommende Nervenderangement. Schwächeres Bad
daher, aber essentiellement? von selber Zusammensetzung.

Ferner habe ich eben der Kosten halber eine Hauptsache immer vernachlässigt, die Nachkur. Bei den ungleich geringeren Reisekosten und dem
Verschluß des Hauses (in Hut von Withers) während der Kurzeit wären
durch die Verlegung von Karlsbad nach Neuenahr alle diese Fliegen mit
einer Klappe zu schlagen.

Hence q.e.d.!? Ich hoffe, daß Du damit einverstanden.

Nun zu anderm, zunächst zu Hirsch.

Er hat sich sehr gut herausgemacht und seine Zeit nicht verloren. Ich
habe ihm unter anderm über die französische Statistik den Zahn gefühlt und
ihn & la hauteur!! gefunden. Er hat mir auch interessante Mitteilungen über
die fast allgemeine Umwandlung aller französischen industriellen Geschäfte
in jointstock company-Geschäfte!? gemacht. Einmal dies erleichtert durch
die Gesetzgebung während des Empire. Zweitens liebt der Franzos das Geschäft nicht, sondern will wo möglich als Rentier leben. Dazu diese Form
des Geschäfts natürlich a godsend’.

Nach Hirsch (hier sieht er vielleicht zu rot) die Offiziere der französischen Armee, mit Ausnahme der höchsten, republikanisch. Jedenfalls ein
charakteristisches fact, daß Galliffet (die Affäre mit der Beaumont [197 faktisch, wie Hlirsch] versichert hat, nach weiteren recherches) sich in eigenhändigem Brief Herrn Gambetta angeboten und daß selber Galliffet, nach
der Absetzung des Präfekts seines Garnisonplatzes durch Broglie, nebst
Generalstab dem beungnadigten Präfekten Kondolenzvisite abgestattet.
Wenn das am dürren Holz geschieht etc.!] Andrerseits unter den Unteroffizieren, die zum größten Teil aus neuen Leuten bestehn, allgemein der
Glaube verbreitet, daß Mac-Mahon die Kammer verjagt hat!$”, weil sie die
Lage der Unteroffiziere durch Reihe von Vorschlägen zu verbessern suchte.

Über alles, was im Elysee!!%! vorgeht, weiß‘man täglich alles in Paris,
da die bonapartistischen tapageurs!*, die dort ein und aus gehn, nicht das
Maul halten. Mac-Mahon höchst verbittert. Dies Vieh, dessen erstes histo-

? Abwechslung bekommt dem Körper - 8 Leber -? im wesentlichen - 19 Hence quod erat

demonstrandum. (Was also zu beweisen war.) - 1! auf der Höhe - !2 Aktiengesellschaften -
18 ein Geschenk des Himmels - 1% Schreier

54 23 - Marz an Engels - 23. Juli 1877

risches Wort: J’y suis, j’y restel!!0]; dessen zweites: C’est assez’, spricht
jetzt sein letztes Wort. Er sagt von morgens bis abends: „Merde!“!$

Hirsch ist wütend über das „Vorwärts“, sowohl die Dühringaffäre als
das „Nieder mit der Republik“ !"!!}, Er hat.in höchst derber Weise an den
Vorstand (Geib etc.) 2! über beides geschrieben. Er sieht jetzt auch ein,
daß die Fusion die Partei theoretisch und praktisch degradiert hat.

Mit Bezug auf das „Nieder mit der Republik“ bemerkt er, daß der große
Hasenclever als preußischer Soldat (wahrscheinlich Reservist oder Landwehrmann) vor Paris stand zur Zeit der Kommung, also keinen Grund hat,
Prinzipreiterei zu betreiben.

Er behauptet, Hasenclever sei zur Zeit des preußischen Konflikts!!!2!
Redakteur eines progressistischen Blatts in Krefeld 13! gewesen, habe dies
an einen ultra Reaktionär verkauft und sich bei dieser Gelegenheit in einem
aus diesem Verkauf hervorgehenden Prozeß schwer kompromittiert. Dies,
wie Bracke ihm selbst gesagt, wußten Bracke und Genossen, als sie den
Hlasenclever] zum gleichberechtigten Redakteur des „Vorwärts“ mit Liebknecht ernannten!!!

Liebknecht, meanwhile, est puni par oti il a pech&!”. Die Lassallebande
tut alles, um ihn zu hänseln und demütigen. Z.B. werfen sie ihm sein
Hundesalär am „Vorwärts“ vor, seine Frau (mit 5 Kindern) brauche
keine Magd etc. Sie haben es absichtlich so eingerichtet - mit Umkehrung
alles Partei- und Journalusus, daß Liebknecht brummen muß für alle
Artikel, auch die während seiner Abwesenheit geschriebnen!!"?, also in der
Tat beim „Vorwärts“ die Rolle spielt, die der Strohmann bei den französischen Blättern.

Hirsch geht von Paris für nächsten Monat nach Berlin, wo er für | Monat die Redaktion der lithographierten Parteizeitungen führt"? und dies in
einer Art tun will, die dem alliierten Lumpengesindel Kummer machen
soll.

Ich lege folgenden „Zukunfts“-Brief!H#) ein, für den Fall, daß Du ihn
nicht auch erhalten. Schick mir ihn zurück zur Antwort.

Das ist schön und schlau von „Bürger“, „Denker“ und „Zukunftssozialist“ Most. So also zweite Fusion vorbereitet; wir mit Herrn Dühring, denn
der wird dort nicht fehlen, zusammen; zugleich durch unsere Namen unter
Redaktion von Most et Co. alle ihre Gemeinheiten vor dem Publikum von
uns dankbarst eingesteckt! Dann hätte ich doch hundertmal eher dem

35 Genug — 16 „Scheiße!“ - Y” ist inzwischen gestraft durch das, womit er gesündigt hat -

18 siehe vorl. Band, S. 61

23 »- Marx an Engels - 23. Juli 1877 55

Wiede den Gefallen getan.!?2! Doch hat Most mir einen Gefallen getan, indem er mir Gelegenheit gibt, ihn abschlägig zu bescheiden. Diese Kerls
glauben mit „frommen Lämmerschwänzchen“ zu tun zu haben. Quelle
impudence."
Die Russen scheinen mir mit ihrem Schreckschuß arg durchgefallen zu
sein; und wenn solche antimilitärische coups de t&te? nicht here and then?*
gelingen, wirken sie sehr katzenjämmerlich kompromittierend auf eigne
Armee und eignes Publikum, namentlich dicht auf dem Fuß des armenischen
Exit??,
“ Freund Lopatine soll unterdes wieder antipatriotisch geworden sein.
Ich hoffe, daß es mit Deiner Frau? besser geht.
Salut an alle.
Dein
Mohr

39 Welche Unverschämtheit, - 2° Geniestreiche - * hin und wieder -?? Rückzugs -*? Lizzy
Burns

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