Engels an Marx
in London


42, Kings Road, Brighton
27.Mai 77

Lieber Mohr,

Du wirst Dich wundern über mein hartnäckiges Schweigen. Ich hab’
eine verdammt schlechte Woche gehabt mit meinem Aug, die hellscheinende
Sun hat ihm kein gut getan. Seit 8 Tagen trag’ ich die Brille den ganzen
Tag und habe dem Alkohol den Abschied gegeben, fand aber anfangs gar
keine Besserung. Erst seit gestern entschiedne Wendung, so daß ich mein
Aug nicht mehr fühle. Wenn ich nach London komme (Freitag)!!, werd’
ich dem Ding entschieden ein Ende machen, ich bin diesen Zustand satt, in
dem man nichts machen kann.

Die dummen englischen Zeitungen fabeln von enormen Fortschritten
der Russen in Armenien!), an denen bis jetzt sehr wenig. Wenn aber die
Softas in Konstantinopel nicht bald voranmachen, kann Muchtar Pl[ascha]
großen Schaden anrichten. - Für die Kriegführung an der Donau bezeichnend, daß der Zar" erst hinkommen muß, ehe etwas geschieht. Im übrigen
scheint die russische Armeeverwaltung bis jetzt in der Tat besser als erwartet; wir wollen indes sehn, wie’s geht, wenn die wirkliche Kampagne
beginnt. Aber die Entscheidung liegt in Konstantinopel, und sie fängt an,
dringend zu werden.

Monsieur Mac-Mahon scheint auch an seinem Coup de tete? irre zu
werden.!?”] Es zieht nicht recht, selbst die Börse will trotz aller Anstrengungen nicht ordentlich anbeißen. Seine Versicherungen, sich in der Legalität
halten zu wollen, zeigten auch, daß der Erfolg den Zusicherungen von
Broglie & Co. nicht entspricht. Wenn die Franzosen sich diesmal stramm
halten und ordentlich, selbst nur nicht schlechter als das letzte Mal wählen,
so sind sie wahrscheinlich mit dieser Art Reaktion ein für allemal fertig.
Wie sich die Sache abwickelt, ist dieser Coup nicht auf Gewalt angelegt, und
wenn später auch der Versuch damit gemacht werden sollte, geht es wahr-


1 Alexander Il. - ? Geniestreich




scheinlich schief. Man kann nicht einen Coup d’Ftat? auf 3 Monate nach
Dato ziehen wie einen Wechsel. Dabei ist Broglie kein Dreinschläger, sondern ein parlamentarischer Intrigant und versäumt sicher den rechten
Moment, selbst wenn Mac-Mlahon]s Skrupel und Schranken dies nicht
von vornherein fast sicher machten. Enfin, die Sache verläuft äußerst günstig, und wenn diesmal die Wähler sich von Präfekten etc. als Stimmvieh
behandeln lassen, so verdienen sie’s nicht besser, es sieht aber nicht danach
aus. Welche Chance für das alte Schwein Thiers, wenn Ml[a]c-Mlahon]
das Dilemma stellt: gute Wahlen oder ich danke ab! Esel!
Dein
F.E.